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Mut zu einer ­vertrauensvollen Erziehung

Anke Caspar-Jürgens sprach mit dem ­Psychologen Peter Gray über die Bedeutung von Freiheit, ­Teilen, Gleichberechtigung und Spielen für den Erwerb sozialer Kompetenzen und kultureller Techniken.

von Anke Caspar-Jürgens , Peter Gray , erschienen in 19/2013

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© Foto: privat

Herr Gray, die Demokratische Schule »TING« hat Sie für einen Vortrag aus den USA nach Berlin gebeten. Ich freue mich über diese Gelegenheit zu einem Gespräch. Sie untersuchen Bildung und Erziehung vor dem Hintergrund der Ergebnisse anthropologischer Forschungen und bringen damit geltende Überzeugungen zum Thema »Schule und Lernen« massiv ins Wanken. Was gibt uns die Forschung zum Lernen in indigenen Kulturen zu bedenken?


Fangen wir doch damit an. Das Aufwachsen von Kindern hat sich im Lauf der Menschheitsgeschichte verändert. Wir Menschen waren während 99 Prozent unserer Geschich­te Jäger und Sammler. Bei allen Unterschieden in den Regionen der Welt sind sich die Strukturen der Jäger-und-Sammlergesellschaften doch sehr ähnlich; die Menschen haben ähnliche Wertvorstellungen und ziehen ihre Kinder auf ähnliche Weise groß. Nahezu alle Forscher, die sich mit Jägern und Sammlern beschäftigten, benennen Freiheit, Teilen und Gleichberechtigung als deren Grundwerte. Und das prägt uns im Grund bis heute.

Was die aktuelle Forschung auch bei unseren Kleinsten feststellt: Vor die Wahl gestellt, entscheiden sich schon Halbjährige für kooperatives Verhalten. Mit zunehmendem Alter passen sie sich dann leider dem konkurrenzorientierten Umfeld an.


Ja, allerdings gelten diese Werte in den ursprünglichen Gesellschaften erheblich umfassender als in modernen demokratischen Kulturen. So ist der Freiheitssinn der Jäger und Sammler derart ausgeprägt, dass sie es ablehnen, einander zu sagen, was sie tun sollen. Sie verzichten sogar darauf, einander ungebetene Ratschläge zu erteilen, um den Eindruck zu vermeiden, in die Freiheit des anderen einzugreifen – und das gilt auch den Kindern gegenüber! Und zum Teilen: In solch einem Kollektiv von 20 bis 50 Menschen hat das Teilen von Fähigkeiten und Leistungen den Zweck, Nahrung zu beschaffen, sich gegen Raubtiere zu verteidigen und sich gemeinsam um die Kinder zu kümmern. Nur dieses bereitwillige Teilen hat es Wildbeutergesellschaften ermöglicht, unter oft sehr herausfordernden Bedingungen zu überleben.
Auch ihr Verständnis von Gleichheit geht weit über die moderne Auffassung von Chancengleichheit hinaus, denn es bedeutet dort, dass die Bedürfnisse aller gleich wichtig sind. Niemand wird den anderen als überlegen ansehen, und niemand besitzt mehr materielle Güter als jeder andere.
Jäger-und-Sammler-Kollektive kennen auch keine Häuptlinge in der Art, wie es sie bei den späteren Ackerbaugesellschaften gibt. Einige haben zwar vorgeblich einen Anführer, der für die Gemeinschaft sprechen darf, wenn er sich dafür als geeignet erweist. Frauen und Kinder nehmen an den Debatten gleichberechtigt teil.

Da gibt es wohl eine Wechselwirkung zwischen der unverfälschten Auslegung dieser Werte und der Art, wie Jäger und Sammler mit Kindern umgehen bzw. umgingen. Beschreibt die Situation der Mehrheit der heutigen Kinder nicht eher das Gegenteil?


