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Ich fühle, also bin ich

Wir müssen unsere Beziehung zu den nicht-menschlichen Tieren ändern.

von J. M. Coetzee , erschienen in 19/2013

Bild

© Foto: Dagmar Logie

Ganz offensichtlich ist in der Beziehung zwischen dem Menschen und den anderen Tieren etwas schrecklich schiefgegangen; und was da falsch läuft, ist in den letzten hundert oder hundertfünfzig Jahren – seit sich die traditionelle Tierhaltung in eine Industrie mit industriellen Produktionsmethoden verkehrt hat – unbeschreiblich viel schlimmer geworden.
Wir können eine lange Liste erstellen, wo überall unsere Beziehung zu den Tieren falsch läuft. Doch, gemessen an den davon betroffenen Tierleben, wird all dies in den Schatten gestellt von der Nahrungsmittelindustrie, die Tiere zu dem verarbeitet, was sie schönfärberisch als »Tierprodukte« – Tierprodukte und tierische Nebenprodukte – bezeichnet.
Mit gutem Grund erheben Tierrechtsorganisationen deshalb zunehmend ihre Stimme für die Opfer der Lebensmittelindustrie, die sich selbst nicht zu Wort melden können, und gehen verstärkt gegen Massentierhaltung vor, ohne dabei Praktiken wie Tierversuche oder den Handel mit Wildtieren oder Pelzen zu ignorieren, die wir ebenfalls als grausam und unmenschlich bezeichnen könnten, wenn nur das Wort »unmenschlich«  nicht so unzutreffend für diese allzumenschlichen Praktiken wäre.
Wer diese Zeilen liest, dürfte die Kritik an Industriezweigen, die Tiere als Rohstoffe nutzen, ohnehin teilen. Dann gibt es einige wenige hoffnungslose Fälle, die haargenau wissen, was in der Massentierhaltung vor sich geht, und die auch das philosophische Für und Wider kennen, und trotzdem weiter behaupten, diese Praktiken seien gerechtfertigt und bräuchten nicht verändert zu werden. Und dann ist da noch die überwältigende Mehrheit jener, die die industrielle Tierverwertung teilweise unterstützen, indem sie die Produkte dieser Industrie konsumieren, auch wenn sie beim Gedanken daran, was in Tierfabriken und Schlachthöfen vor sich geht, eine gewisse Übelkeit, ein leichtes Unwohlsein überkommt. Folglich richten sie sich ihr Leben so ein, dass sie so wenig wie möglich an Tierhaltung und Schlachthöfe erinnert werden, und sie tun, was sie können, um auch ihre Kinder darüber im Dunkeln zu lassen, denn wie wir alle wissen, sind Kinder zartfühlend und empfindsam.
Vom Schlachthof zum Todeslager
Seit Tiere im späten 19. Jahrhundert zu Produktionseinheiten degradiert wurden, haben wir schon einmal die denkbar drastischste Warnung erhalten, dass es ein bodenloses und himmelschreiendes Unrecht ist, Mitwesen als bloße Einheiten – welcher Art auch immer – anzusehen und zu behandeln. Diese Warnung war so eindringlich und unmissverständlich, dass man meinen möchte, sie sei nicht zu überhören gewesen: Mitte des 20. Jahrhunderts kam eine Gruppe mächtiger Männer in Deutschland auf die »geniale« Idee, die in Chicago entwickelten und perfektionierten Methoden der industriellen Viehhaltung, auf die Schlachtung – oder die »Verarbeitung« – von Menschen anzuwenden.
Als wir davon erfuhren, riefen wir freilich entsetzt: »Was für ein schreckliches Verbrechen, Menschen wie Vieh zu behandeln! Hätten wir nur früher davon gewusst!« Richtiger hätte unser Aufschrei lauten sollen: »Was für ein schreckliches Verbrechen, Menschen wie Einheiten eines industriellen Prozesses zu behandeln!« Und diesem Aufschrei wäre ein Postskriptum hinzuzufügen gewesen: »Was für ein schreckliches Verbrechen es im Grunde doch ist, Lebewesen wie Einheiten eines industriellen Prozesses zu behandeln!«
Ich will die traditionelle Tierhaltung gar nicht als Ideal hochhalten, dem die Tierverarbeitungsindustrie nicht gerecht wird – ich glaube, es gibt einen anderen, besseren Maßstab, den wir hier anwenden können: den Maßstab der Menschlichkeit und das, wozu Menschlichkeit imstande wäre; aber dies soll hier nicht Thema sein.
Tierschutzorganisationen arbeiten für eine Verbesserung der Lebensbedingungen von Tieren. Manche Gruppen setzen sich längerfristig für eine Abschaffung der Massentierhaltung ein. Im Fall der Tierrechtsorganisation »Voiceless« geschieht dies weniger durch Protestaktionen als durch Bewusstseinsarbeit. Sie appelliert an die große Mehrheit der Öffentlichkeit, die weiß und auch wieder nicht weiß, dass da etwas Schreckliches im Gang ist, etwas, das zum Himmel stinkt. So abscheulich ist dieser Gestank, dass die meisten Menschen nicht erst lange überzeugt werden müssen. Das größere Problem ist, Menschen so zu überzeugen, dass sie auch ihren Lebensstil ändern. Denn, mit den Beweisen konfrontiert, sagen viele leichtfertig: »Ja, schrecklich, wie eine Zuchtsau lebt« oder: »Ja, schrecklich, wie ein Schlachtkalb lebt« oder: »Ja, schrecklich, wie ein Masthuhn lebt« – gefolgt von den verheerenden Worten, meist begleitet von hilflosem Achselzucken: »Aber was kann ich schon dagegen tun?«
Und hier kommen Tierrechtsorganisationen ins Spiel: Ihre Aufgabe ist es, solchen Menschen fantasievolle und prakti­kable Alternativen anzubieten, zu denen sie greifen können, nachdem sie sich empört haben, weil sie einen flüchtigen Blick auf das Leben und Sterben industriell gehaltener Tiere erhascht haben.
 

