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Friedlich und ungehorsam

Lea Hinze und Richard Schmid sind Teil sozialer Bewegungen, die zivilen Ungehorsam leisten. Oya-Heraus­geber Johannes Heimrath sprach mit den beiden über ihre Auseinandersetzung mit dem Phänomen Gewalt.

von Johannes Heimrath , Lea Hinze , Richard Schmid , erschienen in 17/2012

Johannes Heimrath Schön, wieder mal in Schloss Tonndorf zu sein, hier, in diesem herausfordernden Gemeinschaftsprojekt. Ich erinnere mich an die Anfangsjahre, in denen ich der Gemeinschaft einige Male als Coach gedient habe. Heute wächst und gedeiht der Ort. – Die Frage, über die ich mit euch sprechen will, ist diese: Es gibt heute Realitäten, die Menschen vergewaltigen, seien es die Finanz­industrie, die Agrarindustrie oder viele Konsumzwänge. Ihr seid gesellschaftspolitisch engagierte Menschen. Wie setzt ihr euch mit dieser strukturellen Gewalt auseinander?

Lea Hinze Ich lebe und engagiere mich seit jetzt sieben Jahren in diesem Gemeinschaftsprojekt Schloss Tonndorf. Letztes Jahr ist mein Sohn in die zweite Klasse gekommen – das ist mein Alltag hier. Gerade denken wir in Tonndorf darüber nach, wie wir zu einer Landwirtschaft für mehr Selbstversorgung kommen. Hier im Osten haben wir arge Probleme, Land zu kaufen. Sobald ein Pachtvertrag für eine Fläche frei wird, bekommen sie die Großgrundbesitzer der Agrarindustrie. Wir sind beim Erwerb dieses Landes gesetzlich benachteiligt. Gerade sind wir wieder mit einem Kaufversuch knapp gescheitert, da erleben wir ganz aktuell die Struktur der Gewalt.

Richard Schmid Am liebsten würde ich dort gleich anknüpfen, aber erst etwas zu meinem Hintergrund: Seit Ende der 80er Jahre begleite ich die Zeitschrift »graswurzel revolution«, die sich »Monatszeitschrift für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft« nennt. Da geht es viel um Formen des gewaltlosen Widerstands, wie Gandhi oder Martin Luther King ihn vorgelebt haben. Unser wichtigstes Thema ist aber die angesprochene strukturelle Gewalt. Ich habe auch mit handfester Gewalt Erfahrung, bin in Bayern aufgewachsen und als 14-Jähriger im Dorf zur Lehre gegangen. Wenn es da Streit gab, hat man sich geprügelt, was später, als ich studiert habe, in den bürgerlichen Schichten undenkbar war. Aber gab es da weniger Gewalt? Die Frage ist immer: Wer in der Gesellschaft Alternativen ergreifen will und an Grenzen stößt – was für Handlungsmöglichkeiten stehen dem offen? Zum Beispiel, wenn immer mehr Menschen in den Städten bei solidarischen Landwirtschaftsprojekten mitmachen möchten, aber es dafür nicht genügend Land gibt?

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© Foto: Gregor von Glinski

JH Vor diesem Problem stehen wir bei uns auch. Das Eigentumsrecht, die Wirtschaftskonventionen stehen dagegen, dass eine Gruppe ökologischer Landwirtschaftsbetriebe in unserer Region Land erwerben kann, aus genau den Gründen, die Lea genannt hat. Was tue ich in so einer Situation, in der ich spüre: Ich werde oder bin ohnmächtig? Der Zorn, der dann kommt – hat das bereits mit Gewalt in dir selbst zu tun?

LH  Am ehesten kommt das Gefühl, von dem Stéphane Hessels Flugschrift handelt, in mir hoch: Empörung. Danach kommen Wut, Trotz und Vernunft, was in Aktivismus mündet. Als ich angefangen habe, mich mit Gentechnik auseinanderzusetzen, ist diese Empörung von ganz unten in mir aufgestiegen: Sag mal, wo leben wir hier eigentlich!? Dann kam es darauf an, Verbündete zu finden und zu fragen: Empört dich das auch? Können wir nicht etwas tun?

