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Gemeinschaffen

Betrachtungen zu einer commonischen Sprache.

von Johannes Heimrath , erschienen in 20/2013

Sprache ist Ausdruck der Erzmetaphern unserer Kultur. Ihre Bilder halten entweder das Alte fest oder öffnen Perspektiven in eine enkeltaugliche Zukunft.

Bild

Silke Helfrich hatte die erste Ausgabe von Oya eingeleitet. Wie schön, dass sie nun auch zu Nummer 20 beiträgt. Die Entwicklung, die aus ihrem Artikel spricht, stimmt mich zuversichtlich, dass die gesellschaftsverändernde Kraft der großen Idee der Commons endlich sichtbar wird. Nun wird es nicht so leicht sein, beim Wort »Commons« nicht länger an Objekte zu denken, sondern in erster Linie an den Umgang miteinander, wie Silke schreibt. Commons, Allmende, »Räume der Gemeinschaftlichkeit« – mit welchem konsistenten Vokabular wollen wir über eine lebensfördernde Praxis sprechen? Dieser Frage sollen die folgenden Gedanken dienen. Sie sind als Skizzen zu verstehen. Seit Monaten murmele ich sie vor mich hin, notiere mir Einfälle dazu, spreche sie in Gesprächen aus, gebe sie in Vorträgen und Workshops zu bedenken.

In Oya 10 habe ich die neuen Begriffe »Commonie«, »Commone« und »commonisch« im Zusammenhang mit einem die gegenwärtigen Auffassungen von Demokratie fortschreibenden Modell einer Post-Kollaps-Gesellschaft des guten Lebens eingeführt. Einige Menschen verwenden sie bereits probehalber. Gehen wir nun einen Schritt weiter:

»Commons« und »Commoning« – es geht um das »uns Gemeine«. Dafür und für den weiteren Kontext sollten wir passende Begriffe in unserer Muttersprache finden. Das hat nichts mit Abgrenzung zu tun, im Gegenteil: Begriffe haben in anderen Sprachen jeweils andere Bedeutungsnuancen. Mir ist ein langes Gespräch über das neu gefundene Wort »lebensfördernd« in Erinnerung. Die englischsprachigen Freunde versuchten, es mit »life caring« zu übersetzen, was zwar die fürsorgliche Komponente wiedergibt, das Fördernde aber, in dem eine aktive Bewegung liegt, weniger erkennen lässt. Mein Vorschlag, »fostering« zu verwenden, stieß auf intuitiven Widerstand. In unserem »fördern« liegt auch eine Ermutigung; das wäre »encouragement«. Es kamen noch »facilitate« und »stimulate« ins Spiel, doch kein englisches Wort gibt exakt wieder, was »hegen und pflegen« heißt, das ja am Grund der Wortbedeutung von »lebensfördernd« liegt. Die Franzosen spielten mit »aider«, »protéger«, »encourager«, »promouvoir«, die Italiener mit »favorire« und »sostenere«. Am Ende hatten wir ein weites, nuancenreiches Fühlfeld für das einfache Verb »fördern« gewonnen.
Vor diesem Hintergrund mache ich folgende Vorschläge:
 

