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Fisch im Wasser – oder in der Dose?

»Freilernen« auf dem Weg in die breitere gesellschaftliche Diskussion.

von Clara Steinkellner , erschienen in 17/2012

Selbstorganisierte Bildung jenseits von Schule – über kaum eine andere Praxis bestehen so viele Vorurteile. Clara Steinkellner gibt einen Einblick in Wirklichkeit und Motivation von Freilerner-Familien.

Bild

© Foto: Jason Holm

 

Ich kann mich noch genau erinnern, welchen inneren Bildersturm Costel und Marcelin bei mir auslösten, die beiden zehnjährigen Besucher des rumänischen Sozialzentrums, in dem ich als Neunzehnjährige ein Jahr mitarbeitete, als sie mir lachend verkündeten, seit drei Jahren nicht mehr in der Schule gewesen zu sein. Sie hatten sich im wahrsten Sinn des Worts auf der Straße durchgeschlagen, ganze Sommer im Parcul Herestrau verbracht, der grünen Oase von Bukarest, Fische gefangen und gebraten, ein bisschen gebettelt, ein bisschen gestohlen, mit Autoscheibenputzen ein bisschen Geld verdient. Klar, es gab auch die schrecklichen Seiten des Straßenkinderlebens, den Bahnhofsstrich und die Drogen, die Gewalt. Trotzdem habe ich die aufrechte Körperhaltung und den entschlossenen Blick der Jungs bewundert und mit ihnen mitempfunden, wie schwer es ihnen fiel, sich an die Regeln im Sozialzentrum zu gewöhnen. Auf einmal sind Erwachsene da, die ihnen sogar sagen, wann sie ins Bett gehen sollen!
Ihr Gedächtnis war sagenhaft, ihr Orientierungssinn auch: den Bukarester U-Bahn-Plan zeichneten sie mir auswendig in meinen Kalender. Andererseits war ihre Orientierung im Zeitlichen ganz diffus. Den Tag zu überstehen, war bis jetzt das Wichtigste gewesen – von zeitlichen Abläufen schienen sie keine klare Vorstellung zu haben. Wir haben viel über die Jahreszeiten gesprochen, darüber, dass die Sonne im Sommer länger scheint als im Winter, über die Himmelsrichtungen und die zwölf Monate. Wir haben Bilder dazu gemalt und die Länge der Schatten beobachtet. Sie waren begeistert. Aber auf längere Sicht, wo sollten sie hin mit ihrer Begeisterungskraft? In die Schule! Und zwar in die seit der Ceauşescu-Diktatur kaum veränderte rumänische staatliche Schule, deren Lehrplan so sehr überfrachtet ist. Aus den Jungs sollte ja etwas werden …
Jahre später gelangte dann ein Comic zum »Homeschooling« in meine Hände. Er zeigte einen glücklichen Fisch im weiten Meer. Die staatliche Schule dagegen: Das Ziel ist der Schwarm von lauter Gleichen, das Resultat die Sardinen in der Dose. Ja, so kam mir das vor mit Cos­tel und Marcelin: Zwei kleine Fische, die bereits das halbe Meer erkundet und viele Gefahren überstanden hatten, sollten jetzt im durchorganisierten Schwarm mitschwimmen. Das Ende in der Dose ahnten sie irgendwie, denn sie wollten nicht zur Schule, diese »Extrem-Freilerner«, die ohne Eltern und ohne Schule aufgewachsen waren.
Homeschooling, Freilernen, Unschooling, Heimunterricht, Homeducation – ein Themenkomplex, der in Deutschland bisher kaum gesellschaftliche Aufmerksamkeit erfahren hat und wenn, dann wird oft emotional und schwarzweiß diskutiert. Persönliche Erfahrungen im Bekanntenkreis mit einer schulfreien Kindheit haben die wenigsten. Denn die Schulpflicht, die viele Generationen lang als Bildungspflicht verstanden wurde, die immer auch freie Bildungswege zuließ, erstarrte mit Hitlers Reichsschulpflichtgesetz vom 6. Juli 1938 zum strafbewehrten Schulzwang. Mangels anderer Erfahrungen verfestigte sich seitdem im Bewusstsein der Erwachsenen, dass Lebenstauglichkeit nur über Schule gelernt werden kann – andere Wege wären das Aus für die Zukunft der Kinder. Dieser Mythos gilt in Deutschland und in Diktaturen. Und im demokratischen Ausland?
Seit den 80er Jahren erreichen uns zunehmend Nachrichten über Erfahrungen mit schulfreiem Lernen. Sei es durch Familien wie den Groenevelds, die durch berufsbedingten Wechsel in mehreren Ländern ihre Kinder selbst bildeten – und sich in Deutschland vom Sorgerechtsentzug bedroht sahen. Sie zogen ihren Kindern zuliebe ins demokratischere Nachbarland. Oder deutsche Auswanderer berichten begeistert von den freizügigen Regelungen in ihrer neuen Heimat. Mittlerweile ist internationale Literatur zu allen Spielarten einer selbstverantworteten Bildung zu haben.

