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Commons fallen nicht vom Himmel

Die Commons-Idee entwickelt sich weiter: Es geht nicht nur um das Teilen von Gemeingütern. Commoning ist vielmehr ein ­zutiefst sozialer Prozess.

von Silke Helfrich , erschienen in 20/2013

Es gibt zahlreiche Missverständnisse zu den Commons, die eine gemeinsame Wurzel haben: ein auf Objekte fixiertes Denken. Wenn aber nicht mehr nur die Güter im Vordergrund stehen, sondern die Art, wie wir mit ihnen umgehen, in den Fokus rückt, ergibt sich ein neues, dynamisches Bild menschlicher Organisationsformen. Zu ihnen gehört auch eine Commons-schaffende Ökonomie.

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© Foto: www.pheist.net


Mancher Satz nistet sich im Gehirn ein und brütet dort – manchmal über Jahre hinweg. Erst wenn er sich erschließt, kann der darin geborgene Gedanke weitergedacht werden. Solch einen Satz teilte der Umweltwissenschaftler Wolfgang Sachs vor etwa einem Jahrzehnt mit uns. Gerade wurde uns das Abendessen in einem kleinen Hotel neben den weltberühmten Pyramiden von Teoti­huacán serviert. Entnervt vom Kreisen in den immergleichen Gedanken baten wir Wolfgang um Rat. Meinem Kollegen und mir war es trotz endloser Zwiegespräche nicht gelungen, den Charakter der sogenannten Commons zu fassen. Worin genau bestand der Unterschied zwischen Gemeingütern (im Englischen »Common Goods«) und dem, was nur der englische Begriff Commons ausdrückt?
»Commons«, so befand der von mir sehr geschätzte »deprofessionalisierte Intellektuelle« Gustavo Esteva aus Oaxaca, könne man am ehesten mit »Espacios de comunalidad« ins Spanische übersetzen. Zu Deutsch: »Räume der Gemeinschaftlichkeit«. Ein Gut als Raum? Wolfgang Sachs schlug eine Bresche in das Kreisen der Gedanken. »Man kann Gemeingüter nicht ohne Gemeinschaft denken«, sagte er schlicht. Mir ging ein Licht auf. Es geht tatsächlich nicht um Güter. Es geht um uns!
 

Wir denken an Objekte, statt an den Umgang miteinander
Nach Teotihuacán hatten wir eine mittelamerikanische Gruppe von Agrarexpertinnen und -experten eingeladen, um über die Zukunft der Landwirtschaft nachzudenken. Auch auf diesem Treffen war die Rede von Gemeingütern (Spanisch: »Bienes comunes«). Damit bezeichnete man Dinge, die es zu teilen, zu schützen und zu behüten gilt. Die versammelten Menschen verstanden darunter Wasser und Wald, Atmosphäre, Biodiversität und Saatgut. Kurz: unsere Lebensgrundlagen. Sehr oft bin ich in den folgenden Jahren genau dieser Konzeption gefolgt: »Wasser ist Gemeingut«, sagte ich bisweilen. »Das ist Unsinn!«, begreife ich heute. Wasser ist, was es ist. H2O. Aber es wird zu dem, was wir daraus machen: Entweder Ware – Privatgut – oder öffentliches Gut oder Gemeingut. Es kommt darauf an, wie wir mit dem Wasser umgehen.
Auch ich habe in den vergangenen Jahren die Commons in degustierbare Häppchen aufgeteilt, so dass sich jede und jeder das Passende herausgreifen konnte. Die Wasseraktivisten das Wasser als Gemeingut. Die Menschenrechtsaktivisten die Menschenrechte als Gemeingut. Und die Softwareaktivisten die Software als Gemeingut. So lässt sich recht bequem im je eigenen, überschaubaren Aktivismus verharren. Dabei ist die Klassifizierung der Gemeingüter in »natürliche Gemeingüter« einerseits und »kulturelle oder digitale Gemeingüter« andererseits nicht haltbar. Diese Kategorisierung trennt, was zusammengehört. Selbstverständlich haben Wasser und Wissen unterschiedliche Eigenschaften. Wasser wird für den Einzelnen weniger, wenn wir es teilen – jeder bekommt tatsächlich nur einen Anteil und nicht das Ganze. Wissen hingegen wird mehr, wenn wir es teilen. Doch die essenziellen Fragen der Commons, nämlich »Wie teilen wir fair und selbstbestimmt, wie bleiben Wasser und Wissen in sozialer Kontrolle?« – diese Fragen sind für Wasser und Wissen die gleichen! 
Die Kategorisierung in natürliche, kulturelle, digitale und sonstige Gemeingüter ist eine Krücke, die wir aus schierer Gewohnheit nutzen, weil wir bei Commons immer an Objekte denken, statt an den Umgang miteinander. Wir sollten die Güterkrücke an den berühmten Nagel hängen, denn der Fokus liegt auf dem »uns Gemeinen«, nicht auf dem Gut. Deshalb spreche ich nur noch von Gemeingütern, wenn ich tatsächlich gemeinschaftlich zu nutzende Ressourcen bezeichne. Selbst der offenere Begriff Commons ist nicht ideal, denn »das Eigentliche ist ein Verb und kein Substantiv«, wie der US-amerikanische Historiker Peter Linebaugh sagt. Daher ist selbst in deutschen Texten immer häufiger von »Commoning« die Rede – dem Gemeinschaften. Denn jedes Commons ist ein sozialer Prozess – Commons fallen nicht vom Himmel. Sie sind nicht, sie werden gemacht.

