Beitrag vom 28.03.2012

Oya-Tage in Bochum und Köln

Gerade kommen wir zurück von einer spannenden Reise, zu der auch zwei Oya-Tage gehörten. Am vergangenen Freitag trafen sich gut 50 Oya-Leserinnen- und Leser mit Mitgliedern der Oya-Redaktion in Bochum in den Räumen der GLS-Bank, am Samstag kamen fast genauso viele zum Oya-Tag in der Sozialistischen Selbsthilfe Mülheim (SSM) in Köln. Mit der Tradition der Oya-Tage haben wir vor etwa einem Jahr in Berlin begonnen: Lockere Treffen, bei denen sich Oya-Lesende untereinander und mit der Redaktion austauschen. Die erstaunlichste Erfahrung der Oya-Tage war bisher, dass in der Eingangsrunde, in der sich alle kurz mit zwei Sätzen zu ihren Anliegen und Projekten vorstellen, jedesmal alle nur denkbare Themen des kultukreativen Wandels zur Sprache gekommen sind - unabhängig davon, ob 20 oder 60 Menschen im Kreis waren. Das klingt dann etwa so: Ich engagiere mich für einen mobilen Garten auf einer ungenutzten Industriebrache, für ein Mehrgenerationen-Wohnprojekt, eine Bürger-Energiegenossenschaft, eine Solidarische Landwirtschaft, möchte ein Fair-Trade-Unternehmen gründen, organisiere ein internationales Natur-Kultur-Festival, starte eine regionale Währung, ein Schenkökonomie-Experiment, einen Verein für sanfte Geburt, ein Saatgut-Projekt, einen Stadtteil-Laden, einen Waldkindergarten, eine freie Schule, eine Gemeinschaft, ich bin Upcycling-Näherin, Terra-Preta-Spezialist, LandArt-Künstler, Fundraising-Expertin ... – die Liste ließe sich noch eine Seite lang fortsetzen. Einige im Kreis verfolgen jeweils bereits seit vielen Jahren ihre Projekte, andere sind auf dem Sprung, neu einzusteigen und suchen Mitstreiterinnen und Mitstreiter, einige sind in einer Phase der Neuorientierung, warten auf Anregungen und sind bereit, sich auf Neuland einzulassen. In Köln war beispielsweise unser Freund Werner Küppers, langjähriger Fahrer des Omnibus für Direkte Demokratie, ebenso im Kreis wie Moja, eine junge Frau, die als Jugendliche in besetzten Häusern gelebt hat, gerade eine Ausbildung zur Bürokauffrau macht (sic!) und auf der Suche nach neuen Herausforderungen ist. Die Mischung aus »alten Hasen« in Sachen kreativer Gesellschaftsveränderung und Menschen aller Altersstufen, die neuen Anknüpfungs- und Vernetzungsmöglichkeiten auf der Spur sind, erzeugt jedes Mal eine quirlige und dichte Atmosphäre. Nicht jeder würde sich hier gleich mit jedem verbrüdern, die Unterschiedlichkeiten der Ansätze werden ebenso deutlich wie die Verwandtschaften, so dass wir in Bochum und Köln mehrmals das Bild des Biotops und der »Gemeinschaft von Ungleichgesinnten« herangezogen haben.
In Bochum bildeten sich nach der ersten Runde Gesprächskreise zu Themen, die spontan auf einer Tafel gesammelt wurden, in Köln blieb die Tafel leer, weil von selbst kleinere und größere Runden entstanden. Vielleicht bewirkte das die Unterschiedlichkeit der Räume: Die GLS-Bank lud zu strukturiertem Arbeiten ein, die SSM in Köln zur frei fließenden Selbstorganisation. Eigentlich wäre mehr Zeit nötig, um mit allen zu sprechen – wir sind manchmal ein wenig besorgt, ob sich in diesem informellen Rahmen alle wirklich trauen, diejenigen anzusprechen, deren Vorstellung sie spannend fanden. Aber im Großen und Ganzen scheint es zu funktionieren. Ich hörte ein angeregtes Gespräch zwischen dem angehenden Gründer einer sozialen Landwirtschaft, in der behinderte Kinder in einem familiär-gemeinschaftlichen Rahmen betreut werden sollen, und einem Ehepaar, das nach dem Berufsleben nach sinnvollem Engagment sucht: Vielleicht finden sie zusammen. Schon damit hätte sich der Oya-Tag in Köln gelohnt. Dieses Inklusions-Projekt sollte usprünglich von der Caritas getragen werden, doch die machte einen Rückzieher. Die Initiatoren wollen es nun selbst organisieren und haben ein wunderbares Anwesen im Blick. Geplant ist eine kleine inklusive Wohn-, Lebens- und Arbeitsgemeinschaft auf einem ökologisch bewirtschafteten Bauernhof im Bergischen Land bei Hückeswagen, die acht bis zehn Plätze für ambulant betreutes Wohnen für Menschen mit Betreuungsbedarf bietet. Die Initiatorengruppe um Ingo Müllers-Steins, Landwirt und Sozialpädagoge, sucht noch pflegerische und pädagogische Fachkräfte, Teamsupervision von jemandem, der sich mit Gemeinschaftsgründung auskennt, Helfer für den Aufbau des Orts sowie Förderer und Investoren. Vielleicht ist ja unter den Lesern dieses Blogbeitrags jemand dabei, den das Projekt interessiert?
Dieses Beispiel zeigt, dass sich Oya zu einem Vernetzungs-Werkzeug zwischen engagierten Menschen entwickeln müsste. Die Linkliste der (r)evolutionären Projekte ist erst ein leiser Anfang in diese Richtung, wir bräuchten ein flexibles Portal, das nach Postleitzahl und Themen sortiert werden kann und auch Projekte in Planung, die womöglich noch keine eigene Website haben, vorstellt. Dafür müssten wir mit Hilfe von Genossenschaftsanteilen eine Finanzierung auftreiben, denn die Weiterentwicklung der Oya-Homepage will bezahlt sein, und es müsste sich auch jemand für die Pflege des Portals finden ... Dies ist jedenfalls eine der Anregungen, die wir von den letzten Oya-Tagen mitnehmen und ziemlich weit oben auf die Prioritätenliste der zu verwirklichenden Zukunftspläne setzen.
Auf Oya-Tagen entstehen auch immer Ideen zu zukünftigen Reportagen oder Artikeln. Die Tradition der Oya-Tage werden wir also auf jeden Fall fortsetzen. Der nächste Oya-Tag ist im November in Hamburg geplant. Dort möchten wir die enorm-Redaktion, mit der wir uns kürzlich angefreundet haben, als Gast einladen. Wer sich dafür bereits anmelden möchte kann sich an Beate Küppers wenden. Zu Oya-Tagen werden alle im Umkreis des jeweiligen Orts eingeladen, die Oya abonniert haben, oder schreibend, fotografierend, zeichnend oder anderweitig unterstütztend mit Oya verbunden sind.

