Der Inhalt dieser Webseite ist unbezahlbar!

Sie können aber dazu beitragen,
dass hier immer wieder neue Artikel zu lesen sind!

• Ja, ich möchte Oya unterstützen

• Ich unterstütze Oya bereits

• Nein, ich möchte kostenfrei weiterlesen

• Ich möchte ein kostenloses Probeheft bestellen

Bitte wählen Sie hier den Betrag, mit dem Sie Oya unterstützen möchten:



Falls Sie kein PayPal-Konto haben, können Sie natürlich
auch direkt unsere Bankverbindung verwenden:

IBAN: DE96 4306 0967 1112 9897 00 • BIC: GENODEM1GLS
Verwendungszweck: Oya-Online Beitrag

Zeichen in der Stadt

Ulrike Bührlen von den »Urbanauten«, Caroline Claudius vom Garten »o’pflanzt is!« und Christa Müller von der Stiftungs­gemeinschaft »anstiftung & ertomis« sprachen mit Johannes Heimrath über die Gestaltung des Stadtraums.

von Caroline Claudius , Christa Müller , Johannes Heimrath , Ulrike Bührlen , erschienen in 16/2012

Johannes Heimrath Es ist schön, hier im ruhigen Gruppenraum der psychotherapeutischen Praxis von Hansjörg Ebell sitzen zu können, in München, einer Stadt, mit der mich persönlich viel verbindet. Wir wollen ein Gespräch über den Wandel von Städten zu lebensfördernden Orten führen. Ihr habt diesen Wandel alle auf unterschiedliche Weise in euren Fokus genommen, und ich freue mich, wenn ihr euch und eure Arbeit kurz vorstellt.

Christa Müller Ich bin Soziologin und arbeite schon sehr lange in der Forschung zu Subsistenz, früher vor allem in Lateinamerika, dann aber auch in einem westfälischen Dorf, weil mich der Übergang von einer lokalen Ökonomie mit intensivem Austausch und sozialem Miteinander hin zu einer an anonymen Produktions- und Konsumverhältnissen ausgerichteten Marktgesellschaft interessiert hat. Seit 1999 forsche ich bei der »anstiftung«, die heute »Stiftungsgemeinschaft anstiftung & ertomis« heißt. Mein erstes Forschungsprojekt dort war der erste urbane Garten neuen Typs: die Internationalen Gärten Göttingen. Aus dieser Arbeit ging das Buch »Wurzeln schlagen in der Fremde« hervor, das einen kleinen Boom neuer Gärten ausgelöst hat. Heute haben wir mehr als 130 Interkulturelle Gärten allein in Deutschland. Gärtnern in der Stadt ist inzwischen Medium und Plattform für Themen wie Stadtentwicklung, Nachbarschaftsgestaltung oder postmaterielle Lebensstile.

Ulrike Bührlen Als Mitglied der »Urbanauten« beschäftige ich mich viel mit dem öffentlichen Raum. Ursprünglich habe ich Geografie studiert. Bei den Urbanauten verwirklichen wir ganz unterschiedliche Projekte, das reicht vom großen Straßenfest bis zur kleinen Kunstveranstaltung. Wir organisieren Diskussionen zum öffentlichen Raum, den wir als Bindeglied, als Spiegel, als Kitt der Gesellschaft begreifen, an dem sich viel über die Entwicklung städtischer Gesellschaften ablesen lässt. In erster Linie beschäftigen wir uns mit München, schauen aber auch in andere Städte. Über die Kunst versuchen wir, Räume anders wahrzunehmen, und so kann ein Urbanauten-Projekt ein Treffpunkt sein, an dem sich städtisches Leben genießen lässt, oder auch eine Diskussionsrunde mit Experten zum Thema Stadtentwicklung und Partizipation.

Caroline Claudius Ich bin Mitbegründerin eines urbanen Gartens hier in München, der sich »o‘pflanzt is!« nennt.  Wir pflanzen in mobilen Hochbeeten, weil wir erstens mit unseren Pflanzen umziehen können möchten und zweitens der Boden unseres Geländes nie von Minen aus dem Zweiten Weltkrieg befreit worden ist. Für mich ist das eine schöne Metapher – auf diesem Kriegserbe versuchen wir, einen friedlichen Ort zu errichten. Dabei beschäftigen wir uns auch viel mit Konsumkritik: So gut wie alle Materialien, die wir verwenden, sind recycelt und geschenkt, es gibt innerhalb des Gartens keinen Austausch von Geld. Spenden nehmen wir gerne, und wir beschäftigen uns auch mit lokalen Währungen, aber vor allem ist der Garten eine Allmende. Ich selbst war irgendwann sehr stadtmüde und wollte aufs Land. Aber dann habe ich mir gedacht, das wäre doch nur Eskapismus. Stattdessen sollte ich hier in der Stadt einen Ort schaffen helfen, an dem die Seele aufatmet und die Menschen Kraft schöpfen und sich gleichzeitig kritische Fragen stellen können. Seit dem ersten Mai gibt es nun diesen Garten, und es ist ein magischer Ort, aber magisch auf eine sehr reale Weise.