So wie jedes Commons ein Wissens-Commons ist, bedarf es auch einer materiellen Grundlage – es nutzt die natürlichen Ressourcen der Erde. Man kann sich das Ganze geschichtet vorstellen: Das Wissen klebt auf einer materiellen Schicht so wie die Ideen auf den Buchseiten (sie können ohne bedrucktes Holz nicht transportiert werden) oder so wie die Programmierleistung des Softwareprogrammierers auf der von ihm verschlungenen Pizza (auch Wissensproduktion gelingt nicht ohne Energiezufuhr). Weder Wissensproduktion noch die konkrete Nutzung natürlicher Ressourcen geschehen im neutralen, luftleeren Raum. Sie sind sozial definiert. Sie brauchen Regeln, Normen und Prinzipien, aber kein Dogma und kein Patentrezept.
 

Commons sind mehr als Organisations- oder Eigentumsformen
Die Vielfalt sozialer Prozesse, die mit dem Commons-Begriff praktisch verbunden sind, lässt sich nicht in eine Form gießen. Schon gar nicht in eine Rechtsform. Die Institutionen, die wir kennen (Lateinisch »institutio« = »Einrichtung, Erziehung, Anleitung«) sind schlicht Regelungsformen, die uns Rechte und Pflichten zuschreiben. Auch Eigentumsrechte sind eine Institution, und der Unterschied zwischen Individualeigentum und Gemeineigentum ist nur graduell. Er besteht darin, dass beim Individualeigentum eine Person allein über eine Sache verfügt und somit alle anderen von den Entscheidungsprozessen ausschließt. Beim Gemeineigentum tun dies mehrere. Ausschluss gibt es dort grundsätzlich auch. Hier wird klar, dass nicht die Institution entscheidend ist, sondern die Prinzipien, die in diese Institution eingeschrieben sind.
Da Commons nicht mit einem spezifischen Eigentumsrecht gleichzusetzen sind, gibt es auch keine für Commoning prädestinierte Organisationsform. Ich glaube sogar, dass sich nahezu jede Rechts- oder Organisationsform so nutzen lässt, dass sie Commoning fördert. Eines meiner Lieblingsbeispiele, um dies zu illustrieren, ist das Mietshäusersyndikat (siehe Gespräch Seite 54). Es hat eine lange Geschichte des Suchens und Anknüpfens an bestehende Institutionen hinter sich. Heute beschreibt die Wikipedia das Syndikat als: »… in Deutschland singuläre, kooperativ und nicht-kommerziell organisierte Beteiligungsgesellschaft zum kapitalmarktunabhängigen Erwerb von Häusern, die selbstorganisiert in Gemeineigentum überführt werden, um bezahlbare Wohnungen und Raum für Ini­tiativen zu schaffen. Im Jahr 2012 ist es an 65 Hausprojekten in Deutschland beteiligt.« Entscheidend ist dabei nicht die Überführung in Gemeineigentum, sondern der Zweck. Das Syndikat beteiligt sich deshalb an Projekten, damit sie dem Immobilienmarkt entzogen werden. Es schreibt in seine Vereinbarungen mit den sehr unterschiedlichen Hausprojekten die Grundidee ein, Wohnraum nicht nur als Gemeingut zu organisieren, sondern diesen auch als solches zu erhalten; auch dann noch, wenn die Gründergeneration der jeweiligen Projekte nicht mehr ist. Die Beziehung des Syndikats zu den Projekten ist dabei als GmbH organisiert. Ganz profan also als Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Denn beschränkt haftende Gesellschaften können Waffen produzieren oder Wohnraum teilen. Auf den Zweck kommt es an, nicht auf die Form der Institution!
Ein weiteres Beispiel ist Richard Matthew Stallman, Gründer der Freien-Software-Bewegung, der vor knapp 30 Jahren den Zweck des Copyrights um 180 Grad drehte. So wurde aus dem Copyright das Copyleft. Stallmans Idee war, dass wir alle die Freiheit haben sollten, copyleft-lizenzierte Werke nach Belieben zu nutzen, an unsere Bedürfnisse anzupassen, mit anderen zu teilen und zu verändern. Wenn wir dies aber tun, müssen wir auch das von uns Veränderte wieder »freigeben«. Wer aus der Allmende schöpft, muss in die Allmende zurückgeben, so das Prinzip dahinter.
Commons-Projekte können ihre Idee oder ihr Projekt nicht in eine Modellform gießen und sich daraus die geeignete Institution backen. Das erklärt, warum der meist wohlmeinende Hinweis auf Genossenschaften als vermeintlich prädestinierte Organisationsform für Commoning etwas ins Leere läuft. Schließlich stellt sich auch bei der Genossenschaft die Frage, ob tatsächlich Commons-Prinzipien in ihr aufgehoben sind. Auch eine Genossenschaft kann zur Gewinnmaximierung einiger genutzt werden.
Der Grundgedanke des Commonings ist, dass dessen Prinzipien Fairness und Nachhaltigkeit erzeugen, so dass sich niemand über den Tisch gezogen fühlt und unsere Lebensgrundlagen auch morgen noch verfügbar sind. Das geschieht weder automatisch noch zwangsläufig, weshalb nicht jedes Commons-Projekt nachhaltig im ökologischen Sinn ist (die Wikipedia beruht auf denselben ressourcen- und energieverschlingenden Infrastrukturen wie Google). Aber jedes Commonsprojekt hat das Potenzial, nachhaltig zu werden, weil es unabhängig von den strukturellen Fallstricken kapitalistischer Marktlogik gedacht werden kann.  
 

