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In den Dörfern soll es fließen

Die Welt der traditionellen Allmenden, deren Ursprünge sich in der Vergangenheit verlieren, und der Commons-Projekte der ­modernen Kulturkreativen haben viel miteinander zu tun.

von David Scheller , erschienen in 20/2013

Bild

© Foto: Philipp Evans


Die alte Landschaft Spaniens ist der Nährboden, auf dem zeitgenössische wie traditionelle Commons wachsen und gedeihen. Eine lebendige Parallelgesellschaft ist heute auf der Suche nach alternativen Lösungen für Probleme, die typische Folgen einer Wachstumsökonomie sind. Sie besteht aus zahlreichen Gruppen, die eine vielfältige Kultur hervorbringen. Oft bedienen sie sich der im Land bereits existierenden Strukturen: Verlassene Dörfer werden wieder aufgebaut und zu experimentellen Wohn- und Kulturprojekten, traditionelle Allmende-Systeme, wie die Pflege von Bewässerungskanälen, werden zum Vorbild für ein Wirtschaften jenseits primär monetärer Gewinnabsichten.
Interessanterweise gibt es in Spanien eine lange Tradition für gemeinschaftliche Organisationsformen, für das Teilen von Arbeit und Räumen durch eine Gemeinschaft. Bei genauer Betrachtung entspringt daraus ein ganz anderes Bild davon, was die Begriffe »Erfolg« oder »Fortschritt« bedeuten.
Im letzten Jahr publizierte die Organisation »Indigenous ­Peoples’ and Community Conserved Areas and Territories« (ICCA; der Name bedeutet etwa »Von indigenen Völkern und Gemeinschaften betreute Gebiete und Territorien«) in einer ausführlichen Studie einen globalen Überblick über gemeinschaftlich genutzte Ressourcen sowie eine Reihe nationaler Fallstudien, darunter auch Beispiele aus Spanien. Sergio Couto, einer der Mitautoren, stellt darin ein weites Spektrum bis heute lebendiger Commons-Praktiken vor, etwa die seit Urzeiten existierenden Fischergemeinschaften »Corrales de Pesca« im Norden von Galizien oder über Jahrhunderte überlieferte Praktiken für den Erhalt von Wäldern. Er kommt zu der Erkenntnis, dass diese Strukturen nicht deshalb überlebt haben, weil die Menschen damit Geld sparen, sondern weil es Freude macht, etwas miteinander zu teilen und voneinander zu lernen. Dies sei auch der Ansporn für sich neu bildende Commons-Initiativen. Gemeinsam führen diese Dynamiken von einer kapitalistischen Gesellschaft weg und hin zu einer Bewegung, die Kulturerbe bewahren und zugleich neue Kultur entstehen lassen will.


