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Gemeinschaftlich wirtschaften

Warum Gemeinschaftsförderung im Konzept für die ReWiG‘s groß geschrieben wird.

von Tim Reeves , erschienen in 17/2012

Ein neues Wirtschaften, das sich am Gemeinwohl orientiert und auf Kooperation und Vertrauen setzt, muss den zwischenmenschlichen Beziehungen größte Aufmerksamkeit schenken. Wie das möglich wird, darüber berichtet Tim Reeves, Co-Autor des Konzepts »Regionale Wirtschaftsgemeinschaften« (ReWiG) und Mitbegründer der ReWiG München eG.

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© Foto: contrastwerkstatt/Fotolia.de

 

Im Gespräch mit meiner zwanzigjährigen Tochter breche ich völlig unvermittelt in Tränen aus, unkontrollierbares Schluchzen übermannt mich – aus Sorge, dass wir die Herausforderungen, vor denen wir stehen, nicht meistern und das Potenzial unseres wunderschönen Planeten verspielen. Kriegen wir noch rechtzeitig die Kurve – oder fahren wir donnernd gegen die Wand?
Schon vor Jahren hatte ich mich eingehend mit vielen der mit dieser Frage verbundenen Themen beschäftigt, und ich war dabei immer verzweifelter geworden. Ich erinnere mich an einen Tag, an dem die »Negativ-Mantren« aus all den Informationen mir vom Aufstehen bis zum Schlafengehen ununterbrochen durch den Kopf gingen. Ich dachte ernsthaft: Morgen musst du dich wohl freiwillig in die Psychiatrie einliefern. Danach beschloss ich, nicht aufzugeben und ab jetzt alles zu tun, um eine Zukunft mitzuerschaffen, auf die wir uns alle freuen können.
Das tue ich seitdem auch, obwohl es viel Kraft kostet, ständig der Wucht der Vergangenheit und den eingefleischten Glaubenssätzen die Stirn zu bieten, was manchmal die Emotionen überfließen lässt. Gleichzeitig macht es Freude, weil es zutiefst sinnstiftend ist und in Gemeinschaft mit Gleichgesinnten erfolgt.

Der Gummiband-Effekt
Obwohl die Herausforderungen seit Jahrzehnten bekannt sind, hat sich erschreckend wenig getan. Die Weltbevölkerung wächst weiter, ihr Hunger nach Energie ebenso, der CO2-Ausstoß bleibt hartnäckig hoch, Peak Oil ist schon da, und der Kapitalismus ist in geradezu absurde und menschenverachtende Spekulation ausgeartet. Wir benutzen weiterhin praktisch ausschließlich Zinseszins-Schuldgeld, das in seiner Konstruktion die Arm-Reich-Schere und den Wachstumszwang enthält.
Die Schwierigkeit, neue Modelle zu ersinnen und umzusetzen, liegt meiner Beobachtung nach in der Macht der Gewohnheiten, der eingefahrenen Denkweisen und der etablierten Strukturen. Diesen Status quo freiwillig zu ändern, ist nicht einfach, da Inwelt und Umwelt dazu neigen, sich gegenseitig aufrechtzuerhalten. Das äußere System stützt das innere Weltbild und umgekehrt. Die Seite, die stehen bleibt, holt die andere wie an einem Gummiband zurück.
Darin begründet liegt die Unzulänglichkeit von rein zwischenmenschlichen und rein wirtschaftlichen Ansätzen zur Weltverbesserung. Manche gründen Lebensgemeinschaften mit dem Fokus auf innere Werte, die dann an äußeren Zwängen, in der Regel finanzieller oder juristischer Art, scheitern. Andere formulieren hehre wirtschaftliche Ideen, die mangels engagierter Gemeinschaft nicht umgesetzt werden. Mehr Erfolg verspricht in meinen Augen ein Ansatz, der beide Seiten gleichzeitig anspricht und sie schrittweise in die gewünschte Richtung bringt.
John Rogers, seit 20 Jahren Pionier für lokale Währungen, bringt es auf den Punkt: »Gemeinschaftswährung = Gemeinschaft + Währung«. Aus leidiger Erfahrung weiß er, dass viele regionale Währungen das Potenzial gehabt hätten, Gemeinschaft zu fördern und ein neues Wirtschaften einzuläuten, aber an einem Mangel an gelebter Gemeinschaft und fehlenden neuen Glaubenssätzen seitens ihrer Nutzer eingingen. Die Community-Bank »Banco Palmas« in Brasilien bestätigt auf positive Weise diese These: Mit guten Währungsideen und hervorragender Gemeinschaftsbildung hat die Initiative eine ganz Stadt belebt.