RS In Bernburg, ganz in der Nähe meines Hauses, der attacVilla in Könnern, gab es ein Gentechnik-Weizenversuchsfeld, auf das Greenpeace als Sabotage kurz nach der Aussaat zusätzlich Bioweizen ausgebracht hat. Dazu gab es ein großes Presseecho, aber irgendwann war Greenpeace wieder weg, und es wurde 40 Meter daneben ein weiteres Feld umgebrochen und wieder Genweizen ausgesät. Wir haben regelmäßig Sonntagsspaziergänge zu diesem Feld unternommen. Und in einer schönen Mondnacht haben wir die Pflanzen rausgemacht. Das war nicht wirklich überlegt, sondern da war dieser Impuls: »Jetzt können wir durch einfache, körperliche Gewalt diese Halme ausreißen und dadurch etwas auslösen.« Es gab dann großes Geschrei in den Medien über die »Ökoterroristen«.

JH Du hast bei eurer Aktion also fremdes Land betreten und dort Schaden verursacht …

RS In der Woche davor war ich auf dem Gentechnik-Protestcamp in der Nähe von Berlin. Normalerweise bin ich mehr Beobachter, aber in seltenen Situationen überkommt es mich, dann handle ich und denke nicht über die Folgen nach. Ich habe viel Verständnis für Menschen, die häufiger und geplanter solche Aktionen machen.

LH Was Johannes gerade eingeworfen hat, haben wir lange in der Initiative »Gendreck weg!« diskutiert. Wichtig war, uns klarzumachen, dass der wirtschaftliche Schaden durch das Herausreißen von Pflanzen auf konventionellen Feldern pro Quadratmeter 10 Cent beträgt. Als wir das herausgefunden hatten, hätten wir als Initiative fast unser Thema gewechselt – unfasslich, dass zu solchen Preisen Nahrungsmittel produziert werden! Wir haben den Landwirten zunächst Geld als Entschädigung angeboten, später allerdings nicht mehr, weil unsere Aktionsform unsinnig wäre, wenn wir die Ernte vorher kaufen würden. Mit den betroffenen Landwirten haben wir immer gesprochen, um ihnen zu vermitteln, dass wir nicht sie persönlich meinen, sondern hier ein politisches Problem angehen.
Ganz lösen ließ sich die Gewalt-Frage nicht. Dass wir Pflanzen kaputtmachen, können wir nicht wegreden. Es wurden auch Felder mit dem Auto zerstört oder abgebrannt, aber nicht von unserer Initiative. Wir wollten uns nur mit unserem Körper, unserem Leben, unserem Gesicht und unserem Namen aktiv gegen Gentechnik-Versuchsfelder stellen. Eine größere Aktion hat in Kitzingen in Bayern stattgefunden. Im Vorfeld gab es eine riesige Medienwelle nach dem Motto »die Chaoten kommen, hier werden die Felder brennen«. So sind wir vier Tage zuvor hingefahren, um den Leuten vor Ort »Hallo« zu sagen. Ihre Angst hat sich bald aufgelöst.

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© Foto: Gregor von Glinski

RS  Ich wünsche mir, dass in Phasen, in denen Gruppen wie »Gendreck weg!« viel Aufmerksamkeit erzeugen, in der Öffentlichkeit noch stärker die Alternativen zu dem, wogegen protestiert wird, diskutiert werden. Bin ich gezwungen, mich als Konsument so und so zu verhalten, oder gibt es wirtschaftliche Alternativen, wie das Leben ganz anders organisiert werden könnte?

LH Aber das ist ja eine große Stärke von gewaltfreiem Widerstand, dass er der Gesellschaft zeigt: Wir machen das anders. Wenn ich an Castor-Transporte denke – wie viel Gewalt begegnet uns da? Wir werden geschlagen, wir kriegen Tränengas und Wasserwerfer ab, wir frieren. Immer wieder bin ich erstaunt und gerührt davon, dass während der Castor-Blockaden im Wendland 30 000, 50 000 Menschen auf so einem kleinen Landstrich so viel Gewalt erleben und nicht selber in Gewalt ausbrechen, sondern besonnen bleiben, ihren Frust lieber austanzen als ausschreien. Es gibt Clowns-Workshops, wir setzen unsere Lebendigkeit dagegen und somit auch unsere Alternative. Was während solcher Aktionen passiert, ist ein starker Ausdruck dafür, wie ein anderes Leben möglich ist.

JH Wenn du sagst, ihr tanzt den Frust aus, dann kompensiert das etwas. Liegt darin auch ein Teil Selbstvergewaltigung? An dieser Stelle musste ich an Gandhi denken, den Richard erwähnt hat. Er war gegen sich selbst ja regelrecht gewalttätig, war kein leichter, heiterer Mensch. Seine Anhänger haben sich niederknüppeln lassen, sind aufgestanden, wieder nach vorne gegangen, wieder geschlagen worden – das kommt in einer Szene in dem großen Gandhi-Film vor. So etwas kann man nur mit einem hohen inneren Aufwand tun, der irgendeinen Antrieb braucht, über die intuitive, reflexhafte Art, zu reagieren, hinwegzugehen, oder nicht?

