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Neue Nachbarschaften braucht das Land

In der Singlestadt Frankfurt am Main lebt jeder Zweite allein in seiner Wohnung. Viele fühlen sich isoliert und einsam – besonders die älteren Bürger. Doch diese Schieflage könnte sich ändern: Schon in 15 Stadtteilen haben sich Nachbarschaftsnetze zur gegenseitigen Hilfe und gemeinsamen Lebens­gestaltung gebildet. Wolfram Nolte sprach mit Hildegard Bradt, die in den Nachbarschaftsnetzen den Beginn einer neuen ­Kultur des Miteinanders erkennt.

von Hildegard Bradt , Wolfram Nolte , erschienen in 19/2013

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© Foto: privat

Frau Bradt, Sie sind schon seit einigen Jahren im Ruhestand – aber in einem sehr bewegten. Ihre Leidenschaft gilt dem Engagement für eine aktive Bürgergesellschaft. Seit fast 20 Jahren setzen Sie sich für ein gutes nachbarschaftliches Leben ein. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, das »Netzwerk Neue Nachbarschaften« ins Leben zu rufen?


1993 war ich noch als Sozialpädagogin und Gemeinwesenarbeiterin in der Seniorenarbeit tätig und initiierte das selbstgesteuerte Frauennetzwerk »Neue Wege ins Alter«.
In Seminaren, Veranstaltungen und Befragungen zum Thema »Lebensentwürfe für das Alter – was uns ängstigt, was uns hoffen lässt« haben viele Menschen als ihre größte Angst die Furcht vor Vereinsamung und sozialer Isolation formuliert. Folgerichtig initiierten wir 1994 ein generationenübergreifendes Wohnprojekt »Anders leben – anders wohnen«. In diesem Prozess, von der Entstehung der Idee bis zum Einzug, wurde mir bewusst, dass nicht für alle, die eingebunden leben wollen – und wer will das nicht? –, neu gebaut werden kann. Es war also eine ökologische und ökonomische Alternative nötig. So entstand die Idee, sich dort zu vernetzen, wo man bereits wohnt: im vertrauten Quartier. Man muss nicht unter einem Dach wohnen, denn mit fußläufigen Vernetzungen lassen sich die gleichen Ziele erreichen. So kam es zur Vision, dass nach und nach überall in Frankfurt fußnahe Nachbarschaftsnetze entstehen mögen.

Und diese Vision wird zunehmend Wirklichkeit. Wie konnte das gelingen?
 

Das Netzwerk »Neue Wege ins Alter« gab 2008 den Impuls dazu. Die ersten sechs Stadtteilgruppen entstanden bei einer Veranstaltung zum Thema Lebensentwürfe. Während einer Kaffeepause wurden Namensschilder von Frankfurter Stadtteilen auf die Tische gestellt und die Besucher gebeten, sich entsprechend zu setzen. Sofort waren alle an den jeweiligen Tischen mitein­ander im Gespräch. Daraus entstand unser Plenum, das gemeinsame Ziele entwickelte, einen Flyer formulierte usw. Danach fanden Treffen in den Stadtteilen statt; das gemeinsame Plenum blieb für Information, Kommunikation, Konsensbeschlüsse und zur Bildung von Aufgabengruppen erhalten.
Um mehr Menschen zu erreichen, bildeten einige die sogenannte Karawane, die auf Stadtteilebene Veranstaltungen organisiert und zu einem Gründungstreffen einlädt. Die auf diese Weise neu entstehenden Netzwerkgruppen werden von der Karawane so lange, wie es gewünscht wird, begleitet. Dann zieht sie weiter in einen anderen Stadtteil. Da alle Stadtteilgruppen einen monatlichen Erfahrungsaustausch organisieren, stehen die anderen den neuen mit Rat und Tat weiterhin zur Seite.


Womit beschäftigen sich die Nachbarschaften? Was hält sie zusammen?

