Der Inhalt dieser Webseite ist unbezahlbar!

Sie können aber dazu beitragen,
dass hier immer wieder neue Artikel zu lesen sind!

• Ja, ich möchte Oya unterstützen

• Ich unterstütze Oya bereits

• Nein, ich möchte kostenfrei weiterlesen

• Ich möchte ein kostenloses Probeheft bestellen

Bitte wählen Sie hier den Betrag, mit dem Sie Oya unterstützen möchten:



Falls Sie kein PayPal-Konto haben, können Sie natürlich
auch direkt unsere Bankverbindung verwenden:

IBAN: DE96 4306 0967 1112 9897 00 • BIC: GENODEM1GLS
Verwendungszweck: Oya-Online Beitrag

Augen aufreißen!

Die industrielle Welt übernutzt die Erde. Im Grund wissen alle, dass das Wachstums­paradigma ausgespielt hat. Es ist lebensgefährlich. Wie aber finden wir zu einem nachhaltig guten Leben auf der begrenzten Erde? Gewiss nicht mit unrealistischem Optimismus. Können wir anders denken?

von Johannes Heimrath , erschienen in 18/2013

Bild

Manchmal bin ich froh darüber, dass ich damals, als ich ein bequemes Angebot zur Promotion hatte, an meiner Unfähigkeit, ein propädeutisches Seminar zu ertragen, gescheitert bin. Heute kann ich sagen, was ich denke, frei von akademischen Zwängen. Während andere offiziell noch die Hoffnung verkünden müssen, man könne dem Schlamassel, in dem die globale Industriewelt gerade unterzugehen beginnt, ohne Blutopfer irgendwie entkommen, darf ich bei meiner Einschätzung bleiben, die westlich geprägte Zivilisation werde unweigerlich kollabieren. Im Zusammenbruch liegt eine winzige Chance, die Welt in eine neue, dem ganzen Leben auf der Planetin dienliche Post-Kollaps-Kultur zu überführen. Eine immer noch viel zu kleine, doch stetig wachsende Schar großelterlich denkender – und fühlender! – Menschen weiß inzwischen, wie wir alle uns in Hinblick auf eine enkeltaugliche Welt verhalten müssten: die natürlichen Grenzen der planetaren Gaben achtend; diese Gaben gemeinsam erhaltend und pflegend; die Früchte dieser Pflegearbeit in ausgleichender Fürsorge gerecht teilend; in Verbundenheit mit allem Lebendigen nützlich wirkend, statt zu übernutzen.