JH Wenn mit so einem Garten ein Ort entsteht, an dem die Seele nicht verkümmert, heißt das im Gegenzug, dass heutige Städte die Menschen seelisch nicht ernähren?

CM Was Caro gerade gesagt hat, zeigt ja, dass eine radikale Grenzlinie zwischen Stadt und Land gar nicht mehr gezogen werden kann. Die Grenzen zwischen digitaler und analoger Welt sind bereits aufgelöst, und das Internet hat mit seinen Verweisungs- und Vernetzungslogiken und mit seinen Logiken des Teilens und Tauschens Demokratisierungserfahrungen ermöglicht, die jetzt auf konkrete Orte der Echtzeit übertragen werden. Da gehört es selbstverständlich dazu, dass man für ein gutes Leben selber sorgt und nicht darauf wartet, dass es die Politik ermöglicht. Wir erleben eine Erosion der Legitimation von Politik, und da geraten die Orte des Selbermachens, die sich selbst legitimieren, neu in den Fokus. Die Generation Garten schafft ihre eigenen Landschaften und Architekturen, und dies an der Stadtplanung vorbei. Wenn ich an »o’pflanzt is!« denke – wer hat den Ort eigentlich gebaut? Das ist nicht wichtig, da findet eine kollektive Gestaltung statt, die nie abgeschlossen ist.

UB Ich sehe die Stadt nicht negativ, sondern sehe vor allem ihre Möglichkeitsräume. In so einem offenen Garten lässt sich nicht nur gärtnern, sondern auch bauen, spielen, kochen oder Feste feiern. Spannend wird es vor allem dort, wo die harte Grenze zwischen öffentlichem und privatem Raum verschwimmt, wo Räume hybrid werden. Es gibt in der Stadt viele Orte, die man sich nehmen muss, die man gestalten, sich erkämpfen und besetzen kann – für eine Stunde, einen Tag, einen Monat, ein Jahr oder auch zehn Jahre. Diese Orte gibt es, wenn sie nur gesucht werden. Die Stadtgesellschaft – und das finde ich eine ganz erfreuliche Entwicklung – ist heute immer stärker dazu bereit, ihre eigenen Bedürfnisse im öffentlichen Raum zu verwirklichen.

JH Sich nehmen, erkämpfen und besetzen – das waren jetzt sehr harte Begriffe für so etwas Weiches wie einen Ermöglichungsraum. Mir gefällt der Begriff des hybriden Raums, weil er sich einer eindeutigen Wahrheit verweigert, Fragen zulässt und offen lässt, besonders die Frage nach dem Unterschied zwischen öffentlichem, privatem und gemeinsamem Raum. Ein Park gehört der »Öffentlichkeit«. Wenn ich dort etwas tun möchte, muss ich bei einer Autorität um Genehmigung ansuchen. Mich interessiert, wie ein öffentlicher Raum ein »gemeinschaftlicher« werden kann.

CM Darüber haben wir letztens auf der Tagung der Urbanauten in Tutzing mit dem Leiter des Münchener Kreisverwaltungsreferats diskutiert. Ein Verwaltungsleiter hat die Aufgabe, den öffentlichen Raum vor der Aneignung durch partikulare Interessen zu schützen. Aber wäre eine gemeinschaftliche Gestaltung einer öffentlichen Grünfläche überhaupt eine private Aneignung? Wenn dort etwas passiert, das dem Gemeinwohl dient, wohl kaum.
Mir scheint, dass wir heute eine neue politische Diskussion mit der Verwaltung und mit der Stadtpolitik über den öffentlichen Raum führen müssen. Trägt die Stadt wirklich Sorge für ihn, wenn verbleibende Brachflächen mit Straßen und Einkaufszentren versiegelt werden? Erfinden nicht gerade Projekte wie ein Gemeinschaftsgarten, dessen Türen für alle offen sind, neue Formen des öffentlichen Raums, die in der bisherigen Definition noch nicht vorgesehen sind?

UB Selbstverständlich ist auch ein Parkplatz ein öffentlicher Raum, aber der interessiert mich nur insofern, als ich ihn zurückerobern will.

JH Von wem möchtest du ihn zurückerobern – nebenbei wieder ein Kampfbegriff?

