Beitrag vom 28.04.2012

Im Allmende-Fieber

Oya-Genossenschaftsmitglied Steffen Walter schickte uns die Pressemitteilung der neuen Genossenschaft »BürgerEnergie Berlin eG i.G.« vom 25. April: Der Plan dieses Projekts ist kein geringerer, als das Netz der Hauptstadt in Bürgerhand zu bringen, denn die Konzession des Netzbetreibers Vattenfall läuft Ende 2014 aus und wird in den nächsten Monaten neu vergeben. Alle Bürgerinnen und Bürger sind eingeladen, sich am gemeinschaftlichen Kauf des Stromnetzes zu beteiligen. Die erste Million ist bereits zusammen.
Wie großartig – das Stromnetz von Berlin als Commons, als Allmende – das wäre ein starkes Zeichen. Weitere Infos gibt es auf der Seite www.buerger-energie-berlin.de.

Allmende-Fieber breitet sich aus - nicht wie ein Lauffeuer, aber wie ein unaufhaltsames Glimmen.
Heute haben wir auch erfahren, dass die Heinrich Böll Stiftung weitere Arbeitstreffen zum Thema »Energiewende und Gemeingüter« plant. Im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern wurde inzwischen erreicht, dass die Kommunalverfassung dahingehend geändert wurde, dass Energieversorgung auch zur Daseinsfürsorge der Gemeinden gehört, das heißt die Städte und Gemeinden können zusammen mt den Bürgerinnen und Bürgern Energiegenossenschaften gründen. Ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg des Projekts »500 Bioenergiedörfer in M-V«, in dem es auch um eine »Energiewende von unten« ohne große Investoren geht.

Aber Energie ist nur eine der vielen Ebenen, auf denen Commons gefragt sind. Projekte zur solidarischen Landwirtschaft scheinen wie Pilze aus dem Boden zu schießen, und in jedem Projekt werden dabei passende Formen des »Commonings« gefunden, des gemeinsamen Zusammenwirkens. In Klein Jasedow – dem Dorf in Vorpommern, in dem Oya hergestellt wird – experimentieren wir gerade mit der Form eines Community Gardenings, in dem zwei Dutzend Menschen gemeinsam einen Selbstversorgungs-Acker betreuen. Außer dass wir gemeinsam Saatgut und ein paar Geräte kaufen müssen, wird bei der ganzen Aktion kein Cent Geld fließen. »Demonetize!«, steht auf der neuen Ausgabe der österreichischen Zeitschrift »Streifzüge«. Ja – wie lassen sich mehr und mehr Lebensbereiche dem Kommerz entziehen?

»Wir arbeiten alle auf der Basis von »Open Source« und freiwilligem Beitragen, aber wir schaffen es nicht, gemeinsam genug zum Überleben zu erwirtschaften und fragen uns jetzt, wie wir damit umgehen sollen«, fragte eine junge Frau vom Kulturlabor Trial & Error auf dem Kongress McPlanet, der letztes Wochenende an der TU Berlin stattgefunden hat. Wir machten ihr Mut, nicht nach einem Patentrezept, sondern nach einer Lösung zu suchen, die genau zu den beteiligten Menschen passt. Statt allen das Gleiche geben zu wollen, ließe sich ja auf die ganz individuellen Bedürfnisse schauen. Es gibt keinen Grund, sich minderwertig zu fühlen, weil das gemeinsam Erwirtschaftete noch nicht für alle ausreicht, sondern Allmende-Pioniere müssten selbstbewusst andere dazu einladen, sich als Unterstützerinnen und Unterstützer einzubringen. Wir brauchen Freiräume, in denen mitten im Alten das Neue Heranwachsen kann, und das geht am besten durch ein Netzwerk solidarischer Freundinnen und Freunde.