Commons brauchen Schutz. Oder: jenseits der Zugangsfrage
Wasser ebenso wie Wissen als Commons zu denken, heißt auch, niemandem prinzipiell den Zugang zu beidem zu verwehren. Dieser Ansatz wird gern zu einem schlichten Gedanken verkürzt: »Commons ist das, was allen gehört«, worauf gebetsmühlenartig der Sermon folgt: »Was allen, also niemandem gehört, wird unweigerlich übernutzt.« Auch hier half mir ein Satz, der in meinem Geist haften blieb: »Die Allmende ist kein Schlaraffenland, das leergefressen wird, sondern eher ein gemeinsames Picknick, zu dem jeder etwas beiträgt und bei dem sich jeder in Maßen bedient«, schrieb Bernhard Pötter in seiner Rezension zu meinem ersten deutschsprachigen Sammelband zur Frage »Wem gehört die Welt?«. Pötter hatte damit ins Bild gesetzt, dass Commons eben kein »Niemandsland« sind, zu dem es immer »offenen Zugang« gibt, dass sich also an Ressourcen in einem Commons nicht jeder nach Gutdünken bedienen kann. Commoning verlangt nach Schutz. Eben dies ist das Kernanliegen klarer Grenzen, wenn es um Zugang zu natürlichen Ressourcen geht und es ist das Kernanliegen freien Zugangs, wenn wir aus Wissen, Code und Information das Beste für alle generieren wollen. Wir brauchen Freiräume für Commons-Initiativen sowie Schutzregeln für entsprechende Projekte, denn schutzlos sind sie inmitten einer marktfundamentalistischen Gesellschaft nicht überlebensfähig. Es sind nicht einfach die Menschen, die unbegrenzt nehmen, bis alles kahlgefressen ist, es sind Marktfundamentalismen und Gewinnmaximierungsideologien, die den Menschen dieses Handeln noch als »rational« verkaufen.
Deswegen ist es so wichtig, den Commons-Gedanken und die Prinzipien des Commonings zu schützen. Gemeint ist hier nicht (nur) der Schutz der Ressourcen selbst, gemeint sind auch der Schutz unserer Freiheit zur Selbstorganisation sowie die Verteidigung des Gedankens, dass wir mehr sind als Kunden und wahlberechtigte Bürger: Wir sind Commoners, die kommunikativ und kooperativ ihre Potenziale entfalten können – wenn man uns lässt. Es geht darum, über unsere Interaktion und die Produktion selbst die Commons-Idee zu vervielfältigen. Wie ist das zu verstehen?
Zur Peer-Produktion von Commons
Die Suche nach der Antwort verleitet mich, einen neuen Begriff vorzuschlagen: »Commons Creating Peer Production« (CCPP), die permanente »Schöpfung von Commons durch Gleichgesinnte«. Ausatmen! Oya-Leserinnen und -Leser werden wissen, dass dies in Abgrenzung zur »Commons Based Peer Production« (CBPP) steht. Gemäß Wikipedia bedeutet CBPP soviel wie »Allmendefertigung durch Gleichberechtigte«, und Wikipedia ist selbst ein Beispiel für freiwilliges Beitragen Gleichberechtigter. Der Juraprofessor Yochai Benkler hat zum Phänomen CBPP publiziert und begreift die Theo­rie von der Commons Based Peer Production ausdrücklich als Erweiterung von etablierten