UB In diesem Fall von den Autos. Die Urbanauten wollten zum Beispiel ein großes Straßenfest auf der Leopoldstraße veranstalten. Unsere Idee war, für zwei Wochenenden im Jahr die Straße zu sperren und zu sagen: Wir haben hier eine Flaniermeile, die Leute können tun und lassen, was sie wollen. Cafés sollen ihre Stühle rausstellen und die Straßenmusiker Musik machen. Damit sind wir ins Kreisverwaltungsreferat gelaufen, und dort wurde uns gesagt: Das geht rechtlich nicht, ihr dürft das nicht. Eine Erlaubnis für eine Sondernutzung würdet ihr nur für ein kulturelles Ereignis bekommen. Das heißt, dass auf jedem Quadratmeter etwas Künstlerisches stattfinden müsste. Den Raum einfach nur freizulassen, ist kein Grund für eine Sondernutzung. Aus der Idee wurde zwar ein Straßenfest, aber die Straße durfte tatsächlich nicht gesperrt werden.

JH Das »zwecklose Sein« lässt sich also nicht genehmigen?

UB Wir hatten ernsthaft überlegt, ob wir bei der Stadt erst Pläne für viele Bühnen und Vorführungen auf der Straße einreichen – und dann einfach nichts machen. Aber wir haben es uns nicht getraut, weil wir Sorge hatten, dass die Polizei die Straße nach fünf Minuten wieder aufmacht und es uns nicht gelingen würde, den Raum friedlich zu erobern. Ich spreche schon bewusst vom »Erobern«, denn die Gesellschaft müsste sagen: Ja, wir wollen diese Straße nicht nur den Autos überlassen, und sie müsste dann auch den Schritt wagen, sich diesen Raum zu nehmen.

CC Dieses martialische Vokabular, das wir in Zusammenhang mit unseren Aktionen im Stadtraum verwenden, ist ein interessantes Phänomen. Während meiner Zeit in London habe ich viel »­Guerilla« Gardening gemacht, Samen»bomben« gestreut und an Orten, die nicht dafür gedacht sind, etwas angepflanzt. Das Wort »Guerilla« kommt ja aus der Revolutionsterminologie. Innerhalb unseres Gartens steht natürlich der Begriff der Liebe im Zentrum, wir verwenden ihn bar jeder Scham und esoterischer Nebenbedeutung. Wir pflegen gewaltfreie Kommunikation. Wenn also einmal ein Raum »erobert« wurde, herrscht darin ein großer Frieden …

JH »Herrscht« …?

CC … ein großer Frieden, der immer wieder durch Meinungsverschiedenheiten auf eine neue Ebene gehoben wird, wenn man Glück hat. – Ich werde jetzt mal mein martialisches Vokabular durch den Begriff der Radikalität ersetzen. Mir ist wichtig, dass die Menschen radikale Fragen stellen und zum Beispiel eine Wiese in der Stadt fragen: Warum bist du da in deiner ganzen Fettleibigkeit? Alle Heilpflanzen, die wild auf dir wachsen könnten, werden niedergemäht oder vergiftet. Was könnte an deiner statt da sein? In der Stadt Andernach hat die Stadtverwaltung angefangen, Zwiebeln, Bohnen, Tomaten und andere Nutzpflanzen in den Parks zu pflanzen. So kann ich an alle Orte die Frage stellen, wie sie sich radikal verändern könnten, und zwar durch und für alle. Wenn wir Orte schaffen, wo sich die Akteure nicht mehr als zu bekämpfende Gegner wahrnehmen, sondern als sich ergänzende Entitäten, die gemeinsam dafür sorgen, dass es dem Einzelnen und der Gemeinschaft gut geht, entsteht eine lebenswerte Stadt.

JH Wie ließe sich auf diese Weise ein Konflikt befrieden, wenn auf einer ehemaligen Brachfläche ein Öko-Erlebnis-Kaufhaus als Hochhaus mit einer vertikalen Farm an seinen Wänden gebaut werden soll und dadurch ein Gemeinschaftsgarten vertrieben wird?

