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Weniger ist mehr

Was brauche ich wirklich? Welche Dinge will ich in meiner Wohnung haben? Moritz Grund entwickelt ­»Ressourcenkreativität« und ­intelligentes Design.

von Anja Humburg , erschienen in 18/2013

Als Moritz Grund im Herbst 2003 nach Berlin zog, besaß er einhundert Dinge. Diese Zahl übte in den nächsten Jahren eine magische Anziehungskraft auf ihn aus. Denn was als spontane Lust begann, das überschaubare Eigentum zu inventarisieren, wurde zu einem mehrjährigen Selbstversuch, ein ressourcenleichtes Leben zu führen.

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Der Designer für Alltagsgegenstände wie Lampenschirme oder Garderoben kündigte Produktbeziehungen zu Salatschleudern, Entenpressen und Spargeltöpfen. Selbst ein Bücherregal, das die Sicherheit ausstrahlt, »Wissen notfalls noch einmal zur Hand zu haben«, widersprach der Idee seines Experiments. Stattdessen kleisterte er ein Regal aus Wellpappe zusammen, erbte die Wildlederslipper seines Bruders und kaufte eine Digitalkamera. Zwischenzeitlich stieg sein Besitz auf siebenhundertsiebenundsechzig Gegenstände – immer noch viel weniger als die 10 000 Dinge, die ein Durchschnittseuropäer sein Eigen nennt. Am Ende des Experiments im Herbst 2010 waren es bei Moritz Grund kaum mehr als 200 Objekte. In keinem Keller und keiner Kiste lagen noch Gegenstände, die ihm gehört hätten.
Moritz Grund entwarf während seines Studiums an der Universität der Künste Porzellanschalen und Waagen – und baute zu Hause Badschränkchen aus altem Sperrholz und Kunstrasen. Die Krux seines Berufs: Designer kreieren unzählige Dinge, »die in dem begrenzten Szenario, für das sie entworfen werden, lediglich dazu dienen, Verbrauch und Warendurchfluss zu erhöhen«. Kaum ein Produkt passe mehr zu den Fakten des globalen Wandels, gibt der 32-Jährige vor dem Hintergrund zu, dass jährlich 60 Milliarden Tonnen Ressourcen aus dem »Rohstofflager« Erde entnommen werden.

Dinge anders nutzen
Anders zu designen, beinhaltet für Moritz Grund einen anderen Umgang mit den Dingen. Die extreme Reduktion auf wenige Gegenstände wirft die Frage nach dem Gebrauch des Verbliebenen auf. Rechtfertigt der Aufwand, der mit Anschaffung, Transport, Pflege, Unterhalt, Versicherung und Entsorgung von Produkten einhergeht, die Freude am Gebrauch gerade der Dinge, die sehr selten benutzt werden? »Je mehr ich reduzierte, desto klarer spürte ich, dass am Ende unmöglich ein quasi leerer Raum mit einer Handvoll superfunktionaler Dinge verbleiben durfte. Herauskommen sollte kein Set an Alltagswerkzeugen für das Existenzminimum. Vielmehr sollten sich Antworten auf Fragen ergeben, die sich mir als Gestalter im Alltag, als Designer meiner Lebensumstände stellen«, schreibt Moritz Grund in seinem Text »Einhundert«, für den er 2012 mit dem Wilhelm-Braun-Feldweg-Förderpreis für designkritische Texte ausgezeichnet wurde. Erstaunt stellt er darin fest, »dass alle Dinge für vieles taugen. Besonders einfache Produkte machen Mut zur Zweckerweiterung, zur Improvisation.« Er nennt das Prinzip »Ressourcenkreativität«. Derzeit entwirft Moritz Grund Garderoben. Von Anfang an plant er dabei die Situation ihrer Nutzung – in einem Third-Hand-Laden – ein und nimmt das ganze Produktleben seiner Konstruktion in den Blick.
Während des Experiments begegnete Moritz Grund dem Minimalisten Dave Bruno aus den USA. Der nennt seinen Selbstversuch, mit 100 Dingen zu leben, »100-Thing-Challenge«.  Ähnlich wie der Amerikaner, der aus den Zwängen der konsumorientierten Lebensstile in den USA ausbricht, erlebt Moritz Grund die Reduktion als Befreiung. »Ich mache die Tür zu und vermisse nichts«, sagt er. Doch sein Experiment bescherte ihm auch Begegnungen im Bekanntenkreis, die in schroffem Gegensatz zu dieser Leichtigkeit gegenüber den Dingen stehen. Die Mutter eines Schulfreunds erzählt ihm, ihr Sohn habe versehentlich vor vielen Jahren das Elternhaus in Brand gesteckt. Die »schiere Menge« des Verlorenen und dessen »Unersetzbarkeit« schockierten ihn, erzählt Moritz Grund. Er begreift, dass Ersetzbarkeit das Reduzieren erleichtert.
Nach sechs Jahren löschte er die Excel-Tabellen, in denen alle seine Dinge aufgelistet waren, und »nahm den Zahlen damit ihre Macht«. Ressourcenkreativität, die für ihn der Schlüssel aus der Produktabhängigkeit wurde, fand auch bei anderen Gehör: 2009 gründete Moritz Grund mit ein paar Weggefährten das Sustainable Design Center für ressourcenintelligente Designkonzepte. Was als Experiment im Privaten begann, schuf ein Forum für andere kritische ­Designer, Softwareentwickler und Ingenieure. 

www.sustainable-design-center.de

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