Gemeintum pflegnutzen – oder geich gemeinschaffen?
»Gemeingüter« oder »Gemeineigentum« könnten schlicht »­Gemeintum« heißen. Gemein-»eigen«-tum – das verschiebt das Besitzen, die Abgrenzung und Einhegung nur quantitativ: Was vorher einem gehört hat, gehört jetzt mehreren. Wenn wir aber wollen, dass das »Gehören« überhaupt seine materielle Last verliert und sich der Vektor der Bezogenheit zwischen Subjekten, die sich selbst gehören, verschiebt, und zwar in Richtung eines Sich-gegenseitig-Angehörens, einer inklusiven Zugehörigkeit, dann müssen unsere Wörter diesen Vektor erklingen lassen. »Gemeintum« vermeidet das auf mich selbst gerichtete »Eigen« und gibt mir die Freiheit, mich dem, was um mich herum gegeben ist, zuzueignen.
Es umschließt den Wert des sozialen Felds, das Gemeinschaft immer manifestiert und mit dem es alle daran Beteiligten im Ausgleich für ihr Beitragen bereichert. Ich stelle mir vor, dass nach einer gewissen Zeit des Umgangs mit dem Wort Gemeintum ein milder Widerschein auf das Wort Eigentum zurückstrahlt und schließlich zu etwa diesem Wörterbucheintrag führt: »Eigentum, das, 1. Eigenschaft, die das individuelle Sein eines Subjekts – insbesondere einer menschlichen Persönlichkeit – seine Fähigkeiten und seine Einmaligkeit im Universum ausmacht (vgl. eigentümlich); 2. das, wofür jemand die Verantwortung übernommen hat, um es auf enkeltaugliche Weise zu pflegnutzen; 3. ungebräuchlich: alleinige und ausschließliche Verfügung einer Person über eine Sache.«
Ja, »pflegnutzen« – oder »nutzpflegen«? Wenn wir schon solche Kombinationen erproben, dann doch gleich in der richtigen Reihenfolge: Beim Gemeintum kommt immer erst das Pflegen vor dem Nutzen, nicht wahr? Solange etwa eine Wikipedia die begrenzten Lebensquellen zur Aufrechterhaltung der nötigen Infrastruktur – Kraftwerk und Stromleitung, Bergbau, Computer- und Smartphoneproduktion, alles erdölbasiert – auf dieselbe Weise ausbeutet wie es die beteiligten Industrien eben nun mal tun, dürfen wir nur sehr vorläufig von Gemeintum sprechen.
»Commoning« – das haben wir seit Oya 1 mit »gemeinschaften« zu übersetzen versucht. Doch dieser Begriff geht noch im Prozess, der in einem Zweck, einem Produkt, einer hergestellten Sache endet, auf. Nach Abschluss des Projekts gehen wir wieder nach Hause. Die Denkfigur, dass Gemeintum erst durch unsere gemeinschaftlichen pflegnutzenden Handlungen entsteht – was eine Fortdauer in die Zeit der Enkel impliziert –, drängt mich zu dem Wort »gemeinschaffen«. Indem wir »gemeinschaffen«, erfüllt sich Silke Helfrichs Konzept von der Commons Creating Peer Production – und es geht darüber hinaus: Denn was bedeutet das freiwillige Beitragen in einer Gruppe von Gleichberechtigten? Müsste – in commonischer Lesart – Gleichberechtigung nicht eher die Bedeutung von Gleichachtung bekommen? Nicht für mich reklamiere ich ein Recht auf optimale Versorgung, Anerkennung, Freiheit und mehr, sondern indem ich meine menschlichen und mehr-als-menschlichen Nachbarn gleichachte, öffne ich den Raum, in dem das freie Beitragen, das mich am Ende nährt, erst stattfinden kann, ohne dass ich mich vor der Angst, zu kurz zu kommen, mit einem Recht abzusichern hätte. Das ist noch kein scharf formuliertes Konzept, aber ich spüre, dass vor der Gleichberechtigung die Gleichachtung stehen müsste.
Gemeinschaffen ist nicht vorrangig ergebnisorientiert, es kann auch das Schaffen immaterieller Gemeintümer wie Geborgenheit, Schutz, Freude bedeuten, gleich, ob je ein Pflegnutzen daraus entsteht. Was sich stets verwirklicht, ist Gemeinschaft. Dabei scheint mir »Ausschluss« nicht das Pro­blem zu sein. Dass man immer irgendwo neu ist, »fremd«, ist eine Tatsache, und es ist ein Leichtes, den »Ausschluss« von jemandem umzukehren in »Respekt«, den dieser Jemand den Hegerinnen und Pflegern eines Gemeintums entgegenbringt, bevor sie oder er sich die Freiheit nimmt, daran teilzugeben, teilzunehmen, teilzuhaben und teilzusein. Dazu müssen wir nur die Idee des »Verfügens« loslassen. Hegerinnen und Pfleger »verfügen« nicht über ein Gemeintum, sondern hüten es.
Das alles ist kein Orwell’sches »Neusprech«, und es hat nichts mit einem Szene-Slang oder einer idiosynkratischen Sprechweise zu tun. Indem ich mir diese Gedanken mache, erkenne ich an, dass neues Denken nach allem, was wir über das Gehirn wissen, neue Begriffe braucht. Ohne neue Denkräume entstehen keine neuen Bilder, ohne neue Bilder entstehen keine neuen Sehnsüchte, und ohne neue Sehnsüchte finden wir nicht heraus, wie wir aus dem ­Alten ins Neue gelangen. Wie sprachliche Übung gesellschaftlich wirkt, sehen wir sowohl an plötzlich salonfähig werdenden Wörtern, die noch vor kurzem dem Vulgären zugeordnet waren – »Geiz ist geil« –, als auch an dem zunehmenden Eifer, diskriminierende Sprache zu ächten, Verirrungen inbegriffen. Früher konnte man geduldig abwarten, wie sich der sprachliche Wandel von alleine vollziehen würde. In heutigen Prä-Kollaps-Zeiten sollten wir diesen Prozess jedoch befördern, um lebensfördernden Denkfiguren und Bildern des guten Lebens bald in die Gegenwart zu verhelfen. •


Mehr commonische Gedanken:
Johannes Heimrath: Die Post-Kollaps-Gesellschaft. Scorpio, 2012;
Die Commonie – Versuchsanordnung für eine Post-Kollaps-Gesellschaft des ­guten Lebens. thinkOya, erscheint im Juni 2013

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