Jede Gruppe entscheidet für sich, wie oft sie sich treffen will, und gestaltet gemeinsam die Inhalte ihrer Treffen. Sie berät auch darüber, wer die Gruppe beim monatlichen Plenum vertritt und wie das Gesamtnetzwerk bei seinen Aufgaben unterstützt werden kann.
Meist gibt es mehrmals im Monat Treffen zur gemeinsamen Lebensgestaltung, zum Beispiel Themen-Brunch mit biografischen Themen oder gesellschaftlichen Fragen, etwa »Resilienz in Krisensituationen«. Die Gruppen treffen sich zur Kaffeetafel, zum Stammtisch, machen Wanderungen, Ausflüge oder Ferien, Stadtteilbegehungen, gemeinsame Jahreszeitenfeste, Museumsbesuche, backen und kochen zusammen. Besonders wichtig sind auch die Kreativ-Tage, wo alle ihre Talente, beispielsweise Musizieren, kreatives ­Schreiben, Malen, Massagen etc., einbringen können.
Alle diese selbstorganisierten Aktivitäten sind wichtig, weil neben dem Spaß daran, gemeinsam etwas zu tun, auch Vertrauen und Verbundenheit entstehen.

Das interessiert mich. Wie entsteht aus den vielen Ichs ein neues Wir? Kann man tatsächlich schon von einer neuen Kultur des Miteinanders sprechen?


Das ist unser großes Ziel, darauf arbeiten wir hin. Das wird auch deshalb immer dringlicher, weil auch für die heute Jungen in Zeiten des demografischen Wandels und der durchlöcherten Sozialkassen eine sozia­le Vernetzung zur Altersvorsorge gehören muss.
Ein neues Miteinander ist am Entstehen. Das Vertrauen wächst von selbst durch näheres Kennenlernen, gemeinsame Interessen und die gemeinschaftlichen Unternehmungen. Aber auch dadurch, dass man sich bei der Alltagsbewältigung aufeinander verlassen kann, etwa was die Versorgung der Wohnung während des Urlaubs, das Hüten der Nachbarskinder, die gegenseitige Unterstützung im Krankheitsfall, die gemeinsame Autofahrt zum Einkaufen oder Hilfe bei der Gartenarbeit etc. anbelangt.

Ist das wirklich so einfach? Gibt es nicht auch Schwierigkeiten, etwa, dass Nachbarn sich nicht verstehen?


Natürlich gibt es das. Nachbarschaftsgruppen können zu heterogen sein, es bildet sich zu wenig Gemeinsamkeit heraus, es fehlt an »sozialem Kitt«. Dann können sie misslingen, oder es entstehen mehrere Gruppen mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Letzteres sehe ich positiv, denn es sollen ja viele kleinräumige Netze entstehen.
Auch die Integration neuer Mitglieder stellt die Gruppen immer wieder vor neue Herausforderungen. Lernbedarf besteht auch im Umgang mit Konflikten. Demnächst findet ein Wochenende mit Begleitung statt: »Gelingende Kommunikation in selbstgesteuerten Netzwerken« – mit Ansätzen aus den Methoden der »Gemeinschaftsbildung« nach Scott Peck, dem »Dialog« nach David Bohm und der »gewaltfreien Kommunikation« nach Marshall Rosenberg. 

Wer beteiligt sich in den Nachbarschaftsgruppen? Sind es vor allem bedürftige Senio­rinnen und Senioren?


Wir sind zur Zeit rund 250 Frauen und Männer ab 45 Jahren aus allen gesellschaftlichen Schichten, die sich nicht nur nach Wohnort vernetzen, sondern auch nach Projekten, Interessen und Aufgaben. Allerdings sind momentan nur zu knapp 10 Prozent Männer dabei.


Woran liegt es, dass bis jetzt hauptsächlich Frauen ab 45 in den Gruppen aktiv sind?