Es wird wärmer, viel wärmer!
Am 3. Dezember veröffentlichte das »Global ­Carbon Project«, in dem drei Dutzend Klimafachleute aus zehn Ländern die Wirklichkeit mit den besten Klima­modellen abgleichen, die neuesten Daten zur Temperaturentwicklung. Der Befund: Die weltweiten CO2-Emissionen folgen inzwischen eindeutig dem schlimmsten Szenario, das bei einer 5 Grad wärmeren Welt für die Generation unserer Kindeskinder endet. Die Kurve ist auf der nächsten Seite abgebildet. – In welcher Welt leben die Klimagipfelstürmer, wenn der britische Energieminister Ed Davey auf der Konferenz in Doha sagt: »Der UNEP-Bericht ebenso wie eine aktuelle Studie der Internationalen Energieagentur kamen zu dem Schluss, dass uns die Zeit davonläuft, aber dass die 2-Grad-Celsius-Grenze noch einhaltbar ist, wenn wir jetzt den politischen Willen zum Handeln aufbringen«? So eine hanebüchene Aussage kann nur ein Gehirndefekt erklären, den jüngst »Nature Neuro­science« publik machte: Demnach stellen bei 80 Prozent der Menschen die vorderen Stirnlappen im Neokortex, dem Teil des Gehirns, mit dem wir logisch denken, ihre Arbeit ein, sobald sie problematische Eindrücke empfangen. Die schlechte Nachricht wird nicht verarbeitet. Stattdessen erhält das Gehirn die Illusion einer watteweichen Welt aufrecht, in der am Ende alles gutgeht. Dieser Hirndefekt wird »unrealistischer Optimismus« genannt. Er führt beispielsweise dazu, dass die meisten Befragten der Untersuchung es eher für möglich halten, den Jackpot im Lotto zu gewinnen, als an Krebs zu erkranken.
Ganz offensichtlich ebensowenig in der manifesten Wirklichkeit leben auch die Energiewendehälse, die uns weismachen wollen, in ein paar Jahren sei alles grün, was Konsum heißt, und die mollige Wärmedecke, die wir uns gegen den Schauder vor der Wirklichkeit jenseits unserer vorderen Hirnlappen um die Schultern gelegt haben, beziehe ihren Strom zu 100 Prozent aus den famosen Windturbinen oder der Wüstensonne: Oder sollte der soeben erschienene »World Energy Outlook 2012« der Internationalen Energieagentur IEA nur zum Spaß das folgende Resümee enthalten? »Bei Berücksichtigung aller neuen Entwicklungen und Politikmaßnahmen sieht es noch immer nicht so aus, als gelänge es, das globale Energiesystem auf einen nachhaltigeren Pfad zu lenken. Im Szenario der neuen energiepolitischen Rahmenbedingungen […] steigt der globale Energieverbrauch im Zeitraum bis 2035 um mehr als ein Drittel.« Strom wird – trotz allem Einsatz für erneuerbare Alternativen – im Jahr 2035 noch immer zu mehr als 70 Prozent (!) durch Verbrennung fossiler Energieträger erzeugt. Daher: »Die Emissionen im Szenario der neuen energiepolitischen Rahmenbedingungen entsprechen einer langfristigen mittleren globalen Erwärmung um 3,6 °C.«
Der Klimawandel ist zwar der Kraftvektor, der die globale Menschheit letztlich in eine völlig veränderte Welt treiben wird. Auf einem ansonsten gesunden Himmelskörper, den eine genügsam lebende Spezies bewohnt, die ihre gemeinsame Heimat als Allmende begreift, diese hegt und pflegt und die Abgrenzung und Ausschluss nicht kennt, sollte die Anpassung an sich verändernde Klimazonen eigentlich kein Problem sein. Schließlich haben die erdianischen Arten, unsere diversen Vorfahren eingeschlossen, schon krassere Klimaschwankungen natürlichen Ursprungs überlebt. Doch ist die Erde ganz und gar nicht mehr gesund, seit der Homo industrialis die Atmosphäre und die Ozeane als Gratis-Müllhalden zu nutzen begonnen hat.

