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Freiräume schützen

Wie Menschen in Athen ihre gelebte Utopie verteidigen.

von Moritz Springer , erschienen in 17/2012

Im Athener Stadtviertel Exarchia lebt trotz Repression und Gewalt der Traum von einer guten Welt.

Bild

© Foto: Demian von Prittwitz

 

Als ich im Landeanflug auf Athen hinunterblicke, überkommt mich ein Gefühl der Beklommenheit. Athen ist die am dichtesten besiedelte Stadt Europas. Knapp vier Millio­nen Menschen leben hier, ein Drittel der Gesamtbevölkerung Griechenlands. Unter mir breitet sich ein enges Netz aus Straßen und Gebäuden aus – ein Meer aus Beton. Auf dem Boden angekommen, setzt sich dieses Bild fort. Die U-Bahn ist zum Bersten voll, was bei nur drei Linien für eine Stadt mit einer Gesamtfläche von fast 4000 Quadratkilometern kein Wunder ist. Auch auf den Straßen herrscht Gedränge. Wobei, so eine Bekannte, es ein positiver Effekt der Krise sei, dass der Verkehr in den letzten Jahren stark abgenommen habe. Ich mag mir nicht vorstellen, wie es wohl davor zuging.
Nach Griechenland reise ich für die Recherche zu einem Dokumentarfilm über Anarchie. »Freiheit pur?!« soll er heißen. Auf der Suche nach Alternativen zu Staatssozialismus und Kapitalismus bin ich auf den Anarchismus gestoßen. Das übliche Bild von steinewerfenden, gewaltbereiten Vermummten weicht während meiner Recherchen schnell einer differenzierten Vision von einer anderen Welt. Ich begegne Menschen, die von einer freien Gesellschaft träumen und versuchen, sie in ihrem Leben zu verwirklichen. Sie glauben, dass es sich herrschaftsfrei leben lässt, ohne Staat, ohne Polizei, ohne Gesetze und Justiz – eine aus heutiger Sicht utopische Vorstellung.

Tummelplatz der Randalierer?
Während meines Aufenthalts konzentriere ich mich auf den Stadtteil Exarchia, quasi das Kreuzberg von Athen: Künstler, Kneipen, Restaurants, Läden, Kollektive und mehrere anarchistische Projekte. Die Hauswände sind mit Plakaten und Graffitis gepflastert, hier und da hängt ein Transparent oder eine schwarze Fahne aus dem Fenster. Als wir den Stadtteil zum ersten Mal betreten, passieren wir einen Polizeiposten. Zehn Beamte in voller Kampfmontur beäugen uns misstrauisch. Um die Ecke steht ein weiterer Polizeibus geparkt. Die Zuwege nach Exarchia werden permanent überwacht. Wir gehen weiter durch enge Gassen und kommen zum Parko Navarinou. Eigentlich sollte hier ein Parkplatz gebaut werden, doch die Bewohner besetzten den Platz, veranstalteten Versammlungen, warfen Bauzäune um und ließen sich auch nicht von den immer neuen Räumungen durch die Polizei abschrecken. Am Ende hatten sie das Vorhaben der Stadtverwaltung verhindert. Die Besetzer rissen den Teer auf, pflanzten Bäume, legten Bewässerungsschläuche, bauten einen Spielplatz und organisierten einen selbstverwalteten Imbiss. Die Belange des Parks werden in wöchentlichen Treffen diskutiert. Einfache Anwohner beteiligen sich; der Großteil der Aktiven bezeichnet sich allerdings ohne Arg als »Anarchisten«. Ich habe lange gebraucht, um diesem Begriff in mir den negativen Beigeschmack auszutreiben, der ihm im konventionellen Sprachgebrauch anhaftet. Tatsächlich gibt es auch in Griechenland und auch in Exarchia junge Randalierer, die sich Anarchie auf die Fahne schreiben und letztlich doch nur an Prügeleien mit der Polizei interessiert scheinen. Für den Großteil der Anarchisten ist diese Bezeichnung jedoch das Bekenntnis zu einem Leben, das sie eigenverantwortlich in die Hand nehmen wollen. Horst Stowasser, der einer der besten Kenner und ein engagierter Vertreter des Anarchismus war, hat dies folgendermaßen beschrieben: »Der Anarchismus ist eine Idee, die radikal alles in Frage stellt – auch sich selbst. […] Dabei ist die Idee der Anarchie ziemlich einfach: Anarchie ist, wenn kein Mensch über den anderen herrscht. Oder wie Kant es ausgedrückt hat: ›Anarchie ist Gesetz und Freiheit ohne Gewalt.‹ Das Ziel des Anarchismus ist die Abschaffung der Herrschaft von Menschen über Menschen; es geht also nicht um die Feindschaft zu dieser Regierung oder jenem Tyrannen, sondern darum, den Staat an sich zu bekämpfen und zugleich Alternativen zur Staatlichkeit zu entwickeln.«
Aber zurück zum Parko. Abends füllt sich der Platz mit Menschen, die Stimmung ist ausgelassen. Unterschiedliche Milieus aus Exarchia und ganz Athen treffen hier aufeinander. Es wird diskutiert, Gitarre gespielt oder einfach der laue Abend genossen. Ich treffe den Lehrer Makis, einen der Engagiertesten hier am Parko. Er ist Teil von einer der zahllosen anarchistisch/antiautoritären Gruppen, die aktiv an der Befreiung des Parkplatzes in spe beteiligt war. Makis kommt gerade von einem Plenum an der Uni. Wie so viele, die ich hier treffe, ist er in mehreren Gruppen engagiert. Ich staune immer wieder über das Durchhaltevermögen, drei bis vier Abende pro Woche auf Versammlungen und Plenen zu verbringen und dazu noch diverse Aktionen zu organisieren. Als ich Makis frage, ob ihn die Situation in Griechenland nicht deprimiere, meint er lachend: »Depression ist ein Luxus, den wir uns nicht leisten können.«