Die Wasserbringer der Sierra Nevada
Die »Acequias de careo« sind ein besonderes Beispiel für tradi­tionelles Wasser-Management. Das alte Netzwerk aus Bewässerungskanälen entlang der Hänge der Sierra Nevada in Andalusien sammelt und verteilt das Wasser aus der Schneeschmelze der 3000 Meter hohen Gipfel in die ländlichen Gegenden der umliegenden Region, ohne Pumpen zu benötigen. Es soll auf Veranlassung der maurischen Herrscher aus dem 12. Jahrhundert errichtet worden sein – der Begriff »Acequias« kommt aus dem Arabischen und bedeutet »Überbringer des Wassers«. Bis heute wird das System kontinuierlich von »Bewässerungsgemeinschaften« (Communidades de Regantes) gepflegt. Jeweils zwei Männer einer solchen Gemeinschaft teilen sich dabei für eine gewisse Zeit die Hauptverantwortung. Der Acequiero kümmert sich um die Instandhaltung und Sauberhaltung der Kanäle, während der Ramalero die Zuteilung des Wassers regelt. Sie arbeiten zusammen, um mit Hilfe von Wehren und Schleusen sicherzustellen, dass das Wasser gerecht an alle Dörfer und Ländereien verteilt wird.
Das wunderschön illustrierte Buch »Manual del Acequiero« (Handbuch des Acequiero), herausgegeben von der Agencia Andaluza del Agua, beschreibt, wie das alte Handwerk dieser Wasser-In­frastruktur von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Die soziale Rolle des Acequiero geht über seine Aufgabe an den Kanälen weit hinaus. Die örtlichen Bauern sind darauf angewiesen, dass er gerecht und sorgfältig vorgeht. So entsteht zwischen einem Acequiero und seinen Dörfern ein besonderes Vertrauensverhältnis.
Das Bewässerungssystem spielt eine entscheidende Rolle im lokalen landwirtschaftlichen Ökosystem. Javier Cano vom Nationalpark Sierra Nevada ist davon überzeugt, dass diese über Jahrhunderte entwickelten Systeme wesentlich zur kulturellen Identität der Region beitragen. Die Bewässerungsgemeinschaften basierten bis vor kurzer Zeit noch vollständig auf ungeschriebenen Regeln. Da jeder einmal an der Reihe ist, die Aufgabe des Acequiero oder des Ramalero zu übernehmen, sind alle Anwohner in das Säubern und Reparieren der steinernen Wasserführungen eingebunden. Wer nicht mitmacht, bekommt weniger Wasser zugeteilt oder zahlt eine Strafe. Die Täler haben auch Streit um die wertvolle Ressource Wasser erlebt. Um diese Konflikte beizulegen, ist die gemeinschaftliche Pflege der Kanäle integraler Bestandteil der Dorfkultur geworden. Obwohl die Systeme so alt sind und mit ihnen traditionelle Bräuche hochgehalten werden, entwickeln sich die Bewässerungsgemeinschaften weiter, indem sie zum Beispiel die demokratischen Prinzipien optimieren, nach denen die »Wasserzeiten« noch fairer aufgeteilt werden können. Impulse für Neuerungen kommen auch von der kommunalen Verwaltung der Sierra Nevada, die sich wünscht, dass das System noch mehr arbeitslose Menschen integriert. Die Dörfer müssen sich auch mehr und mehr vor privatwirtschaftlichen Interessen schützen und deshalb ihre Strategien anpassen.
Für Javier Cano sind die Acequias in der Sierra Nevada daher weitaus mehr als ein intelligentes Bewässerungssystem: »Sie sind einzigartig in ihrer Verbindung aus kulturellen, historischen und natürlichen Elementen.« All dem liegt der schlichte Gedanke zugrunde, dass Wasser immer für die gesamte Gemeinschaft am Ort verfügbar sein sollte. Ein Verständnis des Wassers als ­Lebensquelle und als Gemeingut hat sich der kulturellen Identität dieser Region tief eingeschrieben.
Das Beispiel zeigt, welche Bedeutung dem Prinzip geteilter Verantwortlichkeit für jedes Commons zukommt und wie man es über die Jahrhunderte hinweg aufrechterhalten kann. Lassen sich diese Prinzipien auch auf moderne gemeinschaftliche Organisationsformen übertragen?
Auf der Suche nach einer Antwort auf diese Frage stieß ich auf ein kleines, alternatives Filmfestival in einer anderen Berggegend, den Pyrenäen. Es scheint, dass hier tatsächlich die gleichen Werte die Basis des gemeinschaftlichen Kulturprojekts bilden: gegenseitiges Vertrauen, Selbstorganisation und Integration. Obwohl ein Filmfestival auf den ersten Blick wenig mit traditionellen Bewässerungskanälen gemein zu haben scheint, sind doch beide in eine historische Landschaft eingebunden.


Das kleinste Filmfestival der Welt
Es ist eine dieser Geschichten, wie man sie immer wieder zu hören bekommt. Sie erzählt, wie aus dem Nichts etwas entstehen kann. Vor knapp zehn Jahren erwachte eine kleine, historische Ortschaft in den Bergen zu neuem Leben: Einige Einwohner hatten den Verein »Ascaso« gegründet und damit begonnen, drei leerstehende Gebäude zu renovieren. Sechs Häuser standen insgesamt auf dem Grundstück, das Ascaso erwerben konnte. Die Vereinsmitglieder wollten die seit den 1960er Jahren nicht mehr genutzten Gebäude wieder herrichten und ein Gemeinschaftsdorf gestalten, in dem Menschen Ruhe, Stille und Beschaulichkeit genießen können. Inzwischen hat die Gruppe beachtliche Errungenschaften wie eine lokale Energieversorgung durch Solaranlagen und das wiederaufgebaute Trinkwassersystem vorzuweisen. Am faszinierendsten aber ist ihr jährliches Filmfestival. »Cine Ascaso« wurde als weltweit kleinstes Filmfestival bekannt, so sagen zumindest seine beiden Gründer, Nestor Prades und Miguel Cordero. Im Jahr 2012 entstand die Idee, unabhängige Filmemacher in die Region zu holen und ein Festival jenseits von Kommerz ins Leben zu rufen.
Immer mehr junge Menschen in Spanien entscheiden sich seit der Wirtschaftskrise für ein Leben auf dem Land und experimentieren dort mit alternativem Wirtschaften, freier Bildung oder partizipativer Demokratie. Cine Ascado zeigt, wie sich auch in einer noch so abgelegenen Ecke eine alternative Kultur entfalten lässt. Wo sonst, bitte, werden in einem winzigen Bergdorf Indie-Filme im Kino gezeigt?
»Selbst in einer Region wie den Pyrenäen können sich die Menschen heute im Supermarkt mit allem, was sie zum Leben brauchen, versorgen«, sagt Miguel Cordero. »Alle leben mehr oder weniger isoliert in ihren Häusern und grüßen manchmal nicht einmal ihre Nachbarn. Sogar auf dem Dorf. Wir wünschen uns, dass die Menschen wieder lernen, zusammenzuarbeiten.«
Das Filmfestival konnte nur durch ein Zusammenwirken aller Akteure im Dorf gelingen. In die Vorbereitung sind drei Dutzend Menschen eingebunden, darunter viele Nachbarn, die keine Vereinsmitglieder sind, die Verantwortung für die Aufgaben übernehmen, zum Bespiel den Aufbau der Stühle, der Tontechnik und der fünf mal vier Meter großen Leinwand. Außerdem verkaufen sie die Eintrittskarten. Cordero erzählt, dass sich auch diejenigen unter den Nachbarn, die ursprünglich nicht Teil der Ascaso-Gemeinschaft waren, mit der Zeit immer besser einbinden ließen. Die emsigen Renovierungsarbeiten auf dem Gelände von Ascaso haben auch viele andere im Ort ermutigt, die Sanierung ihrer Häuser in Angriff zu nehmen. Cordero ist stolz, dass das Filmfestival ein kollaboratives Projekt geworden ist und Ascaso auf der Landkarte sichtbar gemacht hat. Nun wollen die Fans des Festivals ein Crowdfunding starten, um mit Hilfe dieser »Schwarmfinanzierung« auch diesen Sommer wieder ein anspruchsvolles Filmprogramm zeigen zu können.