Raus aus der Eisenzeit!
Die Anzahl der seitdem in unsere Umwelt entlassenen künstlich erzeugten Stoffe beträgt kaum vorstellbare 60 Millionen. Die Wirkungen von fast allen der rund 100 000 Industriechemikalien, die täglich verwendet werden, sind völlig unbekannt. Der Sektion Toxikologie der Deutschen Gesellschaft für experimentelle und klinische Pharmakologie und Toxikologie erscheint die Forderung der EU-Chemikalienpolitik, »in den nächsten zwölf Jahren für mehr als ein Drittel der über 100 000 Altstoffe toxikologische Daten vorzulegen und für bis zu 5000 Altstoffe toxikologische Untersuchungen zu fortpflanzungsgefährdenden und krebserzeugenden Wirkungen zu erstellen, unrealistisch. Weder die chemische Industrie noch andere Institutionen verfügen über die personelle und materielle Ausstattung zur Bewältigung dieser Aufgabe.«
In einigen Gebieten der Weltmeere besteht das Plankton, der Beginn der Nahrungskette, inzwischen zu 40 Prozent aus mikro­skopisch klein zerriebenen Kunststoffpartikeln. In dem großen pazifischen Müllwirbel, der eine Fläche von 700 000 Quadratkilometern aufweist – da passt Deutschland zweimal hinein –, kommen auf ein Kilogramm Plankton sechs Kilogramm Plastikpartikel.
Den Rohstoffverbrauch müssen wir einstweilen nicht mal aus Gründen des Versiegens reduzieren: Einer Untersuchung des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung zufolge haben sich die sogenannten statischen Reichweiten der meisten mineralischen Stoffe – Erdöl, Erdgas, Gold, Silber, Aluminium, Blei, Seltene Erden etc. – eher verlängert als verkürzt. Das könnte gut noch Jahrzehnte so weitergehen, würde das System nicht aus anderen Gründen kollabieren.
Und dieser Kollaps zeichnet sich bereits in zwei Segmenten der globalen Biosphärenbelastung ab, die das Stockholm Resilience Center benennt und die in der öffentlichen Wahrnehmung weniger beachtet werden: Verlust der Biodiversität und Stickstoffeintrag in die Ozeane, dazu tritt freilich der Klimawandel (siehe Grafik auf der vorigen Seite). Auch angesichts dieser Erkenntnisse wird deutlich, dass wir nicht länger den alten Machbarkeitsfantasien zu huldigen brauchen, von denen sich vor allem »grüne« Technologen (ja, meistens Männer) leicht forttragen lassen: Die Entfernung der Chemiegifte aus der Atemluft, die Reinigung der Weltmeere vom Plastikmüll, die Rückholung der rasant aussterbenden Arten, die Umkehrung der Versauerung der Ozeane, die Befreiung der Atmosphäre von klimarelevanten Gasen und Aerosolen, vor allem der Wiederaufbau der rasant erodierenden fruchtbaren Ackerkrume, ohne die wir nichts zu essen haben – wie soll das gehen? Das alles verlangt nach einer ganz anderen Vision von irdischem Menschenleben. Das alles wird nicht mit ein bisschen Deindustrialisierung und grüner Technik und grünem Geld und Good Governance und Planetary ­Stewardship und was es an auf hochwertigem Umweltkarton gedruckten Prospekten noch so alles gibt, zu machen sein.
Jedenfalls nicht, wenn wir in unserem Denken in der Eisen- und Steinzeit steckenbleiben. Ich bin dankbar, dass Petra Steinberger in diesem Heft (ab Seite 48) den Gedanken aufgreift: Es sind nur vordergründig Öl und Silizium, die unsere Zeit zu beherrschen scheinen. Es ist seit mehr als 4000 Jahren das Eisen, das uns zu Herren über die auf organischem Material basierenden Kulturen gemacht und die Erde in ein stählernes Gefängnis gezwängt hat, so dass unser Denken in Nieten, Schweißnähten und Gussformen, Stanzen, Brechstangen und Panzerplatten, Zangen, Messern, Barren, Piercings und Kanonenrohren klaustrophobisch-neurotisch geworden ist. Dazu paart sich der Stein, und der Stahlbeton garantiert endlich, dass unsere babylonischen Türme nicht einstürzen.

