Beitrag vom 24.10.2010

Seltsames Schweigen

Oya ist zwar nicht das Greenpeace-Magazin, bei dem solche Themen eigentlich zu Hause sind, aber die Irritation über ein eigenartiges Schweigen im restlichen Blätterwald veranlasst mich, unsere Leserinnen und Leser auf den Living Planet Report 2010 des WWF hinzuweisen, der drei der wichtigsten Indizes zur globalen Belastung der Biosphäre unserer Planetin zusammenführt: den Living Planet Index, den Ökologischen Fußabdruck und den Wasser-Fußabdruck. Zwar konnte man um den Tag der Veröffentlichung die eine oder andere Meldung entdecken. So meinte der »Focus«: »Brauchen wir bald einen zweiten Planeten?«, und die »Süddeutsche« schrieb erschrocken: »WWF: Gesundheitszustand der Erde alarmierend«. Aber so richtig ernst scheint niemand die Botschaft des Reports zu nehmen. Immerhin hebt er den aktuellen Wert der Nutzung der planetaren Ressourcen auf 150% an, das heißt, dass wir bereits jetzt die Erneuerungskraft der Biosphäre zu 50% übernutzen, mit anderen Worten: eine halbe zweite Erde ausbeuten. Demnach fiel der wahre »World Overshoot Day« dieses Jahres, den ich in meinem Artikel »Auf in die Post-Kollaps-Gesellschaft« vom Mai noch mit dem 21. September angegeben habe, bereits auf den 1. September. Für alle, die damit noch nichts anfangen können: Das bedeutet, dass wir die Ressourcen, die die Erde in 12 Monaten erneuern kann, bereits nach 8 Monaten, nämlich am 31. August, aufgebraucht haben und seitdem auf Pump leben. Gemeint ist die Fähigkeit der Biosysteme, uns mit Lebensmitteln und Fasern zu versorgen, den Abfall, der bei der Energiebereitstellung anfällt, zu beseitigen und die Flächen für die Energieinfrastruktur vorzuhalten Wohin die Neigung der Kurve bei solcher Beschleunigung weist, muss wohl niemandem mehr klargemacht werden. Da ist halt einfach keine zweite Erde direkt nebenan.
Dasselbe Schweigen aber herrscht auch über die Veranstaltung, die seit einer Woche einen zentralen Aspekt der globalen Übernutzung verhandelt: die UN-Konferenz zum Erhalt der Biodiversität, die rapide im Sinken begriffen ist. Und was lesen wir in den spärlichen Nachrichten? »Nach einer Woche zähen Ringens stagnieren die Verhandlungen über den Artenschutz auf der UN-Konferenz im japanischen Nagoya in vielen Punkten. Manche Vertreter von Umweltverbänden befürchten gar ein zweites Kopenhagen« (derStandard.at).
Manche Reaktionen auf meinen Appell in besagtem Post-Kollaps-Artikel, sich schleunigst in der Kraft unserer Visionen für ein gutes Leben nach dem Kollaps zusammenzutun, stimmten der Analyse zwar grundsätzlich zu, verwiesen aber den knappen Zeitraum, den ich für die sich abzeichnende Entwicklung gesetzt habe, ins Reich der Illusion. Nun lesen wir im Living Planet Report 2010 den lapidaren Satz: »Die Anzahl der Planeten, die wir im Jahr 2030 brauchen werden: 2.« Also noch 20 Jahre …
Nagoya wird es nicht richten, und keine der kommenden Gipfelkonferenzen wird es richten. Was bleibt? Bitte den Report lesen (ist auf Deutsch), der Betroffenheit angemessen Raum geben, und dann alle Kräfte auf die Frage lenken: Wie wollen wir nach dem Kollaps leben, und was kann ich jetzt schon lernen und einüben, was ich und die Menschengemeinschaft dann brauchen werden? (Kurze Frage: Ist eigentlich schon jemand unter den Oya-Leserinnen und -Lesern, die oder der ein Kernkraftwerk herunterfahren und demontieren kann?)