Polizeigewalt politisiert
Plötzlich schlägt die Stimmung auf dem Platz um. »Die Dias kommen!«, ruft jemand. Leute drehen die Köpfe, einige springen auf. Am Rand des Platzes marschieren für eine Straßenschlacht gerüstete Polizisten auf. Fluchtartig verlassen wir den Platz. Ich habe gar keine Zeit, nachzudenken, laufe einfach nur. Nach einer halben Stunde sind alle wieder zurück; es ist, als wäre nichts gewesen. Makis erzählt, dass die Einsatzkräfte in regelmäßigen Abständen auftauchen. Letztes Jahr saß er mit Freunden auf dem Parko, als die Polizei den Platz stürmte. Zuvor hatte es Ausschreitungen bei einer Demonstration gegeben, und jetzt war die Polizei auf der Suche nach Verantwortlichen. Makis wurde verhaftet und wegen Störung der öffentlichen Ordnung, Widerstands gegen die Staatsgewalt und Steinewerfens angeklagt. Derzeit wartet er auf seine Verhandlung. Dass mehrere Leute bezeugen können, dass er überhaupt nicht auf der Demonstration war, interessiert den Staatsanwalt wenig. Solche Aktionen seien reine Schikane; man wolle die Leute davon abhalten, sich zu engagieren, meint Makis. Dabei sei genau das Gegenteil der Fall. Die meisten seiner Freunde seien genau wie er erst durch Polizeiwillkür und -gewalt politisiert worden: »Meine erste Erfahrung mit Polizeigewalt hatte ich mit 16. Ich war auf einer Demonstration zum Jahrestag des 17. Novembers.« Während der Militärdiktatur wurden an diesem Tag 1973 Studentenproteste blutig niedergeschlagen. »Es war meine erste Demo überhaupt, und ich war plötzlich, ohne Beweise, mit schwerwiegenden, kriminellen Anschuldigen wie ›Besitz und Einsatz eines Molotowcocktails‹ konfrontiert. Da hab ich ganz tief die Bedeutung des Staats und seiner Unterdrückungsmechanismen gespürt – und auch die Notwendigkeit, zu kämpfen. Es gab mehrere solcher Ereignisse. Einmal wurden wir auf den Kykladen verhaftet, weil wir Menschen ähnlich sahen, die sie suchten. Sie schlugen uns und folterten uns mit Elektroschocks. Jeder, der reagiert, der sich für andere Optionen einsetzt, wird mit Unterdrückung oder Schlimmerem konfrontiert.«

