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Naturschutz und Allmenden gehören zusammen

von Johannes Heimrath , Michael Succow , erschienen in 20/2013

Beim ersten Besuch von Michael Succow in der Oya-Redaktion entstand spontan ein Gespräch mit Johannes Heimrath über ­traditionelle und moderne Allmenden.

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© Foto: Archiv Michael Succow Stiftung

Michael, die Ausgabe 1 von Oya hatten wir der Allmende gewidmet. Das hat uns eine Tür auch in die internationale Diskussion rund um die Commons geöffnet. Viele Gespräche über privates, öffentliches und gemeinschaftliches Eigentum haben uns einen entscheidenden Punkt gelehrt: Erst wenn »Eigentum« nicht mehr so gedacht wird, dass Menschen ein Objekt gehört, sondern dass wir anderen Subjekten angehören, stellt sich die Commons-Idee vom Kopf auf die Füße. Dann löst sich die Ökonomie des Habens auf, und es geht ums Hegen, Pflegen und Teilen.

Bei Ethnien, die eine Allmende-Tradition entwickelt und erhalten haben, ist eine derartige Ökonomie noch Praxis. Wir sollten dies erhalten und sichern helfen und nicht wie in vielen Entwicklungshilfeprojekten animieren: »Ihr müsst privatisieren, das bringt den Fortschritt.« Inzwischen fängt ein Umdenken an. Ich komme gerade aus Äthiopien, wo meine Stiftung gemeinsam mit dem NABU bei der Einrichtung eines großen Biosphärenreservats am Tanasee, dem Quellgebiet des Blauen Nils, mithilft. Das Vorhaben wird durch das Bundesentwicklungsministerium und in Teilen durch das Bundesumweltministerium finanziert. Die Region um den Tanasee gehört zum Kernland Äthiopiens, besiedelt von Amharen, die tief in der koptisch-christlichen Kirche verwurzelt sind. Es handelt sich um eine über 2000 Jahre alte Kulturlandschaft auf fruchtbaren Niederungsstandorten, die durch die jährlichen Überflutungen der Regenzeit ihre Feuchtigkeit und natürliche Düngung erhalten. Die Weidegebiete sind Allmenden, die Äcker werden von der Dorfverwaltung nach wie vor jeweils an eine Generation verpachtet. Es herrschen Klein­strukturen von jeweils mehreren Hektar vor. Die Gemeinschaften werden von den Dorfältesten geführt. Die »Urproduktion« geschieht hier noch mit Hakenpflug und Sichel. Dies sichert Zehntausenden den Arbeitsplatz und die Einbindung in die dörfliche Gemeinschaft. Hier wohnen nach unseren Maßstäben materiell arme, aber ungewöhnlich fröhliche, friedfertige, geborgene Menschen, die in Würde leben und zu ihren Mitgeschöpfen, ob Haustier oder wilder Vogel, ausgesprochen freundlich sind. In diesen alten Kulturen habe ich wirkliche Gemeinschaften erlebt, mit festgefügten Normen, keine Entwurzelung, Orientierungslosigkeit, kein Getriebensein durch Angst und Gier. Unvorstellbar die Folgen, gingen diese Räume durch industriemäßige Agrarproduktion verloren, zu schweigen von den ökologischen Folgen der Ackergifte.
Sicherlich ist Entwicklung durch Bildung wichtig, gerade für die Frauen und Mädchen. Notwendig wären auch kleine Öfen, in denen das Holz für die tägliche Speisebereitung effizienter verbrennt. Aber den Gesamtansatz, dass die Gemeinschaft für ihre Flächen die Verantwortung trägt – diese Strukturen sollten wir nicht durch unseren Fortschrittswahn zerstören.

Wer trägt in diesen Gemeinschaften in ­erster Linie die Verantwortung?

