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Frag doch deine Mutter!

Einladung zu einer lustvollen Expedition ins bionische Abenteuer.

von Caroline Claudius , erschienen in 18/2013

Das gute Leben bei 0,8 Tonnen CO2-Äquivalenten: Mit radikalen Perspektivwechseln raus aus der Ressourcenübernutzung.

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Verlange vom Menschen Verzicht, und er geht stiften – weshalb die gängige Anti-CO2-Rhetorik ziemlich alleine dasteht. Dabei verzichtet das wirklich gute Leben auf nichts und hat dennoch einen ökologisch integrativen Fußabdruck. Die hierzu nötige  Perspektivenverschiebung nenne ich: Das bionische Abenteuer. 

Jede unserer Entscheidungen entsteht inmitten zweier Systeme. Im ersten ist der einen Spezies Abfall die Nahrung der nächsten, alle notwendige Energie wird von der Sonne generiert und alles Vergehende zur Entstehung neuen Lebens verwertet. Dieses System arbeitet in rückstandslosen Kreisläufen. Seine Ökobilanz ist ausgeglichen, sein CO2-Fußabdruck gleich Null. Seit hunderten Millionen Jahren floriert es extrem resilient. Wir nennen es Natur.
Das zweite System operiert linear. Es entnimmt dem ersten System Ressourcen, macht daraus unter Zerstörung eben dieses Gebersystems überflüssige Produkte mit willentlich begrenzter Haltbarkeit, ersetzt diese nach Erreichen ihrer künstlichen Obsoleszenz durch ebenso erzeugte, illusionär überlegene Produkte und erklärt den Überschuss zu nutzlosem Müll. Dieses System nennt sich heute Kapitalismus. Es wird nur von einer einzigen Lebensform praktiziert: dem Menschen. Sein CO2-Fußabdruck lässt sich aufgrund nicht deklarierungspflichtiger, externalisierter Produktionskosten leider nicht exakt messen. Tödlich exzessiv ist er in jedem Fall. Langfristig betrachtet, kann dieses System nur einen Zweck nachhaltig erfüllen, nämlich die Spezies Mensch nach gerade 200 000 Jahren auf der Planetin innerhalb der nächsten 2000 Jahre wieder auszulöschen.
Obwohl wir die Wahl haben, orientieren wir uns täglich kollektiv und global an System zwei. Der möglichen Gründe für diese Paradoxie sind viele: Dummheit, Ignoranz, Gewohnheit, Bequemlichkeit, Angst vor Verzicht, vor sozialer Ausgrenzung, vor Veränderung. So hinterlassen wir hässliche CO2-Fußabdrücke von durchschnittlich 11 Tonnen CO2-Äquivalenten. Und sind nicht mal vorübergehend glücklich dabei. Der Grund ist einfach: Weder ein verträglicher Fußabdruck noch das wirklich gute Leben können aus linearem Handeln erwachsen. Diese Einsicht ist der Beginn des bionischen Abenteuers, das ein unglaubliches Zeitpotenzial freisetzt, fit macht, zu besserem Sex, tieferen Beziehungen und faszinierenden Begegnungen führt, Sinne und Intellekt schärft, die Lebenserwartung steigert, Natur und Tier zu Freunden macht und was dergleichen Symptome mehr sind. Nebenbei senkt es den individuellen Fußabdruck bei konsequenter Praxis auf etwa 0,8 und bei mäßiger Einhaltung immer noch auf 2,4 Tonnen CO2-Äquivalente: Für Essen 0,5, für Alltagsbedarf 0,25, für Wärme 0,03 und Mobilität 0,02. Bionisches Handeln setzt zirkuläres Denken voraus. Dieses bedarf einer radikal-kreativen Verschiebung unseres Bezugsrahmens. In der Praxis lassen wir viele unserer Handlungsentscheidungen vom Kapitalismus subsumieren, der sie mit einem linear ausgerichteten, ressourcenintensiven Konsumzwang verknüpft. Drehen wir uns aber um 180 Grad und orientieren unsere Handlungen an Mutter Natur, bietet sie uns zyklische, ökologisch verträgliche, praktikable Alternativen, die das Konsumieren oft völlig unnötig machen und immer auf faszinierende Weise beglücken. Zur Verwirklichung dieser Drehung müssen wir allerdings eine Sensibilität für ihre Zeichen und Sprache und eine lustvolle Kreativität in der Übertragung dieser Codes in unser Verhalten entwickeln.
Klingt abgehoben? Ist es nicht. Ein Beispiel: Kein Mensch kann ernsthaft Plastikwindeln nutzen wollen. Die Baumwollwindel ist eine ehrenhafte, aber (siehe Seite 53) nur abgebremst-lineare Lösung. Fragen wir also die Natur. Die verblüffende Antwort: Keine Windel (= Verschiebung des Bezugsrahmens). Tatsächlich wird Mensch mit der natürlichen Gabe geboren, anstehende Ausscheidungen gestisch-mimisch mitzuteilen (= Sensibilisierung). Er stellt seine Bemühungen allerdings nach etwa drei Monaten wieder ein, wenn niemand zuhört und seine am liebsten wohlig luft­umspülten Genitalien konstant in eingedampftes Erdöl verpackt werden. Nehmen wir das kleine, noch gänzlich naturverbundene Wesen aber wahr und halten es bei Benachrichtigung schlicht ab (= kreative Lösungsintegration), hat sich die Windelfrage erledigt. Eine kommunikationsleere Handlung, die über 48 Monate Abfall generiert mit einem ökologischen Fußabdruck von 475 Kalbssteaks à 250 Gramm (nach einer Studie der TU Graz) wandelt sich in einen liebeserfüllten, zirkulären Akt gegenseitiger Bindungsförderung mit einem Fußabdruck von? Na? Genau: Null. Das ist doch einfach – bionisch!

Mehr bionische Beispiele …

Hier geht's zu einer ausführlicheren Einführung ins bionische Abenteuer:

bionische_beispiele.pdf (91 KB)

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