Ein neues Wirtschaftskonzept
Warum betreiben wir ein Wirtschaftssystem, das sich auf materielle Werte konzentriert und Konkurrenzverhalten belohnt, während menschliche Werte und kooperatives Verhalten entweder schlecht bezahlt oder im Ehrenamt betrieben werden müssen? Viele von uns wissen, wie belastend es ist, neben dem notwendigen »Kohle-Verdienen« alles, was das Herz bewegen möchte, in der Freizeit unterbringen zu müssen. Deswegen brauchen wir lebbare Konzepte, die uns wirtschaftlich unterstützen, gar tragen, und gleichzeitig die Werte und Ziele umsetzen, die für uns alle lebensnotwendig sind, aber bislang oft unentgeltlich geleistet werden oder zu kurz kommen. Nur so ist ein nachhaltiges Leben möglich!
Und da hätten wir es schon – das Thema Nachhaltigkeit, nicht nur in ökologischer, sondern auch in sozialer und ökonomischer Hinsicht. Dabei geht es um die Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen für die nachfolgenden Generationen, um Partizipation und Gerechtigkeit sowie die Schaffung einer tragfähigen Grundlage für Erwerb und Wohlstand für alle.
Zukunftsfähigkeit beinhaltet alle Aspekte der Nachhaltigkeit und geht darüber hinaus: Sie berücksichtigt zudem die Widerstandsfähigkeit (Resilienz) in Bezug auf mögliche Krisen. Ein Unternehmen ist resilient, wenn es Rückschläge in einzelnen Bereichen verkraften kann, ohne daran zugrunde zu gehen.