Lara Mallien

geschrieben von Lara Mallien
am 28.03.2012

3 Kommentare

von Jan Herrmannsen am 28.03.2012

«Super, dieser kurze Artikel zu den Oya-Tagen - ich war leider nicht dabei, aber genauso hätte ich mir das vorgestellt! Soviel unterschiedliche Menschen und Projekte, die nach Vernetzung "lechzen". Auch mich bewegen schon länger die Gedanken, eine Art Vernetzungs-Website für die Kulturkreativen der Nordwest-Region loszutreten - spannend so was nun hier zu lesen! Desweiteren beschäftigen mich verschiedene Ideen, euer wertvolles Oya in die breitere Masse zu bringen... Also, in Hamburg bin ich auf jeden Fall dabei! Sonnige Grüße aus Bremen und weiter so :-)»

von Andree am 16.04.2012

«ICh war dabei und fand es sehr schön :) Die Idee die Menschen in den Regionen zusammenzubringen durch so einfach zu gestaltende TAge und Aktionen sollte Schule machen. Wir haben gesten in Witten einen "Städte im Wandel" Tag veranstaltet. Knapp 100 Leute waren da über den TAg verteilt! Das war die erste Veranstaltung dieser Art von uns. Wir haben viel gelernt und Spass gehabt. Die nächste Aktion ist bereits in Planung.... Mehr infos unter oekodorf-ruhrgebiet.de und hier http://www.facebook.com/pages/%C3%96kodorf-Ruhrgebiet/183212991781806»

von Kerstin Polzin am 24.04.2012

«Das ist sehr spannend !! Mich erinnert die Beschreibung dieses Zusammenkommens an die besondere Dynamik die wir bei den Citizen Art Days in Berlin erleben konnten. Toll wenn sich unsere vielen Ressourcen endlich in der Wirklichkeit wieder spiegeln werden !!! Für noch mehr solche Begegnungen!!!»


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