Gründen wir unser Fühlen auf neuen Bildern!
Aus diesem eisernen Denken kommen wir mit keinen »Maßnahmen« heraus, die ja in ihrer monokristallinen Strukturiertheit die Eisenmetapher fortschreiben. Ich denke, wir müssen die Materialität unserer Bilder ändern. Ich neige zu Holz und Halm, zum organischen Leib, der die Kunst beherrscht, kristalline Strukturen in weiche Netze derart einzubinden, dass Biegsamkeit und Veränderung mit Festigkeit und Tragkraft zusammenfallen.
Schon lange führe ich einen unausgesetzten inneren Dialog mit all den unerhörten Lebewesen – die allermeisten dem bloßen Auge verborgen –, die in und auf »meinem« Körper und um ihn her­um leben. Ich habe begonnen, die Wörter zu hören, mit denen wir die mehr-als-menschliche Welt von uns abspalten. Ich sträube mich beispielsweise, das Wort »Biomasse« zu verwenden. Ich zweifle, ob mir der Missklang bewusst geworden wäre, wenn mich eine akademische Laufbahn täglich zu einem bestimmten Jargon – durchweg ein technisierter, »objektiver« und daher strukturell gewaltsamer – zwingen würde. Tatsächlich kommt es nicht gut an, wenn man in einer Talkrunde, in der die Energiewende-Termini wie Dolche durch die Gegend pfeifen, das Wort »Pflanzenwesen« in den Mund nimmt. Oder die Analyse der »statischen Reichweite« von »Rohstoffen« dadurch irritiert, dass man von »Schwundstoffen« spricht, was der Wahrheit näherkommt als erstere Bezeichnung. Jene impliziert, der »rohe«, unvollkommene Stoff – etwas angeblich Totes – erfahre erst durch den Menschen seinen Daseinszweck, indem dieser ihn »veredle«, ein Euphemismus dafür, dass wir ihn ­»benutzen«, »verbrauchen« und schließlich »entsorgen«.
Gleiches gilt für das Wort »Ressource«: Es kommt vom lateinischen »resurgere«, was »wiedererstehen, hervorquellen« bedeutet. Hervorquellen kann nur etwas, das sich zuvor dort angesammelt hat – und wenn nichts nachfließt, versiegt die Quelle. Wie anders würden wir mit den hervorquellenden Gaben der Erde umgehen, wenn wir so etwas sagten wie »zu speisende Lebensquelle« …
Wie sollen wir wahrnehmen, was unter unseren Füßen geschieht, wenn unsere empfindsame Fußsohle die anzunehmenderweise ebenso empfindsame Erde nur auf schockabsorbierenden Hightech-Schwämmen betritt? Mein Herz krampft, wenn ich Menschen sehe, die bis vor kurzem noch barfuß gingen – und beileibe nicht immer, weil sie kein Geld für Schuhe hatten –, deren Füße durch blendend weiße Varietäten jenes kunststoffadipösen Symbols der Naturvergewaltigung zum Schlurfen genötigt werden, das der westliche Lebensstil als Alibi für urbane Tatenlosigkeit in Massen über das Erdenrund gebracht hat: den »Turn«schuh. Wer gewohnt ist, bei jeder Witterung barfuß zu gehen – natürlich nicht auf Asphalt und Beton –, gewinnt ein untrügliches Gefühl für den Grund, auf dem sein Fuß abrollt. Je inniger diese Beziehung zum Boden hinwächst, aus dem man das Leben kommen fühlt, umso mehr möchte man manchmal schweben können, leicht wie ein Spinnwebfaden im Sonnenlicht, um nichts zu quetschen, nichts aus der Bahn zu drücken, nichts zu knicken und zu brechen, was zufällig in den Weg gerät. Wer barfuß geht und dies lange genug tut, wird Schritt für Schritt inniger mit dem vertraut, was ein Weg bedeutet: Liebevoll senkt man seinen Fuß ins Gras und erfährt das Haar von Mutter Erde nicht als esoterische Hysterie, sondern als leibhaftige Begegnung zwischen Wesen, die sich einen begrenzten Raum teilen: Immer tritt der Gehende auf etwas, das nicht getreten werden will. Immer bist du der Täter, so unfreiwillig du dies auch sein magst. Nach einiger Zeit wird die Frage dringend, wem oder was du nützt, wenn du – den Kopf voll mit großartigen oder bescheiden kleingerechneten Weltrettungsgedanken – von Projekt zu Projekt trampelst und gar nicht merkst, wieviel Schaden du durch dein bloßes Gehen, ja: durch dein bloßes Dasein, anrichtest. Und du kannst es nicht ändern, denn du willst leben, genauso wie alles, was in dir und um dich herum lebt. – Und schon hebt sich dein Fuß bedachter von seinem letzten Abdruck und gedenkt für einen winzigen Augenblick des Hinterlassenen. Und schon senkt sich dein Fuß ein wenig aufmerksamer, leichtgewichtiger auf den irdischen Malgrund, auf dem sich deine Spur abzuzeichnen beginnt, und der dritte Schritt zeichnet schon einen anfänglichen Weg, und am Ende sieht die Welt: Du warst bewusst da, und du bist achtsam gegangen, und du hast das, worauf du getreten bist, gewürdigt, ihm gedankt, und du hast sichtbar beeidet, mit all deinem Tun zu vergelten, was du an Schaden nicht vermeiden konntest. – Sagen Sie das mal in einer Talkrunde mit Umweltexperten und Energiefachleuten …
Mir scheint, ein solcher innerer Dialog kreist um ein anderes Gravitationszentrum als der intellektuelle Fatalismus von Menschen, die nach 40 Jahren Appellen und Formulierung von – eben – Maßnahmen zur Abwendung des doch Unvermeidlichen die Hoffnung auf eine Welt nach ihren Einsichten begraben haben. Jørgen Randers antwortet auf Seite 32 in diesem Heft auf die Frage, wie hoch er die Chance für einen kollektiven Einsatz gegen den Klimawandel einschätze: »Gleich Null.« Da bin ich optimistischer: Laut einer Studie der Cornell-Universität müssen zehn Prozent einer Gesellschaft ein neues Paradigma vertreten, bevor sich die Population insgesamt in die neue Richtung bewegt. Wie schnell sich diese kritische Masse bildet, wenn eine Gesellschaft durch stete Aufklärung ausreichend »vorgespannt« ist, zeigte der deutsche Atomausstieg: Ein etwas kraftvollerer äußerer Anstoß – hier Fukushima – genügte, um eisern gefügt erscheinende Positionen zu stürzen. Hier lässt sich etwas tun: Wir können konkret daran arbeiten, die Vorspannung in unserer Gesellschaft in die Richtung eines nachhaltig guten Lebens zu erhöhen, so dass mit Hilfe des passenden äußeren Anstoßes – landläufig Katastrophe genannt – die erforderlichen zehn Prozent Meinungsführerinnen und Meinungsführer da sind. Dieser Option bewusst, setze ich daher die Chance, dass sich die Dinge nach einem Kollaps zum Guten ändern, mit 0,01 Prozent an.