Neues entsteht in den Schlupfwinkeln des Systems
Familien entscheiden sich aus unterschiedlichen Gründen für diesen Bildungsweg – einige aus religiösen Motiven oder aus basisdemokratischer Überzeugung, andere – und das ist bei der Mehrheit der Freilerner in Deutschland der Fall – weil sie sich schlicht und einfach wünschen, dass ihre Kindern zu selbständigen, selbst- und mitverantwortlichen Persönlichkeiten heranwachsen können. Sie haben sich in Dachorganisationen zusammengeschlossen und sich, auch wegen der rechtlich brisanten Situation, undogmatisch über zahlreiche Internetseiten und Blogs miteinander vernetzt. So organisiert inzwischen nach vielen vorangegangenen Bundestreffen die Jugendgruppe der Freilerner »Septré« für September 2013 das erste »Schulfrei«-Festival im deutschsprachigen Raum. Es erscheinen die Zeitschriften »Die Freilerner« und »Unerzogen«, deren Leserschaft stetig wächst.
Nur sehr wenige Freilerner, wie die Familien Ludwig-Wolff, Dudek, Kern oder Neubronner, hatten den Mut und das Durchhaltevermögen, über Jahre für ihr Recht auf eine selbstverantwortete Bildung zu streiten. Unter dem Druck einer drohenden Sorgerechtsentziehung verlassen daher alljährlich zahlreiche Familien Deutschland, nicht selten auch mit Kindern mit besonderen Bedürfnissen, auf deren Inklusion die Schule sich nicht einlassen kann oder will. Geschätzt lernen 1000 Kinder in Deutschland außerhalb der Institution Schule – offizielle Zahlen gibt es keine, geschieht solch ein Lernen doch versteckt in Schlupfwinkeln des Systems. Die Praxis reicht vom »Homeschooling«, bei dem zu Hause nach staatlichen Lehrplänen, Schulbüchern und Stundenplänen gelernt wird, bis zum »Unschooling«, bei dem das Wissenwollen der Kinder und die Herausforderungen des Lebens den Rahmen für ihr Lernen setzen. Die Grenzen dazwischen sind fließend; der Trend geht zum selbstverantwortlichen Lernen. Familien berichten, wie sich das gemeinschaftliche Lernen, ob in Lerngruppen oder familiär, positiv auf ihren sozialen Zusammenhalt auswirkt.

