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Glaubt nicht, dass wir hier nur tanzen

von Farah Lenser , erschienen in 02/2010

»Dance United« – »Tanz ohne Grenzen« könnte auf allen Ebenen der Gesellschaft zu einer Veränderung führen, auch im staatlichen Bildungssystem, meint der Choreograf Royston Maldoom im Gespräch mit Farah Lenser. Er realisiert auf der ganzen Welt »Community Tanzprojekte«, die Brücken zwischen den Kulturen schlagen.

Als ich die Dokumentation »Rhythm is it!« über Ihr Tanzprojekt zu Igor Strawinskys »Sacre du Printemps« mit 250 Berliner Schülern aus 25 Nationen sah, dachte ich nur, wie wunderbar, wenn Kinder auf diese Art und Weise herausgefordert werden. Im Film sagt das auch einer der jungen Tänzer aus einer Berliner Hauptschule, ein Flüchtling aus Nigeria: »Ich möchte lernen, ich möchte herausgefordert werden!«
Genau, das sagte Olayinka – er ist ein wirk­liches Vorbild für junge Deutsche!

Sie haben viele Jahre in Deutschland »Community Tanzprojekte« durchgeführt, zum Teil auch innerhalb von Schulen. Glauben Sie, dass diese Art der Herausforderung in unseren Bildungssystemen fehlt?
Ich glaube, das gilt generell für Europa und meiner Erfahrung nach auch für Nordamerika, wo ich in Harlem und Oregon als Choreograf gearbeitet habe. Das scheint ein Problem der entwickelten Welt zu sein. Wenn ich in Äthiopien, in Peru oder auch in Entwicklungsländern wie Zimbabwe »Community Tanzprojekte« durchführe, begegne ich immer wieder Kindern, die begierig nach Wissen verlangen. Formale Bildung bedeutet ihnen viel, da sie ihnen vorenthalten wird. Hier bei uns haben junge Leute dagegen kein Vertrauen in Bildung, die ihnen aufgedrückt wird. Es gibt zu viele andere Einflüsse in ihrem Leben, die sie in dem Glauben bestärken, sie hätten auch ohne Anstrengung alle Möglichkeiten dieser Welt. Das ist natürlich – aus vielerlei Gründen – nicht der Fall, und wir müssen uns diesem Problem stellen und neue Wege finden, um Lernen für junge Menschen wieder interessant zu machen, ihnen zeigen, dass es sich lohnt, Risiken einzugehen und die eigene Zukunft mitzugestalten. Unsere Welt steht vor großen Herausforderungen, und wir brauchen eine junge Generation, die damit kreativ umgeht. Dafür brauchen Jugendliche Wissen, Kraft und auch Selbstdisziplin.

Als junger Mensch ist man auf der Suche nach Ausdrucksmöglichkeiten. In Ihrem neuen Buch »Tanz um dein Leben« beschreiben Sie den für Sie prägenden Eindruck eines Films über das »Royal Ballet«, in dem der gerade aus der Sowjetunion geflüchtete Tänzer Rudolf Nurejew mit seiner Partnerin Margot Fonteyn auftritt. Sie begannen danach eine professionelle Tanzkarriere, obwohl sie schon einundzwanzig Jahre alt waren. Was hat Sie da getroffen?
Ich betone immer wieder, dass ich diese Erfahrung nicht intellektuell analysieren konnte, es war einfach ein emotionales Erlebnis, es traf mich wie ein Blitz. Als junger Mensch hatte ich eine unerklärliche Sehnsucht nach etwas, was mir verborgen war. Ich liebte Musik, ich habe auch in einem Chor gesungen und bei den Theateraufführungen in der Schule begeistert in dem Stück »Macbeth« von Shakespeare mitgespielt. Ich mochte körperliche Bewegung wie Rennen, Klettern, Rudern. In dem Film mit Nurejew und Fonteyn sah ich dann Stärke, Schönheit, Musik, Gefühl und Leidenschaft. Es packte mich einfach, und ich wusste: Das ist es, das will ich machen!

Sie wurden Tänzer, später Choreograf, und seit fast vierzig Jahren arbeiten Sie weltweit mit den unterschiedlichsten Gruppen von Menschen, mit Straßenkindern in Äthiopien oder auch mit jugendlichen Straftätern, um ihnen durch den Tanz eine neue Lebenserfahrung zu geben. Was macht den Tanz zu einer transformierenden Kraft?
Alles kann transformierend sein, wenn man nur aufmerksam genug ist. Außerdem hängt viel an der Persönlichkeit, die diese Arbeit vermittelt. Wenn man eine künstlerische Vision und ein starkes soziales Anliegen hat und beides auch kommunizieren kann, dann hat Tanz wirklich etwas zu bieten. Tanz umfasst die ganze Person, ist eine körperliche, eine emotionale, eine soziale, eine kognitive und spirituelle Erfahrung. Besonders wichtig ist für mich die soziale Komponente – beim gemeinsamen Tanz entwickeln wir besondere kommunikative Fähigkeiten, die es uns ermöglichen, andere und uns selbst besser zu verstehen. Denn bei der Artikulation von Gefühlen sind Worte nicht immer das beste Mittel. Neues Vertrauen zum körperlichen Ausdruck trägt dazu bei, Selbstvertrauen zu entwickeln.