Gemeinsam Commons finanzieren
In Spanien gibt es inzwischen zwei Dutzend Plattformen für Crowdfunding-Initiativen. Zwei der größten, Goteo und Verkami, können auf eine hohe Erfolgsrate der gemeinschaftlich finanzierten Projekte zurückblicken – das hört sich ganz anders an als die negativen Wirtschaftsnachrichten über Spanien, die Europa überfluten. Die ältere der beiden, Verkami, hat ihren Sitz im katalonischen Mataró und unterstützt vor allem Künstlerinnen und Künstler. Bei Bedarf können die Projekte auch Beratung erhalten. Als sich die Plattform im Jahr 2010 gründete, gab es außerhalb der USA noch keine derartigen Angebote. Über 100 000 Menschen haben inzwischen über Verkami gut vier Millionen Euro in große und kleine künstlerische Produktionen gesteckt. Jonàs Sala, einer der Mitbegründer, betont die Bedeutung von Projekten, die außerhalb der üblichen ökonomischen Grenzen existieren. Da viele Kulturschaffende von Budgetkürzungen in öffentlichen Förderprogrammen betroffen sind, wird in der Krise die Gemeinschaft zur wichtigsten Grundlage von Kultur. Um die kreativen Projekte herum entsteht ein Netzwerk von Menschen, die sich zugehörig fühlen. Ob ich lediglich eine Eintrittskarte erwerbe oder aber aktiv zur Ermöglichung des Ereignisses beigetragen habe, bewirkt eine ganz andere Identifikation mit dem Projekt. »Sich weniger isoliert zu fühlen«, so Sala, »ist eine wichtige Motivation für die Entwicklung solcher neuen Commons-Strukturen«. Mit ihrer Nutzung ist auch ein Lernprozess verbunden: Wer Teil einer Gemeinschaft ist, macht Erfahrungen mit basisdemokratisch getroffenen Entscheidungen.
Der Slogan der Plattform Goteo heißt »Crowdfunding the Commons« – Gemeingüter finanzieren. Auf dieser Seite geht es explizit um Commoning-Projekte wie Kooperativen oder soziale Organisationen. Ein kurzer Blick ins Netz zeigt, dass sich hier Initiativen für Permakultur, Jugendparlamente, Zeitschriften, Regionalwährungen, offene Hardware, Bildungsprojekte und Hunderte weitere gute Ideen versammeln.
So reicht die aufblühende Commons-Bewegung von der Vergangenheit bis in die Zukunft und von der physischen bis in die digitale Welt hinein. Die Ideen und Werte hinter den alten, über Jahrhunderte überlieferten Commons sind ganz offensichtlich zeitlos.•



Helen Morgan (27) stammt aus Großbritannien und schreibt für internationale Magazine über nachhaltige Projekte. Sie hat weltweit in verschiedenen Menschenrechtsorganisationen gearbeitet. Derzeit ist ihr Lebensmittelpunkt Barcelona. (Übersetzung aus dem Englischen: Human Touch)



In spanischen und weltweiten Commons schwelgen:Internet (spanisch)
www.goteo.org
www.verkami.com
www.muestracineascaso.blogspot.com

Literatur (englisch)
ICCA (Hrsg.): CBD Recognition Guidelines Series No. 64. Recognising and Supporting ICCAs: Global overview and national case studies, 2012, verfügbar auf www.iccaconsortium.org