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Artgerecht aufwachsen

Ein Plädoyer für unbegrenzte Zuwendung.

von Herbert Renz-Polster , erschienen in 16/2012

Das Cover der »Times«, das einen Dreijährigen an der Brust seiner Mutter zeigt, hat in diesem Jahr wieder einmal die Diskussion über »zu viel Nähe« für Kinder aufkommen lassen. Dabei gibt es keinen Grund, vor Nähe Angst haben zu müssen.

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© Foto: al/humantouch.de

 

Während meiner Reisen in Afrika und Asien fiel mir immer wieder auf, dass Eltern ihre Kinder ganz offensichtlich »verwöhnen« – mit Nähe und Zuwendung. Diese Kinder wurden schnell selbständig und wuchsen zu höflichen und sozial kompetenten jungen Menschen heran. Zurückgekehrt in Europa, stellte ich irritiert fest: Wenn Eltern ihren Babys und Kleinkindern viel Nähe geben, dann ist oft rasch jemand zur Stelle, der davor warnt, dass das Kleine dadurch »verzogen« werde. Zu gerne hätte ich sie dann zu einer Reise in jene Länder eingeladen, in denen es zur Normalität gehört, dass Kinder genauso »verzogen« werden, ohne jede Diskussion und ohne schlechtes Gewissen! Da werden die kleinen Menschlein gestillt, sobald sie einen Mucks machen. Wenn sie weinen, ist immer jemand zur Stelle. Sie schlafen nachts an der Seite ihrer Mutter. Und getragen werden sie so ziemlich die ganze Zeit. Das volle Verwöhn-Programm! Und doch fehlt von verwöhnten Kindern jede Spur, im Gegenteil: Sie übernehmen als Jugendliche zahlreiche Aufgaben für die Familie.

Evolutionäre Prägung
Während mehr als 99 Prozent der Menschheitsgeschichte war die Nähe vertrauter Erwachsener und ihre unmittelbare Zuwendung für kleine Kinder das Ticket zum Überleben. Dass Kleinkinder viel getragen wurden, dass sie häufig, nach Bedarf und lange gestillt wurden, dass sie nachts bei ihrer Mutter schliefen – all das war Teil des normalen Aufwachsens unter »arttypischen Lebensbedingungen«. Ganz einfach: Nähe bedeutete Schutz – und davon konnten Kinder in einer Zeit, als noch die Hyänen ums Lager schlichen und es noch keine Dreifachglasfenster und Zentralheizungen gab, nicht genug bekommen. Auch wenn die Umwelt heute garantiert tigerfrei ist, die Heizung funktioniert und die Eltern auf moderne Art für den Schutz der Kleinen sorgen, ist das Gefühl, rundherum behütet zu sein, elementar lebenswichtig.
Woher soll das Baby denn wissen und spüren, dass die Tür sicher verschlossen ist und es Bären nur noch im Zoo gibt? Sicherheit kann ein Baby nur körperlich erfahren, durch Berührungen, Gerüche, also durch sinnliche Erfahrungen. Sein von der Evolution gestricktes Gefühlskleid hat sich durch die Erfindung des Babyphons ja nicht geändert. Wer noch zweifelt, mag sich an einen Campingurlaub erinnern. In der Ferne hört man Laute, die man sonst nie hört, und wenn es zu tröpfeln beginnt, droht gewiss ein Sturm. Selbst uns Erwachsene treibt es da näher zueinander. Dabei wissen wir ja tatsächlich, dass die Geräusche dort draußen nicht von einem Säbelzahntiger stammen! Würden wir unseren Säugling beim Campingurlaub in ein eigenes Zelt legen? Undenkbar!

