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Aufwachsen im Anderssein

Eine Kindheit in der Gemeinschaft Niederstadtfeld

von Lena Meier , erschienen in 02/2010

Immer wieder wird behauptet, dass Kinder in der Ablösung von ihren Eltern auch deren Werte und Lebensweise ablehnen müssten. Sie würden immer das Gegenteil suchen. Was aber ist das »andere Leben«, wenn ein Kind schon anders aufwächst? Viele junge Menschen gehen heute den Weg ihrer alternativen Eltern weiter und suchen wie Lena darin ihren ganz eigenen Weg zu sich selbst.

»Meine« Gemeinschaft, das war die »Lern­werkstatt Niederstadtfeld« in der Vulkan­eifel, die von dem verstorbenen ostdeutschen Regimekritiker, Philosophen und Grünen-Mitbegründer Rudolf Bahro ins Leben gerufen wurde. Ich wuchs mit meiner Mutter und meinem Bruder im oberen Stockwerk des Gemeinschaftshauses auf. Die anderen Gemeinschaftsmitglieder wohnten im Dorf verteilt. So verbrachten wir unser direktes Alltagsleben nur teilweise mit der ganzen Gemeinschaft.

Dennoch war mein Aufwachsen von dem Gefühl des Getragenwerdens in einer konstanten Gruppe von rund dreißig Menschen geprägt. Über diesen Kreis hinaus gab es viele weitere Kontakte durch die ständig wechselnden Baugäste, Praktikanten, Zivildienstleistenden und Seminargäste. Stark prägte mich nicht zuletzt die sechsköpfige Kindergruppe. Immer wieder hieß es von verschiedenen Erwachsenen: »Los Kinder, lasst uns einen Ausflug machen!«

Zwischen all dem fühlte ich mich als Kind sehr beweglich und frei, offen anderen Menschen und Umständen gegenüber. Auch lernte ich, meine Grenzen und die der anderen kennen und achten. Rückblickend tauchen viele glückliche Momente voller Leichtigkeit und Ausgelassenheit in mir auf: Bilder von Gartenfesten mit Theater, Clownerie, Tanz und Musik. Bilder voller Lebendigkeit: Wie ich durch Wiesen und Wälder streune, Lehm aus dem Bächlein kratze, um daraus Figuren zu formen, über dem offenen Feuer koche, nackt in den See springe, lange Osterspaziergänge, Nester suchen …

Es gab in meiner Kindheit immer drei Komponenten: Die der Kleinfamilie, die des Familiengefüges in der Gemeinschaft und ich, Lena, alleine in Gemeinschaft. Da es meinem Wesen entspricht, mich in Gruppen wohl und geborgen zu fühlen, war dieses Aufwachsen ideal. Schon in meinen Grundschulzeugnissen fand mein »überaus ausgeprägtes Sozialverhalten« positive Erwähnung. Was aber war nun zuerst da, Henne oder Ei? – Ich glaube, beides bedingt sich in meinem Fall. Meine Seele wählte den richtigen Lebensort, und alles fügt sich passend ineinander.

Sehnsucht nach »Normalsein«
Als ich elf oder zwölf Jahre alt war, wurde meine Sehnsucht nach einem eigenen Raum, nach Abgrenzung, danach, »ein bisschen normaler« zu sein, immer größer. Meine Schulfreundinnen in mein Zuhause einzuladen, wurde mir ab dieser Zeit sehr unangenehm. Die ständigen Fragen danach, warum immer »fremde Menschen« in unserer Küche, im Wohnzimmer oder Garten seien, waren mir zuwider. Ich wollte mich dem Konflikt der Andersartigkeit – die sich für mich doch so normal anfühlte – nicht stellen. Dazu kamen die Menschen in der Gemeinschaft, die in mir noch immer das kleine Kind sahen und mich lustig durch die Luft wirbelten.

Mit dem Übergang in die Pubertät gab es andere Themen, die vor allem meinen eigenen inneren Raum betrafen. Im Vordergrund standen nun Fragen wie: Wer in dieser Welt bin ich? Wer ist »Gott«? Wie funktioniert dieses Universum?

