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Im Wald sind keine Räuber

Über den Versuch, das Lernen in der Wildnis auf ein Hochschulprojekt zu übertragen.

von Bastian Barucker , erschienen in 19/2013

Wer ein Studium im Wald beginnt, muss bereit sein, sich auf unmittelbare Erfahrungen einzulassen. Statt einem festgelegten Lehrplan zu folgen, geht es darum, die ­eigene Wahrnehmung zu schulen.

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© Foto: Bastian Barucker

 

Es ist ein sonniger Tag in diesem kalten Wintermonat, und ich folge einer Tierfährte, die sich durch den Wald schlängelt. Seit über neun Monaten lebe ich nun schon mit drei anderen Clanmitgliedern im Wald, und wir lernen, wie wir uns draußen mitein­ander zu Hause fühlen können. Am abendlichen Feuer tauchen regelmäßig mehr Fragen als Antworten auf, und es kommt mir so vor, als würden wir eigentlich nichts lernen. Unser Mentor Tamarack Song gibt uns keinerlei Antworten, sondern ermutigt uns dazu, mit neuen Fragen und Ideen loszugehen und die Spur – die nicht immer eine Fährte sein muss – selbst zu fragen. Aber die Spur sagt mir heute nichts, ich begreife anscheinend nur unendlich langsam. Ungeduld und Ärger steigen auf, weil ein »Lernerfolg« ausbleibt.
Abends bereite ich mein Feuer-Set vor. Viele, viele Male habe ich es nun schon benutzt, und vertrauensvoll beginne ich, Spindel, Bogen, Handgriff und Feuerbrett zu vereinen, um Glut zu entfachen. Das geht mir leicht von der Hand, und bald züngeln die ersten Flammen. Ich bin zufrieden und glücklich darüber, dass ich auch bei minus 20 Grad in kurzer Zeit ein Feuer entzünden kann. Wieviele Male habe ich gekämpft, ­geschwitzt, auf den Drillbogen geflucht, ja sogar geblutet dabei!
Meine Clanmitglieder kommen ans Feuer, und wir bereiten das Abendessen vor. Während ich meinen Fisch koche, das Bärenfett darüber platziere, so dass jeder Tropfen in den Fisch fällt, und zwei Karotten in der Asche des Feuers dünsten, schaue ich mich um. Wir alle führen, ohne es zu merken, vier oder fünf verschiedene Tätigkeiten gleichzeitig aus. Parallel zur Zubereitung von Fisch, Fett und Gemüse legen wir Holz an der richtigen Stelle nach, um ein rauchfreies Feuer zu haben, und jeder erzählt die Geschichte seines Tages. Die anderen hören aufmerksam zu und stellen Fragen. Denise flickt dazu noch ihre Wollunterhosen im Schein des Feuers. Ich bin verblüfft und bemerke, was für unglaubliche Fähigkeiten wir in den letzten »Monden« erworben haben. Vor nicht allzu langer Zeit wussten wir noch nichts über all diese Fertigkeiten. Unmerklich sind wir in sie hineingewachsen, ohne jeglichen Unterricht oder Instruktio­nen. Allein durch die Notwendigkeit und Bedeutsamkeit, die für uns etwa Essen und Wärme haben, sind wir zu kreativen und eigenmächtigen Lernern geworden.
 

Wunderlauch statt Vorlesung
Vier Jahre später sitze ich in einem Kreis mit ungefähr 20 Studentinnen und Studenten der Sozialen Arbeit und meinen Mitstreiterinnen, Dr. Andrea Budde und Annika Mersmann, in der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin. In den nächsten vier Semestern werden wir uns immer wieder treffen, um von der Natur, durch Erfahrung und in Gemeinschaft zu lernen. Ich bin gespannt, ob es möglich ist, auch in diesem Rahmen aus den persönlichen Erfahrungen heraus zu lernen. Oder wird die Seminarsitua­tion vielleicht künstlich bleiben und keine Unmittelbarkeit erlauben?
Wir beginnen einen ersten »Draußen-Tag« mit einer stillen Wanderung zum Versammlungsort und nehmen uns Zeit, um wirklich dort anzukommen. Im anschließenden Redekreis sehe ich, wie sich Gesichter voller Zweifel allmählich entspannen. Der frühlingshafte Wald beschenkt uns mit überwältigenden Mengen an sogenanntem Wunderlauch. Wir sammeln, riechen und schmecken ihn – der erste Tag ist der Wahrnehmung und Aufmerksamkeit gewidmet. Wir üben den Fuchsgang, eine bewusste Art des Schleichens, und den Weitwinkelblick, um Bewegungen auch am Rand des Blickfelds wahrzunehmen. Nach einem Mittagessen im Kreis werden Bäume beklettert, wir spielen und ruhen uns aus. Strahlende Gesichter, lebendige Körpersprache und echte Neugier kommen in der Gruppe auf; alle drücken im Abschlusskreis ihre Freude und Dankbarkeit für diesen Tag aus.
Wir haben die Räume der Hochschule verlassen und auch die Strukturen eines Lehrplans abgelegt. Stattdessen geben wir unsere Vorschläge in den Kreis, zusammen mit den Bedürfnissen und Wünschen aller Beteiligten. Dadurch wird es möglich, spontan auf den Augenblick zu reagieren. Das Ernten und Sammeln des Wunderlauchs wäre uns zum Beispiel beim peniblen Einhalten des ursprünglichen Plans wortwörtlich durch die Lappen gegangen, denn ein paar Wochen später wäre er zu stark ausgewachsen, als dass man ihn noch hätte sammeln können. Die Natur wartet nicht, man muss sich ihr anpassen.
 

