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Zukunftsfähig durch Singen

Heute schon gesungen? Aus unserem Alltagsleben ist das Singen weitgehend verschwunden. Dabei birgt es enorme Potenziale.

von Karl Adamek , erschienen in 02/2010

Singen ist viel bedeutsamer, als wir heute gemeinhin glauben. Das zeigen jüngste sozialwissenschaftliche Unter­suchungen und ­Erkenntnisse aus der Hirnforschung.

Gemeinsam singende Fischer vor einer Hafenkneipe auf einer griechischen Insel: Dieses Bild erfüllt fast jeden mit einem sehnsuchtsvollen Gefühl. Da klingt etwas von verlorenen Zeiten herüber. Doch der kritische Geist wittert auch sentimentale Verklärung einer vermeintlich heilen Welt.

Ganz im Widerspruch dazu erfasst die meisten in unserem Land bei der Vorstellung, im eigenen Freundeskreis zum gemeinsamen Singen aufgefordert zu werden, doch eher das unangenehme Gefühl der Peinlichkeit. Ist gemeinsames Singen in Zeiten der technischen Reproduzierbarkeit von Musik nicht ein Relikt längst vergangener Tage und heute so überflüssig wie ein Holzpflug?

Quelle des Glücks oder Quelle von Gefahr?
Nein, im Singen liegen einzigartige und bisher weitgehend ungenutzte Ressourcen für den einzelnen und die Gemeinschaft. Es geht dabei nicht um Kunst, sondern um Alltagskultur, an der jeder teilhaben kann. Deshalb lohnt es sich, wenn man sich die Frage nach den Bedingungen der Zukunftsfähigkeit unserer Kultur stellt, die Singfähigkeit des Menschen genauer zu betrachten.

Dieses Thema hat mich ein Leben lang wissenschaftlich und praktisch fasziniert. Ein kurzer biografischer Einblick mag helfen, die Wurzeln der in Deutschland verbreiteten Vorbehalte gegenüber dem Singen besser zu verstehen und dadurch den Blick auf das Neue richten zu können.

Das gemeinsame Singen war in unserer Familie ein selbstverständlicher Teil unseres Alltags in den 1950er Jahren. Bei allen nur möglichen Anlässen sangen wir gemeinsam, ob während des Geschirrspülens, bei Autofahrten oder beim Spazierengehen. Es waren die alten romantischen Volkslieder, die Lieder des Wandervogels und der Bauernkriege. Mein Vater war in den 1920er Jahren in Berlin in der Wandervogelbewegung aufgewachsen. Als Kind wusste ich nicht, welchen Schatz mir meine Eltern mit dem Singen mitgaben. Das gemeinsame Singen war für mich in der Kindheit eine Quelle des Glücks. Es schien mir ein ganz selbstverständlicher Bestandteil des Lebens.

Heute weiß ich: Meine Eltern sangen sich vor allem auch den Schmerz ihrer persönlichen Kriegstraumata von der Seele. Damit halfen sie zuerst sich selbst. Zugleich schufen sie aber auch für uns Kinder ein gutes Feld von Vertrauen und Geborgenheit – trotz alledem. Wir erlebten das Singen immer wieder als eine alles umstimmende Kraft, die wir selbst gestalten konnten. Alles wird gut, wenn wir singen. Das wurde eine prägende Erfahrung.

Doch in meiner Jugend in den 1960er Jahren wurde im Gegensatz hierzu der allgegenwärtige Missbrauch des gemeinsamen Singens durch den Nationalsozialismus bewusst, und ein allgemeines Misstrauen kam im Zug der damals wachsenden kritischen Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte auf. Gemeinsames Singen wurde zunehmend skeptisch betrachtet oder sogar von vielen prinzipiell als undemokratische Form der Manipulation von Gefühlen abgelehnt. Die Tatsache seines Missbrauchs wurde dem Singen selbst angelastet. Man konnte noch nicht erkennen: Jedes Werkzeug, das gebraucht werden kann, kann auch missbraucht werden. Die Verantwortung dafür liegt nicht beim Werkzeug, sondern beim Benutzer. Aber die Zeit war für diese Sichtweise noch nicht reif. Zu jener Zeit warnte der einflussreiche Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger: »Seid wachsam, singt nicht.«

Singen geriet ins Abseits
Gemeinsames Singen wurde von einer wachsenden Mehrheit als peinlich erlebt. Bundesweit wurde damals in Deutschland Singen aus den Ausbildungsrichtlinien der Lehrer- und auch der Erzieherinnenausbildung gestrichen, und das gilt bis heute. Mit den entsprechenden Konsequenzen für die gesamte kulturelle Entwicklung. Gemeinsames Singen verschwand weitestgehend aus Familie, Freundeskreis, Kindergarten, Schule und Gesellschaft. Ein Rest wurde vermusikantenstadlt.