Auf dem Mc Planet stellte Silke Helfrich den neuen, 500-seitigen Reader »Commons. Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat« vor. Das neue Paradigma der Gemeingüter kompakt in Theorie und Praxis. Es kommt genau zur richtigen Zeit, um das Allmende-Fieber weiter anzuheizen und die Commons auch der akademischen Diskussion bestens zugänglich zu machen. Das Buch soll in alle Uni-Bibliotheken im deutschsprachigen Raum, und wir möchten es allen Oya-Leserinnen und Lesern wärmstens empfehlen. Es liest sich leicht und locker, enthält auch praktische Beispiele  - der Umfang braucht also nicht abzuschrecken. Ein internationales Autorenteam, darunter mindestens 15 Oya-Autorinnen und Autoren wie Veronika Bennholdt-Thomsen, Friederike Habermann, Beate Küppers, Andreas Weber oder Christian Siefkes, haben zu diesem Werk beigetragen, und wir merken einmal mehr: Oya ist ganz und gar dem Zeitgeist des Commons-Paradigmas entsprungen.
Alle Autorinnen und Autoren haben ihre Arbeit für das Buch geschenkt. Es wird vom Verlag für eine Bereitstellungsgebühr von 24,80 Euro angeboten. Und es ist unter einer Creative-Commons-Lizenz im Internet verfügbar: ein Gemeingut.

Dass der Wunsch, Commons-Wirtschaft zu realisieren, schnell zu handfesten Konflikten führen kann, weil mit einem Allemende-Denken existierende Machtverhältnisse grundlegend in Frage gestellt werden, zeigt immer wieder das Thema »Eigentum und Landnutzung«. Am 17. April ist der von Aktivistinnen und Aktivisten besetzte Versuchsgarten der Wiener Universität für Bodenkultur in Wien geräumt worden. Das Land wurde bereits von Stadtlandwirtschaftsinitiativen genutzt, doch jetzt soll es verbaut werden. Die Gärtnerinnen und Gärtner von »SoliLa«, die hier weiterhin gemeinschaftlich Gemüse anbauen und mit dem Fahrrad an Abnehmer in der Stadt liefern wollten, wurden von der Polizei vom Gelände gezerrt.

Lara Mallien

geschrieben von Lara Mallien
am 28.04.2012

5 Kommentare

von Martin Bartonitz am 02.05.2012

«Vielen Dank für den Hinweis auf diese vielen Entwicklungen, die zeigen, dass sich doch was im Bereich der Gemeingüter tut. Ich werde einiges davon aufgreifen und in meinem Experiment Wir sind Glessen unter Ideen auflisten. VG Martin»

von Martin Bartonitz am 02.05.2012

«Da der Link für "Wir sind Glessen" nicht richtig mitkam, nochmals so: http://wirsindglessen.wordpress.com/»

von Peter Buckmann am 11.05.2012

«Hier eine Meldung aus dem südwesten Deutschlands: Im vergangenen Jahr wurden allein in Baden Württemberg 242 Genossenschaften gegründet, davon die meisten als Energiegenossenschaft. Erst Gestern wurde in unserer Gemeinde beschlossen eine solche Genossenschaft zu gründen. diese Initiative ging von einer Agenda 21 Gruppe aus. Also Weiter so!!!»

von Ute Bernhardi am 16.05.2012

«Ein Hoffnungsstrahl... ich spüre die Kraft der Menschen in ihrem Engagement und sende Licht und Liebe an alle diese Initiativen.»

von Steffen Walter am 29.05.2012

«Nur um den Blick noch etwas zu weiten (danke, Peter Buckmann!): Wir bilden mit der BürgerEnergie Berlin sozusagen nur die Spitze des Eisbergs. So finden sich im Netzwerk "Energiewende jetzt" der Projektentwickler für Energiegenossenschaften - www.energiegenossenschaften-gruenden.de - in der Datenbank mit Stand heute (29.05.2012) 291 Energiegenossenschaften, von denen die meisten Neugründungen der letzten Jahre sind. Die Energiewende "von unten" mit Genossenschaften und "100-Prozent-Erneuerbar-Kommunen" - www.100-ee.de - ist also bereits zu einer regelrechten Bewegung geworden, die weitgehend unterhalb des Radars der Wahrnehmung des (bundes)politischen Mainstreams agiert. Siehe auch www.unendlich-viel-energie.de/uploads/media/Energiegenossenschaften_web_normal.pdf (Publikation der Agentur für Erneuerbare Energien - danach wurden in den vergangenen fünf Jahren in Deutschland über 300 Energiegenossenschaften neu gegründet).»


Kommentar schreiben




Bitte helfen Sie uns zu verhindern, dass die Kommentarfunktion von Spam-Software missbraucht wird und lösen folgende kleine Rechenaufgabe:


eins plus eins =