RS Wenn der Castor-Transport kommt, fahre ich da hin, das ist ganz klar; das kostet keine Überwindung. Aber da sind immer zwei Herzen in meiner Brust. Es wurmt mich, dass der gewaltfreie Widerstand den Transport nicht verhindern kann. Es gibt trotz aller Aktionen immer noch Gentechnikversuche und Waffenproduktion. Als letztes Jahr das Orchester »Lebenslaute« den Leipziger Flughafen besetzt hat, um darauf aufmerksam zu machen, dass er massiv militärisch genutzt wird, ist diese Tatsache noch einmal ganz nah an mich herangerückt: Trotz der Aufmerksamkeit, die das erzeugt, geht alles weiter wie zuvor. Anfang September gab es eine Blockade und ein Konzert von »Lebenslaute« vor der Waffenfabrik Heckler & Koch, doch das hatte nicht den Effekt, dass in der nächsten Woche weniger Handfeuerwaffen produziert wurden.

LH Ein großes »Aber«! Monsanto hat vor 1999 behauptet, in zehn Jahren würden in Deutschland 40 000 Hektar mit ihrem Genmais bebaut sein. Heute wächst keine einzige solche Pflanze im Land – und das liegt an allen, die sich hier auf verschiedene Weise eingesetzt haben. Selbstverständlich war dafür auch Lobbyarbeit durch Verbraucher und Bauernverbände notwendig. Viele Themen sind aber erst durch zivilen Ungehorsam in die Öffentlichkeit gekommen, wie die Startbahn West; vieles davon vor meiner Zeit. Deshalb finde ich es nicht richtig, zu sagen: »Widerstand bringt nichts«.

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© Foto: Gregor von Glinski

JH  So habe ich Richard nicht verstanden, sondern mit den zwei Herzen in der Brust beschreibt er etwas, das ich gut nachvollziehen kann. Eine meiner tiefsten Frustrationsphasen – die ist noch nicht so lange her – war die Erkenntnis, dass ich 40 Jahre meines Lebens wie verrückt für eine bessere Welt arbeite und sogar das Gefühl habe, dass es wunderbare Erfolge gibt – ein bürgerliches Bewusstsein, das mehr Selbstverantwortung und Selbstbewusstsein beinhaltet als damals, unbestritten. Aber zugleich hat die Beschleunigung der krisenhaften Entwicklung zum Schlechteren dermaßen zugenommen, dass es in gar keinem Verhältnis zu dem steht, was wir bewirkt haben. Für mich selbst ist das ein ungelöster Punkt.

LH  Du hast vorhin gefragt, ob ich in mir etwas vergewaltige, wenn ich meinen Zorn nicht intuitiv herauslasse, sondern ihn kompensiere. Darauf habe ich erstmal herumgekaut. Wenn ich in mir den Fokus darauf lenke, wofür ich etwas tue, wächst eine Kraft, die Schmerz nicht mehr so wichtig nimmt. Das ist eine innere Haltung, ein innerer Fokus. Womöglich steht der äußere Erfolg der Aktionen gar nicht an erster Stelle, sondern es geht vor allem darum, in unseren Herzen eine Art Refugium hinüberzuretten – in eine Zeit, in der sich vielleicht mehr Dinge ändern lassen. Ein Refugium für ein Wissen darüber, wie man sich vor lauter Zorn und Empörung nicht verhärtet, sondern immer wieder zurückgeht in die Liebe zur Schönheit der Welt. Was mir viel Kraft gibt, mich auch wieder mit der Hässlichkeit aktiv auseinanderzusetzen. Wenn ich weiß: Ich habe ein Zuhause, wo ich gestalten kann, ich habe einen Platz in meinem Herzen, wo ich lieben kann, wo ich die Lebendigkeit des Lebens wirklich fühlen kann. Von dort ausgehend, weiß ich, wofür ich mich einsetze, und dann relativiert sich die scheinbare Übermacht der krisenhaften Entwicklungen ein wenig.