Vielfältige Praxis – ähnliche Motivationen
»Wir müssen innerlich drei Schritte zurückgehen und Schule, Kindheit und Lernen ganz neu anschauen«, erzählte mir Karen Kern, deren Kinder überwiegend ohne formale Schule aufgewachsen sind. Über die Zeit, die sie mit ihrer Familie in England verbracht hat, kommt sie geradezu ins Schwärmen – über einen Alltag, der so in Deutschland nicht möglich gewesen wäre: nicht nur, weil man sich in England nicht vor den Behörden verstecken muss, sondern weil es dort ein Umfeld für das Freilernen gibt. Rund 50 Familien gehörten dort zu ihrer offenen Homeschooler-Gruppe. Obwohl die Trennung zwischen Unterschicht und Oberschicht in England sehr ausgeprägt ist, entstand hier das Gegenteil von Parallelgesellschaften. Es lernten Sozialhilfeempfänger mit Leuten, denen Tennisplatz und Pferdestall gehörten. Pädagogen in Museen oder Naturschutzzentren stellten sich bereitwillig den Wünschen der Gruppen. Kinder wie Erwachsene konnten in gemeinnützigen Projekten oder in Second-Hand-Läden mitarbeiten oder gar in einer Werkstatt das Drechseln lernen. In Deutschland würden derlei Angebote mit Mühe in die Schulen geholt und so die karge Freizeit verschult, beklagt Karen Kern. Ihre Vision ist eine Vielfalt an Lernorten mit Menschen, die anderen, jenseits vorgegebener Altersbegrenzungen, etwas beibringen. »Vielleicht gibt es auch so etwas wie Horte, wo die Kinder gerne Zeit verbringen. Aber prinzipiell freiwillig!«
Und wie leben in Deutschland junge Menschen, die nicht zur Schule gehen?
Anne Sommers (Name von der Redaktion geändert) Ältester litt derart unter Schulproblemen, dass sie entschied, zu Hause mit ihm zu lernen. Und weil er sich so gut entwickelte, gingen die anderen fünf Geschwister später auch nicht zur Schule. »Wir machen das schon seit elf Jahren, und am schönsten ist, zu sehen, dass die Kinder Zeit haben, um ihre Interessen zu pflegen. Andere Kinder kommen von der Schule, machen ihre Hausaufgaben, und dann sind sie eigentlich schlapp.« Annes Kinder im Grundschulalter sitzen kaum länger als eine Stunde pro Tag am Schreibtisch. Ansonsten besuchen sie die Musikschule, den Sportverein oder auch den Modelleisenbahnclub und kümmern sich um ihre Haustiere. Dass die Kinder ihre Kindheit leben können, darin sieht Anne das Hauptmotiv für ihre Entscheidung: »Wir sind schon religiös, katholisch, aber wir haben keine religiösen Motive fürs Homeschooling.« Die beiden Ältesten bereiten sich derzeit, nach ihrem Hauptschulabschluss, auf den Realschulabschluss vor. Mit dem Schulamt hat Familie Sommer seit einigen Jahren keine Probleme mehr. »Wir sind eine der ganz wenigen Familien, die wirklich ihre Ruhe haben. Nur alle ein bis zwei Jahre kommt mal jemand vom Jugendamt und schaut, wie es uns geht.«
»Es geht doch darum, das Kind anzugucken«, sagt Sonja Ziegler (Name geändert), Mutter des zehnjährigen Jakob. »Wenn er gerne zur Schule geht, wunderbar – aber wenn er im Flur liegt und heult und sagt, ›Ich will da nicht hin‹, dann müssen andere Lösungen gefunden werden.« Nach der ersten Klasse war Jakob vier Jahre lang zu Hause. Die freie Schule hat das unterstützt. »Und wir haben einfach unser Leben gelebt. Gegen zu viel geplantes Üben hat sich Jakob gewehrt. Inzwischen will er wieder in die Schule und geht bis jetzt gerne dahin, ist pflichtbewusst und passt auf, dass er alles dabei hat, was er braucht. Er freut sich, dort seine Freunde zu sehen, es passt jetzt einfach«, so die Mutter. »Die Lehrerinnen sind glücklicherweise verständnisvoll«, erzählt Sonja. »Im Rechnen und im Technischen ist er gut, aber im Lesen und Schreiben geben sie ihm noch viel Zeit.«