Vor allem die Dorfältesten. Was sie sagen, gilt. Wie das funktioniert, habe ich immer wieder erleben können, z. B. als man beschloss, das Netz von kleinen Vulkan­hügeln, die die Landschaft durchziehen und bislang beweidet wurden, wieder bewalden zu lassen. In Deutschland müsste man darumherum einen Zaun ziehen, aber die Äthiopier mögen keine Zäune. Stattdessen haben die Dorfältesten den Hütekindern vermittelt, dass dies kleine heilige Berge seien, die wieder Wald tragen sollten. Schaf, Rind und Ziege durften dort nicht mehr hineinlaufen. In kürzester Frist keimten Akazien, die Gräser regenerierten sich, und heute kann man zusehen, wie auf einst überweideten Hügeln ein neuer Wald entsteht. Die »ZEIT«-Journalistin Christiane Grefe sagte kürzlich: »Eine Lösung für die Weltarmut wird es entweder überhaupt nicht oder nur anknüpfend an die traditionellen bäuerlichen Kulturen geben.« Das ist es, was wir jetzt begreifen sollten.

Bei derartigen Erzählungen stellt sich mir stets die Frage: Können wir einen solchen indigenen Umgang mit der Natur auch auf unseren Lebensraum übertragen? Immerhin lebt auch mitten in Deutschland ein indigenes Volk, das Volk der Sorben und Wenden in der Lausitz. Du hast dort mitgeholfen, ein Biosphärenreservat zu etablieren. Welche ­Erfahrung hast du gemacht?

Das Biosphärenreservat Spreewald in der Niederlausitz, vor über 20 Jahren begründet, ist eines derjenigen in Deutschland, die am besten funktionieren. Nach der Wende war der Ansturm des Tourismus aus Berlin groß. Mensch und Natur litten unter den Motorbooten auf den unzähligen Wasseradern, die den Wald durchziehen. Die Einrichtung des Biosphärenreservats konnte die Region befrieden. Der »Mythos Spreewald« blieb erhalten.
Ich habe damals Manfred Werban, einen Sorben, als Leiter einsetzen können. Er ist auf einem kleinen wendischen Hof im Spreewald mit Gurken und Meerrettich-Äckern aufgewachsen, kam also aus der Region. Er hat es mit seinen Mitarbeitern geschafft, die Gemeinden dort für die Idee des Biosphärenreservats und den Erhalt des »Mythos Spreewald« zu gewinnen. Auf den Feldern zwischen den Spreewald-Kanälen, die zu klein waren, als dass dort zu DDR-Zeiten Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften gegründet worden wären, konnte wieder an die traditionelle kleingliedrige Landwirtschaft angeknüpft werden. Vieles wird in Gemeinschaft erledigt, sonst kann man unter den schwierigen lokalen Bedingungen gar nicht produzieren. Insofern bilden die zentralen Spreewald-Dörfer Allmenden, auch wenn die Flächen in Privatbesitz sind. In diesem Biosphärenreservat gelang es, Produkte des Spreewalds durch die EU zertifizieren zu lassen, z. B. die »Spreewaldgurke«, und es gibt Sonderregelungen in Bezug auf Förderung. All das war am Anfang nicht absehbar, aber es zeigt, welche Kraft sich entwickelt, wenn sich eine Gemeinschaft mit ihrer Region iden­tifiziert.
Die Einwohner haben es auch geschafft, ihren Naturraum von einer industriemäßigen Agrarproduktion freizuhalten. Kein »Investor« hat es bislang gewagt, in der Landschaft Anlagen zu einer »industriellen Tierproduktion« zu errichten.

