Beitrag vom 02.08.2012

thinkOya und die mehr-als-menschliche Welt

Soeben ist ein bemerkenswertes Buch erschienen: »Im Bann der sinnlichen Natur« von David Abram. Das Buch ist bemerkenswert in mindestens zweierlei Hinsicht: Zum einen handelt es sich um ein wegweisendes naturphilosophisches Werk, das die Ökologiebewegung in den USA wesentlich geprägt hat, Fürsprecher unter herausragenden Autorinnen und Autoren wie Joanna Macy, Gary Snyder, Bill McKibben, Theodore Roszak oder Arne Naess hat und mit zahlreichen Preisen bedacht wurde. Zum anderen bildet es den Auftakt des neuen Imprints »thinkOya«, einer Kooperation zwischen der Zeitschrift Oya und dem Drachen Verlag in Klein Jasedow.

thinkOya steht für Bücher, die die Welt aus einem poetischen Grundton heraus erforschen und erfahrbar machen. In dieser vielgestaltigen, wandelbaren Formenfülle gibt es nichts, was nicht zu Ausdruck, Gefühl und Würde begabt wäre: Alles lebt, fühlt, empfindet. Der Mensch steht nicht außerhalb oder über der lebendigen Natur, sondern ist ihr als integraler Bestandteil eingeboren. Es ist diese Art des Denkens, die uns ein neues Verständnis unseres Heimatplaneten schenken und uns helfen kann vom Schädling, der die Natur bloß als Ressourcenlager für die Bequemlichkeit der eigenen Spezies betrachtet, zum Nützling der Erde zu werden.

Dass »Im Bann der sinnlichen Natur« den Auftakt von thinkOya bildet, ist ein wahrer Glücksfall, denn das Buch ist wie ein Inbegriff dieser zukunftsweisenden Denkweise – verkörpert und auf den Punkt gebracht durch Abrams Begriff der »mehr-als-menschlichen Welt«. »Erst der Kontakt und das lebendige Miteinander mit dem Nicht-Menschlichen macht uns zu Menschen«, schreibt der Philosoph, Ökologe und Kulturanthropologe David Abram darin. Doch dieser Kontakt ist bedroht: Durch chronische Naturferne, durch Weltvernutzung, die sich in einer gnadenlosen Verwertungslogik und einem wuchernd um sich greifenden, Mensch, Natur und Erde ausbeutenden Extraktivismus manifestiert. Wie kam es, dass sich der moderne, westliche Mensch aus dem uralten Wechselspiel mit der natürlichen Welt herausgenommen hat?

Mit denkerischer Brillanz beleuchtet Abram die Wurzeln unserer Zivilisationsmisere und zeigt in reicher, poetischer Sprache Wege auf, wie wir heute wieder eine sinnliche, lebendige und nachhaltige Beziehung mit der atmenden Erde eingehen können. Inspiriert durch die Philosophie der Phänomenologen Edmund Husserl, Maurice Merleau-Ponty und Martin Heidegger und durch seine langjährigen Reisen als Taschentrickkünstler durch Südostasien, auf denen ihn intensive Naturerfahrungen und Begegnungen mit indigenen Schamanen prägten, entwirft er eine vollständig im Körper verankerte ökologische Philosophie.

Der Körper als Fleisch vom »Fleisch der Welt« ist für Abram keine mechanistisch-biologische Maschine, sondern das mit allen Sinnen wahrnehmende, lebendige Selbst, das unsere Sprache prägt und aus seiner Bezogenheit auf die lebendig atmende Natur heraus lebt. Diese innige Verbundenheit ist für ihn keine romantische Posse, sondern Quelle politischen Engagements. Und tatsächlich: Abrams Denken bildet einen hochfruchtbaren Humus, auf dem Ansätze einer Commons-basierten Gesellschaft sprießen können. Denn in der mehr-als-menschlichen Welt gibt es nichts, was irgendjemandes Eigentum sein könnte, da alles in erster Linie sich selbst zu eigen ist.

Übersetzt wurde das Buch von meinem Oya-Kollegen Jochen Schilk und meiner Wenigkeit, das Vorwort hat Andreas Weber verfasst, der mit »Minima Animalia. Ein Stundenbuch der Natur« im Oktober einen mehr als würdigen zweiten thinkOya-Titel vorlegen wird. Dass die Kulturwissenschaftlerin und Autorin Hildegard Kurt (»Wachsen!«) soeben das Vorwort zu Andreas Webers Buch verfasst hat, lässt erwartungsfroh in die Zukunft blicken und auf weitere thinkOya-Titel hoffen, die sich mit radikaler Klarsicht, (r)evolutionärem Geist und poetischem Genius, den Themen widmen, die wirklich anstehen!

Eine Kostprobe von David Abrams Kunst ist in der aktuellen Ausgabe von Oya zu finden. Für Frühjahr 2013 sind übrigens Veranstaltungen mit David Abram und weiteren thinkOya-Denkerinnen und -Denkern in mehreren deutschen Städten geplant. David Abrams wunderbares Buch kann hier bestellt werden.

Matthias Fersterer

geschrieben von Matthias Fersterer
am 02.08.2012


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