Massentierhaltung ist nicht zu rechtfertigen
Die Massentierhaltung ist ein junges, ein sehr junges Phänomen in der Geschichte der Nutztierhaltung. Die gute Nachricht ist, dass die Industrie nach ein paar Jahrzehnten, die den verantwortlichen Geschäftsleuten als eine unbegrenzte Wachstums­phase erschienen sein müssen, in die Defensive gedrängt wurde. Dank der Aktionen von Tierrechtsorganisationen liegt die Beweislast zur Rechtfertigung ihrer Praktiken inzwischen bei der Industrie; und da ihre Praktiken durch nichts zu vertreten und zu rechtfertigen sind – es sei denn durch Ökonomismus der engstirnigsten Art (»Wollen Sie etwa wirklich 1 Dollar 50 mehr für ein Dutzend Eier bezahlen?«) –, hat die Industrie inzwischen die Schotten dicht­gemacht und hofft, der Sturm werde sich von selbst legen. Falls es einen Krieg der Werbekampagnen gegeben hat, so hat ihn die Industrie bereits verloren.
Tierrechtsorganisationen haben die Aufgabe, Durchschnittsverbrauchern zu zeigen, dass es Alternativen zur Tierverarbeitungsindustrie gibt, dass diese Alternativen keine Opfer für Gesundheit und Ernährung bedeuten, dass sie nicht kostspielig sein müssen und dass das, was wir in diesem Zusammenhang als »Opfer« bezeichnen, gar keine Opfer sind – die einzigen Opfer bei der ganzen Sache werden von den nicht-menschlichen Tieren erbracht.
Insofern sind Kinder unsere größte Hoffnung. Kinder sind weichherzig, das heißt: Kinderherzen sind noch nicht verhärtet, weil sie nicht jahrelang auf grausame und unnatürliche Weise malträtiert wurden. Wenn man sie lässt, durchschauen Kinder die Lügen, die ihnen von Werbefachleuten aufgetischt werden, von selbst (die fröhlichen Hühnchen, die schmerzlos in wohlschmeckende Nuggets verwandelt werden, die freundlich lächelnde Muh-Kuh, die uns ihre kostbare Milch spendet). Ein Blick in einen Schlachthof reicht aus, um ein Kind zum lebenslangen Vegetarier zu machen.
Die entscheidende Schlacht im Kampf gegen das Übel der Tierverarbeitungsindustrie wird um die Herzen und Köpfe der jungen Menschen geführt, und diese Schlacht ist leicht zu gewinnen. Denn welche Prominenten werden schon so dumm sein, sich dieser Industrie anzudienen, um das Glück der Käfigsau oder die Freuden des Broiler­huhns (englisch »to broil«, auf einem Rost braten – Oxford English Dictionary) zu besingen? Deshalb ist es absolut richtig, dass Tierrechtsorganisationen ihre Aufmerksamkeit so stark auf Kinder richten.
Es ist schon ein seltsames Unterfangen, für das wir – die Tierrechtsorganisationen mit ihren aktiven Unterstützerinnen und Unterstützern und die Menschen in aller Welt, die deren Anliegen mittragen – uns da engagieren: Denn die Mitgeschöpfe, in deren Namen wir aktiv werden, wissen gar nicht, was wir da eigentlich tun, und sie werden es uns aller Wahrscheinlichkeit nach auch nicht danken, falls wir erfolgreich sind. In gewisser Weise wissen sie nicht einmal, was hier falsch läuft. Und mit Sicherheit wissen sie nicht auf dieselbe Weise, wie wir wissen, was hier falsch läuft. Wir mögen uns unseren Mitwesen ganz nahe fühlen, wenn wir uns für sie einsetzen, und doch bleibt dies von Anfang an ein rein menschliches Unterfangen.
Dabei bedienen wir uns zunehmend jener einen Fähigkeit, in der wir den Tieren tatsächlich überlegen sind: der Gabe des ab­strakten Denkens. Ich bin überzeugt davon, dass unsere Zeit rückblickend als eine Epoche betrachtet werden wird, in der wir unser Denken über die Beziehung zwischen den menschlichen und den nicht-menschlichen Lebewesen auf einer Reihe von Gebieten entscheidend weiterentwickelt haben: von der Philosophie des Geistes über die Ethik bis hin zur Jurisprudenz.
Tiere haben keine Stimme, wir müssen ihnen unsere leihen
Lange waren es vor allem zwei Gruppen, die ihre Stimme zur Verteidigung der Tiere erhoben: einerseits Philosophen, andererseits Tierschützerinnen und Tierrechtsaktivisten. Es ist ermutigend, dass in in den vergangenen Jahren eine dritte Gruppe das Feld betreten hat: Anwälte.
Inzwischen gibt es eine Fülle an Konferenzen und Symposien über den rechtlichen Stellenwert von Tieren, Seminare über Tierrechte an juristischen Fakultäten und zahlreiche einschlägige Bücher und Artikel. Philosophen strotzen vor Ideen, Aktivisten vor Tatendrang. Anwälte fügen dem eine dritte, notwendige Qualität hinzu: Sie sind scharfsinnig und Experten darin, Wege zu finden, wie sich Ideen mit maximaler Wirkung in die Praxis umsetzen lassen. Denker, Anwälte und Aktivisten ergeben ein hervorragendes Team.
Wie sollte es uns angesichts dieser gebündelten intellektuellen Energie in Verbindung mit der Tatkraft von Tierrechts­organisationen wie »Voiceless« nicht gelingen, etwas an dem traurigen, jämmerlichen und selbstsüchtigen Umgang des Menschen mit den anderen Tieren zu verändern? Es ist schlichtweg unvorstellbar, dass Gerechtigkeit und Mitgefühl letztlich nicht triumphieren ­sollten. 