Sie selbst sind ein Kind der 68er Generation; Sie verstehen sich als politisch denkenden und aktiven Menschen. Wann begannen Sie, den Tanz als Möglichkeit zu begreifen, Gesellschaft verändern zu können?
Eigentlich war es ein Zufall. Als Choreograf hatte ich bereits international Erfolg, doch mir fehlte etwas. Ich zog mich für eine Weile ins Privatleben nach Schottland zurück, auch um mich neu zu orientieren. Dort fragte man mich, ob ich eine Amateurtanzgruppe unterrichten wolle. Mir gefiel der Gedanke, Teil der ländlichen Gemeinde zu sein, und ich sagte zu, denn seit meiner Kindheit hatte ich mich immer nach Gemeinschaft gesehnt. Ich begann mehr und mehr zu verstehen, was »Community Dance« bei den Menschen und bei mir selbst bewirkte. Ich wollte die Grenzen ausloten und stellte fest: Es gibt keine! Diese Möglichkeit, als Katalysator Menschen zu ermöglichen, einen positiven Wandel in ihrem Leben herbeizuführen, war für mich faszinierend. Denn das hatte ich mir immer gewünscht, als ich als Jugendlicher gegen die Ungerechtigkeiten in der Welt demonstrierte.

In Potsdam konnten Sie eine Schule davor bewahren, die Tore endgültig schließen zu müssen.
Das war ein wirklich beindruckendes Projekt. Die Rosa-Luxemburg-Schule in Potsdam war in großen Schwierigkeiten und verlor immer mehr Schüler. Die Direktorin, Vera Paul, hatte den Film »Rhythm is it!« gesehen und glaubte, dass ich mit meiner Arbeit helfen könnte. Sie überzeugte die Eltern der Schüler und auch alle Lehrer davon, dass es erforderlich sei, die normale Unterrichtstätigkeit für einen ganzen Monat einzustellen. Alle Schüler und Lehrer waren Teil des Tanzprojekts. Wer nicht mittanzen wollte, beteiligte sich in anderer Weise: Einige entwickelten eine Internetseite, um das Projekt darzustellen, andere kochten für das gesamte Team oder nähten Kostüme. Die Schule passte sich an meine Arbeitsbedingungen an, das war natürlich ideal. In anderen Fällen muss ich mich auch anpassen, aber ich lehne es grundsätzlich ab, in dem Vierzig-Minuten-Rhythmus einer Schulstunde zu arbeiten. Ich brauche mindestens drei bis sechs Stunden an einem Stück, und das an zwei oder drei Tagen die Woche für den Zeitraum eines Monats. Anders kann ich zu den Schülern nicht diesen intensiven Kontakt aufbauen. Sie sind zu vielen Einflüssen ausgesetzt, da müsste ich sonst immer wieder von vorne anfangen. So kann man nicht sinnvoll arbeiten. Ich frage mich auch, wie irgendein Lehrer in diesem Zeittakt Mathematik, Deutsch oder Chemie unterrichten kann: Kinder kommen nach dem Klingeln vom Schulhof, brauchen zehn Minuten, um sich zu setzen und auf den Stoff einzustellen, dann wird für weitere zwanzig Minuten irgendwie unterrichtet, und die Schüler linsen schon wieder nach der Uhr. Das ist doch ein verrücktes System! Das hat doch keinen Bezug zum wirklichen Leben. Was kann ich schon bewerkstelligen, wenn ich mich gerade einmal vierzig Minuten auf etwas konzentriere? Es wäre doch viel sinnvoller, wenn man dem Mathematiklehrer sagen würde: »Du hast jetzt einen Monat Zeit, um den gesamten Unterrichtsstoff eines Jahrs zu unterrichten, und du bist vollkommen frei, wie du das machen willst.« Und wenn ich den verantwortlichen Erziehungsautoritäten einen Rat geben könnte, dann würde ich sie bitten, Lehrer dafür zu bezahlen, dass diese mit mir einen Workshop machen können, nicht nur für drei Tage, sondern für ein gesamtes Tanzprojekt, so dass ich mit hundertfünfzig Lehrern eine Aufführung wie »Sacre du Printemps« realisieren könnte. Sie würden am eigenen Leib erfahren, wie ein Künstler arbeitet und diese Erfahrung in ihre eigenen Lernmethoden integrieren. Sehr viele Lehrer haben mir übrigens gesagt, wie sehr sie sich genau das wünschen.

