Beitrag vom 19.03.2012

Plädoyer für einen Verfemten

Interessanter als die sogenannten Nachrichten sind meist die sie begleitenden Ungereimtheiten, Widersprüche und Merkwürdigkeiten wie abruptes und vollständiges Verschwinden. Verfolgt man diese Anomalien, stößt man oft auf Interessantes. So ist doch auffällig, dass Hollywood, das nun langsam das Schicksal jedes Kunstfurzers auf die Leinwand bringt, an der wahrhaft unglaublichen Biographie eines zweifellos herausragenden Menschen mehr als fünfzig Jahre nach seinem Tod immer noch nicht das geringste Interesse zeigt. Urteilen Sie selbst über diesen Lebenslauf:

Als der Vater der fraglichen Person nicht lange nach der Mutter stirbt, muss der Fünfzehnjährige die Leitung des elterlichen Gutes im Osten des Österreichisch-Ungarischen Reiches übernehmen, wird aber schon ein Jahr später von den einmarschierenden Russen vertrieben und landet in Wien. Bis zum Ende des 1.Weltkrieges dient er dann in der k.u.k. Armee und gehört zu den wenigen Überlebenden an einem der mörderischsten Frontabschnitte. Nach dem Krieg studierte er Jura, wo er schnell erkannte, dass »die antisozialen Handlungen der Menschen nicht als Verbrechen sondern als Krankheiten anzusehen, dass sie also nicht zu bestrafen sondern zu heilen und vorzubeugen sind.«

Folgerichtig wurde er Mediziner und machte ab 1920 eine beeindruckende wissenschaftliche Karriere voller bahnbrechender Entdeckungen, die in der Kandidatur für den Nobelpreis gipfelte. Sein soziales Engagement ließ ihn erst in die KPÖ, später in Berlin in die KPD eintreten. Als gebürtiger Jude und Kommunist musste er 1933 vor den Nazis fliehen, die seine Bücher verbrannten. Erstaunlicherweise wurde er im gleichen Jahr aus der KPD ausgeschlossen, der seine Arbeit genauso missfiel!

Auf Umwegen gelangte er schließlich dank eines Lehrauftrags in die Vereinigten Staaten, wo er weiter forschte und lehrte, aufgrund seiner ganzheitlichen Sichtweise alle interdiszipinären Schranken ignorierend. Doch auch im »Land of the Free« geriet er mit seinen Forschungsergebnissen, seinem Engagement für die Benachteiligten und seiner politischen Aktivität schließlich ins Visier der Mächtigen, wurde behindert, diffamiert, lächerlich gemacht und totgeschwiegen. Wegen einer Ordnungswidrigkeit wurde er schließlich zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, wofür sich Vertreter der Atomindustrie, vor der er als einer der Ersten eindringlich gewarnt hatte, ausdrücklich beim Gericht bedankten. Alexander S. Neill, der Vater von Summerhill, Freund und Bruder im Geiste, riet ihm, sich so zu verteidigen: »Ich bin für das Leben und die Liebe!«

Kurz vor seinem 60sten Geburtstag musste er, gesund, die Gefängnisstrafe antreten. Die allmächtige FDA, Lobby der Pharmaindustrie im »Home of the Brave«, zeigte mit einer zweiten Verbrennung seiner Bücher 20 Jahre später, wes Geistes Kind sie ist. Sieben Monate später wurde er tot in seiner Zelle aufgefunden, nur wenige Tage vor seiner vorzeitigen Entlassung wegen guter Führung. Der Arzt bescheinigte Herzversagen, eine Obduktion hat nie stattgefunden. Er selbst hat einmal geäußert: »Nichts hat mir mehr Feindschaft und Hass eingebracht als die Behauptung der natürlichen Selbstregulierung, vor allem des Kindes.«