RS Daraus entsteht auch eine andere Lebenspraxis. Ich wollte immer diese Ideen vom Selbermachen oder von genossenschaftlichen Betrieben ohne Chef in größere Kreise tragen. In den letzten zehn Jahren habe ich mich bei attac engagiert. Dort hat bei einem Treffen vor zwei Jahren das erste Mal keiner mehr widersprochen, als ich sagte: Wir müssen auch die Eigentumsfrage stellen. Es hat mich ermutigt, dass sich mit der Zeit doch etwas bewegt: Alle waren bereit, zu diskutieren, ob ein Grundbucheintrag darüber bestimmen kann, was jemand mit seinem Land anstellt, oder ob nicht andere Rechtsgüter noch wichtiger sein könnten. Dass immer wieder Menschen bewusst für gute Aktionen Eigentum verletzt haben, fördert diese Diskussion. Aber wie kommen Alternativen zur klassischen Eigentumsstruktur in die Praxis? Inzwischen gibt es demokratische Bankmodelle und viele andere gute Ideen. Die Alternative ist eben, dass ich nicht vorgebe: »Dies ist das Richtige«. Das Andere ist vielfältig. Was in der Kommune Niederkaufungen funktioniert, müsste sich an einem anderen Ort vielleicht ganz anders gestalten, damit es für alle Beteiligten passt. Diese Vielfalt macht auch Mut und braucht erstmal Zeit, sich graswurzlerisch zu entwickeln.

LH Ich lebe ja in einer Gemeinschaft mit 35 gleichberechtigten Mitsprecherinnen, Mitbewohnern und Mitlebenden und habe seit sieben Jahren die Gelegenheit, das zu studieren. Was passiert, wenn alle in die gleiche Richtung laufen? Das war bei uns noch nie der Fall. Wäre das überhaupt wünschenswert, oder wäre das eher so etwas wie ein Monsanto-monokulturelles Gedankengut?

JH Interessant ist: Wenn wir einen Kreis bilden und meinen, jetzt sind wir alle eins, steht dir an jedem Punkt ein anderer oppositionär gegenüber. Immer gibt es diese Kraft- und Gegenkraftverhältnisse in einem gesunden Ganzen. »Gesund« bedeutet, dass alle dazu beitragen. In unserer heutigen Multioptionsgesellschaft geht es nur um das Nehmen, alle können sich aus dem großen Kuchen der Angebote etwas herauspflücken, sich scheinbar jede Freiheit nehmen. In einer Gesellschaft hingegen, die auf das Beitragen ausgerichtet ist, sind Vielfalt und Freiheit ganz andere Qualitäten – dieser Unterschied macht für mich auch etwas in dieser Gewaltfrage deutlich: Wenn wir alle Beitragende sind – so erfahre ich das jedenfalls – wandelt sich das Gewaltphänomen. Mein Beitrag ist gleichrangig mit dem der anderen, und das Spiel von Gewalt entfällt.

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© Foto: Gregor von Glinski

LH Auch in den Aktionsgruppen von »Gendreck weg!« waren nicht alle auf einer Linie. Es gab viele Auseinandersetzungen darüber, was »gewaltfrei« bedeutet. Heißt das, dass wir keine Steine werfen, oder heißt das, dass wir nicht »du Arsch« rufen? Oder keine Spottlieder singen? Oder sogar, dass ich zu einer respektvollen und mitfühlenden Haltung meinen Gegnern gegenüber komme? Einzelne haben das unterschiedlich beantwortet, und doch konnten wir uns auf ein gemeinsames Vorgehen einigen. Diesen Prozess meinte ich vorhin, als ich von dem Refugium gesprochen habe für eine Haltung, die in den Menschen überleben oder lebendig werden und die auch weiter wachsen kann. Diese Qualität wuchert überall weiter und kommt an ganz anderen Stellen im Graswurzelteppich wieder hervor. Ich habe gelesen, dass Menschen, die in Osteuropa den gewaltfreien Widerstand gegen die Diktaturen organisiert haben und das immer noch tun, die auch den arabischen Frühling mitgeprägt haben – dass diese Menschen bei den Gleisbesetzern von »X-tausendmal quer« und der »Freie-Heide-Bewegung« gelernt hatten. Auf solchen Wegen geht die Kultur des gewaltlosen Widerstands um den Globus. Vor 40 Jahren gab es den Spruch »Macht kaputt, was euch kaputt macht«. Ich glaube, wir stehen heute woanders. Wir sind im Herzen größer geworden, dieser Herzmuskel von gewaltfreier Haltung ist stabiler und trainierter. Das ist für mich ein großer Erfolg.

