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Flüssiges Gemeingut

Wir brauchen eine neue Erzählung für die globale Wasserallmende.

von Maude Barlow , erschienen in 18/2013

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Im beginnenden 21. Jahrhundert konkurrieren zwei »große Erzählungen« um die Trinkwasservorkommen der Erde. Die eine handelt von einer Clique von Entscheidungsträgern wie einflussreichen Staatschefs, internationalen Handels- und Finanzinstitutionen sowie transnationalen Unternehmen, die Wasser nicht als Teil der globalen Allmende, sondern als am freien Markt zu handelnde Ware deklarieren. Die andere handelt von einer globalen Graswurzelbewegung von ortsgebundenen Gemeinschaften, Slumbewohnern, Frauen, indigenen Völkern und Kleinbauern, die sich im Verbund mit Umweltschützern, Menschenrechtsaktivisten und fortschrittlichen Wasserexperten auf der Nord- wie Südhalbkugel dafür einsetzen, allen Menschen und der gesamten Natur Zugang zum Gemeingut Wasser zu ermöglichen. Ich möchte hier die spannungsreiche – und weltbedrohende – Beziehung zwischen diesen Erzählungen beleuchten und aufzeigen, wie die lebensfördernde Wasserallmende einen Rahmen schaffen kann, der allem Leben Wassergerechtigkeit angedeihen lässt.
In den vergangenen Jahren wurde viel dafür getan, den Begriff der Allmende oder der »Commons« wiederzubeleben. In den meisten traditionellen Gesellschaften galt: Was einem gehört, gehört allen. Bis heute ist es für viele indigene Gesellschaften unvorstellbar, dass Menschen der Zugang zu Nahrung, Luft, Land oder Wasser verwehrt wird. Viele moderne Gesellschaften weiten dieses Konzept auf soziale Commons, wie Bildung, medizinische Versorgung und soziale Absicherung, aus. Der amerikanische Commons-Pionier Jonathan Rowe fasst zusammen: »Commons sind der riesige Bereich, der jenseits der Marktwirtschaft und des ins­titutionalisierten Staats liegt und den wir alle gebührenfrei nutzen.« Der kanadische Umweltaktivist Richard Bocking definierte Commons als ein Geburtsrecht aller Mitglieder der Menschenfamilie: »die Luft, die wir atmen, das Wasser, das wir trinken, die Meere, die Wälder und Berge, das genetische Erbe, durch das alles Leben weitergegeben wird, ja, die ganze Biodiversität«.
Viele Bereiche, die einst außerhalb der Reichweite des Markts lagen, sind inzwischen zur Freibeute geworden: Einerseits werden Commons, wie der Boden, die Gene, die Meere und Gewässer, die Mineralien, die Wälder oder die Atmosphäre, eingehegt, ausgebeutet und zu Waren degradiert – andererseits werden sie als Müllhalden missbraucht (wodurch die durch die Einhegung geschaffenen Probleme wieder auf die Allgemeinheit abgewälzt werden). Auch soziale Commons, wie das Gesundheitswesen, der freie Zugang zu Bildung oder die Trinkwasserversorgung, wurden zum Ziel gewinnorientierter Großkonzerne. Unterstützt werden sie dabei von einflussreichen globalen Handels- und Finanzinstitutionen wie der Welthandelsorganisation und der Weltbank. Diese beschneiden Regierungen in ihren Möglichkeiten, die Commons für ihre Bürger zu schützen und zu regulieren, und drängen darauf, Märkte im Namen des Wohlstands zu öffnen, um Wirtschaftswachstum und Wettbewerb voranzutreiben.
Sollen die Trinkwasservorkommen der Erde bewahrt werden, muss der Erzählung, die derzeit das Denken der Wasserwirtschaft dominiert, eine alternative Erzählung entgegengesetzt werden. Regierungen, Unternehmen sowie Finanz- und Handelsinstitutionen betrachten Wasser zunehmend als Ware, die auf dem freien Markt höchstbietend gehandelt wird. Ein privatwirtschaftliches Wasserkartell schickt sich an, Wasser auf allen Ebenen zu kontrollieren – von der Entnahme aus Ökosystemen oder wasserführenden Schichten über die Nutzung durch den Menschen und die weiteren Zyklen des Wasserkreislaufs. Angeblich ist ein marktwirtschaftliches Wasserverteilungs­system mit Bepreisung die Lösung für die globale Wasserkrise und den Schutz unserer Trinkwasservorkommen. Wasser wäre demnach ein ökonomisches, kein gesellschaftliches oder öffentliches Gut, und seine Nutzer wären Kunden, nicht Erdenbürger mit Anrecht auf ein Gemeingut. Das vielleicht beste Beispiel für die Einhegung der Wasserallmende ist die Trinkwasserindustrie: Freifließendes Wasser wird von Menschen entnommen, in Plastikflaschen gefüllt und zu exorbitanten Preisen verkauft. Beherrscht wird diese Industrie von den vier Unternehmen Nestlé, Danone, Coca-Cola und PepsiCo. Befördert wird diese Entwicklung durch internationale Handelsvereinbarungen, die den Status von Wasser als handelbare Ware weiter festschreiben.
Wir brauchen Alternativen zur gegenwärtigen Erzählung, die uns weismachen will, Privateigentum und Kontrolle seien die besten Wege der Ressourcen­verwaltung. Eine neue Erzählung, geschützt durch einen entsprechenden rechtlichen Rahmen, würde es uns ermöglichen, unsere kollektiven Ressourcen im Sinn des Gemeinwohls zu verwalten. Dies ist nicht nur von akademischem Interesse: Gelingt es uns nämlich nicht, unser Verhältnis zu unserem Heimatplaneten grundlegend zu überdenken, ist unser Überleben gefährdet.
Die Zeit ist reif für eine neue Sprache, die Wasser für alle Zeiten als Gemeingut für Mensch und Natur einfordert.