Ja, der Geist von Gleichberechtigung und Freiheit gilt in den Jäger-und-Sammler-Gesellschaften für das Miteinander der Erwachsenen genauso wie für den Umgang mit Kindern. Im täglichen Leben ergibt sich dadurch ein von Vertrauen geprägter Erziehungsstil, so wie er in unserer Evolutionsgeschichte vorherrschte. Er gründet auf der Annahme, dass Kinder von Natur aus widerstandsfähig, kompetent, sozial und selbstgesteuert sind. Die Großen sorgen für die Nahrung, die Liebe, den Respekt, die moralischen Vorbilder und die Bedingungen im Umfeld, die für eine gesunde Entwicklung vonnöten sind. Sie vermitteln dem Kind im alltäglichen Umgang: Du hast Augen und ein Gehirn und bist in der Lage, Dinge herauszufinden. Du kennst deine eigenen Fähigkeiten und Grenzen. Durch Spielen und Erforschen wirst du dir aneignen, was du wissen musst. Du bist für deine Fehler selbst verantwortlich, und man kann darauf vertrauen, dass du aus ihnen lernst.
Mit der Entstehung der Landwirtschaft kam dann so etwas wie ein direktiv-autoritärer Erziehungsstil auf, der auf Gehorsamkeitstraining und Indoktrination basiert. Man glaubte, dass Kinder von Natur aus »sündhaft« oder »unzivilisiert« seien und der Korrektur bedürften. Die Mehrheit der Menschen, einschließlich der Kinder, hatte der Obrigkeit als Leibeigene, Bedienstete oder Sklaven zu dienen; so erzog man unterwürfige Wesen. Die biblischen Gebote, wonach Kinder zum Gehorsam zu schlagen seien, sind Ausdruck dieses Erziehungsstils. Wenn man später dazu überging, den Kindern Schuldgefühle einzuflößen, statt sie zu schlagen oder ihnen Liebesentzug anzudrohen, wirkte das noch erfolgreicher. Allerdings kann einer Person die Freiheit nie ganz ausgetrieben werden – weshalb Gesellschaften, deren Massen durch wenige kontrolliert werden, nie stabil sind.

Als Reaktion auf ausbeuterische Kinderarbeit in der Industrie rief man 1900 das »Jahrhundert des Kindes« aus. Ein Schritt in die richtige Richtung?


Leider nein. In den meisten Teilen der »entwickelten« Welt wurde der direktiv-autoritäre Erziehungsstil durch einen direktiv-behütenden Erziehungsstil ersetzt. Die Eltern beschränkten die Freiheit ihrer Kinder jetzt nicht, um sie zur Arbeit auf dem Feld oder in der Fabrik zu zwingen oder um sie unterwürfig zu machen. Stattdessen sorgen sie sich heute um die Sicherheit und Zukunft ihrer Kinder und sind überzeugt, dass sie bessere Entscheidungen für ihre Kinder treffen können als diese selbst. Mit ihren gutgemeinten Absichten berauben auch direktiv-behütende Eltern ihre Kinder der Freiheit. Sie kontrollieren ihr Leben, damit diese dem Pfad folgen, den die Erwachsenen für sie angelegt haben. Aber wenn Kinder wie zerbrechliche und inkompetente Wesen behandelt werden, die ständiger Anleitung bedürfen, werden sie häufig zu solchen: zerbrechlich, inkompetent und stets auf Anleitung angewiesen. Die meisten Eltern vertreten heutzutage einen Mix aus allen drei Erziehungsstilen, wobei der direktiv-behütende Ansatz vorherrschend ist.
Ich meine, dass die anfangs beschriebene vertrauensvolle Erziehung die natürliche und ideale Weise ist, in der Kinder aufwachsen und sich entwickeln können, so wie es die Jäger- und-Sammler-Kulturen prakizierten oder heute noch tun. Wir können davon ausgehen, dass ihre Kulturen denen unserer alteuropäischen Vorfahren viel ähnlicher sind als die Kultur, die Sie und ich täglich erleben. Heutzutage ist es schwer, in diesem Sinn Eltern zu sein, denn der gesellschaftliche Druck arbeitet einer vertrauensvollen Erziehung entgegen.

Die heutige Erziehung und Beschulung von Kindern scheint alles andere als eine friedliche und auf Mitmenschlichkeit orientierte Gesellschaft zu bewirken. Jean Liedloff schreibt über die im Regenwald lebenden Yequana, dass diese mit Schwangeren und jungen Müttern besonders sorgsam umgingen, weil sie überzeugt waren, dass dies für das seelische und körperliche Gedeihen der Ungeborenen notwendig sei. Der Neurobiologe J. C. Pearce wies nach, dass unter Stress und Armut lebende werdende Mütter vermehrt Frühgeburten und kränkliche Schreibabys zur Welt bringen und dass im Hirn dieser Kinder jener Bereich verkümmert, der für soziales und kreatives Verhalten steht.  So steckt unsere Gesellschaft in vielerlei Hinsicht in einer Sackgasse.


