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Zum Teil der Ernte werden

Wie in einer Großstadt Wege zu commonischen Zusammenhängen entstehen.

von Caroline Claudius , erschienen in 20/2013

Mehr als 200 Münchener Familien sind auf dem Weg, gemeinsam eine Gärtnerei zu betreiben und sich regional zu ernähren.

Bild

© Foto: www.kartoffelkombinat.de


Das Kartoffelkombinat ist ein solidarisches Grundversorgungsprojekt, ins Münchener Leben hineingerufen von Simon Scholl und Daniel Überall. Zwei Menschen ohne Landwirtschafts- oder Allmendeerfahrung, dafür erfüllt von der Ahnung, dass es außer der selbst im Biomarkt einsam ihre Art vertretenden Schlangengurke noch ein paar andere Sorten geben muss. Dass ungekannte Bauern, ihre hälftig auf den Feldern verfaulende, weil unverkäufliche Ernte, unterbezahlte Agrarlohnarbeiter in fernen Ländern, Bodenmissbrauch, patentgestützte Saatgutverflachung und atomisierte, von der Quelle ihrer Seelennahrung abgeschnittene Städterfamilien keine Naturgesetze sind, sondern abartige Gespinste des Kapitalismus, die hinzunehmen niemand gezwungen ist. Und dass sie keinesfalls alleinstehen können mit dieser Ahnung.

Wie versammelt mensch eine Gruppe Ahnungsvoller und verwandelt sich mit ihr in eine Gemeinschaft von »Commonen«? Kann eine solche im Großstadtdschungeltag überhaupt wachsen und gedeihen? Kann sie die Regeln, nach denen sie wirtschaftet, selbst bestimmen, einen partizipatorischen Entscheidungsfindungsprozess in Gang halten und sich auf eine derart stärkende Weise seelisch mit diesem Prozess identifizieren, dass er stabil aller Trägheit und allem gesellschaftlichen Stress standhält? Seit seiner ahnungsvollen Gründung beobachte ich das mir urban benachbarte Kartoffelkombinat im Licht dieser Schlüsselfragen.
 

Genossenschaft als Übung im Commoning
Als eingetragene Genossenschaft strebt das Kartoffelkombinat langfristig die Übernahme eines Gärtnereibetriebs durch alle Mitglieder an. Für den Gärtner bedeutet dies eine Abnahmegarantie der vollständigen Ernte inklusive aller zweibeinigen Karotten und krummen Kartoffeln. Für die Mitglieder gibt es regionale und saisonale Gemüse- und Obstspezialitäten, unbe­buckelt von Flugmeilen, dafür mit einer ­reichen Anbautradition und einer von ihnen mitbestimmten Sortenvielfalt. Jede pralle Paprika, jeder stolze Selleriestengel erzählt eine Geschichte, die die Genossenschaftsmitglieder vom Samen bis zum Teller mitgestalten können. Nicht müssen! Denn es herrscht ein Lust-, kein Pflichtprinzip.
So weit, so gut, aber ist das schon eine moderne Allmende? Oder »nur«, wie Simon den Status quo nennt, eine solidarische Einkaufsgemeinschaft? Es ist ein entscheidender Unterschied, ob ein Mensch nur eine Gemüsekiste abonniert oder auch Miteigentümer ist, mitverantwortlich für die jeweilige Gärtnerei. Dann ist es weniger so, als würden hier günstig Feldfrüchte verkauft und wieder erworben, sondern als teilten alle Beteiligten miteinander »ihre« Ernte.
Das Kartoffelkombinat stockt seine Mitgliederzahl soeben auf 250 Haushalte auf. In Jahresfrist sind 400 geplant, am Prozess­ende 500 bis 600. Warum diese Zahl? Weil so viele Genossen nötig sind, um einerseits die Gärtnerei zu tragfähigen Bedingungen komplett zu pachten und andererseits die Mitgliedsbeiträge gering zu halten. Derzeit bestehen diese aus einer einmaligen Investitionsbeteiligung von 150 Euro (rückzahlbarer Genossenschaftsanteil) und 62 Euro pro Haushalt für monatlich vier vor die Haustür gelieferte Gemüsekisten.
600 Haushalte? Dem Anthropologen Robin Dunbar zufolge liegt die Höchstzahl aller Sozialbeziehungen, die ein Mensch kognitiv einzugehen in der Lage ist, bei 150. Kann eine Commonie der Anonymen funktionieren? Hier liegt auch für Simon ein genossenschaftliches Paradox: »Je mehr Haushalte, desto ›günstiger‹ und für alle offen, aber auch desto unpersönlicher wird die Genossenschaft«. Aber lebt eine Commonie nicht von der aktiv erfahrenen Beziehung zu Projekt und Mitgenossen?
»Also erstmal«, betont Simon, »betrachten wir das Dabeisein im Kartoffelkombinat schon als Engagement. Wir können uns nur gemeinsam auf den Weg machen, um für die positiven Effekte der solidarischen Landwirtschaft einzutreten. Was den Grad der Identifikation angeht: Ich habe Leute erlebt, die nach zwei bis drei Wochen Testphase und einem Besuch in der Gärtnerei in der ›Wir‹-Form vom Kombinat und dem Betrieb reden. Genau da wollen wir hin. Und es gibt Haushalte, die sind ein ganzes Jahr dabei, haben jede Ausgabe von unserem ›Kartoffeldruck‹ gelesen, aber wenn’s um das Einsammeln einer Extra-Umlage für konkrete Ausbauprojekte der Gärtnerei geht, fragen sie sich: Wieso wollen die jetzt schon wieder Geld?« Genau: »die«. In der Aufgabe der sorgsam gehüteten Abgrenzung des eigenen Eigentumsfelds liegt wohl tatsächlich der schwerste commonale Schritt.
Simon und Daniel gewöhnen ihre Genossenschaftsmitglieder in Feedback-Prozessen im Internet und über den »Kartoffeldruck« behutsam an die kollaborative Demokratie, das Herz jedes commonischen Projekts. »Generell stellen wir immer mehr Entscheidungen über den Anbau oder die Weiterentwicklung der Gärtnerei zur Abstimmung. So kommt der basisdemokratische Motor ins Laufen. Langfristig möchten wir jedem Mitglied eine echte Stimme geben – und diese dann auch einfordern.« Commonie fordert auch, statt nur zu bitten, muss dafür aber die Redewege pflastern: »Viel hängt noch von der Einfachheit der Rückmeldung ab.« Es fehlen eben in dieser Prä-Kollaps-Gesellschaft Zeit und Muße. Und: Commonien müssen sich vor der Bevorteilung derjenigen hüten, die am lautesten und eloquentesten sind. »Über Facebook erreichen uns sehr engagierte Meinungen, die wir aber nicht als genossenschaftlich repräsentativ betrachten dürfen, sondern als willkommene Einzelstimmen internetaffiner, extrovertierter sozialer Melder.«
 