Die eierlegende Wollmilchsau konstruieren
Eine Zeitlang habe ich mich für Euro-gedecktes Regiogeld ins Zeug gelegt und mich verausgabt, bis ich erkannte, dass wir – abgesehen von der Regionalität – damit wenig ändern, kaum Energieausgleich für unser »ehrenamtliches« Engagement in Aussicht haben und die Menge an Zinseszinsgeld sogar aufblähen. Etwas desillusio­niert beschloss ich, meine Bemühungen effektiver zu gestalten und möglichst viel Wirkung für meinen Einsatz zu erzielen. Hierzu bedurfte es einer Konstruktion,
→ die das Selbsterhaltungssystem Inwelt – Umwelt überwindet, indem sie beide Aspekte berücksichtigt;
→ die eine Gemeinschaftswährung einführt, bei der Gemeinschaft und Währung gleich wichtig sind;
→ die das Potenzial hat, eine ausgewachsene Wirtschaftsgröße zu werden, so dass sie mittel- bis langfristig nicht auf ehrenamtlicher Arbeit fußt, sondern die Beteiligten auch materiell ernährt;
→ die sich aktiv um Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit kümmert.
Just in dieser Zeit fing meine Frau Anna-Lisa Schmalz an, das Konzept Regionaler Wirtschaftsgemeinschaften zu entwerfen. Alsbald erkannte ich, dass sich mit diesem Hebel wirklich etwas bewegen lässt.
Gemeinschaftsförderung
Die wirtschaftliche Konstruktion einer ReWiG, mit ihren beiden Füßen »Teilhabergemeinschaft« und »Marktplatz«, wurde bereits im Interview mit Roland Wiedemeyer auf der Vorseite angesprochen. Ich hebe hier den nicht minder wichtigen Aspekt der Gemeinschaftsförderung hervor. Sie ist teilweise im Konzept verankert durch
→ die Wahl einer Unternehmensform, an der alle gleichermaßen mitbestimmen und mitbesitzen, z. B. Genossenschaft;
→ die Ausgestaltung der Währung als Handelsplatz, auf der Transaktionen ausschließlich im persönlichen Kontakt besiegelt werden können;
→ größtmögliche Transparenz (in der ReWiG München eG haben alle Genossen Zugang zu den Protokollen von Vorstands- und Aufsichtsratssitzungen);
→ die Berichterstattung der Unternehmen, an denen sich eine ReWiG beteiligt. Diese müssen jährlich zur Generalversammlung einen Bericht über ihre Bemühungen um Nachhaltigkeit veröffentlichen (etwa in Form einer Gemeinwohlbilanz nach Christian Felber).
In der Praxis bedarf es jedoch viel mehr, um eine lebendige Gemeinschaft aufzubauen und zu erhalten. Hier ist jede ReWiG auf sich selbst gestellt. Die ReWiG München hat folgende gemeinschaftsfördernde Initiativen ergriffen oder in Aussicht genommen: Der Arbeitskreis »Innere Kommunikation« hat Empfehlungen für die kooperative und wertschätzende Zusammenarbeit herausgegeben. Ein Stammtisch findet monatlich statt. Im Frühling gab es ein »Open-Space«-Seminar, das großen Anklang fand und mehrere Projekte hervorbrachte; eines davon ist der Kreis »Geistige Arbeit«. Ein Highlight war der gemeinschaftsbildende Prozess nach Scott Peck, den viele von uns an einem Wochenende besucht haben; kurze Nachfolgetreffen laufen weiterhin. Zwei Gemeinschaftsbildungsabende mit Begegnungselementen und einem eigens entworfenen Geldspiel wurden abgehalten. Der ReWiG-Marktplatz nimmt gerade den Betrieb auf; auch hier sind Vernetzungstreffen für die Teilnehmer, bei denen zwischenmenschliche Aspekte im Vordergrund stehen, vorgesehen. Demnächst werden Online-Foren angeboten, auf denen Genossenschaftsmitglieder Meinungsbildung zu Grundsatzfragen als Entscheidungsbasis für die Exekutive betreiben können. Zum Wir-Gefühl gehören nämlich auch das gemeinsame, aktive Tragen von Verantwortung sowie die demokratische Mitbestimmung in Versammlungen. Auf dem Marktplatz sollen künftig Gruppenabende nach der Tiefenökologin Joanna Macy angeboten werden. Die ReWiG wird sich ab diesem Herbst verstärkt um die Errichtung eigener Geschäftsbereiche bemühen; einer davon könnte eine Akademie für New Business und Seins-Coaching sein.

Gemeinwohl – mein Wohl
Im vorgeschlagenen Manifest für die ReWiG steht unser Leitgedanke: »Das Gemeinwohl der Menschen und die Gemeinschaft der Lebewesen haben oberste Priorität, denn das Wohlergehen des Individuums ist nur im Rahmen des Wohls aller sowie einer intakten Ökosphäre möglich.«
Im Jahr 2010 nahm ich an einem Transition-Town-Training in Bielefeld teil. Wir machten eine Übung, indem wir uns mental in eine Zukunft versetzten, in der wir die Herausforderungen tatsächlich gemeistert haben würden. Nun erzählten wir einem jungen Menschen (unserem Übungspartner), wie es »damals« war, als wir noch tief im Tal steckten und nicht wussten, ob unsere Bemühungen reichen würden. – Auch damals liefen mir die Tränen über die Wangen, so berührt war ich, erzählen zu können: »Ja, unglaublich! Wir gemeinsam, wir haben es tatsächlich geschafft!«
Wir können die Kurve kriegen! Wenn wir gemeinsam, achtsam, konsequent und mutig handeln. Jetzt! 


Tim Reeves (58) ehemaliger Tantra-Lehrer, Internet-Programmierer, Geldreformer.

Infos zur ReWiG:
http://regionale-wirtschaftsgemeinschaften.info
www.rewig-muenchen.de
www.gemeinwohl-oekonomie.org

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