Johannes Heimrath

geschrieben von Johannes Heimrath
am 24.10.2010

2 Kommentare

von Scribine am 27.10.2010

«Sie tun es ja selber, verehrter Herr Heimrath! Indem Sie die Leser aufrufen, zu überlegen, was wir/sie nach dem Kollaps tun werden, negieren Sie, so lese ich es wenigstens aus Ihrem Artikel heraus, sie negieren also, dass wir jetzt (!) alles dafür tun sollten, um diesen Kollaps abzuwenden. Landgrabbing in M-V ist ein typisches Beispiel dafür, wie seitens der Bundes-und Landespolitik alles dafür getan wird, um diesem Land und den darin lebenden Menschen ihre "Lebensgrundlagen" zu entziehen - das Ackerland wird an meistbietende Fonds oder an Großagrarier verschwerbelt. Die Daten, die der WWF auflistet, sind doch längst bekannt. Haben Sie schon mal irgendwo gelesen, dass eine Frau Merkel oder ein Herr Brüderle sich darum scheren? Betroffenheit kommt nur zum Zuge, wenn die Leute direkt betroffen sind. Und die Betroffenheit wächst - BI gegen Massentierhaltung oder gegen die geradezu "unökologischen" Biogas-Großanlagen - gründen sich aller Orten. Die Menschen wollen jetzt Änderungen erreichen. Sie können ihre Zeit aber nicht noch dafür nutzen, um zu üben, was sie nach dem Kollaps tun sollen; denn sie wissen es nicht, was dann kommen kann. Ihr Anliegen ist ja ganz löblich, allerdings befürchte ich, dass es für uns Menschen nur ein Handeln in der "Gegenwart" gibt. Oder wie Hoimar von Dittfurth schon vor 30 Jahren sagte: "Wir können halt nicht um die Ecke denken und gucken" . . .»

von Tril Lian am 29.10.2010

«Guten Abend Herr Heimrath, sich von den übermächtigen deprimierenden Daten und Fakten nicht lähmen zu lassen oder den Kopf in den Sand zu stecken, sondern weiterhin nach persönlichem Vermögen zur Erhaltung unserer Erde beizutragen ist meines Erachtens die Grundposition, aus der heraus jeder Einzelne und jede Gruppe handeln KANN. Handeln bedeutet für mich, etwas mit den Händen tun, etwas mit anderen absprechen (aushandeln) und etwas handhaben. Ich meine, da eröffnen sich jeder und jedem mögliche, ihr oder ihm bereits bekannte und eingeübte Tätigkeitsfelder. Handwerker-innen und Handarbeiter-innen, Mechaniker-innen und Ingeneur-innen wünsche ich viel mehr Anerkennung und Zulauf, besonders auch den als altmodisch abgetanen: Menschen, die Möbel recyclen und restaurieren, den Boden bearbeiten, Gemüse anbauen und einlegen, Geräte und Fahrräder reparieren, Schuhe besohlen, Windmühlen betreiben und Wasserreservoire warten. Kenntnisse über Lebewesen, ihre Bedingungen, über natürliche Kreisläufe und Funktionen zu erwerben gehört unbedingt dazu. Hier sind diejenigen, die dieses unschätzbare Wissen und die wertvollen Fertigkeiten weitervermitteln, also lehren und ausbilden, immens wichtig. Es anzunehmen und umzusetzen gelingt in ehrlichem, vertrauensvollem Miteinander, in dem wir uns ERMÄCHTIGEN, für die Gegenwart und die Zukunft zu handeln. Aufwachen, Wahrnehmen und Verlassen der egozentrischen Komfortzone ist dazu notwendig---Not- wendig (!)---, ebenso wie freiwilliger Konsumverzicht. Ob wir große oder kleine Handlungsschritte tun, bestimmen wir gemäß unserer persönlichen Bedingungen. DASS wir sie tun, ist der Aufruf! »


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