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Stadt der Morgenröte

Impressionen aus der indischen Modellsiedlung Auroville.

von Lechner Christian , erschienen in 16/2012

Auroville, eine kleine, internationale Stadt im Süden Indiens, will ein friedliches und kooperatives Zusammenleben der Menschheit modell­haft verwirklichen. Eine Kultur ohne Religion, ohne Geld und ohne Herrschaft ist das Ziel – wie kann das funktionieren? Christian Lechner begab sich auf eine Forschungsreise in die »Stadt der Morgenröte«.

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© Foto: Christian Lechner

Schon die Entstehungsgeschichte Aurovilles hatte mich sehr beeindruckt. Ausgehend von der Philosophie des indischen Freiheitskämpfers Sri Aurobindo (1872–1950) und seiner Partnerin, der Philosophin Mira Alfassa (1878–1973), entstand in den 30er Jahren die Vision, eine Stadt für 50 000 Menschen aus vielen Nationen aufzubauen, in der das Leben ethischen Werten folgt, ohne die materielle Ebene zu vernachlässigen. Im Februar 1968 wurde mit Unterstützung der UNESCO und der indischen Regierung der Grundstein für eine modellhafte Stadt der Zukunft gelegt.
Um das Ziel einer weltoffenen, wertebasierten Stadtgemeinschaft zu manifestieren, prangt nun nach jahrzehntelanger Planungs- und Bauphase der goldene Kuppelbau »Matrimandir« im Zentrum des Siedlungsprojekts. Hier sind keine Zeichen, Symbole oder Riten bestimmter Religionen zu finden. Das Bauwerk umgibt ein weitläufiger Park, die sogenannte Friedenszone. Um diese herum erstrecken sich spiralförmig die übrigen Zonen der Stadt: für Arbeit, Kultur, Wohnen und internationale Begegnungen. Und diese umschließt ein breiter Grüngürtel. Auf dem Gebiet von Auroville – insgesamt rund 25 Quadratkilometer groß – und in dessen Nachbarschaft gibt es auch einige Tamilen-Siedlungen.

Soziales Experiment
Ich hatte schon einige Gemeinschaften und Ökodörfer besucht. Nach Auroville hat mich die Größe der Vision und die schon geleistete gewaltige Aufbauarbeit gezogen. Seit sieben Monaten lebe ich jetzt hier in einer Community, aber immer noch kenne ich nur einen Bruchteil der Gemeinschaften und spannenden Projekte.
In Gesprächen mit Aurovillianern fallen mir einige Qualitäten auf: Die Bereitschaft, den eigenen Anteil an den gemachten Erfahrungen anzuerkennen, um somit durch Selbstreflexion und inneren persönlichen Wandel auch die äußere Entwicklung zu beeinflussen. Dies entspricht der Einsicht Aurobindos: »Zu hoffen, dass ein wirklicher Wandel im menschlichen Leben möglich ist, ohne dass sich die menschliche Natur wandelt, ist ein unmögliches Wunder.«
Und dann diese Willenskraft, soziale und ökologische Herausforderungen anzupacken, manchmal ohne jegliche Vorerfahrung. So widmet sich eine Sozialarbeiterin momentan der Aufgabe, die lokal produzierten, waschbaren Frauenbinden zu vermarkten, während ein ehemaliger Reiseführer an einem Permakulturkonzept für eine biologische Cashewplantage feilt.Egal, welcher Sektor, ob alternative Bauweise, Solartechnologien, Kräuterheilkunde, Alternativschulen, Kunst oder partizipatives Theater – es gibt in allen erdenklichen Bereichen unter den 2300 Aurovillianern zumindest eine Person, die sich damit intensiv beschäftigt.
Um Aurovillianerin zu werden, muss man einen Aufnahmeprozess durchlaufen, der mindestens ein Jahr dauert. Nach der Aufnahme (in der Regel verbunden mit bis zu 50 000 Euro Eintrittsgeld) bekommt man für die Beteiligung an Gemeinschaftsdiensten ein Grundeinkommen von maximal 150 Euro, was für indische Verhältnisse viel ist. Wohnen, medizinische Versorgung und Teilnahme an jeglichen Kursen und Angeboten sind gratis. Apropos wohnen: Die meisten leben hier – soweit ich das beurteilen kann – in Einzelwohnungen. Die »Housing Group« ruft zwar zu Co-Housing-Wohnprojekten auf, entsprechende Initiativen gibt es aber momentan nur wenige.
Die geplante Stadtgröße von 50 000 Einwohnern erfordert fortlaufende Aufbauarbeit und bewirkt eine immense Nachfrage nach helfenden Händen – was bei mir ein warmes Gefühl des Willkommenseins auslöst. Aber es gibt auch den Ruf nach mehr Innerlichkeit und weniger Tun. Oft fällt es mir im Alltag schwer, beides zu integrieren.
Heute entschleunige ich, lasse mein spritziges E-Bike trotz 40 Grad im Schatten stehen und radle gemütlich in die Svaram-Werkstatt. Svaram ist einer der engagiertesten Auroville-Sozialbetriebe, der die tamilischen Mitarbeiter weitgehend ins Management einbinden möchte. Hier werden Percussion-Instrumente hergestellt. Ich sammle ein paar Gegenstände für eine Rassel zusammen. Die tamilischen Kollegen, alle Schulabbrecher aus den umliegenden Dörfern, geben mir immer genau einen Hinweis für den nächsten Schritt, nicht mehr. Ganz schön selbstermächtigend! Sie sind gerade etwas unzufrieden, weil die Gehälter nur um 10 Prozent gestiegen sind, die Benzinpreise hingegen um 16 Prozent. Wären sie Aurovillianer, würden sie mehr Gehalt bekommen. Das wird ihnen allerdings nicht so leicht gemacht. So wurde der Beitritt eines nahen Dorfs, das zu Auroville wechseln wollte, wegen »unzureichender Werte-Integ­ration« abgelehnt.
Das Verhältnis zu den Tamilen ist Gegenstand zahlreicher Diskussionen und Nachfragen. Die Kontakte zu ihren Siedlungen sind unterschiedlich gut. Es ist schwierig für mich, die Situation genau einzuschätzen, aber Auroville ist offenkundig sehr abhängig von den Tamilen. Rund 5000 von ihnen arbeiten für Auroville, der größte Teil als Bauarbeiter und Hausangestellte – eine merkwürdige Gewohnheit, doppelt so viele externe Arbeitskräfte wie Bewohner zu beschäftigen. Von Neokolonialismus sprechen manche Kurzzeitgäste, von fairen Arbeitsbedingungen und einer oft sehr schwer überbrückbaren kulturellen Kluft andere.