Wir stehen jetzt hier in Europa vor der Herausforderung, die »UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen« umzusetzen, die allen Kindern das Recht am gemeinsamen Unterricht einräumt. ­Darüber gibt es in Deutschland gerade eine hitzige Diskussion. Reformpädagogen sehen die Möglichkeit einer Umsetzung dieser UN-Konvention nur in einer radikalen Veränderung des Schulsystems.
Die Antwort liegt wahrscheinlich in einer Verbesserung des Unterrichtssystems und in dem Willen, nach neuen Lehrmethoden Ausschau halten. Es braucht aber auch besonders ausgebildete Pädagogen, die sich speziell um solche Kinder kümmern, die ihren eigenen Lernrhythmus haben. Aber ganz sicher können wir alle Kinder in einen gemeinsamen Lernprozess einbeziehen. Ich entscheide zum Beispiel nie, wer an meinen Tanzprojekten teilnimmt, ich nehme alle, die kommen. Ich habe in meinen Tanzprojekten mit Kindern mit Down-Syndrom gearbeitet, sogar mit Kindern, die taub oder stumm waren oder die im Rollstuhl sitzen. Ich sage nicht, dass das einfach wäre, aber wenn man sich anschaut, wie das mit einem künstlerischen Ansatz funktioniert, dann findet man vielleicht ganz neue Wege für den Unterricht. Manche Kinder brauchen sicherlich mehr Aufmerksamkeit, andererseits will man sie auch nicht isolieren. Wir müssen flexibler sein und auch menschlicher denken. Ich sage immer wieder: Es gibt keine Problemkinder, es gibt nur Kinder, die Probleme haben. Es ist ein Problem in dieser Welt, ein Kind zu sein! Wir sollten damit aufhören, Menschen in eine Schublade stecken zu wollen.

Sie arbeiten mit Ausdruckstanz und mit klassischer Musik. Sehen Sie in dieser ­»abstrakten« Art und Weise, sich zu bewe­gen und auszudrücken, ein besonderes ­Potenzial?
Ich möchte Jugendliche damit herausfordern, indem ich eine Musik und Tanzrichtung wähle, die ihnen zunächst nicht vertraut ist. Und ich möchte sie auch mit ungewohnten Themen dazu anregen, ein Risiko einzugehen. Das ist sehr wichtig. Sie gehen so durch einen Prozess, an dessen Anfang sie sagen: »Was soll das? Das kann ich nicht!« Am Ende erkennen sie: »Ich kann das ja doch, ich verstehe auch die Musik, mir gefällt der Tanz, und ich bin stolz, dass ich mich mit einem universellen Thema, wie zum Beispiel Integration und Konfliktlösung, auseinandersetzen kann. Damit ist bereits etwas Entscheidendes passiert: Sie haben nämlich erkannt, dass sie ein Risiko eingehen können und nicht in einem Jugendghetto gefangen sind.

Das andere ist: Ich muss als Künstler mit meiner ganzen Leidenschaft dabei sein, die Musik und die Bewegungen müssen mich selbst ansprechen, denn nur diese eigene Begeisterung kommt bei den Schülern an. Ein weiterer Aspekt ist, dass ich nicht möchte, dass die Schüler mit dem ganzen Packen an Beurteilungen von Lehren, Eltern, Sozialarbeitern oder dem Justizsystem bei mir ankommen, die da heißen: »Ich bin ein Idiot, ich bin ein Migrant, ich bin behindert, ich bin schlecht, ich kann überhaupt nichts.« Wir formen ja unser Selbstbild aus dem, wie andere uns sehen, und das zu durchbrechen, ist schwer. Aus diesem Grund spreche ich niemals direkt Probleme der Jugendlichen an, denn ich will ja, dass sie einen neuen Blick darauf werfen. Ich komme gerade aus Nordirland, wo ich mein Stück »Exil« mit Jugendlichen aufgeführt habe. In der Vorbereitung spreche ich mit den Jugendlichen zum Beispiel über den Langen Marsch der Juden nach dem zweiten Weltkrieg oder über die Situation der Flüchtlinge in Darfur und anderswo. Irgendwann kommen die Jugendlichen von selbst auf die Situation der Iren zu sprechen, die sich zu Tausenden gezwungen sahen, nach Amerika auszuwandern. In diesen »Community Tanzprojekten« arbeiten natürlich Protestanten und Katholiken zusammen, schon dadurch ergibt sich eine neue Verständigung. Aber auch das Thema selbst, bei dem es um Ausgrenzung geht, bringt neue Aspekte und Sichtweisen. Ich kann an die Jugendlichen als Weltbürger appellieren und sagen: »Da gibt es Leute in der Welt, unter ihnen Jugendliche wie ihr, die sich in einer schrecklichen Situation befinden und die keine Stimme haben. Lasst uns die Gelegenheit nutzen, in diesem Tanzprojekt für sie zu sprechen. Denn sonst tut es niemand!« Und was sie dann am Ende entdecken, ist, dass sie für sich selbst sprechen.

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