Ich bin über die Oberlausitz zu den Sorben gekommen. 2008 habe ich die Gemeinde ­Nebelschütz (siehe Seite 38) bei ihrer Bewerbung für den europäischen Dorfwettbewerb unterstützt. Im Rahmen einer Zukunftswerkstatt haben wir damals diskutiert, warum sich die Sorben immer als »Minderheit« bezeichnen und nicht selbstbewusst als »kleines Volk«, das sie von Rechts wegen sind. Sie haben jedoch keine politische Vertretung, und so gilt auch für sorbische und wendische Ortschaften das deutsche Bergrecht, was dazu führt, dass noch heute ganze Dörfer für den Braunkohleabbau weggebaggert werden.
Seit zwei Jahren arbeitet eine Initiativ-Gruppe daran, ein sorbisches Parlament ins Leben zu rufen. Es wurde erkannt, dass nichts gewonnen ist, wenn so ein Parlament nur ein Abklatsch der deutschen Strukturen in sorbischer Sprache darstellen würde. Es müsste sich vielmehr differenzieren und beispielsweise Entscheidungsstrukturen abbilden, die der sorbisch-wendischen Kultur entsprechen, und das sind interessanterweise Allmende-Strukturen oder eine Konsenskultur, in der in dezentralen Prozessen Entscheidungen gefunden werden. Solchen Fragen konnten wir unter anderem in einem Workshop der Initiativ-Gruppe mit der Heinrich-Böll-Stiftung und Harald Welzers Stiftung »Futur­zwei« nachgehen. Der Slogan der Initiative ist: »Wir haben etwas zu geben!« Es geht nicht um eine Abspaltung, sondern um ein Teilen der Schätze dieser Kultur. Die Sorben haben eine besondere Beziehung zur Natur und ihrer Landschaft. Es könnte höchst fruchtbar sein, eine Brücke zwischen der Parlamentsinitiative und den sorbischen Biosphärenreservaten zu schlagen.


Das ist schön, zu hören! Die Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft ist ja auch ein Biosphärenreservat. Auch dort gibt es eine Rückbesinnung. Es wurden ökologisch wirtschaftende Betriebe aufgebaut, zum Beispiel in der Karpfenzucht. Als »Alleinstellungsmerkmale« leben hier Wölfe und die letzten Birkhähne im Tiefland Deutschlands. Ja, wir sollten dort eine Verbindung herstellen.

Du hast von einer ursprünglichen Allmende in Äthiopien erzählt. Auch in der Lausitz gibt es traditionelle Strukturen. Wie lassen sich diese Welten mit sich neu formierenden Allmende-Initiativen, auch der urbanen Postmoderne, zusammenbringen?

Ich finde es interessant, dass sich aus der Hoch-Spät-Konsumgesellschaft heraus wieder ein Trend zur Allmende entwickelt. Dazu gehört auch die Bewegung für urbanes Gärtnern. Das ist eine Entwicklung von unten, und das macht sie zukunftsfähig. Ein gutes Beispiel für Regionalentwicklung ist auch das Biosphärenreservat Rhön mit seinen zertifizierten regionalen Produkten, zum Teil in genossenschaftlicher Produk­tionsweise, und erfolgreichem sanftem Tourismus.

Anders als in Äthiopien haben wir hierzulande nur sehr begrenzte Subsistenz-Möglichkeiten. Subsistenz – neu gedacht! – muss heute größere Regionen umfassen. Dabei scheint mir das schon angesprochene neue Verständnis von Eigentum von zentraler Bedeutung zu sein. Es könnte sich schlicht aus der Erfahrung und dem Bewusstsein speisen, dass die Menschen sich Lebensquellen teilen. Dann geht man anders mit dem, was außerhalb unserer Körper noch auf der Welt da ist, um. Alles, was um mich herum lebt, muss gesund sein, damit ich selbst gesund leben kann. Wer mit dem Land eine Gemeinschaft bildet, setzt keine Ackergifte ein oder ruiniert den Boden durch industrielle Bearbeitung. Bei uns in Vorpommern haben wir nur noch vier Prozent Humus auf den Feldern. Das ist Wüstenboden!

Nein, ihr habt nicht vier Prozent, ihr habt ein halbes Prozent! Die Maiskulturen und Zuckerrüben, die hier vorwiegend angebaut werden, sind alles extreme Humuszehrer. Der Boden ist heruntergewirtschaftet. Ich habe die längste Zeit meines Lebens als Bodenkundler gearbeitet und weiß: Wie hier durch die Agroindustrie die Böden zerstört werden, ist nicht mehr hinzunehmen!

Da müsste sich die deutsche Regierung, wenn sie in Äthiopien pastorale Kulturen erhalten will, die Frage stellen, wie sie die Böden im eigenen Land gesunderhalten kann. Doch trotz aller Kampagnen für eine ökologische Landwirtschaft geht es hier ­politisch kaum voran.

