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Von ganz unten

Wie wir die Lebendigkeit der Erde in uns kultivieren.

von Hildegard Kurt , erschienen in 19/2013

Die Erde als Lehrerin, nicht als abstrakte Idee, sondern als braune Substanz, ist die Idee eines künstlerischen Bildungsprojekts – zur Nachahmung empfohlen!

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© Foto: Rebecca Gasson

»Fast jeder hat die Welt geliebt, wenn man ihm zwei Hände Erde gibt«, so Bertolt Brecht in seiner Ballade »Von der Freundlichkeit der Welt«. Mit denkbar schlichter Gültigkeit verleihen wir, wenn wir per Hand Erde in ein offenes Grab streuen, der existenziellen Verbundenheit allen menschlichen Seins mit Erde Ausdruck. Auch die enge Verwandtschaft von »humus« und »humanus« in der einstigen Weltsprache Latein legt davon beredtes Zeugnis ab. Wie aber kann es dann heute so viel Ignoranz gegenüber dem weltweit galoppierenden Schwund fruchtbarer Böden und ihrer fortschreitenden Vergiftung geben?

Wie konnte der Homo sapiens dazu kommen, in einer Sub­stanz, ohne die es ihn nicht gäbe, »Dreck« zu sehen – so der Titel des aufrüttelnden Buchs von David Montgomery? Jedes Jahr gehen mehr als 24 Milliarden Tonnen Boden durch Erosion verloren – mehr als drei Tonnen Boden pro Einwohner! In Europa verschwinden jedes Jahr 1000 Quadratkilometer Land durch Zersiedelung und den Ausbau der Transportinfrastruktur, eine Fläche größer als Berlin. Glyphosat, ein systemisch wirkendes Breitbandgift gegen fast alle grünen Pflanzen, in »Roundup«-Produkten von Monsanto für den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen wie Mais, Soja und Raps flächendeckend eingesetzt, lagert sich an die Bodenteilchen an und ist inzwischen auch im Blut von Stadtbewohnern, die keinen Umgang mit Glyphosat-Präparaten hatten, nachweisbar.
 

Wo beginnt zivilgesellschaftliche Mobilisierung?
Zu Brechts Zeit manifestierten sich die Auswirkungen von Profitstreben und Machtmissbrauch in der Sphäre des Sozialen. Inzwischen ist längst auch die Biosphäre davon gezeichnet. Die »zwei Hände Erde« sind vergiftet. Wie würde wohl Brecht mit dieser Dimension des Unrechts gegenüber allem Lebendigen umgehen? Würde er Bewegungen wie Attac oder Occupy gründen? Gut vorstellbar. Was aber wären seine künstlerischen Strategien? Da für ihn aller gesellschaftlicher Wandel im und mit dem einzelnen Menschen begann, arbeitete er primär mit Mitteln der Kunst, um wachzurütteln und in Bewegung zu bringen. Der »Verfremdungs­effekt« etwa in seinen Theaterstücken zielte darauf, die Krusten unserer Denkgewohnheiten aufzubrechen.
Brecht wird oft herangezogen, wenn es an der »Social Sculpture Unit« der Brookes University in Oxford um die Frage geht, wo zivilgesellschaftliche Mobilisierung beginnt und inwiefern es dafür neuer, kreativer Strategien bedarf. Die Idee der Sozialen Plastik, von Joseph Beuys in der Formel »jeder Mensch ein Künstler« gefasst, verbindet äußeres Arbeiten in der Welt mit innerem Arbeiten: Wie können wir die Qualität unseres Wahrnehmens, unseres Denkens und unseres Miteinanders so verfeinern, dass daraus menschenwürdige Formen des Lebens und Wirtschaftens erwachsen? Wie können wir uns jenes Raums in uns selbst bewusst werden, in dem – wie Mikroorganismen in der Erde – unsere Gedanken, Emo­tio­nen und Willenskräfte wirken? Das Lebendige in der Welt nähren wir umso besser, je bewusster wir unsere innere Lebendigkeit kultivieren. Das ist die »Kultur des inneren Menschen«, die der Ökonom Ernst F. Schumacher, jahrelang Präsident der englischen »Soil Association«, in seinem legendären Buch »Small is Beautiful« aus den frühen 70er Jahren als unverzichtbar erklärte, weil ohne sie die Selbstsucht die treibende Kraft bleibe, besonders in der Wirtschaft.
Vor diesem Hintergrund entstand letztes Jahr das Seminar »Von ganz unten«, das als Soziale Plastik den Boden und die »Kultur des inneren Menschen« zum Thema hat. Bildung und Kunst sind darin nicht mehr voneinander getrennt. Zuletzt fand es auf der ersten »Global Soil Week« im November in Berlin statt.
 