Wir müssen schrumpfen!
Der ökologische Fußabdruck erscheint als ideales Maß, um dem industrialisierten Menschen nahezubringen, was er anrichtet. Als Einheit dient der »globale Hektar« (gha). Wenn man die insgesamt auf dem Boden der Atmosphäre für uns Luftatmer zur Verfügung stehende »produktive Fläche« – also ohne Meere, Sand- und Eiswüsten und bereits ausgewiesene Schutzzonen – durch die Zahl der Weltbevölkerung teilt, kommt man auf einen Anteil von derzeit rund 1,7 gha, der theoretisch jedem Menschen zum Erhalt seines Lebens, für Essen, Trinken, Kleidung, Wohnung, Wärme, zur Verfügung steht. Dies wird gegen die sogenannte Biokapazität gesetzt, die die Fähigkeit der Natur misst, die Mittel zum Leben des Menschen bereitzustellen und seinen Müll aufzunehmen; sie hat aktuell für Deutschland den Wert 2,0 gha. Der tatsächliche Flächenverbrauchswert für unseren deutschen Lebensstil beträgt aber 5,1 gha. Das heißt, wir übernutzen die Biokapazität unserer Erdregion um mehr als das Zweifache! Das hat bis 1970 einigermaßen gut funktioniert, weil, erstens, die im Vergleich zu heute erst halb so zahlreiche Erdbevölkerung eine größere Fläche pro Kopf zur Verfügung stellte, zweitens, eine erhebliche Anzahl von Menschen in – aus eurozentristischer Sicht – »entlegenen« Regionen mit einem Fußabdruck von weniger als 0,5 gha lebten und, drittens, der »wirtschaftliche Aufschwung« jener uns ausbalancierenden Kolonial­regionen noch nicht eingesetzt hatte. Das ist heute anders, und der globalisierte Konsumgüterwahn zusammen mit der Verdoppelung der Erdbevölkerung hat die Lebensstile jener »armen« Regionen dermaßen »entwickelt«, dass sie uns ehemaligen Kolonialherren in Punkto Ressourcenverbrauch bereits den Rang abzulaufen beginnen. So kommt es, dass wir heute alle zusammen die Biokapazität der Planetin zu 150 Prozent beanspruchen – das sind anderthalb Erden.
Wir müssen schrumpfen! – Das Rezept trägt derzeit schöne Namen: Deindustrialisierung, Postwachstumsökonomie, ­Degrowth, Cradle to Cradle, Transition Towns. Auch ich sage: Schrumpfen! Doch scheine ich zu den wenigen zu gehören, die zudem klar aussprechen, was das wirklich bedeutet: Sagen wir, wir reduzieren in Deutschland unsere Ausbeutung der Lebensquellen um zehn Prozent. Dann sinkt der Wert unseres ökologischen Fußabdrucks von 5,1 gha auf 4,59. Das ist noch immer fast dreimal mehr als die uns zustehenden 1,7 gha. Wir reduzieren um 20 Prozent auf 4,08. Noch immer zu viel. 30 Prozent: 3,57 gha – immer noch zu viel. Nun alarmiert bereits ein Rückgang der Konsum»freude« oder des Exports um ein, zwei Prozent die Wirtschaftswächter: Rezession! Die Arbeitslosenzahlen steigen, Firmenpleiten häufen sich. Nach dem Bankencrash 2008 sank die Wirtschaftsleistung einiger Länder vorübergehend um sechs, sieben Prozent. Das war der Auslöser einer »Weltwirtschaftskrise«. Wie würden wir das nennen, wenn wir nun freiwillig den Konsum um 10, 20, 30, 40 Prozent einschränkten?
Es wird gern darauf verwiesen, dass die Wirtschaft sehr wohl einen Abbau von Produkten verkrafte: So sei das Verbot von Plastiktüten in vielen Ländern, darunter Indien, Ruanda, Frankreich, oder die Einführung von Energiesparlampen problemlos bewältigt worden. Das stimmt, doch ist dies kein Schrumpfen, sondern lediglich ein Produktwechsel – vergleichbar dem Umstieg von der guten, alten Schallplatte auf die Compact Disk Anfang der 80er Jahre –, der neue Anwendungen und Einkommensquellen erschließt und in der Regel über den Rebound-Effekt am Ende mehr Primärenergie und Schwundstoffe verbraucht als die vorherige Technik.
Erst, wenn eine wegfallende Produktkategorie nicht mehr ersetzt würde, könnte man von einem Schrumpfen sprechen. Am wenigsten nützlich und daher leicht wegzulassen sind sicherlich die unzähligen Hervorbringungen der Unterhaltungsindustrie. Es würde also der Röhrenfernseher nicht nur deshalb verschwinden, weil ihn der LCD-Flachbildschirm ersetzt, sondern es gäbe schlicht keine Fernseher mehr – und damit keine Herstellung von Screens, Receivern, den dazu nötigen Antennen, Kabeln, Chips, Kunststoffgehäusen, Verpackungsmaterialien, auch keine Fernsehabteilungen in Kaufhäusern, keine Service-Techniker und natürlich auch keine Programmierer mehr; keine Maschinenbauer, die den Herstellern die Werkzeuge zur Produktion der Geräte liefern; keine Billiglöhner, die im Akkord solche Geräte assemblieren; keine Einnahmen für den Containerschiff-Reeder; ach ja, und es würde keine Fernsehstudios mehr geben, keine Talkmaster, Nachrichtensprecherinnen und Tatort-Schauspieler, die teuren Kameras würden auch wegfallen und die gesamte Industrie, die daran hängt. Denken Sie die Verästelungen selber fort. – Wie bitte soll das funktio­nieren: schrumpfen ohne Aufruhr, staatliche Zwangsmaßnahmen, Blutvergießen?
Es ist keine leichtfüßige Struktur denkbar, die die Extraktion Seltener Erden ohne Kolonialismus bewerkstelligt, keine leichtfüßige Industrie, die bei einem ökologischen Fußabdruck von 1,7 gha Silizium-Wafers herstellt und Chips produziert, bei denen einzelne Atome als Schalter fungieren. Dazu braucht es nämlich exakt die heutige Industrie mitsamt ihrem gigantischen Forschungs- und Lehrapparat und der sie finanzierenden Spekulationswirtschaft – genau deshalb gibt es sie! –, und es braucht das gesamte Anreizsystem, mit dem man Menschen verleiten kann, ihren Enkeln das Grab zu schaufeln.

