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Unterwegs mit den Wissensnomaden

Die »Knowmads« in Holland sind eine der kreativsten ­Schulen für Soziales Unternehmertum in Europa.

von Carola von Szemerey , erschienen in 19/2013

Eine Schule, die zugleich ein Unternehmen ist, das ­Lernende und Lehrende eigenverantwortlich organisieren? Eine verrückte Idee? Die »Knowmads« tragen das »mad« für »verrückt« durchaus bewusst in ihrem Namen.

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© Foto: Carola_von_Szemerey

 

Jetzt sitze ich hier vor 25 Knowmads, die ich alle sehr zu schätzen gelernt habe, und weine. So gut es geht, versuche ich, meine Halbjahrespräsentation vorzutragen. Warum nur dieser Tränenausbruch? Ich bin doch immer stark gewesen, kenne meine Gefühle und kann jederzeit den Menschen um mich herum ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Jetzt aber erzähle ich meine Geschichte. Ich spreche weiter, mal leise, mal laut, spüre eine beruhigende Hand auf dem Rücken, hole wieder Luft und mache einen Punkt. Meine Stimme ist mir plötzlich fremd, viel zu hoch, ich realisiere die Menschen um mich herum nur halb. Alle Vorsichtsmaßnahmen haben versagt. Wie soll man denn so sein Leben planen? Die Antwort ist: lieber gar nicht. Ich kann planen, höre aber auf mein Herz, wenn es plötzlich eine Wende segelt.
Seit Herbst 2012 bin ich bei den Knowmads, die sich 2010 als ­experimentelle internationale Schule für soziales Unternehmertum gegründet haben. Schon wenn ich im Amsterdamer Hauptquartier ankom­me, fühle ich mich zu Hause. Es ist Montagmorgen, und ich kann lautes Gelächter und Gespräche hören, es riecht herrlich nach Pfannkuchen und Rührei, Maria spielt auf dem Sofa Gitarre. Langsam sammeln wir uns – alle »Lehrer und Schüler« – am Tisch, um die Woche mit einem gemeinsamen Frühstück beginnen zu lassen.
Ich hatte das Wochenende in Deutschland verbracht. Es gibt wie immer viel zu erzählen und noch mehr zu hören – ein schönes Gefühl, wieder zu Hause zu sein. Nach dem Frühstück beginnt unsere »Check-in«-Runde, in der alle einander mitteilen, mit welchem Grundgefühl sie in die Woche starten. Danach gehen wir die anstehenden Projekte der Woche an unserer großen Tafel durch. Drei von uns sind an diesem Montag die »Hosts«, die »Gastgeber« des Tages, und sie motivieren die Menge, die Küche wieder zum Glänzen zu bringen. Dann geht es los!
 

»Tribe 6« als Lerngemeinschaft
Diese Schule lebt mit, durch und für die Menschen, die hier sind. Den Stundenplan entwickeln wir alle gemeinsam etwa drei Monate im Voraus und passen ihn entsprechend den aktuellen Bedürfnissen an. Jedes Jahr bei den Knowmads verläuft anders, da auch jede Schülerin und jeder Schüler anders ist. Ab und an führt das zu Unsicherheiten, aber ich habe gelernt, genau das als etwas Positives zu sehen – eine Befreiung.
Da wir an konkreten Aufträgen arbeiten – die Knowmads funktionieren wie ein kleines Unternehmen –, vermittelt sich unser Handwerkszeug in der Praxis. Ob es darum geht, einen Businessplan zu erstellen oder eine Teamentwicklung zu begleiten: Wir Schüler sind von Anfang an beteiligt. Wir wissen über die Auftragslage und Finanzsituation unseres Schul-Unternehmens komplett Bescheid. Es ist transparent, wie viel Honorar diejenigen bekommen, die hier zum Gelingen des Ganzen beitragen, und wie viel der Unterhalt der Schule kostet. Wir Schüler werden gefragt, bevor größere Anschaffungen getätigt werden. Wenn es einen Engpass gibt, kommen alle zusammen und suchen nach einer Lösung.
Während der Arbeit wird immer wieder deutlich, wie wir alle unseren Rucksack mit Normen und Limitierungen mit uns herumtragen – in den Ketten der Gesellschaft ist er nur zu gut verpackt. Kann ich daraus ausbrechen und dieses Gepäck abschütteln? Das ist ein intensiver, sehr emotionaler Prozess, auf dem wir uns hier gegenseitig begleiten, sei es durch Workshops zu gewaltfreier Kommunikation, Geschichtenerzählen, Kreativität, Moderation oder Innovation durch Spiel. Die Kunst des Zuhörens, die Bedürfnisse der anderen Person langsam herauszufinden und sie in ihrem Prozess zu unterstützen, wenn Wut, Angst oder Schuldgefühle aufkommen – das ist ein Kernaspekt unseres Lernens. Auch Unternehmen kommen nicht miteinander zurecht, wenn die beteiligten Menschen sich nicht ausdrücken und einander verstehen können.
Der »Holy Monday« ist da ein gutes Auffangnetz für alle Ängste, Träume und Konflikte innerhalb der Gruppe. So nennen wir eine Zeit, in der »Tribe 6«, zu dem ich gehöre, nach dem Monatgsfrühstück eine Zeitlang über alles und nichts redet. »Tribes« nennen sich die Jahrgänge. Wir sind ein »Stamm«, der gemeinsam lernt. Ich muss keine Lehrerin sein, um Wissen weiterzugeben. Das haben wir gleich zu Beginn des Jahrs ausprobiert, indem unser Tribe eine Woche in Belgien war. Dort haben wir uns gegenseitig Workshops gegeben, und alle konnten etwas beitragen und mitnehmen.
 

