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Wie entsteht Gesundheit?

Von der Krankheitsorientierung zur Bildung von Gesundheit: Forschungsansätze zur Salutogenese

von Theodor Dierk Petzold , erschienen in 02/2010

Das Schlagwort »Salutogenese« ist in Diskussionen über ein positives Gesundheitsverständnis immer öfter zu hören und zu lesen. Doch was verbirgt sich dahinter?

Salus bedeutet auf Latein »Gesundheit«, ­Genesis im Griechischen »Geburt, Entstehung«. Salutogenese ist demnach die Frage, wie Gesundeit entsteht – letztlich die Kernfrage eines jeden Medizinsystems. »In der Wissenschaft ist die ­Fragestellung wichtiger als spezielle Antworten«, schrieb vor gut dreißig Jahren Aaron Antonovsky, der den Begriff »Salu­to­genese« prägte. Er fasste damit alles Ringen um Antworten auf die Frage, wie Gesundheit entsteht, zusammen. Seine Antworten hat er in Interviews mit Frauen gesucht, die trotz erlebten Horrors in Konzentrationslagern der Nazis noch dreißig Jahre später sowohl psychisch als auch körperlich gesund waren. Neugierig und offen fragte er sie, wie sie es geschafft hätten, sich trotz ihres schweren Schicksals gesund zu entwickeln. Aus diesen Interviews entwickelte Antonovsky seine Hypothesen zur Salutogenese. Er kam zu dem Ergebnis, dass Gesundheit wesentlich von einem Sinn für Stimmigkeit im Innen und Außen abhängt. Für diese Stimmigkeit wählte er den Begriff »Kohärenz«. Ein Kohärenzgefühl beschreibt er als »Vertrauen mit globaler Orientierung«. Es wird von drei Komponenten gebildet: Handlungsfähigkeit, Gefühl der Bedeutsamkeit und Verstehbarkeit.

Im Jahr 2005 wurde für die Bundesregierung ein Sachverständigengutachten für die Beurteilung der Forschungen zur Salutogenese erstellt. Man kam zu dem Ergebnis, dass die Hypothese statistisch wissenschaftlich nichts Haltbares oder Neues in Bezug zu körperlicher Gesundheit zu bieten habe. Dies bezog sich allerdings allein auf quantitative Forschungen mit dem Fragebogen und den begrifflichen Konzepten von Antonovsky. Diesbezüglich waren die Ergebnisse tatsächlich unbefriedigend. Ganz anders, wenn man mit anderen Messinstrumenten der salutogenetischen Frage nach der Entstehung von Gesundheit nachgeht.

Forschungen mit Weitblick
Besonders hervorzuheben ist der Heidelberger Forscher Ronald Grossarth-Maticek. Ihm war zum einen wichtig, der Komplexität des menschlichen Lebens annähernd gerecht zu werden – im Unterschied zu der oft monokausalen Forschung der Universitätsmedizin, die vor der Komplexität kapituliert. Zum anderen lag ihm an einer hohen Beweiskraft seiner Forschungen. Deshalb hat er in seinen umfangreichen Arbeiten das umgesetzt, wovon andere Spitzenwissenschaftler allzu oft nur reden: Er hat prospektive Interventionsstudien mit Langzeitbeobachtung und vielen Parametern durchgeführt, so dass er die Effekte verschiedener Faktoren auf die Gesundheitsenwicklung einschätzen konnte.

Grossarth-Maticek konnte zeigen, dass es unterschiedliche Positivfaktoren für Gesundheit gibt, die unterschiedliche Bedeutung haben; dass ein alleiniger Faktor nur sehr geringe positive Wirkung hat; dass ein Zusammenspiel mit anderen Faktoren seine Bedeutung vervielfachen kann. Als stärkster positiver Einzelfaktor erwies sich eine »gefühlsmäßig spontane Gottesbeziehung«. Grossarth-Maticek grenzt diesen Faktor gegen eine Gottesbeziehung aus »Pflicht und Zwang« ab. Dieser Positivfaktor war auch der stärkste synergiebildende Faktor: Aus einer Gruppe von Probanden, bei denen dieser Aspekt fehlte, wohl aber alle anderen vierzehn Positivfaktoren vorhanden waren, lebten 1993 nur noch 23,8 Prozent gegenüber 93,9 Prozent aus der Gruppe, in der zusätzlich der »positive Glaube« hinzukam. Die anderen vierzehn untersuchten Positivfaktoren waren Aspekte, die das Verhalten und die Einstellung des Menschen betreffen, also subjektiv und kulturell beeinflussbare Variable. Die Bedeutung dieser Forschungen ist in ihrer Tragweite kaum zu überschätzen.