 

Aus dem Englischen übersetzt von Matthias Fersterer.

 

© J. M. ­Coetzee, 2007. All rights reserved. Used by permission of the Peter Kampack Agency, Inc.
Bearbeitete Fassung einer am 22. Februar 2007 gehaltenen Rede anlässlich der Ausstellungseröffnung »Voiceless: I feel therefore I am« in Sydney sowie eines Grußworts zur Verleihung der Voiceless Awards am 3. Dezember 2007, beide Male verlesen vom Schauspieler Hugo Weaving. J. M. ­Coetzee ist Schirmherr der australischen Tierrechtsorganisation »Voiceless«.

John Maxwell Coetzee (72) wuchs bei Kapstadt auf. Nach dem Studium der Literatur und Mathematik arbeitete er als Programmierer, ­bevor er als Literaturwissen­schaftler, Übersetzer, Essayist und Romancier hervortrat. Während der Apartheid wurden seine Romane wegen ihrer ­gesellschaftskritischen Inhalte von der südafrikanischen Zensurbehörde argwöhnisch beäugt, ­wegen ihres literarischen Anspruchs jedoch als nicht massentauglich und somit nur bedingt ­bedenklich eingestuft. Bis 2000 war Coetzee ›­Distinguished Professor of Literature‹ an der Universität Kapstadt. Seit 2002 lebt er in Australien, 2007 nahm er die australische Staatsbürgerschaft an. Als erster Schriftsteller wurde Coetzee zweimal mit dem Booker Prize ausgezeichnet. 2003 ­erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Sein Werk wirft radikal und kompromisslos Fragen nach Moral und Menschlichkeit auf. Insbesondere die Romane »Schande« und »Elizabeth ­Costello« – zu letzterem erschien eine Vorstudie, »Das Leben der Tiere«, gemeinsam mit einem Text des Tierrechtlers Peter Singer – behandeln die Gewalt des Menschen gegen Tiere. J. M. Coetzee zählt zu den bedeutendsten Literaten der Gegenwart. Im Herbst erscheint sein Roman »Childhood of Jesus« in deutscher Übersetzung im S. Fischer Verlag.
www.nobelprize.org/nobel_prizes/literature/laureates/2003/coetzee.html

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