Beitrag vom 14.08.2012

Gottfried der Selbstversorger

Momentan sitzen wir in der Redaktion an der nächsten Ausgabe mit dem Titel »Gutes Leben in der Stadt«, in der es – das sei schon mal verraten – viel um Urbane Gärten gehen wird. Da war es irgendwie folgerichtig, einem Hinweis zu folgen und eine interessante Dokumentation über Deutschlands vielleicht konsequentesten Selbstversorgungsbauern anzugucken. Gleich in der ersten Einstellung dieser unbedingt sehenswerten 45-Minuten-Doku (ZDF, Erstausstrahlung vom 26. Juni 2012) sieht man, wie »Spaßbauer« Gottfried den städtischen Lebensstil des Filmemachers Gregor Bialas mitverantwortlich dafür macht, dass sein Bach nicht mehr trinkbar ist und lange schon zu wenig Wasser führt.

30 Jahre ist Gottfried bereits Selbstversorgungs-Kleinbauer. Seit dem Auszug seiner Frau kann er seine Überzeugungen sogar endlich so radikal leben, wie er sich das vorstellt – und  in Sachen Subsistenz dürfte es hierzulande wenig Leute geben, die Gottfried das Wasser reichen können. An der Frage des gesunden Wassers – das wird in diesem Film deutlich – macht Gottfried aber seine ganze genügsame Lebensweise fest: »Wer will, dass gesunde Fische im Meer schwimmen, darf eben keine Abwässer in den Bach einleiten.« Gottfried produziert folglich gar keines. Der Mann meint es ernst und zeigt hier mit sichtlicher Lust an der Provokation, was es bedeutet, ein bodenständig-nachhaltiges Leben zu führen. An sich selbst erhebt er den Anspruch, seinen drei Söhnen vorleben zu können, wie ein Leben in Kreisläufen funktioniert. Die freilich interessiert das nur bedingt. Während zwei der Söhne den Vater vor der Kamera über Facebook aufklären, schwenkt diese auf den Kanonenofen, über dem löchrige Wollsocken trocknen. Immerhin lässt der Jüngste Anerkennung durchblicken: »Wenn alle so leben würden, hätten wir keine Klima-Karambolage«.
Den 5-Hektar-Hof in Hiddinghausen bei Osnabrück konnte sich der radikale Selbstversorger dank einer Erbschaft kaufen; er teilt ihn sich nun mit  Hühnern, Schafen, Ziege, Kuh und Kalb; Gottfrieds eher konventionell lebende Freundin hat eine eigene Wohnung am anderen Ende des Hauses, sieben Türen entfernt. Am Wochenende gehen sie Tangotanzen.
Die ebenso lehrreiche wie unterhaltsame Doku lebt nicht zuletzt von den konfrontativen Diskussionen, die Gottfried dem Filmemacher zumutet – der muss zudem Äpfel ernten und Heu einholen, dafür, dass er dem Bauern die Zeit stiehlt. Für die Aufnahmen hat sich Gottfried übrigens ausbedungen, dass Bialas ohne Technikteam kommt: Er bevorzuge die Auseinandersetzung unter vier Augen. Der Film hat daher zwar keine Top-Ton- und Bildqualität, dafür aber eine überaus persönliche, intime Note.

Die Doku kann man noch in der ZDF-Mediathek ansehen oder auf
Youtube.

Eine schöne Reportage über Gottfried gab es auch mal in der FAZ (Hier auch die Fotostrecke ansehen!)

Und man kann Gottfried auch besuchen!

 

geschrieben von Jochen Schilk
am 14.08.2012

4 Kommentare

von Karin am 16.08.2012

«Ich habe mir den Film gleich angesehen: sehr interessant! Leben wie Gottfried möchte ich allerdings nicht - wenn man alles allein macht, macht man sich meiner Meinung nach das Leben unnötig schwer. »

von Susanne Sölken am 28.08.2012

«Sicher kennt ihr dann auch Andernach, "die essbare Stadt". Darüber gab es im DRadio kürzlich einen guten Beitrag.»

von St. Bokler am 12.09.2012

«Gottfried Stollwerk freut sich über Besucher auf seinem Hof. Ich kann es sehr empfehlen dort mal zwei Tage zu verbringen im direkten Gedanken- und Erfahrungsaustausch. Infos zur Anreise, Kosten und Unterbringung, unter: www.bokler.de/spassbauernhof»

von angelika februar am 29.11.2014

«ein "zwei Daumen hoch" für Gottfried! Ich verneige mich.»


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