Autonomietraining
Aus der Erkenntnis von zusammenwirkenden Faktoren für Gesundheit und Krankheit stellt sich nun die Frage nach einer Steuerung dieser lebendigen Dynamik. Grossarth-Maticek ging schon früh von der Vorstellung eines sich in weiten Teilen selbst gesund regulierenden Organismus aus, der autonom emotional-kognitiv gesteuert wird – im Unterschied zum damals üblichen linearen mechanistischen Denken, das als Konsequenz eine technisch manipulierende Medizin produziert. Mit seinem Konzept von der Selbstregulation hat Grossarth-Maticek das »Autonomietraining« entwickelt. Es ist eine Gesprächsmethode zur Anregung der Selbstregulation, die er von 1973 bis 1978 mit 784 Personen durchführte – in der Regel ein bis fünf Sitzungen. Die Personen wurden per Zufallsmethode ausgewählt.

Anschließend hat er die Personen in größeren Abständen, zuletzt nach zwanzig bis fünfundzwanzig Jahren, nachuntersucht. Er verglich jeweils eine Kontrollgruppe, die nicht behandelt worden war, mit der Gruppe der therapierten Menschen. Dabei ergaben sich großartige Ergebnisse. Nur 2,5 Prozent der Menschen in der Therapiegruppe starben an Krebs im Gegensatz zu 4,0 Prozent in der Kontrollgruppe. Bei der Häufigkeit von chronischen Krankheiten war das Verhältnis 7,6 Prozent in der Therapiegruppe zu 12,7 Prozent bei der Kontrollgruppe. Auch die Hoffnung auf die Zukunft, die sozialen Beziehungen, die Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten und vieles mehr hatten sich deutlich verbessert. Im Autonomietraining konnten die Menschen offenbar lernen, sich selbst besser wahrzunehmen und ihre Wahrnehmung wichtigzunehmen. Das führte dazu, dass sie sich selbst besser regulieren konnten, also in der Lage waren, durch Eigenaktivität Wohlbefinden, Sicherheit, Lust, Sinnerfüllung und Entwicklung herzustellen.

»Im Jahr 2000 sind ca. 85 Prozent der Kon­trollgruppe verstorben, in der Interventionsgruppe aber erst 55 Prozent – ein dramatischer Effekt einer 30 Prozent niedrigeren Sterberate in der Interventionsgruppe, die das Autonomietraining erhalten hatte«, schreibt der Mannheimer Professor für psychologisch-statistische Methodik Werner Wittmann in seinem Vorwort zum 2008 erschienenen Buch von Grossarth-Maticek über »Synergetische Präventivmedizin«. Zum Abschluss stellt er die Frage zur Diskussion: »Wie ist es möglich, dass eine doch relativ kurze, aber intensive Intervention wie das Autonomietraining solche langfristigen Effekte entfaltet?«

Eine wichtige Erkenntnis aus der Hirnforschung erklärt die Wirksamkeit des Autonomietrainings und der salutogenen Kommunikation. Es gibt in unserem Gehirn zwei zunächst unabhängig voneinander arbeitende Motivationssysteme: das Annäherungssystem, das mit dem Lustzentrum verbunden ist, und das Vermeidungssystem, das aktiviert wird, um Unlust stiftende Gefahren zu vermeiden. Für das Leben brauchen wir beide Systeme. Aber das Annäherungssystem ist die Basis. Wenn das Vermeidungssystem längerfristig stärker aktiviert ist, überwiegt die Angst, und bei gleichzeitigem schwachem Annäherungsmodus besteht erhöhte Gefahr einer Depression. Sprechen wir von Krankheiten, aktivieren wir das Vermeidungssystem, sprechen wir über attraktive Gesundheitsziele, aktivieren wir das Annäherungssystem und damit die Eigenaktivität. Beide Systeme müssen förderlich zusammenwirken. Das ist ein wichtiger Fokus der »salutogenen Kommunikation«, die aus dem Autonomietraining entwickelt wurde. Aufbauend auf diesen Erkenntnissen sind in Kooperationen des Zentrums für Salutogenese mit den Universitäten Göttingen und Heidelberg neue prospektive Interventionsstudien geplant. Wenn eine konsequent salutogenetische Ausrichtung der Kommunikation die gesunde Entwicklung der Menschen fördert, sollte diese natürlich nicht nur in der Medizin praktiziert werden, sondern überall im Leben. Besonders auch in Hinblick auf eine gesunde Entwicklung von jungen Menschen sollte sie in Kindergärten und Schulen angewendet werden.

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