Wirtschaftstheorien und nicht als deren Ersatz. Er beschreibt die Vorzüge der CBPP mit dem Vokabular des dominierenden Wirtschaftsdenkens: Mit CBPP geht es schneller, motivierter, effizienter und besser, kurz: konkurrenzfähiger. Die Frage aber, ob aus dieser Produktionsweise wiederum Waren oder Commons entstehen, scheint für den Harvardprofessor marginal. Dabei ist gerade dies der entscheidende Unterschied. Salopp gesagt, wurde seit Menschengedenken »commons-basiert« produziert. Alle Wirtschaftssysteme und Produktionsweisen haben aus den Gemeingütern und menschlichen Beziehungsnetzen geschöpft. Das haben Theoretikerinnen und Theoretiker der Nachhaltigkeit und der Subsistenz, insbesondere die Feministinnen, herausgearbeitet.
Wie also benennen wir den Gedanken, dass das, was wir zum Leben herstellen, nicht nur auf Commoning basiert, sondern auch Commons schaffen soll? Die Ökonomin Friederike Habermann nutzt für das gewünschte Ergebnis den Begriff der »Ecommony« und nennt in diesem Kontext folgende Prinzipien:
→ Besitz statt Eigentum: Häuser, Land, Gebrauchsgegenstände, Transportmittel, Infrastruktur, Produktionsmittel.
→ Teile, was du kannst: Wissen, Fähigkeiten, Dienstleistungen, Gegenstände.
→ Beitragen statt Verwerten: Jede Ressource und Tätigkeit, auch Geld, kann beigetragen werden, um gemeinsam zu produzieren und zu nutzen, statt jede Tätigkeit und jedes Produkt gegen Geld zu tauschen. Es geht um Entkoppelung von der Geldlogik.
→ Freie Kooperation: Freier Ressourcenzugang (»Frei wie in Freiheit und nicht wie in Freibier«, wie Richard Matthew Stallman sagt), weder Gruppenzwang noch anordnende Autoritäten, sondern Selbstorganisation.
Wenn wir also eine Produktionsweise bezeichnen wollen, die aus Gemeingütern nicht nur schöpft, sondern sie auch reproduziert, und die sich nicht nur komplementär, sondern im Grundsatz verschieden zur kapitalistischen Warenproduktion versteht, dann kommt für mich dieser Begriff ins Spiel: Commons Creating Peer Production! Stefan Meretz hält dazu fest, dass Produkte Commonsform annehmen, wenn sie jenseits von Markt und Staat, weitgehend intrinsisch motiviert, kooperativ-gemeinschaftlich hergestellt werden. Dabei entstehe, so Meretz, »strukturelle Gemeinschaftlichkeit« statt struktureller Konkurrenz.
Und um eines klarzustellen: Nein, – es geht nicht darum, dass alle wieder die eigenen Kartoffeln anpflanzen. Auch jede techno-­fixierte High-Tech-Assoziation greift zu kurz. Vielleicht hilft die Idee der »Wide-Tech«. Sie bezeichnet in meinem Verständnis die Nutzung von Techniken, die sich von uns begreifen lassen, reparierbar sind, an die ökologischen und sozio-ökonomischen Verhältnisse angepasst bleiben und gemeinschaftlich produziert werden können. Ohne gigantische Infrastrukturen. Ohne gigantische Investitionen. Beispiel dafür gibt es überall – nicht nur in dieser Oya-Ausgabe.
 