RS Für mich auch. Für meinen Traum von einer gewaltfreieren Welt gehören eben Selbstachtung und Selbstvertrauen dazu. Statt »Führern«, denen man folgt oder aus dem Weg geht, wird Selbstführung praktiziert. Viele Gemeinschaften, in denen es eine klare Führung gab, sind zwar einige Zeit mit weniger Konflikten ausgekommen, aber früher oder später kam es immer zu Verwerfungen. Wenn sich die Menschen von Anfang an auf Augenhöhe aneinander reiben, ist es viel produktiver. Erst vor einem Vierteljahr habe ich ein neues Wort gelernt, nämlich »Reibungsgewinn«. Das ist etwas Wunderbares – fast so etwas wie ein Naturgesetz. Eine Zeitlang habe ich mal beim Maschinenbau gearbeitet, da kam es darauf an, Reibung zu vermeiden. Und Resonanz zu vermeiden: Wenn ein Dieselmotor in einem Schiff eine Resonanzschwingung zum Schiffskörper hat, wird es gefährlich. Aber die Wärme, die Reibung und Resonanz unter Menschen erzeugen, ist etwas Erfreuliches.

JH Leas Erklärung resoniert bei mir sehr. Dass solche Haltungen wachsen und lebendig bleiben, ist jenes Quentchen Hoffnung, das Licht in meine Depression gebracht hat. Das bedeutet auch: Wenn ich in der Haltung des Kämpfens bleibe, setze ich nur das Kriegerische dieser Epoche fort. Ändern wir die kriegerischen Erzmetaphern, wird sich auch unser Gefühlskodex ändern.

LH Wenn ich jetzt über die Begriffe »Kampf«, »Krieger«, »Kriegerin« nachdenke, kommt als erste Assoziation die Kampfkunst bei mir hoch, spannend. Ich habe nie eine Kampfkunst praktiziert, aber mitbekommen, dass es eine sensible Art der Meditation ist, eine Auseinandersetzung mit sich selbst. Darin steckt kaum etwas von dem, was wir mit »Krieg« verbinden, und auch mit dem Begriff »Krieger, Kriegerin« assoziiere ich für mich, ungeachtet der Wortwurzel, eher einen Menschen, der sehr darauf aufpasst, was er tut, wofür er einem Weg folgt und der zu sehr vielem bereit ist. Das wäre eine starke Umdeutung dieser Begriffe.

JH Im Mittelhochdeutschen gibt es das Wort »strit«, das häufig im Sinn von »für jemanden streiten« verwendet wird. Ein Fürstreiter ist jemand, der für mich eintritt, mich vor Gefahren schützt.

RS In einer gewaltfreien Aktion geht es ja in der Regel darum, nicht Krieger zu sein, und gerade da könnte es sein, dass ein ganzes Stück Macht verlorengeht. Wer nicht versucht, das Kämpferische in der Qualität, von der ihr gerade gesprochen habt, in sich zu unterdrücken, will nicht lammfromm sein, sondern kann vielleicht mit Macht ein Krieger sein, der mit seinen unterschiedlichen Seiten, Gelüsten, Wünschen und so weiter kunstvoll umgeht und das jeweils Sinnvolle tut. Die eigene innere Kraft sollten wir nicht ausblenden oder wegdrücken, denn dann laufen wir Gefahr, dass es zu einer unkontrollierten Explosion kommt. Ich fürchte, wir sind noch ein Stück davon entfernt, dass eine gewaltfreie Bewegung lernt, ihren inneren Krieger anzuerkennen. In linken Kreisen würde man mir vermutlich sagen, so etwas sei eine ziemlich esoterische, schräge Idee, aber hier und heute, wo wir uns so viel freien Raum lassen, können wir das ruhig so stehen lassen.

JH Habt vielen Dank für diesen Raum und für das leidenschaftlich-friedvolle Gespräch. 



Lea Hinze (33) ist Mitbegründerin der Gemeinschaft Schloss Tonndorf und der Ini­tiative »Gendreck weg!«. Sie studiert freie Kunst an der Fachhochschule Arnstadt und ist leidenschaftliche Möglichmacherin von gesellschaftlicher Bewegung, zum Beispiel durch Moderation, Trainings in gewaltfreier Aktion und Gruppenkommunikation.
www.schloss-tonndorf.de, www.gendreck-weg.de

Richard Schmid (59) ist Diplom-Sozialwirt, praktizierender Anarchist und Hüter der attacVilla in Könnern. Er vertritt die Leserinnen- und Leserschaft im »Herausgeber_innenkreis« der Monatszeitung »graswurzel revolution«. Er ist überzeugt, dass »wir« auch anders können, wenn wir die Option der »gegenseitigen Hilfe« (Pjotr Alexejewitsch Kropotkin) erkennen und liebevoll in die Tat umsetzen.
www.attacvilla.de, www.graswurzel.net

 

 

 

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