Neue Gewalt
In Griechenland komme ich auf eine ganz neue Art mit Gewalt in Berührung. Auch in Deutschland bekommen Aktivisten eins auf die Mütze, aber es erwischt einen nicht unvorbereitet. Es gibt meist eine klare Grenze, innerhalb derer Polizeigewalt stattfindet. Griechenland ist von »Normalzuständen« aller Art inzwischen meilenweit entfernt. Gerade unter den Jugendlichen grassiert hohe Arbeitslosigkeit, und viele Athener können sich schlichtweg das Heizöl nicht mehr leisten. Die Griechen sind stinksauer – auf die EU, weil der versprochene kapitalistische Traum von blühenden Landschaften geplatzt ist, auf die Regierung und die Politik, weil die das Geld aus der EU verprasst haben, und auf den Staat an sich, weil die Griechen von dem noch nie viel gehalten haben. Was sie wirklich erschüttert, ist das Gefühl, dass ihnen die Existenz wegbricht. Wen man auch trifft, überall sind es die gleichen Geschichten: Die freie Journalistin, die keine Aufträge mehr bekommt, die Personalchefin, die ihren Posten räumen muss, der Fabrikarbeiter, der seit sechs Monaten auf seinen Lohn wartet. Lohnkürzungen und Kündigungen überall. Dafür füllen sich die Suppenküchen, die Selbstmordrate schnellt dramatisch in die Höhe. Überall sieht man Obdachlose und Junkies. Dazu kommt noch ein immer größer werdender Strom von Flüchtlingen, mit denen der griechische Staat vollkommen überfordert ist.
Die Opposition zum System gehört wohl zu den Griechen wie das Olivenöl in jedes gute Essen, stelle ich fest. Eine Identifikation mit dem Staat, wie sie in Deutschland trotz aller Kritik, die wir gewohnheitsmäßig am System üben, immer noch vorhanden ist, gibt es nicht. Griechenland ist ein kleines Land, halb Kolonie, halb Protektorat, mit dem immer ausländische Mächte und eine kleine einheimische Elite spielten.
Margarita, eine junge Anarchistin aus dem Umfeld des Parko, meint: »Die Menschen müssen verstehen, dass sie ihr Leben in die eigenen Hände nehmen müssen. Was immer der Staat auch tut, er kann niemandem helfen außer den Unternehmern, den Ministern, den Abgeordneten und den Kollaborateuren.« Margaritas Vater saß als Kommunist während der Militärdiktatur jahrelang im Gefängnis. Als Jugendliche war sie in ganz Europa von G8-Protesten bis Kreuzberger Mai-Demos unterwegs – ihre wilden Jahre, meint sie lächelnd. Ihr seien randalierende Jugendliche, die auf der Straße ihrer Wut Ausdruck verleihen, lieber als diejenigen, die zu Hause vor der Glotze versumpfen. Dabei wird in Griechenland schnell klar, dass die Gewaltfrage nicht bei Demos und Auseinandersetzungen mit der Polizei aufhört. Für nicht wenige stellt ein bewaffneter Kampf eine reale Option dar. Ein Taxifahrer verrät mir seine geheime Liste mit zehn Politikern, die man auf dem Syntagmaplatz erhängen sollte. Im Kofferraum hält er eine Pistole versteckt. Auf einer Privatparty erzählt mir eine Journalistin, dass sich viele ihrer Bekannten nach Waffen umschauen. Auch sie hätte sich schon erkundigt, wo es einen Revolver gibt. Ein Bekannter aus Volos, der inzwischen in Deutschland lebt, meint, er warte nur auf einen Anruf aus Griechenland. Dort rüsteten sich seine Freunde mit Waffen für »die Revolution«. Margarita sieht das skeptisch: »Viele Leute, sowohl Rechtsextremisten als auch Anarchisten, fordern, zu den Waffen zu greifen. Das stellt die Frage, mit welchen Grundsätzen man das tut und was danach kommt. Damit ein bewaffneter Kampf erfolgreich ist, bedarf er einer breiten Beteiligung, eines breiten Konsenses.« Die einzige undogmatisch-linke bewaffnete Bewegung, die bis zu einem gewissen Grad Erfolg gehabt habe, so Margarita, sei die Túpac Amaru in Peru gewesen. »Das waren Tausende, sie hatten ihre Strukturen und genossen die Unterstützung der breiten Bevölkerung. Alle anderen bewaffneten Gruppen hatten einen kurzen Lebenskreis.«