In der Folge dieser Entwicklung ist die Fähigkeit zu singen heute bei den meisten Menschen in Deutschland verkümmert. Auch ich wurde in jener Zeit verunsichert. Durch die späteren eigenen Forschungsprojekte suchte ich eine Antwort auf die Kernfrage meiner Biografie: Gehört das Singen, nüchtern betrachtet, auf den Kehrichthaufen der Geschichte? Oder deutet sich in meinen Lebenserfahrungen etwas Grundlegendes an, nämlich dass wir die Fähigkeit, des Singens haben, weil sie eine einzigartige Funktion für unser Menschsein erfüllt, die es überhaupt erst noch in ihren ganzen Dimensionen zu entdecken gilt? Bis dahin war das Singen als menschliches Verhalten eher als etwas tendenziell Überflüssiges betrachtet worden, das wie eine Schleife an einem Geschenk dieses zwar verschönert, aber ansonsten keinen wesentlichen Beitrag leistet. Diese Auffassung sollte sich jedoch noch grundlegend ändern.

Singen lässt sich erforschen
Ende der 80er Jahre unternahm ich das erste Mal in der Wissenschafts­geschichte eine umfangreiche empirische Untersuchung mit mehr als eintausend Personen zur Erkundung der Lebensfunktionen des Singens. Sie zeigte: Singen ist ein Werkzeug des Menschen, um seine psychischen, physischen und sozialen Potenziale optimal zu entfalten. Und das kann grundsätzlich jeder, dafür muss man nicht besonders »gut« singen können. Es geht hier um das Ursprüngliche, um ein Singen als unmittelbaren Selbstausdruck jenseits von Leistung, das so selbstverständlich sein darf wie Atmen, nur dass der Atem noch einen Klang hervorbringt. »Singer« sind gegenüber »Nicht-Singern« in vieler Hinsicht im Vorteil. Als »Singer« bezeichne ich in diesem Zusammenhang Menschen, die sich im Verlauf ihrer Sozialisation durch die Eltern, das soziale Umfeld, den Kindergarten, die Schule, die Jugendgruppe etc. Singen als Alltagsfähigkeit aneignen konnten. Anhand eines klinischen Persönlichkeitstests zeigte sich nun: »Singer« sind im Vergleich zu »Nicht-Singern« durchschnittlich gesünder, und zwar sowohl psychisch als auch physisch. Sie sind durchschnittlich lebenszufriedener, sind ausgeglichener und zuversichtlicher, haben ein größeres Selbstvertrauen, sind häufiger guter Laune und verhalten sich im Durchschnitt sozial verantwortlicher und hilfsbereiter. Das ist als Folge des Singens auszumachen. Singer sind auch psychisch belastbarer, haben mehr Widerstandskraft.

Anhand eines Konzentrationsleistungstests fanden wir heraus, dass der Mensch durch Singen ganz unmittelbar seine psychische Leistungsfähigkeit erhöhen kann, denn hier werden komplexe Prozesse im Körper und in der Psyche in Gang gesetzt, unter anderem wird auch Angst aufgelöst. Ein Beispiel dafür sind Kinder, die intuitiv anfangen zu singen, wenn sie in den Keller gehen. Oder das Singen alleine im Wald, das fast jeder kennt. Angst ist heute zur Grundbefindlichkeit der meisten Menschen geworden, und sie zersetzt die individuelle und soziale Gesundheit.

Angst geht immer mit einer tendenziellen motorischen, vegetativen und mentalen Lähmung einher. In Angst können wir also nur einen Bruchteil dessen tun, wozu wir in Freude und Begeisterung in der Lage sind. Zugleich besteht die Gefahr, dass Angst mit aufbrechender Aggression und Gewalttätigkeit kompensiert wird.

Durch einen physischen Leistungstest konnten wir auch zeigen: Durch zwanzigminütiges Singen kann ein Mensch sich zu einer signifikant höheren körperlichen Leistungsfähigkeit aktivieren. Offenbar können wir durch Singen auf unser ganzes psycho-physisches System einwirken.

Wie der chinesische Biophysiker Chang Lin Zhang entdeckte, sind wir, biophysikalisch gesehen, ein komplexes Gebilde von Tausenden ineinander verwobenen Schwingungssystemen. Wenn die nicht harmonisch miteinander schwingen, bedeutet das Krankheit. Beim Singen harmonisieren wir, vereinfacht gesagt, unwillkürlich unseren Organismus durch die erzeugten Schwingungen und stärken die gesunden Strukturen. Wir können unseren Organismus als ein Orchester beschreiben, das bei Gesundheit gut gestimmt spielt und bei Krankheit verstimmt ist. Singen wirkt auf den Organismus wie das Stimmen der Instrumente. Das kann grundsätzlich jeder Mensch, weil er eine Stimme hat. Dazu muss man kein großer Sänger sein.