In einer Demokratie sollte es prinzipiell möglich sein, durch Aufklärung und Verweigerung etwas zu ändern. Ich bin ja im »real existierenden Sozialismus« in Ostdeutschland großgeworden. Politische Wenden sind möglich und werden wahrscheinlicher, je mehr sich die Katastrophen zuspitzen. Im Gegensatz zum »Sozialismus« habe ich heute Freiräume, kann sagen, kann publizieren, was ich denke, und Menschen um mich sammeln. In allen Schichten der Bevölkerung macht sich die Sorge breit, dass es mit unendlichem Wirtschaftswachstum nicht weitergehen kann. Die Summe von Einzelinteressen ergibt niemals ein Allgemein­interesse; Gemeinwohl ist das Wichtigste. Gesunder Boden, der unter sich trinkfähiges Grundwasser bildet und gesunde Nahrung liefert, und über mir ein Himmel, in dem die Lerche jubiliert – das ist für mich der Inbegriff von Gemeinwohl.
Wir müssen positive Beispiele schaffen, wo Menschen den Boden tatsächlich als Gemeingut erfahren können. Ich möchte mithelfen, eine Vision zu verwirklichen, im Greifswalder Umland möglichst viel von dem noch nicht an die Agrarindustrie verkauften Land in vernünftige nachhaltige, ökologisch und sozial verträgliche Nutzung zu überführen. Dazu ließen sich womöglich die Stadtwerke mit ins Boot holen, zum Beispiel mit dem Argument, dass ökologische Bewirtschaftung das Grundwasser schützt. Mein Nachfolger am Botanischen Institut, Martin Wilmking, hat bislang erfolgreich eine Initiative »Klimaneutrale Universität« entfaltet. Warum kann es nicht auch eine subsistente Universtität geben? Wir ­haben vor, einen Terra-Preta-Garten und eine Streuobstwiese auf dem Gelände der Universität, das unser Stiftungshaus umgibt, anzulegen. Die Studenten können sich dann selbst versorgen. Es ist wichtig, eine politische Lobby aufzubauen, die die Regierung dazu bewegt, noch nicht privatisiertes Land aus dem DDR-Bestand an ökologisch orientierte Landwirte zu vergeben.

Ich sehe immer deutlicher, dass Naturschutz, Regionalentwicklung, ökologische Landwirtschaft und Bildung zu einer ­Al­lianz finden müssen. Der Allmende-­Aspekt ist der gemeinsame Nenner all jener Initiativen, über die wir gesprochen haben, ob in Äthiopien, in der Lausitz, in der Rhön oder in Greifswald.
Gerade komme ich von einem Seminar mit jungen Leuten, die ein freiwilliges ökologisches Jahr absolvieren. Sie fragen, was sie tun können, wie sie sich wirksam in einen großen Zusammenhang einbringen können. Allmende-Prinzipien, wo immer sie konsequent umgesetzt werden, bilden einen solchen Zusammenhang, denn sie sind der Kern der Zukunftsfähigkeit.

Von meinen Absolventen ist ein Teil in die Subsistenzwirtschaft gegangen. Sie wollen sich in einer nützlichen Gemeinschaft verwirklichen, keine »Schädlinge« mit riesigem ökologischem Fußabdruck sein. Das beeindruckt mich!

So entsteht doch bereits eine neue Allmen­de-Tradition! Michael, hab’ vielen Dank für unser Gespräch. Wir setzen es fort.•

 


Michael Succow (72) ist Biologe. Er war Professor für Geobotanik und Landschaftsökologie an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald und engagiert sich heute mit seiner Stiftung für Natur und Mensch. Für die Einrichtung von zahlreichen Naturschutzreservaten weltweit wurde er 1997 mit dem Alternativen ­Nobelpreis ausgezeichnet.


Der Spur eines Natur- und Menschenfreunds folgen:
www.succow-stiftung.de
Literatur:  
Michael Succow u. a. (Hrsg.): Naturschutz in Deutschland. Rückblicke – Einblicke – Ausblicke. Ch. Links Verlag, 2012

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