Eine neue Wassererzählung in zehn Prinzipien
1) Wasser ist ein Commons. Wem gehört das Wasser? Das ist die entscheidende Frage. Eine neue Wassererzählung muss bekräftigen, dass Wasser niemandes Eigentum, sondern der Erde und allen Arten gleichermaßen zugeeignet ist. Wie Vandana Shiva erläutert, muss Wasser als fließendes Gut, das durch nichts zu ersetzen und lebensnotwendig für gesunde Ökosysteme ist, in rechtlicher wie praktischer Hinsicht als Gemeingut betrachtet und für alle Zeiten als solches geschützt werden.
2) Die Erde und all ihre Ökosysteme haben Anrecht auf Wasser. Die moderne Gesellschaft hat die Ehrfurcht vor dem heiligen Platz des Wassers im Lebenszyklus verloren. Dies erst ermöglichte es dem Menschen, die Wasserallmende zu missbrauchen. So gelangten wir gar zu der Ansicht, der Mensch, und nicht die Natur, stünde im Mittelpunkt des Universums. Wir haben vergessen, dass wir selbst Tiere sind, deren Überleben vom Wasser abhängt. Erst wenn wir unser Verhältnis zum Wasser neu definieren und seinen zentralen und heiligen Platz in der Natur anerkennen, können wir uns daran machen, den Schaden, den wir angerichtet haben, zu beheben.
3) Wasser muss ökologisch und gesetzlich geschützt werden. Eine neue Wassererzählung müsste sich vor allen anderen Dingen dazu verpflichten, die Wasserallmende für alle Zeiten zu schützen und zu bewahren. In einer nachhaltigen Wasserallmende muss Wasser auf allen Ebenen geschützt, gereinigt und wiederverwendet werden. Sind öffentliche Wasservorkommen gesichert, verliert die Mineralwasserindustrie ihre Geschäftsgrundlage; dies wiederum wird unseren unstillbaren Durst nach noch mehr Grundwasser löschen.
4) Wasserscheiden sind Commons. Die großflächige Umleitung von Gewässern und die Verlandung von Feuchtgebieten verhindern, dass Wasser seine ökosystemische Aufgabe erfüllt, und berauben Wassertropfen ihres ursprünglichen Rechts, zurück zu den Wasserscheiden und Wassersystemen zu fließen, die alles Leben und die ganze Wasserallmende speisen. Solange wir das Recht des Wassers, frei in der Natur zu fließen, nicht respektieren, ist Wasser kein Gemeingut, sondern eine Ware, die zur Stillung der »Bedürfnisse« einer industrialisierten Menschheit gelenkt und geleitet wird.
5) Gemeinschaften verwalten ihre Wasservorkommen selbst. Eine nachhaltige und gerechte Verteilung der Allmende Wasser hängt von der Kooperation, der Solidarität und der demokratischen Partizipation der sie verwaltenden Gemeinschaften ab. Dies unterscheidet sich grundsätzlich von marktwirschaftlicher Wasserverteilung, die sich an Kaufkraft statt an Bedürfnissen orientiert. Die lokale Pflegschaft – nicht Konzerne, Hochtechnologien oder Regierungen – bietet den besten Schutz der Wasserallmende.
6) Lokale Wassersouveränität. Die (Wieder-)Belebung der Wasserallmende heißt nicht, dass alles allen gehört oder sich jeder bei jedem Wasservorkommen bedienen darf. Ein Grundelement der Wasserallmende, das in Einklang mit dem Schutz von Wasserscheiden und lokaler Verwaltung steht, ist, dass Wasser ein souveränes Gut ist und einer Gemeinde oder einem Land nicht durch physische oder ökonomische Gewalt entzogen werden darf.
7) Wassergerechtigkeit statt Almosen. Die Erzählung der Wasserallmende basiert auf Gerechtigkeit, nicht auf Entwicklungshilfe. Wenn Menschen aus dem Norden Menschen im Süden beim Brunnenbau helfen, ist dies ehrenwert, aber nicht mehr als eine Übergangslösung. Milliarden leben ohne Trinkwasserversorgung, und zwar nicht etwa nur, weil die Bevölkerung dieser armen Länder unter Wasserknappheit, sondern auch unter den Krediten der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds leidet.
8) Die Wasserversorgung muss öffentlich und bezahlbar sein. Eine neue Wassererzählung muss ein für allemal festsetzen, dass Wasser ein Gemeingut ist, das der Staat zu fairen Preisen bereitzustellen hat. Dies bedeutet, dass internationale Finanzinstitutionen, die arme Länder bei der Wasserversorgung unterstützen, den Fokus von Public-Private-Partnerships hin zu Public-Public-Partnerships verlagern müssen. Während erstere große, private Wasserkonzerne favorisieren, fokussieren letzere auf einen Transfer von Mitteln und guten Praktiken von der Nord- auf die Südhalbkugel.
9) Allgemeines Recht auf Wasser. Die hier geschilderte neue Wassererzählung muss in einem Gesetzestext kodifiziert werden. Es ist an der Zeit, dass die Welt sich darauf einigt, dass Wasser kein »Bedürfnis«, sondern ein »Recht« ist, das auf jeder Regierungsebene festgeschrieben sein muss – von Kommunalsatzungen und Staatsverfassungen bis hin zu einer verbindlichen UN-Konvention. Die weltweite Wasserkrise ruft nach »Good Governance« (gute Regierungsführung), und Good Governance braucht einen rechtlichen Rahmen, der auf universell anwendbaren Menschenrechten basiert.
10) Die Natur hat Rechte. Ein Gesetzeskorpus, der die naturgegebenen Rechte der Umwelt, der nicht-menschlichen Arten und des Wassers selbst anerkennt – und zwar unabhängig von deren Nutzbarkeit durch den Menschen –, würde die Wasserallmende beträchtlich vorantreiben. Aus der Warte der meisten westlichen Gesetze besteht die Gemeinschaft des Lebens auf dieser Erde aus einem Haufen von Objekten oder natürlichen »Ressourcen«, die es auszubeuten gilt. Wo diese Ausbeutung hinterfragt wird, wird meist ein natürliches Gemeingut geschützt, um es weiterhin für die menschliche Nutzung verfügbar zu halten. »Wildes Gesetz« (ein Begriff des südafrikanischen Umweltjuristen Cormac Cullinan) reguliert hingegen menschliches Verhalten, um die Integrität der Erde und all ihrer Arten zu bewahren. Dazu muss sich die Beziehung des Menschen zur natürlichen Welt wandeln – von der Ausbeutung hin zu einer Demokratie mit unseren Mitwesen. Als Mitglieder der Erden­gemeinschaft müssen unsere Rechte im Gleichgewicht mit denen der Pflanzen, Tiere, Flüsse und Ökosysteme sein. 