Peter Kleinschmidt (Name geändert), Vater zweier Kinder im Alter von 12 und 16 Jahren, lässt sich durch die Philadelphia-Schule, ein christliches Heimschulwerk, beim Heimunterricht begleiten. Er möchte seine Kinder nicht mit den Problemen öffentlicher Schule konfrontieren, bevor ihr Charakter gefestigt ist. »Ich möchte ihnen Geborgenheit geben und wünsche mir, dass sie einmal in der Lage sind, kritisch zu sehen, was die Masse sagt«, so Kleinschmidt. Zu Hause wird weitgehend nach dem normalen Lehrplan unterrichtet. »Meine Frau hat die ersten Jahre übernommen, sie lernt mit unserem Jüngeren. Der älteren Tochter stelle ich Aufgaben, die sie selbständig durcharbeitet, und wenn ich abends nach Hause komme, schauen wir die noch einmal gemeinsam an.« Kontakte zu anderen Kindern und Jugendlichen gibt es über die christliche Gemeinde, aber auch über die Musikschule und den Reiterhof. Was er sich für die Zukunft seiner Kinder wünscht? »Dass sie ihren persönlichen Glauben stärken, aber das kann man ja niemandem aufzwingen, das muss freiwillig kommen.« Probleme mit dem Schulamt gab es immer wieder, die Gerichtsverfahren wurden alle verloren – schließlich haben die Kleinschmidts die Bußgelder in Raten abbezahlt, und das Amt hat den Wissensstand der Kinder überprüft. Seitdem bekommen sie jedes Jahr einen Anruf, wie der Stand ist. »Mit den Behörden haben wir immer kooperiert und sie zu uns eingeladen, damit sie sehen, wie wir leben.«
Margot Klinger (Name geändert) wiederum hat erst seit einigen Monaten Erfahrung mit dem Freilernen. Neben den beiden Kleinen gibt es eine Elf- und einen Achtjährigen in der Familie. »Früher, wenn die Älteste vor Angst vor der Schule geweint hat, dachte ich, das zu ändern liegt nicht in unserer Macht. Aber ich habe begonnen, umzudenken und nehme dieses Schulsystem nicht mehr als gottgegeben hin.« Seit den Sommerferien schickt sie ihre Kinder nicht mehr in die Schule. Das Bußgeld kam prompt, ein Anwalt ist eingeschaltet. »Einen richtigen Plan haben wir keinen, zur Zeit sind wir echte Unschooler. Letzte Woche hat mein Mann sein Motorrad repariert und uns erklärt, wie so ein Vergaser funktio­niert. Für unseren Sohn war das toll!« Inzwischen baut die Familie ein Netzwerk zu guten Lernpartnern für die Kinder auf.
Die Beispiele zeigen: Das Freilernen ist ein nahezu unerforschtes Feld – aber in dynamischer Entwicklung. Es entstehen unterschiedliche, kleine Welten, darunter wohl hin und wieder auch ein soziales »Goldfischglas«, vergleichbar mit staatlich genehmigten Konfessions-, Sonder- oder Eliteschulen. Aber mehr noch entstehen Keimzellen dringend benötigter freier Lernorte, die sich zu Bildungslandschaften vernetzen. Aus dem konkreten Leben heraus können sich individuelle Bildungsbiographien entfalten, an denen sich staatliche Pflichtschulen messen lassen müssen.  


Ein kleine Literaturauswahl zum Freilernen:
Anke Capar-Jürgens: Lernen ist Leben. Wie Schule sein könnte, wenn das Lernen frei wäre. Drachen Verlag, 2012 • Jan Edel: Schulfreie Bildung – Über die Vernachlässigung schulfreier Bildungskonzepte in Deutschland. Monsenstein und Vannerdat, 2007 • Olivier Keller: Denn mein Leben ist Lernen. Arbor Verlag, 1999 • Grace Llewellyn: Das Teenager Befreiungs Handbuch. Genius Verlag, 2008 • Stefanie Mohsennia: Schulfrei: Vom Lernen ohne Grenzen. Amrita Verlag, 2004 • André Stern: Ich war nie in der Schule. Zabert Sandmann, 2009 • Alan Thomas: Bildung zu Hause: Eine sinnvolle Alternative, tologo Verlag, 2007

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