Und der britische Psychiater Ronald D. Laing hat festgestellt: »Es ist, als ob er nie existiert hätte. Nur wenige Medizinstudenten werden seinen Namen gehört haben, zumindest nicht an ihrer medizinischen Fakultät, und sie werden ihm nie in ihren Lehrbüchern begegnen. Nicht dass seine Ansichten unwissenschaftlicher wären als viele der heute gelehrten – die wiederum nicht wissenschaftlicher sind als die klinischen Diagnosen von vor nur 50 Jahren, über die wir uns heute gern lustig machen oder auf die wir herabsehen. Seine Thesen zu den gesellschaftlichen Einflüssen auf die Funktionen des
sympathischen, parasympathischen und zentralen Nervensystems und unsere Biochemie sind nachprüfbar, aber sie wurden nie nachgeprüft, wie so vieles wirklich Bedeutende.[…]
Ob man nun mit diesem oder jenem Aspekt seiner Theorie und Praxis übereinstimmt oder nicht, er war zweifellos ein großer Kliniker mit einer ungewöhnlich großen Bandbreite. […] Er verstand den Schlamassel, in dem wir uns alle – der hysterische, besessene, psychosomatische Homo normalis – befinden, so gut wie kaum ein anderer. Und dennoch kann man Hunderte von Zeitschriften in der Royal Society of Medicine durchsehen, ohne ihn je erwähnt zu finden. Wieso wird er nie erwähnt?«

Ich habe da eine Theorie: Weil er Hand an die Wurzeln der Macht und der Herrschaft gelegt hat. Giordano Bruno wurde noch verbrannt, er wird einfach nicht erwähnt. In einem bald folgenden Eintrag möchte ich seine Arbeit und einige seiner Erkenntnisse vorstellen. Wenn Sie so lange nicht warten wollen, können sie sich seine erstaunliche Biographie in einer gelungenen Dokumentation anschauen, die, ohne zu diffamieren oder in den Himmel zu loben, unaufgeregt und objektiv erzählt.

Zur Auflösung, Fort- und Weiterführung geht’s hier.

Jan Moewes

geschrieben von Jan Moewes
am 19.03.2012

8 Kommentare

von Franz N. am 20.03.2012

«Klasse Beitrag, das hat mich jetzt richtig neugierig gemacht, freu mich auf "Teil 2"»

von Jan Herrmannsen am 20.03.2012

«Konnte irgendwie nicht widerstehen, die Doku sofort anzusehen - und weiß jetzt warum! Schon vor einiger Zeit begegnete mir das Buch "Die Wiederentdeckung des Lebendigen" (B. Senf) und brachte mir Reichs Erkenntnisse näher. Scheinbar ist die Zeit/der Mensch langsam reif für die Wiederkehr der ursprünglichen Lebendigkeit in uns - und Wilhelm Reich erhält schließlich späte Anerkennung.»

von lentrohamstalin am 22.03.2012

«@jan herrmannsen es heißt "anscheinend", nicht "scheinbar"! es ist wichtig, die sprache nicht verlottern zu lassen!»

von gast am 12.04.2012

«Klingt interessant, habe zm ersten mal von Wilhelm Reich gehört. Und @ lentrohamstalin: wieso ist es wichtig die Sprache nicht "verlottern" zu lassen und wieso soll "scheinbar" soviel wie heruntergekommene/verkommene Sprache bedeuten?»

von gast am 06.05.2012

«@ gast am 12.04.2012. Ich zitiere aus http://www.spiegel.de/kultur/zwiebelfisch/0,1518,315125,00.html: "In den meisten Fällen, in denen scheinbar gebraucht wird, ist in Wirklichkeit anscheinend gemeint. Die beiden Wörter sind keinesfalls gleichbedeutend. "Anscheinend" drückt die Vermutung aus, dass etwas so ist, wie es zu sein scheint: Anscheinend ist der Kollege krank, anscheinend hat keiner zugehört, anscheinend hat der Chef mal wieder schlechte Laune. "Scheinbar" hingegen sagt, dass etwas nur dem äußeren Eindruck nach, nicht aber tatsächlich so ist: Scheinbar interessierte er sich mehr für die Nachrichten (in Wahrheit wollte er bloß seine Ruhe haben); scheinbar war der Riese kleiner als der Zwerg (weil der Zwerg ganz weit vorne stand und der Riese ganz weit hinten); scheinbar endlos zieht sich die Wüste. "»

von gast2 am 10.05.2012

«danke für den sehr spannenden artikel!»

von Cordula G. am 16.05.2012

«Danke, Herr Moewes! Das ist eine tolle Entdeckung für mich gewesen! (Dokumentation) Ich freue mich schon auf Ihre Ausführungen über diesen aufregenden Wissenschaftler.»

von Redakteur am 22.06.2012

«Liebe Leser, dieser Eintrag wird fortgeführt auf Jan Moewes privatem Blog: jan-moewes.blog.de»


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