In der industrialisierten Welt geht seit etwa Mitte der 1950er Jahre die Freiheit der Kinder, draußen auf eigene Faust zu spielen, kontinuierlich zurück. Früher war das noch üblich. Dabei wirkt sich auch der Machtzuwachs der Schulen und ihr Eingriff in das Familienleben gravierend negativ aus. Psychologen zeigten mit ihren Tests, dass es heute fünf- bis achtmal mehr Kinder und Jugendliche gibt, die unter Angststörungen und schweren Depressionen leiden, als noch um 1955, und dass die Selbstmordrate von Kindern unter 15 Jahren sich vervierfacht hat. Kinder fühlen sich mehr und mehr hilflos und fremdbestimmt.
Obwohl sich unsere westlich geprägten Gesellschaften demokratisch nennen, fühlen sich die meisten Menschen darin ohnmächtig. Wäre es nicht schön, eine Gesellschaft aufzubauen, in der beispielsweise wirtschaftliche Belange demokratisch geregelt würden? Dafür gibt es Vorbilder, etwa den brasilianischen Unternehmer Ricardo Semler. Als junger Mann hat er ein großes Unternehmen geerbt und anfangs noch versucht, es konventionell zu führen. Nach einem Herzanfall begann er, sich über all den Stress und die Langeweile unter Managern und Arbeitern Gedanken zu machen, und beschloss, das Unternehmen ganz anders aufzuziehen: Er überschrieb die Firma mehr oder weniger seinen Angestellten. Zu seinem Erstaunen waren alle viel produktiver als zuvor. Die Arbeiter erwiesen sich in ihren jeweiligen Bereichen als absolute Experten, die keine Höhergestellten brauchten, um zu verstehen, worum es ging. Bald stellte er den Angestellten frei, wann sie zur Arbeit erschienen. Er ließ sie eigene Arbeitspläne festlegen und erkannte, dass sie der Firma gegenüber eine erstaunliche Loyalität an den Tag legten, seit sie das Gefühl hatten, dass es ihre Firma war.
Wie müsste Bildung denn gestaltet sein, ­damit Menschen kooperativer werden?
Kinder lernen vor allem im Spiel, mitein­ander zu kooperieren. Soziales Spielen erfordert Kooperation, aber Schulen sind wettbewerbsorientiert – man sitzt dort als ein Individuum, das seine Arbeit tun und nicht anderen helfen soll. Für mich sind die demokratischen Schulen nach dem Modell der Sudbury Valley School ein Vorbild. Jeder Mensch hat hier – altersunabhängig – gleiche Rechte, Pflichten und Einflussmöglichkeiten. Die Kinder haben Zeit und Raum zum Spielen und Forschen – so lernen sie Kooperation. Sie haben Zugang zu vielen sachkundigen und fürsorglichen Erwachsenen, zu diversen Gerätschaften, sie lernen frei spielend in ihrem eigenen Tempo. Dabei sind sie in eine moralische und demokratische Gemeinschaft eingebunden.

Sudbury-Schulen sind von Groß und Klein gleichermaßen gestaltete Lernorte. Mit ­diesen Einsichten kommen wir vielleicht der afrikanischen Volksweisheit näher, die besagt: »Es braucht ein ganzes Dorf für das gesunde Aufwachsen eines Kindes.«


Ja, unsere Aufgabe als Eltern und als Angehörige einer größeren Gemeinschaft ist es, solche Orte zu entdecken und zu schaffen. Auch wenn die Sudbury-Schulen als Institutionen nicht wirklich ein organischer Teil der Gesellschaft sind, so bieten sie doch, umgemünzt auf die heutige Zeit, vergleichbare Bildungsmöglichkeiten wie eine Gemeinschaft von Jägern und Sammlern. Selbstverantwortung in Gemeinschaft gibt Vandalismus und Mobbing keine Chance.Zudem kann ein Kind Eigeninitiative und alle zugehörigen Eigenschaften nun mal nur im Rahmen von Freiheit entwickeln.
Wir sollten Kindern neue Wege für ihr Lernen eröffnen und all die Ängste und den gesellschaftlichen Druck überwinden, die einer vertrauensvollen Erziehung im Weg stehen.

Ganz herzlichen Dank für das Gespräch. •

 

 

Peter Gray (68) lehrte als Professor für Psychologie am Boston College, USA. Sein Forschungsschwerpunkt ist derzeit die Bedeutung des Spielens für lebenslanges Lernen.

Warum man Kindern vertrauen darf:
Ein vertiefendes deutschsprachiges Skript zu dem oben erwähnten Vortrag von Peter Gray:

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