Sich zur Wehr setzen – oder nicht?
Die Frage, welche Mittel angemessen sind, stellt sich in Exarchia ganz konkret. Seit die Polizei die Junkies aus anderen Stadtteilen vertrieben hat, ist das Viertel zu einem Hauptumschlagplatz für Drogen geworden. Mafiabanden haben sich die Straßen aufgeteilt, und auch auf dem Parko Navarinou werden harte Drogen verkauft. Zudem gibt es einen signifikanten Anstieg von Kriminalität durch Immigranten. Zwei unterschiedliche Positionen zu diesen Problemen existieren: Während die eine Seite mit Megafonen, Transparenten und Plakaten auf die Problematik aufmerksam macht, hat eine andere Gruppe den harten Weg gewählt. Maskiert zieht eine Patrouille regelmäßig nachts durch Exarchia. Junkies und Dealer werden von den Plätzen vertrieben, wobei es auch immer wieder zu Handgreiflichkeiten kommt. Verschärft wird die Situation durch das Erstarken der Neonazi-Bewegung Chrysi Avgi (»Goldene Morgenröte«), die sich in den letzten Monaten zur drittstärksten Partei hochgearbeitet hat. Ihre Mitglieder organisieren unter anderem sogenannte Ausländer-Safaris, bei denen Jagd auf Migrantinnen und Flüchtlinge gemacht wird. Die Situation in Exarchia ist insofern besonders, da sich die Polizei – von den erwähnten gezielten Razzien nach Demos und Ausschreitungen abgesehen – aus dem Viertel heraushält. Die Bürger müssen mit der Mafia und den Rechtsextremen selbst zurechtkommen. Darüber wird heftig diskutiert. Auch in der anarchistischen Szene ist man sich nicht einig. Margarita und Makis unterstützen die Hardliner, auch wenn sie selbst nicht an den Aktionen beteiligt sind. Schließlich gilt es, zu beschützen, was sie jahrelang aufgebaut haben.
Derrick Jensen, Öko-Anarchist und Autor des Buchs »Endgame« schreibt, dass vor allem Menschen, die selbst noch keine direkte Gewalt erfahren haben, Gewaltlosigkeit propagieren. Wem jedoch das Land, auf dem die Vorfahren jahrhundertelang gelebt haben, weggenommen werde, habe meist kein Problem damit, es mit Gegengewalt zu verteidigen.
Margarita meint, die Frage sei, ob wir uns dem Gewaltmonopol des Staats mit dem freiwilligen oder erzwungenen Gewaltverzicht als Bürger unterordnen wollten. Gandhi schrieb: »Es ist besser, Gewalt anzuwenden, wenn es Gewalt in unseren Herzen gibt, als sich das Mäntelchen der Gewaltlosigkeit umzuhängen, um unsere Ohnmacht zu verbergen. Gewalt ist allemal der Ohnmacht vorzuziehen. Für einen gewaltbereiten Menschen besteht Hoffnung, dass er zur Gewaltlosigkeit findet. Ein Ohnmächtiger hingegen ist ein hoffnungsloser Fall.«
Bevor ich mit der Recherche für »Freiheit pur?!« begann, hatte ich eine klar ablehnende Position zu Gewalt. Die Griechen, aber auch der Widerstand der Indigenen in Nord- und Südamerika, eröffneten mir neue Perspektiven. Ich kann mich mit dem, wofür sie kämpfen, identifizieren, verstehe ihre Motivationen und Träume und erkenne die Realität an, in der sie leben. Es käme mir vermessen vor, den mexikanischen Zapatisten zu erzählen, sie hätten ihren Aufstand auch gewaltfrei hinbekommen. Es wäre vermessen, Makis zu sagen, er solle sich nicht gegen die nächste Festnahme wehren, sie sollten der Mafia in Exarchia nicht zeigen: Wir sind bereit! Im Herzen bin ich Pazifist. Auch ich habe ein klares Bild von der Welt, wie ich sie mir erträume. Dieses Bild ist mir heilig; ich versuche, es in mein Handeln zu inte­grieren. Doch je mehr sich die Lage in unserer Welt zuspitzt, desto stärker werden die herrschenden Kräfte auch versuchen, solche Utopien zu verhindern. Werde ich für sie kämpfen müssen? Wie das aussehen würde, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, ich will mich keinem Dogma unterwerfen. Ich will zu allem bereit sein. 


Moritz Springer (32) ist Autor und Regisseur. Mit 13 träumte er von der eigenen Südseeinsel, inzwischen baut er mit Familie und Freunden nahe Berlin einen Hof zwischen Apfelbäumen neu auf.

Herrschaftsfrei lesen:
Derrick Jensen: Endgame/Das Öko-Manifest. Pendo, 2009
• Horst ­Stowasser: Anarchie! Edition Nautilus, 2007

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