Anarchische Selbstverwaltung
Vor kurzem wurde ich auf Deutsch angesprochen: »Sag mal, du bist doch erfahren in Moderation, möchtest du nicht die Bewohner-Versammlung mithosten?« Relativ naiv denke ich an eine Großversammlung mit mehreren Hundert Teilnehmern. Erst im neu errichteten »Unity Pavillon« erfahre ich, dass wegen des Hochsommers und der Überbeschäftigung mit Projekten (und wegen angesammelter Frustration?) nur zwei Prozent der Bevölkerung, also knapp 50 Menschen, mitdiskutieren werden. Dabei geht es um eine grundlegende Entscheidung, um einen Durchbruch bei der ewigen Streit- und Stagnationsfrage: Soll der Masterplan von Auroville, abgesegnet von der indischen Regierung und der Gründerin Mira Alfassa, eins zu eins umgesetzt werden, oder soll Rücksicht auf seither gepflanzte Wälder und errichtete Häuser genommen und organisch weitergebaut werden? Die Pattsituation scheint ein wesentlicher Grund dafür zu sein, weshalb die Stadt nicht wächst, obwohl das Zuzugsinteresse groß ist. Für mich ist das ein lauter Ruf nach partizipativen Dialogformen, bei denen jeder gehört wird und Vertrauen entstehen kann. Die Moderatorin plant dafür einen Lehrgang und fragt, ob ich ihn mitgestalten möchte. Es klingt verlockend, die »göttliche Anarchie«, wie die Selbstverwaltung hier schmunzelnd genannt wird, ein wenig effektiver zu machen. Respektierbare ­Hierarchien zu etablieren und ihnen Vertrauensvorschuss zu geben, scheint in Auroville nicht so einfach zu sein.

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© Foto: Christian Lechner



Ganz entspannt in die Zukunft
Die Anweisung des israelischen Yogalehrers, vom Körper in Zeitlupe eine einfache Armbewegung »machen zu lassen«, berührt eine Sehnsucht in mir: das Leben nicht anstrengend, sondern einfach und im Fluss zu erleben. – Ja, für sich alleine mag das angehen, aber in Gemeinschaft? Irgendwer hat doch immer einen guten Grund, aus dem Gleichgewicht zu geraten und gestresst zu sein. Vielleicht sind deshalb viele der lokalen Gemeinschaften mit durchschnittlich 20 Menschen auch relativ klein. Bis auf wenige Ausnahmen wirken die Beziehungen eher nachbarschaftlich als gemeinschaftlich. Soziale Treffpunkte sind die Solarküche, Film­abende im eigenen Auroville-Kinosaal, der Chor oder andere kulturelle Events. Was den offenen Austausch und die Bereitschaft angeht, einander bewusster Spiegel und Wegbegleiter zu sein, so habe ich in deutschsprachigen Gemeinschaften mehr Experimentierfreude und Wagemut erlebt. Auroville scheint einen ganz eigenen Weg zu gehen, auch was Gemeinschaftsbildung betrifft. Im Matrimandir-Komplex wird Raum für Stille und den individuellen inneren Weg angeboten. Die Toleranz für die unterschiedlichen Lebensweisen ist auf jeden Fall da, ebenso die große Vision sowie zahlreiche Projekte zur Verwirklichung der Zukunftsstadt. Doch scheint all das oft nicht viel miteinander zu tun zu haben.
Trotz aller Fragen – in Auroville erscheint mir ein bewusstes, achtsames Leben immer selbstverständlicher zu werden. Die Zukunftsstadt gibt mir die Gewissheit, dass ein Zusammenleben möglich ist, das sich einem naturverbundenen Lebensstil, einer gemeinsamen Ökonomie und einem Grundeinkommen für alle verschreibt. Schöne Schritte in Richtung Zukunftsfähigkeit! 

 

Christian Lechner (27) lebt derzeit in Auroville und Wien. Er ist Nachhaltigkeitsforscher, Trainer für Gewaltfreie Kommunikation und Mitbegründer des Magazins für Barfußpolitik TAU. christian@tau-magazin.net, www.tau-magazin.net

Virtuell nach Auroville verreisen:
www.auroville.org
www.pioneersofdawn.com