Von Matthias Fersterer aus dem Englischen übersetzter Auszug aus »Our Water Commons. Toward a New Freshwater Narrative«, verfügbar online unter: www.canadians.org

Der Text in voller Länge ist unter dem Titel »Die Wasser-Allmende« bei thinkOya erhältlich.

Maude Barlow (65) ist eine der weltweit profiliertesten Wasseraktivistinnen. Sie wuchs in Nova Scotia auf und zog später nach Ottawa, wo sie seit den 1960er Jahren in der feministischen Bewegung aktiv ist. 1983 wurde Maude Barlow zur ersten Beraterin für Frauenfragen des kanadischen Premierministers ernannt. 1985 gründete sie das Council of Canadians, die größte Bürgerrechtsbewegung Kanadas, der sie noch heute vorsteht. Die Bürgerrechtlerin ist Mitbegründerin der Initiative Blue Planet Project, die sich für weltweite Wassergerechtigkeit einsetzt, und des International Forum on Globalization. Sie ist Vorsitzende der Nichtregierungsorganisation Food and Water Watch und Ratsmitglied des World Future Council. Maude Barlow wurden elf Ehrendoktortitel und zahlreiche Auszeichnungen verliehen, darunter 2005 der Alternative Nobelpreis »für ihren vorbildlichen und langjährigen Einsatz für das Grundrecht auf Wasser«. Von 2008 bis 2009 war sie Senior Advisor in Wasserfragen des 63. Präsidenten der Generalversammlung der Vereinten Nationen und führte die Kampagne zur Anerkennung des Menschenrechts auf Wasser durch die UNO an. Sie verfasste zahlreiche Bücher, darunter »Blaues Gold. Das globale Geschäft mit dem Wasser«. Maude Barlow lebt mit ihrem Mann ­Andrew Davies in Ottawa.

www.canadians.org

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