Entwickeln wir eine Parallelkultur!
Die Commons-Forschung hat gezeigt, dass nur dort, wo eine Gesellschaft der Gleichwürdigen in der Lage war und ist, sich egalitär und im Konsens über die erforderlichen Pflegeregeln zur Nutzung einer Allmende zu einigen, gelingendes menschliches Leben im Einklang mit den Lebensquellen zu beobachten ist. Es braucht die Abwesenheit von Herrschaft und einen anderen Zeitfluss, um Menschengemeinschaften dazu zu befähigen, ihre Belange selbst zu steuern, und es braucht kleingliedrige Strukturen, um Fehlentwicklungen schnell und direkt erkennen zu können. Beides ist nicht erst in einer Post-Kollaps-Gesellschaft des guten Lebens mit einer Realisierungschance von 0,01 Prozent möglich. Das kann schon heute praktiziert werden. Es steht uns frei, Allmenden zu bilden und egalitäre Konsensgemeinschaften zu konstituieren. Es steht uns frei, in diesen Gemeinschaften eine Binnenökonomie des Beitragens oder der Gabe zu etablieren, und es steht uns frei, unsere dabei gewonnenen Erkenntnisse zu verbreiten, um »Vorspannung« zu erzeugen – um das zu tun, was die auf Erden in gigantischer Überzahl seit Jahrmillionen ungebrochen existierenden kleinsten Lebewesen, die Bakterien, tun: Anstecken!
Die Augen aufzureißen, bedeutet, dass man auch seine inneren Mechanismen überprüft und erkennt, wie tief die kapitalistische Kolonisierung im eigenen Kopf ankert. Es kostet Mut, die Dinge nicht mehr schönreden oder durch irgendwelche Maßnahmen neue Ordnungen erzwingen zu wollen – was das bekannte Alte ist. Gelingt uns das, sind wir in der Lage, das Gute, das wir vom Leben für uns selbst und für die kommenden Generationen erwarten, in die rechte Beziehung zum Gegenwärtigen zu setzen. Dann kann – parallel zum niedergehenden Alten – erblühen, was lebenswert ist: die Fähigkeit, sich selbst und die Menschen im überschaubaren Lebensraum gesund, köstlich und festlich zu versorgen, ohne Wohlstandsmüll anzuhäufen; die Vielfalt an Fähigkeiten der mit uns lebenden Menschen zu genießen, ohne in neuen Industrien zu denken; die Freude, mit einem sinnvollen Beitrag dem Ganzen dienen zu können; die Achtung und Wertschätzung der Gemeinschaft zu erfahren, die mich in all meiner Größe, Weisheit, Narretei und Hinfälligkeit anerkennt und trägt. Wir werden den leichten, leisen Tritt mehr schätzen als das auftrumpfende Stampfen der Fortschrittsstiefel, seien sie rot, schwarz oder grün, deren Abdruck so groß ist, dass unsere nackten, tanzenden Füße viele Male hineinpassen. •