Du selbst bist ein Abenteuer
Inzwischen ist schon etwas Zeit vergangen, wir haben Erfahrungen gesammelt und unsere Halbjahrespräsentationen vorbereitet. Zwei Tage lang hat jeder einzelne einen Einblick in seinen persönlichen Lernprozess gewährt. Da wurde ein selbstkomponiertes Lied gesungen, experimentell getanzt, wir haben uns T-Shirts, die symbolisch für alte Glaubenssätze stehen, vom Leib gerissen. Marius inszenierte ein Theaterstück, für das er in die Rollen eines Königs, eines Faschisten und eines Harlekins geschlüpft ist. Meine Präsentation war für viele überraschend, denn ich werde oft als kleiner Wirbelwind oder Sonnenschein gesehen, stets mit 150 Prozent Energie. Dem Impuls nachzugeben, die Tränen kommen zu lassen, hat mich viel Mut und Überwindung gekostet. Sie flossen durch die Dinge hindurch, die ich bisher in mir festgehalten hatte.
Ehrlichkeit kann hart und schmerzvoll sein. Ich hatte einmal Angst, eine wichtige Person in meinem Leben durch zu viel Ehrlichkeit zu verlieren, doch durch ihr unerwartetes Verständnis hat sich alles gewendet. Erwartungen: Ich arbeite daran, mich nicht damit aufzuhalten, herauszufinden, was mein Gegenüber vielleicht denken mag, sondern ich frage direkt nach.
In meinem ersten Knowmads-Halbjahr habe ich festgestellt, dass in einigen meiner Eigenschafen, die mir »nutzlos« oder »negativ« erschienen, erstaunliches Potenzial steckt. Zum Beispiel meine Konzentrationsschwäche. Ich kann nicht gut lange zuhören. Aber einmal erlebte ich, wie ich lange Zeit einer Geschichte über ein Spiel mit Autoreifen lauschte, obwohl ich daran eigentlich wenig Interesse hatte. Ich habe gelernt, dass ich Menschen, die mit voller Begeisterung von einer Sache erzählen, stundenlang zuhören kann. Meine Konzentrationsschwäche ist nur die Rückseite der Fähigkeit, nicht in erster Linie den Stimmen zuzuhören, sondern den Herzen.
 

Das Menschliche kommt hier vor dem Profit
So viele Emotionen in einer Wirtschaftsschule, wo es um Liquiditätspläne, Statistiken oder Erfolgskontrolle gehen sollte? Werden Gefühle in der Wirtschaft nicht eher belächelt? Entrepreneurship, kreatives Unternehmertum, ist ein Feld, das weit über die konventionelle Wirtschaftswelt hinausreicht. Bei den Knowmads arbeiten wir viel an gesellschaftsverändernden Projekten, sei es innerhalb oder außerhalb dessen, was normalerweise als »Wirtschaft« bezeichnet wird. Oder es kommen kreative Unternehmen auf uns zu, wie das »Nachtlab« aus Amsterdam. Sie wollen das kulturelle Nachtleben der Grachtenstadt lebendiger machen und Raum für junge Künstler schaffen. Stößt ein potenzieller Auftrag nicht auf Begeisterung, sagen wir ab, aber wenn uns ein Projekt interessiert, organisieren wir sämtliche Prozesse, wie Moderation und Brainstorming-Sessions, suchen Methoden zur Konkretisierung, erstellen Konzepte und Pläne, halten Präsentationen, und, wenn gewünscht, arbeiten wir auch an der Umsetzung der Ideen. Die Knowmads sind dafür bekannt, dass sie keine Angst vor allen nur denkbaren und undenkbaren Lösungen haben.
Heutzutage werden in meinen Augen Arbeit und Freude viel zu sehr voneinander getrennt. »Erst die Arbeit dann das Vergnügen« – wie oft habe ich das schon von Eltern, Freunden und Lehrern gehört. Aber wieso sollte ich 80 Prozent meines Tags schleppend und unglücklich verbringen? Das ergibt doch keinen Sinn! Und doch ist es eine Prägung, die tiefer in mir sitzt, als ich denke. Der Satz »Erst die Arbeit …« ist wie ein Samen, der den Menschen eingepflanzt wird; immer wieder von schlechten Erfahrungen und Einschränkungen gewässert, reift er zu einer stattlichen Schlingpflanze heran. Der innere Garten wird davon überwuchert, viele Blumen kommen gar nicht erst zum Blühen. Immer wieder denke ich: »Jetzt habe ich es geschafft, das Unkraut loszuwerden«, aber im nächsten Moment sprießt es schon wieder. Wobei – wenn ich weiß, dass »Unkraut« als Kompost nahrhaften Humus ergibt, kann ich in meinem inneren Garten sehr zufrieden sein. Die nächsten Beete werden so angelegt, dass die Kulturen darin stark und stärker werden und die Schlingpflanze gar nicht erst hineinlassen.•

Carola von Szemerey (22) ist mitten in ihrem Studium bei den »Knowmads« in Amsterdam und engagiert sich im »Youth Future Project« bei der Organisation der Konferenz »Visionaries in Action«.

Der direkte Weg zu den »Wissensverrückten«:
www.knowmads.nl

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