Selbstheilungskräfte aktivieren
Der Mensch kurbelt durch sein Singen unwillkürlich die Abwehrkräfte an, zum Beispiel durch die gesteigerte Produktion von Immunglobulin A. Auch die sogenannten Glückshormone Serotonin und Dopamin werden verstärkt ausgeschüttet. Wir sind also in der Lage, uns in einen glücklichen Blick auf die Welt zu singen, ohne dass sich dabei etwas Äußeres ändern muss. Ein anderes Beispiel ist das sogenannte Bindungshormon Oxytocin, das beim Singen verstärkt im Gehirn produziert wird. Wir brauchen Oxytocin, um Mitgefühl empfinden und uns sozial verhalten zu können. Über die Ankurbelung der Glücks- und der Bindungshormone stärkt gemeinsames Singen die sozialen Bindekräfte und den Gemeinsinn und wird somit zum Gestaltungsmittel für soziale Gemeinschaften. Zugleich werden Aggressionshormone abgebaut. Welche Bedeutung ein bewusster Einsatz des Singens allein unter diesem Aspekt für unsere Gesellschaft haben kann, liegt auf der Hand. Als drittes Beispiel sei die verstärkte Produktion von Melatonin genannt. Melatonin ist lebenswichtig; es wird gebraucht, um den Schlaf- Wachrhythmus zu regulieren. Es erfüllt darüber hinaus eine wichtige Funktion für die Erkennung und Eliminierung von Krebszellen.

Singen fördert nach dem Neurobiologen Gerald Hühter in jeder Lebensphase die Gesundheit und Potenzialentfaltung des ­Gehirns. Es vertreibt angstbedingte Verkrampfungen und stärkt all jene neuronalen Netzwerke, die eine positive Lebenshaltung vermitteln. Das sind vor allem Vertrauensstrukturen, die als Grundlagen für die Empfindung von Liebe und Mitgefühl fungieren.

Eine eigene Untersuchung an 500 Kindergartenkindern mit dem Sozialwissenschaflter Thomas Blank an der Universität Münster zeigte, wie all diese später entdeckten Einzelbefunde zusammenwirken: Kinder, die viel singen, werden den amtsärztlichen Untersuchungen zufolge als durchschnittlich schultauglicher eingestuft als Kinder, die nicht singen. Vor allem werden dadurch die Sprachentwicklung, die Basis jeglichen weiteren Lernens, und das Sozial­verhalten nachhaltig gefördert. Die Liste positiver Wirkungen des Singens ließe sich vielfältig fortsetzen.

Eine neue globale Kultur des Singens
Singen gehört somit ins Zentrum einer gesunden Kultur. Es grundsätzlich abzulehnen, erwies sich als schwerwiegender Irrtum. Dass Singen heute wieder in Wert gesetzt wird, geschieht vor dem Hintergrund der Erkenntnis, dass die grundlegenden globalen Probleme der Menschheit letztlich ursächlich auf eine mangelhafte Entfaltung unserer Fähigkeit zu Mitgefühl rückführbar sind. Ein Leben in Angst ohne Mitgefühl und Liebe führt beim einzelnen zu einem Lebensgefühl der Sinnlosigkeit und im Großen zu Gewaltstrukturen und sozialem Unglück. Die großen Ideen der Menschheit handeln aber nicht von Angst, sondern von Wegen zu Liebe und Mitgefühl. Angesichts unserer Menschheitsprobleme ist wahrscheinlich das Wichtigste beim Singen, dass es schon nach kurzer Zeit Angst auflöst. Angst ist in unserer Gesellschaft zur zentralen Antriebsfeder geworden. Erst durch die Überwindung unserer Angstkultur und das Schaffen einer Vertrauenskultur des Mitgefühls können wir unsere Zukunft sichern.

Wir brauchen heute Wege, die uns das Selbstvertrauen lehren, dass wir unsere Welt selbst gestalten können. Deshalb ist es Zeit für eine neue globale Singkultur. Das könnte ein wichtiger Motor für eine zukunftsfähige kulturelle Erneuerung werden.

Das eigene Singen entdecken
So weit, so gut. Doch was könnte man praktisch tun? Wo könnte man beginnen? Zuerst kann jeder sofort beginnen, sein eigenes Singen zu entdecken und sich passende Zusammenhänge zu suchen. Auch hier gibt es schon erste neue Strukturen. Für die Idee, aus all den zuvor benannten Gründen eine soziale Bewegung zur Musikalisierung der Gesellschaft durch Singen ins Leben zu rufen, konnte ich 1998 den weltberühmten Geiger Yehudi Menuhin begeistern. So initiierte ich unter seiner Schirmherrschaft das Netzwerk Il canto del mondo – Internationales Netzwerk zur Förderung der Alltagskultur des Singens e. V. Das Netzwerk fördert nicht nur entsprechende Forschung und arbeitet bildungspolitisch, sondern es richtet sich auch ganz praktisch an alle Menschen, die jenseits von Leistung nur aus Freude mit anderen gemeinsam singen möchten. Hierzu werden bundesweit entsprechende Gruppenangebote aufgebaut.

Yehudi Menuhin hinterließ uns viele schöne Gedanken zum Singen, die ich gerne mit auf den Weg gebe: »Wenn wir Menschen uns selbst als Klangkörper, als Musikinstrument in der Sinfonie der Schöpfung begreifen und uns singend immer wieder aufs Neue befrieden lernen, dann können womöglich – mit unserer eigenen Gesundung durch die Musik einhergehend – auch die durch uns verursachten Verwundungen der Erde heilen.«

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