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Kein Anderssein

Eine Fotografin reist in den Kosovo auf der Suche nach dem nicht-kolonialen Blick.

von Helena Schätzle , erschienen in 17/2012

Bild

© Foto: www.helenaschaetzle.de

Gekommen bin ich, um ein kriegsgebeuteltes Land zu sehen. Unterentwickelt soll es sein, arm die Menschen, mit einem schwelenden Konflikt zwischen Serben und Albanern, muslimisch noch dazu. Also stelle ich mich auf einen Sommer in langen Hosen und Hemden ein.

Vielleicht bin ich bei der Ankunft beinahe enttäuscht, wie vertraut dieses Land auf mich wirkt. Unzählige Cafés, Bars und Restaurants, ausgefallene Neubauten, jedes Haus individueller als das andere, und ein Nachtleben, das die ganze Woche pulsiert. Ich begegne Frauen in Minirock und Highheels und jungen Leuten, die fließend Englisch und Deutsch sprechen.
Ich kam als Fotografin mit dem Auftrag, mich im Kosovo mit dem Anderssein von Menschen zu konfrontieren, doch begegne ich vor allem meinem eigenen kolonialen Blick. Atan, ein junger Aktivist, öffnet mir die Augen für die Verbreitung von Stereotypen, die viele Journalisten betreiben: Zwei bis drei Tage vor Ort sein, die Sprache nicht sprechen können und Klischees über das vermeintliche Anderssein der Menschen an diesem Ort aufnehmen. Das geht dann in die westlichen Medien. Der Geschäftsführer eines Roma-Theaters aus Belgrad erzählt mir, wie ein BBC-Reporter hier vergeblich nach heruntergekommenen Hütten suchte und sich anschließend mit der Aussage entschuldigte, dies sei doch ein ganz normales Theater, dessen einzige Besonderheit sei, dass es Außergewöhnliches leiste.
Viele unserer Gespräche mit den Familien, in denen wir auf unserer Reise wohnen, drehen sich um Politik. Immer wieder hören wir Kritik in Bezug auf die EU. »Die Menschen merken nicht, wie sie weiter kolonialisiert werden, übernehmen den Europafeiertag am 9. Mai, und die EU lässt die kosovarischen Politiker als Marionetten regieren. Die Menschen verlieren ihre eigenen Werte. Heute gibt es in Priština keinen türkischen Tee mehr, keine Teehäuser«, erklärt uns Atan seine Bedenken. Genau dort setzten Gegenbewegungen an: ein Aufbruch von Menschen aus Ländern des Balkans und Griechenland, die in den vergangenen Monaten Camps organisierten. »Wir suchen dort eine eine Antwort für unsere Zukunft. Nicht die EU ist die Antwort. Dort gibt es keine Empathie füreinander – jeder versucht, allein zu überleben«, sagt Atan.
In Priština findet der Theaterworkshop »Truth in Translation« statt, der Kreative aus den vielen Balkanländern zusammenbringt. Es geht um Vorurteile und Nationalismus, gefördert durch die Regierungen, zum Eklat gebracht in einzelnen Städten, in denen eine klare Trennung zwischen Serben und Albanern besteht. Die Sichtweise der Geschichte von Serben und Albanern ist Thema vieler Projekte, die versuchen, dem Abstempeln der jeweils anderen als Lügner entgegenzuwirken, zum Beispiel, indem der »böse Charakter« nicht wie üblich der anderen Nationalität zugeschrieben wird, oder wie bei dem Projekt des Regisseurs Michael Lessac, das ein geschichtliches Ereignis aus der serbischen, albanischen wie auch der Roma-Perspektive beschreibt.
Diese vielen unterschiedlichen Per­spektiven machen es so schwer, das Land zu greifen. Die Reise hinterlässt ein schönes Gefühl, weil ich vielen Menschen begegnen durfte, die über alle Grenzen hinweg denken und handeln. 

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