Mitgärtnern macht glücklich
Davon abgesehen »hat eigentlich jeder Genosse das Bedürfnis, aktiv zu werden. Freiwilligenmanagement, Plattformen schaffen: Das gehört zu den zen­tralen Aufgaben der Zukunft«, sagt Simon. »Jetzt gibt es erstmal eine Gärtnergruppe. Die trifft sich an Morgenden in der Gärtnerei, macht Gärtner Siggis Atemübungen mit, ackert schwer, macht gemeinsam Brotzeit und geht dann glücklich nach Hause.« Glücklich werden durch Mitbestimmung, freiwillige Mitarbeit und partizipative Verantwortungsübernahme – das gehört zu den commonalen Geheimnissen.
Wie lange braucht eine Commonie zentrale Figuren – Initiatoren und Wieder-Entzünder commonalen Fühlens, »Steuer­menschen«, die besonders immun sind gegen Resignation, Phlegmatismus und Erschöpfung? Im Moment arbeiten Simon und Daniel am schmalsten Rand der Selbstausbeutung: ehrenamtlich, im Glauben ans Projekt. Ironischerweise ist dieser Zustand charakteristisch für Initiatoren solidarischer Prozesse in ihren Entstehungsphasen. Woher kommt die Kraft, wenn ein Mensch nicht in einer Kommune lebt, sondern das Gelingen der Gemeinschaft vom Schreibtisch einer Wohnung aus ins Leben bringen will? »Tatsächlich ist es so, dass wir etwa 50 Mails am Tag mit Anfragen, Vorschlägen und so fort bekommen. Aus ihnen sprechen ganz viel Zuspruch und Dankbarkeit, das ist eine riesige Motivation. Wir spüren, dass wir richtig liegen, und daher kommt die Energie. Das ist eben etwas ganz anderes als bei einem Entrepreneur in der freien Wirtschaft, der einsam vor sich hin gründet.«
Finden die beiden in der staatlich institutionalisierten Form der Genossenschaft zumindest gegenwärtig eine lebbare Organisationsform für eine Commonie? Simon ist vorsichtig. »Momentan sehen wir in der Genossenschaft den einzigen Rahmen, in dem so ein Konzept wie das unsere stattfinden kann – trotz fehlender Vergleichswerte, weil es interessanterweise keine anderen Genossenschaften gibt, die machen, was wir machen.« Erstaunlich, dabei scheint das Modell so sinnig, naheliegend und schlüssig. Schaffen sie also auch ein Open-Source-Projekt inklusive Wissenstransfer? Diese Frage energetisiert Simon. »Absolut. Das Tolle ist, unser Ideal absoluter Transparenz ist überhaupt nicht mit Angst behaftet – wir denken nicht mehr in Konkurrenz, nur noch in Synergien. Durch unsere Regionalität und Authentizität sind wir sowieso einzigartig. Deshalb schützen wir auch weder Namen noch Logo – das Patentwesen entspricht unserer Philosophie einfach nicht.« Und wo sehen sie sich in fünf bis zehn Jahren? »Da gibt es viele wunderbare Szenarien. Vielleicht haben wir einen gemeinschaftlichen Kindergarten oder ein Modell für die Altersversorgung gegründet? Oder vielleicht funktionieren wir als Allmende gänzlich ohne Geld?« Ich habe eine Ahnung: ­Genau so könnte es sein. •


Caroline Claudius (40) studierte Philosophie. Sie engagiert sich für eine Umsetzung des guten Lebens und schreibt zur Zeit an ihrem »Manifest wider die Maßlosigkeit«.

Zur Nachahmung empfohlen:
www.kartoffelkombinat.de

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