Lernen will neu gelernt werden
Wie passt ein Lernen über das Fühlen, Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Imitieren und auch Nachdenken in der Natur zum zivilisierten Hochschulalltag, zu Creditpoints und Semesterwochenstunden?
Die Studierenden werden binnen kurzem süchtig nach den Draußenstunden. »Bitte mehr davon!«, verlangen sie. Das ermutigt uns, als »Lehrende« noch weniger Struktur vorzugeben. Die »Lernenden« sind mitverantwortlich dafür, was sie erfahren und was sie sich aneignen. Dass haltgeben­de Strukturen oder Sicherheit vermittelnde Theorieeinheiten nicht im Fokus unseres Projekts stehen, sorgt bei manchen für Verwirrung und Unmut. Es braucht eine Anpassungszeit, um sich auf das Wagnis des nicht Vorhersehbaren einzulassen. Einige verlassen das Projekt vorzeitig.
Auch während meiner Zeit in der Wildnis war es vorgekommen, dass Teilnehmer von Tamaracks Programm (siehe Oya 5), an bestimmten Schwellen stehend, lieber die Wildnis verließen, als sich auf die Situation einzustellen. Ich beginne zu ahnen, dass nun ähnliche Prozesse ablaufen, in denen wir gemeinsam an Schwellen stoßen, die zunächst unangenehm sind. Einige der Studierenden bringen ihr Gefühl, herausgefordert zu sein, glücklicherweise im Kreis zum Ausdruck – und bleiben. Sie erfahren, dass es anderen ähnlich geht. Mit dem Aussprechen haben sie einen großen Schritt getan und können sich wieder entspannen.
Zum Abschluss des ersten Jahres verbringen wir ein ganzes Wochenende sehr eng und naturnah im Wald. In den drei Tagen werden Laubhütten gebaut, wir üben blindes Laufen im Wald, und es gibt Zeit, sich in kleinen Gruppen zu überlegen, wer welchen Aspekt vertiefen möchte. Am letzten Abend tauschen wir uns wieder über die Erlebnisse aus. Für viele ist es eine bewegende Erkenntnis, dass theoretisch gelerntes Wissen hier draußen nicht anwendbar ist. Es ist ein wichtiger Augenblick, wenn diese Kluft bewusst wird. Denn damit wird es möglich, einzuschätzen, wo jeder und jede einzelne steht und wo es Potenzial für Vertiefung gibt. Bis um Mitternacht sitzen wir beieinander, um Perspektiven einzuholen und Konflikte anzusprechen.
Wieder bin ich an die Zeit meines Waldjahrs erinnert, in der wir oft Stunde um Stunde redeten, um einen Konsens zu finden. Immer wieder fielen wir dabei auf die Nase, weil wir zunächst nicht ehrlich und offen miteinander sprachen, sondern unsere wirklichen Gedanken und Gefühle zurückhielten. Auch an diesem Wochenende ist es so. Nachdem aber alle von Herzen gesprochen haben, entsteht ein Gefühl von Harmonie innerhalb der Gruppe.
 

Der Wald als Spiegel des Lebens
Ein sonniger Morgen erwartet uns am Tag der Abreise. Wir verlassen den Wald, der als Vorbild für offene Lernprozesse fungiert, indem er nicht befiehlt oder erwartet. Er ist einfach da und lebt auf seine Weise; jeder entdeckt in ihm etwas anderes, zu dem er sich hingezogen fühlt. Der Lehrplan ergibt sich hier aus der eigenen Wahrnehmung und aus den Rhythmen der Natur. Wir lassen die Ruhe und Gelassenheit hinter uns, und es ist wie ein Kulturschock, in die Stadt zurückzukommen. Alle tragen noch die Qualität des Walds mit sich und wollen wieder daran anknüpfen. In mir wächst nach diesem Wochenende immer stärker der Wunsch, dass es auch in Schule und Universität normal wird, nicht zu unterrichten, sondern zu begleiten. In der Wildnis haben wir vor allem aus Erfahrung gelernt, ohne unnatürliche Angebote von außen. Wie aber könnte ein lebensnahes Lernen in unserer institutionalisierten Welt möglich werden?
Der große Unterschied liegt darin, Vertrauen zu haben, anstatt zu kontrollieren. Wenn wir Angst haben oder unsicher sind, dann wollen wir planen, strukturieren und manipulieren – in dem falschen Glauben, dass wir besser wüssten, wie und wann Lernen zu geschehen hat. Aber das Reifen der Beeren und das Laichen der Fische lässt sich nicht planen oder kontrollieren. Alles, was in meiner Macht steht, ist aufmerksam und bewusst zu sein, meine Fähigkeiten einzusetzen und darauf zu vertrauen, dass ich bekomme, was ich brauche. Ohne genau zu wissen, wie es geschehen wird. Dann entsteht der Raum für unsichtbares und spontanes Lernen. •


Bastian Barucker (29), Überlebenstrainer und Wildnispädagoge, verbrachte ein Jahr in der Wildnis bei der Teaching Drum Outdoor School in den USA. Er begleitet Menschen bei Wachstumsprozessen durch Natur- und Selbsterfahrung.

Lust auf wilde Naturerfahrung?
www.wildmoon.eu

www.bastian-barucker.de

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