Kristallisationskeime einer enkeltauglichen Gesellschaft
Jede Commons-Diskussion wird im Handumdrehen mit der Frage konfrontiert, wie das, was »im kleinen Maßstab funktioniert« auf höhere Ebenen transportiert werden könne. Manches Mal habe ich auf diese Frage irritiert reagiert – schließlich wird sie gern als Totschlagargument benutzt. (»Ja ja, kennen wir. Geht im Kleinen, aber nicht im Großen. Vielen Dank. Abtreten bitte! Wenden wir uns lieber den politisch relevanten Fragen zu.«) Erst als mir klar wurde, dass die Frage nach dem »Hochskalieren« selbst Ausdruck des hierarchischen Denkens ist und somit aus der Commons-Perspektive gar nicht schlüssig beantwortet werden kann, konnte ich ihr gelassener begegnen. Unsere Herausforderung ist nicht, hochzuskalieren, sondern zu zeigen, dass sich Prinzipien und Muster des Commonings in der Fläche entfalten – potenziell in die ganze Gesellschaft hinein. Nicht von oben nach unten oder von unten nach oben, sondern in lebendigen Netzwerken. Die durch Commoning geschaffenen Eigenschaften und Fähigkeiten eines Netzwerks, so die These des Neurobiologen Jacques Paysan, könnten »wie Kristallisationskeime in einem gesellschaftlichen Kristallgitter« wirken. Neuankömmlinge integrieren sich – sofern die Grundideen und vorgefundenen Strukturen in ihnen Resonanz erzeugen – in existierende Organisationsprinzipien. Dann beginnen sie, diese Strukturen mitzugestalten, so dass der Kristall wächst. Dabei gehen die innovativen Kristalli­sationskeime im wachsenden Gefüge auf, ohne einen neuen »Zentralisationspunkt« zu bilden und ohne hierarchische Spuren zu hinterlassen. Das System wächst. •

 

 

Silke Helfrich (45) ist in der Entwicklungspolitik engagiert und leitete mehrere Jahre das Regionalbüro der Heinrich-Böll-Stiftung in Mexico City. Sie fördert international den Diskurs über das Paradigma der Commons.

Hier gibt es teilbares Wissen zum Commoning:
Silke Helfrich und Heinrich Böll Stiftung (Hrsg.): Commons. Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat. transcript, 2012 • Silke Helfrich (Hrsg.): Wem gehört die Welt? – Zur Wiederentdeckung der Gemeingüter. oekom, 2009

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