Mal selber nachforschen? Kein Problem:
5 Grad wärmere Welt: www.globalcarbonproject.org/carbonbudget; UNEP-Bericht: http://climatechange.worldbank.org/content/climate-change-report-warns-dramatically-warmer-world-century; World Energy Outlook: http://www.worldenergyoutlook.org; planetare Grenzen: www.ecologyandsociety.org/vol14/iss2/art32 und www.stockholmresilience.org; Plastik-Plankton: nach YENRS5200 googeln; kritische Masse: http://arxiv.org/abs/1102.3931.

Buchtipp: Johannes Heimrath: Die Post-Kollaps-Gesellschaft, Scorpio, 2012.

Suche



Aktuelles

Hoffest auf dem »Auenhof«

SoLaWi (nahe Berlin) in Gründung freut sich über neue Mitglieder

Filmpremiere „A New Story For Humanity“

Am 30. April gemeinsam schauen, wie die Welt in eine neue Richtung gehen kann.

Demo: TTIP & CETA stoppen

Für einen gerechten Welthandel

Das Ende der Megamaschine

Autor Fabian Scheidler im April/Mai auf Lesereise in Deutschland.

Stream towards Degrowth 2016

neue Wege in die Postwachstumsgesellschaft
weitere Nachrichten

Aktuelle Ausgabe

Cover