Nähe macht gesund
Die Wissenschaft zeigt zudem, dass Nähe stärkt. Früher Hautkontakt hilft Babys bei der Anpassung ihres Stoffwechsels nach der Geburt. Eine Unterzuckerung etwa kommt am Körper der Mutter eher selten vor. Atmung, Kreislauf und Körpertemperatur sind bei Körperkontakt stabiler, und auch das Stillen klappt Haut an Haut besser. Von Frühgeborenen ist bekannt, dass sie mit »Känguruh-Pflege«, bei der das Baby statt im Inkubator zeitweise am Körper der Mutter liegt, schneller wachsen und ein stärkeres Immunsystem entwickeln.
Die Nähe scheint aber nicht nur dem Körper gutzutun, sondern auch der Seele. Babys, die verlässlich getröstet werden, schreien später eben nicht mehr, sondern weniger als solche, die »warten« mussten. Säuglinge, die regelmäßig am Körper getragen werden, sind ausgeglichener. Sie weinen insgesamt weniger und fühlen sich, wie Tests von Entwicklungspsychologen zeigen, in ihrer Beziehung zu den Eltern sicherer. Und Mütter, die ihre Neugeborenen häufig bei sich haben, leiden seltener an den gefürchteten Wochenbett-Depressionen. Körperliche Nähe stärkt also auch heute noch nicht nur das Baby, sondern sie stärkt auch die Mutter – ein Hinweis darauf, dass das Leben mit einem Säugling ein wechselseitiges Geben und Nehmen ist und nicht ein »Tauziehen«.
Aber wie werden diese Kinder einmal mit dem Leben klarkommen, so, wie es ist? Passt da nicht eher, dass wir den Kleinen auch einmal etwas Härte und ein bisschen Frust zumuten? Dass wir ihnen eben nicht ein Paradies anbieten? Blicken wir noch einmal zurück in die evolutionäre Geschichte. Wir dürfen sicher sein, dass die an viel Nähe gewohnten Babys der Vergangenheit schnell selbständig wurden. Die Welt unserer Vorfahren war nicht mit Plüsch ausgelegt. Und sie musste von jeder Generation von Kindern neu bewältigt und »gezähmt« werden«. Erst ab drei, vier Jahren strebten die Kleinen zur altersgemischten Kindergruppe ihres Clans. Das lange Zeit in Nähe umsorgte Kind war jetzt stark auf seine eigenen Kräfte und Möglichkeiten angewiesen. Die Erfahrung, noch ab und zu an der Brust seiner Mutter zu trinken, teilt es mit den meisten Kindern im Kleinkindalter, die bisher auf dieser Erde gelebt haben.

Kinder mögen nicht verhätschelt werden
Ob ein Kind »Verwöhnung« im negativen Sinn von »Verhätscheln« erlebt, hängt von der Art der Beziehungen ab, in der es lebt. Ist es mit seinen Eltern in in einem authentischen Austausch, oder geht es in der Eltern-Kind-Beziehung immer nur um Rollen und Ziele, darum, brav zu sein, klug zu sein, putzig und nett? Kann ein Kind seinen »sicheren Hafen« nutzen, um Kind zu sein – und das heißt: sich die Welt erspielen, mit anderen Kindern? Bekommt es die Freiheit, dabei Abenteuer zu erleben und die Erfahrung zu machen, auf eigenen Beinen zu stehen?
Nähe und Freiheit gehören zusammen. Kleine Kinder wollen nicht verwöhnt, sondern auch von ihrer Umgebung herausgefordert werden. Woher will ich das wissen? Es liegt auf der Hand: Hätten die Kinder in ihrer evolutionären Vergangenheit auf Verwöhnung gepocht und wären verhätschelt worden, dann wären sie irgendwo aus der Kurve des Lebens geflogen. Sie wären nicht unsere Vorfahren geworden. Nach der Evolutionstheorie gehen für das Überleben einer Spezies hilfreiche Errungenschaften nicht verloren. In Vorzeiten geprägte Muster, die sich als hilfreich fürs Überleben herausstellten, bestimmen noch heute unser Verhalten. Beispielsweise haben Clans vom kreativen Schub ihrer pubertären Jugendlichen profitiert, von ihrer Begeisterungs- und Risikobereitschaft und ­ihrer Fähigkeit, soziale Netze zu gestalten. Dies sind spezifische ­Fähigkeiten, die unsere Gesellschaft heute weitgehend ­brachliegen lässt und wo jugendliche Suche mitunter in Süchten mündet. ­Welche Art von Kultur bräuchten wir aufgrund unserer evolutio­nären Prägung für ein gutes Überleben? 


Herbert Renz-Polster (52) ist Kinderarzt und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Mannheimer Institut für Public Health der Universität Heidelberg. Er veröffentlichte unter anderen im Kösel-Verlag die Bücher »Kinder verstehen. Wie die Evolution unsere Kinder prägt« und »Menschen-Kinder. Plädoyer für eine artgerechte Erziehung«. www.kinder-verstehen.de

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