Eine genaue Analyse kann ich leider nicht bieten. Es kann eine Rolle spielen, dass wir Frauen lebenslang Vernetzungen brauchten und gepflegt haben, um Kinder, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Außerdem wurde früher »Beziehungsarbeit« eher von Frauen übernommen. Natürlich, alt wird man von ganz alleine, aber wie man alt wird, darauf kommt es an. Darum haben wir schon 20 Jahre lang das (Frauen-)»Netzwerk Neue Wege ins Alter« geknüpft. Viele ­haben auch Erfahrungen in der Frauen-, Friedens- und Ökologiebewegung gesammelt und wollen selbst anders alt werden als ihre Mütter und Großmütter.

Wie können mehr Männer und junge Leute einbezogen werden?
 

Ob wir die Jüngeren, mehr Männer und Menschen mit anderem kulturellem Hintergrund für eine Vernetzung gewinnen können, hängt von unseren künftigen Aktivitäten in den Stadtteilen ab. Dies gelingt uns leider erst punktuell. Wir sind überzeugt, dass von uns Alten Neues ausgeht. Denn durch uns sind wichtige Ressourcen für eine gelingende Gemeinschaft im Quartier vorhanden: Zeit, vielfältige Kompetenzen, Berufs- und Lebenserfahrung, gepaart mit Gestaltungswillen für eine zukunftsfähige Gesellschaft.
Ja, was kann man tun? Die Nachbarschaftsnetze weiter ausbauen, so dass jede und jeder in einen Kreislauf von Geben und Nehmen kommt. Durch den jetzt beginnenden Themenstammtisch – den verdanken wir übrigens einem Impuls von Oya – laden wir öffentlich in der Innenstadt ein, »Stadt neu zu denken«. Interessante Aspekte sind zum Beispiel internationale Gärten, essbare Städte, die Transition-Town-Bewegung, Vernetzung von Stadt und Land …


Schaffen die Nachbarschaften das alles aus eigener Kraft, oder finden sie auch Unterstützung in lokalen Organisationen?


Der Altenhilfeträger »Frankfurter Verband« konnte als unser Kooperationspartner gewonnen werden. Er stellt die Rahmenbedingungen zur Verfügung: Finanzierung der Netzwerkmoderation, eines Netzwerkbüros sowie Flyer, kostenlose Mitnutzung aller Räume stadtweit – ohne inhaltliche Einmischung. Ansonsten tragen die Gruppen sich selbst. Essen und Trinken wird mitgebracht, Mietkosten entstehen ja nicht. Gibt es dar­über hinaus Kosten, werden sie umgelegt. Einige Gruppen sammeln jeden Monat 3 bis 5 Euro pro Person dafür ein.
Mietfreie Räume sind eine wesentliche Voraussetzung für Bürgerengagement. Deshalb erheben wir die Forderung, dass alle Institutionen, Verbände usw., die Steuergelder erhalten, bürgerschaftlich orientierten Gruppen kostenlos stundenweise Räume zur Mitnutzung zur Verfügung stellen, denn ohne Bürgerbeteiligung werden die kommenden gesellschaftlichen Probleme nicht zu lösen sein.

Sind nachbarschaftliche Netze nur eine Frankfurter Option, oder haben sie auch in anderen Städten eine Zukunft?


Auf jeden Fall auch in anderen Städten! Das Thema nachbarschaftliche Vernetzung wird vielerorts diskutiert. So kommen Vertreter von Städten und Verbänden zu uns, um sich zu informieren, und ich werde von vielen Städten und Organisationen eingeladen, um unser Konzept vorzustellen. Ich glaube, dass das Wissen der vielen, die Kreativität der einzelnen und das gemeinsame Engagement eine große Zukunft haben. •

 

 

Hildegard Bradt (71) ist gelernte Großhandels­kauffrau, arbeitete als Gemeinde- und Sozialpäda­gogin und wirkt heute als Netzwerkmoderatorin.

Lust auf neue Nachbarschaft?
www.neue-nachbarschaften-ffm.de