Die eigene Erde bringen
Für die Teilnehmenden an der Global Soil Week – aus der Bodenkunde, aber auch aus Verwaltung, Bildung, zivilgesellschaftlichen Initiativen und der Kunst – waren die kreativen Strategien in diesem Seminar überwiegend neu. Bei »die eigene Erde bringen« etwa geht es um die Fragen: »Hat es irgendwann in meinem Leben eine für mich besonders bedeutsame Begegnung mit Erde gegeben? Kann ich sie – vielleicht liegt sie weit zurück in der Kindheit – in meiner Erinnerung finden? Und kann ich sie dann vom Damals ins Jetzt holen, sie so vergegenwärtigen, dass sie wieder ganz lebendig wird?« In diesem Prozess gibt es kein Richtig oder Falsch. Er bietet Gelegenheit, ein »bildhaftes Denken« (Paul Klee) zu erkunden – im Unterschied zum vorherrschenden abstrakten Denken, das die Welt planbar macht und sie damit gleichsam planiert.
Wie seltsam es sich zunächst anfühlte, mitten im Konferenzbetrieb der Global Soil Week in einem Kreis einander unbekannter Menschen die Stille zu wagen, die es braucht, um sich mit etwas von ganz unten neu zu verbinden. Um sich dann zu fragen: »Welcher Impuls oder Gedanke, welche Einsicht liegt in jener Begegnung mit Erde? Und hat das etwas damit zu tun, dass ich jetzt hier bin?« Anschließend teilten wir die Erfahrungen und bemühten uns, zuzuhören, ohne zu urteilen und ohne permanent auf die eigene Schiene zu kippen. Wie schwer das ist, aber wie spannend auch! Kann ich mich in das Gesagte hineinhören und so mehr, tiefer verstehen? Eine Bodenkundlerin aus Italien sprach von einem Ort im Wald, wo sie als Kind gespielt und »mit« der Natur gelebt hatte. Dieser Ort wurde durch einen Lehmbruch zerstört, was bis heute die Frage in ihr wach hält: »Was kann ich tun?« Tatsächlich beinhalten solche Erinnerungen, die uns mitunter über Jahrzehnte begleiten, oft wichtige Hinweise darauf, wo unsere wirklichen Aufgaben liegen. So ungewohnt ein solches Miteinander in gesellschaftlichen oder gerade auch wissenschaftlichen Kontexten sein mag, erschloss sich dadurch neues Land jenseits von Debattieren und Diskutieren, dessen transformative Kraft unmittelbar spürbar wurde.
Eine andere Frage, der wir nachgingen: »Was sind Eigenschaften und Verhaltensweisen lebendiger Erde?« Wenn wir dies mit der in der Bodenkunde üblichen Frage nach Arten und Funktionen lebendiger Erde vergleichen, wird deutlich: Ersteres führt in eine qualitative Betrachtungsweise, bei der Erde als ein lebendiges Wesen spürbar werden kann. Erde hat Tragkraft, Durchlässigkeit, sie ist ernährend, wandelbar, umfassend in sich vernetzt, bei Nutzung leicht aus der Balance zu bringen, permanent im Prozess. Wie wäre, auf der persönlichen und der gesellschaftlichen Ebene, ein Denken und Handeln beschaffen, das absichtsvoll wie lebendige Erde wirken wollte? Erst arbeiten wir eine Weile allein an diesen Fragen, dann zu zweit und schließlich im gemeinsamen Austausch. Ein Bodenkundler aus Katar meinte: »Der Boden ist da, unsere Bewusstheit aber ist nicht immer da.«
»Von ganz unten« steht in Verbindung mit der von Shelley Sacks initiierten »University of the Trees« – einer mobilen, alternativen Universität, in der alle, unabhängig von Alter und Status, Lernende und Lehrende sein können. Aber auch Bäume und andere nicht-menschliche Lebewesen sind hier Lehrer.
Ich möchte ermutigen, auf eigene Faust mit solchen Formen zu experimentieren und Erde als Erfahrungsfeld in die eigene Arbeit einzubeziehen. Warum wird Erd-Erfahrung so wenig in Bildungskontexte integriert? Vielleicht, weil Erde doch unbewusst immer noch als Dreck abgewertet ist? Oder weil man sich lieber mit scheinbar interessanteren Lebewesen als mit der braunen Erde befasst? Dabei wartet die Erde geradezu darauf, neu gesehen, neu erfahren zu werden – weil sie so bedroht ist, aber auch, weil sie uns so gut helfen kann, in einem tieferen, Zukunft schaffenden Sinn Mensch zu werden. •

Hildegard Kurt (54) ist Kulturwissenschaftlerin und Autorin. Sie arbeitet praktisch auf dem Feld der Sozialen Plastik. www.hildegard-kurt.de

Hier liest man weitere wichtige Gedanken über Mensch und Erde:
Hildegard Kurt: Wachsen! Über das Geistige in der Nachhaltigkeit. Johannes M. Mayer Verlag, 2010; Leicht auftreten. VAS, 2011 • David Montgomery: Dreck. Warum unsere Zivilisation den Boden unter den Füßen verliert. oekom, 2010

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