So gab es in mir durchaus ein Gefühl der Befreiung, als die Gemeinschaft 1996 nach dem Suizid der Mitgründerin und Frau Rudolf Bahros sowie aufgrund von Finanzkonflikten, von denen ich nicht viel verstand, zusammenbrach. Wir zogen mit zwei anderen Gemeinschaftsmitgliedern zusammen und hatten somit als Kleinfamilie erstmals unseren eigenen Raum. Das stand für mich im Vordergrund. Als Zwölfjährige dachte ich nicht weiter über die Vor- und Nachteile der Auflösung der Gemeinschaft nach. Da das Netz an Sozialkontakten innerhalb des Dorfs erhalten blieb, veränderte sich für mich nur wenig. Trotz der Freude über die Veränderung hatte ich nie das Bedürfnis, mich von der Gemeinschaft abzugrenzen. Sie war ein natürlicher und schöner Aspekt meiner Kindheit gewesen, genauso stimmig wie nun auch der Wandel aus der Gemeinschaft heraus.

Erst jetzt, in der Rückschau, wird mir bewusst, dass ich mir sehr bald nach Auflösung der »Lernwerkstatt« eine neue Gemeinschaft suchte. Seit ich dreizehn bin, verbringe ich jeden Sommer zwischen sechs und zwölf Wochen im internationalen Sommercamp eines Sufi-Ordens in den Schweizer Alpen. Es entsteht in diesem Camp jedes Jahr aufs neue eine enge Gemeinschaft aus zwanzig bis sechzig Menschen. Hier wurden meine Fragen nach Gott und dem Universum auf sehr sanfte und liebevolle Weise beantwortet, von Menschen jedes Alters und unterschiedlichsten Herkünften. Anders als in der »Lernwerkstatt« war ich hier umgeben von Leuten, deren Interessen und Sehnsüchte den meinen vielfach entsprachen. Im Camp singen, tanzen und meditieren wir zusammen, setzen uns mit dem Leben auseinander.

Der Weg führt wieder in Gemeinschaft
Dennoch zog sich ein Strang von Suche nach Gemeinschaft weiter durch mein Leben. Während meines Studiums lebte ich in einem Wohnprojekthaus mit fünfzehn Menschen zusammen. Gemeinsam gestalteten und pflegten wir einen Garten und das Haus, teilten viele Mahlzeiten und Zeiten zum Träumen, Feiern, Entdecken und Auseinandersetzen. Doch immer wieder merkte ich, dass mir diese »Vorstufe« von Gemeinschaft nicht genügte. Ich wollte tiefer einsteigen, wollte von allen mit mir lebenden Menschen ein volles »Ja« zum Gemeinschaftsleben hören.

Nach einer neunmonatigen Reise zog es mich ins Ökodorf Sieben Linden. Hier bin ich nun, um erneut dieses »Mehr«, dieses »Ja« zur Gemeinschaft zu erfahren. Und auch hier meldet sich die Frage: Liegt es an meiner Prägung oder meinem Wesen, dass ich mich nach Gemeinschaft sehne? Wo stünde ich heute, wäre ich in einem Großstadtviertel aufgewachsen?

Wenn ich den Kindern im Ökodorf begegne, winke ich dem Kind in mir freudig zu. Durch meine Stelle im Rahmen des freiwilligen ökologischen Jahrs im hiesigen Waldkindergarten kann ich ihnen täglich beim Wachsen zuschauen – mit Staunen erlebe ich ihre Offenheit und ihr Urvertrauen, ihre Leichtigkeit in der Begegnung und im Einlassen auf verschiedenste Situationen und Menschen. Es ist diese Toleranz und Sozialkompetenz, die ich allen Kindern wünsche und die ich selbst aus meiner kindlichen Erfahrung mitnehmen durfte.

In Sieben Linden sehe ich aber auch verstärkt, wie sehr Gemeinschaft in sich geschlossen ist, sich um sich selbst dreht. Oft finde ich keine Zeit für mich, alles strömt auf mich ein, und ich bin erschöpft von so viel Gemeinschaft. Die Kunst der maßvollen Abgrenzung ist schwierig, aber immerhin kenne ich durch meine Gemeinschaftserfahrung die eigenen Grenzen.

Wenn ich mich noch einmal in die Schuhe meiner Kindheit stelle und nach vorne schaue, so wünsche ich mir vor allem eine spirituelle Grundhaltung und Offenheit. Ebenso Kultur und Kunst, Musik und Heilung, Kreativität und Ästhetik. Der individuelle Wachstums– und Entwicklungsprozess ist mir zentral, viel Wert sollte auf einer bewussten und gewaltfreien Kommunikation liegen. Meine Wunschgemeinschaft versorgt sich zu einem großen Teil selbst und ernährt sich vegan, um ihrer Verantwortung gegenüber unserer Mitwelt gerecht zu werden.