CM Vertikale Farmen als Hochhäuser sind derzeit nur eine Idee. Energietechnisch sind sie so unökonomisch, dass sie absehbar in europäischen Städten wohl nicht so bald realisiert werden.
Ich glaube im übrigen auch gar nicht, dass es darum geht, etwas zu befrieden, sondern ich beobachte, dass diese neue Bewegung, die den öffentlichen Raum neu definiert, schlicht handelt und ihn dadurch verändert. Guerilla Gardening bedeutet nicht nur, hier und dort ein paar Blumen zum Blühen zu bringen, sondern sich selbst als ein radikaler Kunstakteur in der Stadt zu inszenieren, Zeichen zu setzen. Das sind subtile Formen des Politischen. Wenn auf dem Tempelhofer Feld, auf einem ehemaligen Flughafen also, ein Dorfplatz gebaut wird, mitten in einer europäischen Metropole, dann entstehen auch räumlich neue Formen von Gemeinschaft. Du, Johannes, hast die Begriffe »gemeinschaftlich« und »gesellschaftlich« konträr verwendet, das aber ist das Denken der Indus­triegesellschaft; genau dieser Dualismus ist dabei, sich aufzulösen. Damit sind wir gewissermaßen am Ende der Industriemoderne angekommen. Ein weiteres Beispiel der neuen Bewegung ist das »Guerilla Knitting«: In München gibt es zwei junge Frauen, die sich »Rausfrauen« nennen und zum Beispiel Laternenpfähle bestricken. Da stehen die Leute davor und fragen: Was soll das? Auch die Stadtplaner fragen sich das. Die Frauen sagen: Wir gestalten die Stadt mit. Denn es ist unsere Stadt.. Die politischen Diskurse laufen hier weniger über große Erzählungen, sondern über das Zeichensetzen – eine neue Form des Politischen, die entziffert werden will.

JH Das sind freilich wunderbare Zeichen, genauso wie dieser 120 Meter lange Sitzsack, den die Urbanauten an dem aufgeschütteten »Kulturstrand« in München installiert haben. Aber werden sie denn in der Öffentlichkeit wahrgenommen?

CM In den Medien sind diese Zeichen erstaunlich präsent. Und das bedeutet, dass die Stadtverwaltungen heute zum Beispiel nicht mehr an urbanen Gärten vorbeikommen. Es gibt sogar Städte, die von sich aus sagen: Warum haben wir bei uns noch keinen Interkulturellen Garten? Subsistenztätigkeiten und unkommerzielle Orte waren bislang immer unsichtbar, aber inzwischen werden sie öffentlich! Die Gesellschaft will sie tatsächlich wahrnehmen.

UB Das Faszinierende ist, dass weltweit ähnliche Bewegungen entstehen. Wo immer ich hingehe, finde ich ähnliche Ikonen: Street Art, offene Gärten, öffentliche Aktionen. Oft weiß ich nicht, wer dahintersteckt, und das ist auch nicht wichtig. Ich erfahre davon und fühle mich dann nicht allein. Die beiden Strickerinnen in München kenne ich nicht persönlich, aber ich kenne sie als Teil eines gemeinschaftlichen Prozesses, der Spaß macht. Wenn ich in der Stadt all diese kreativen Zeichen finde, will ich gar nicht aufs Land.

CC All diese nicht ganz greifbaren, nicht politisch kontrollierbaren, nicht in Kommerz verwandelbaren Bewegungen müssten sich noch viel selbstbewusster ausbreiten und neue Zeichen erfinden, z. B. indem man mitten auf der Straße um ein Heilkraut herum, das sich durch den Asphalt drängt, einen klitzekleinen Zaun baut.

JH Wenn ich meinen Blick von dieser Heilpflanze im Asphalt ein wenig weiter streifen lasse, komme ich zu einem Kanaldeckel. Ist der nicht wenigstens so viel Aufmerksamkeit wert wie der um den Laternenpfahl gestrickte Schal? Da unten kümmern sich Menschen täglich um das Kanalsystem, aber wir denken so gut wie nie an sie.

CC Wir sind ja alle ziemlich schlafwandlerisch unterwegs. Dieses Konsumistisch-Kapitalistische ist nicht unbedingt dafür da, uns wachzuhalten. Wir brauchen diese ironischen Brechungen im Alltag, um aufzuwachen. Wenn ein Sprayer zwei Hände neben einen Kanaldeckel malte, würde ich plötzlich denken: Klar, dort unten arbeiten ja Menschen.

CM Interessant, dass wir auf die Menschen zu sprechen kommen, die im Schatten arbeiten. Es war das Schicksal der Subsistenz, unsichtbar im Schatten zu existieren, weil der Kapitalismus nur die Räume ausleuchtet, die Geld einbringen und verwertbar sind. In diesem Sinn denke ich, dass es gar nicht darum geht, viele neue Orte zu schaffen, sondern die Dinge ans Licht zu holen, die immer übersehen wurden. Das schützt sie zugleich vor ihrer Kapitalisierung, die natürlich immer droht. Auch das lange Zeit marginalisierte Handwerk erlebt heute eine Renaissance, weil es uns ermöglicht, die Dinge selber zu machen, autonomer zu leben, im Sinn von Michel Foucault weniger regierbar zu sein, und auch: ­Signaturen zu hinterlassen. Im Garten »o’pflanzt is!« nehmt ihr ja viele scheinbar überflüssige Materialien aus der Stadt heraus, deutet sie um und macht daraus etwas Neues.

CC  Noch interessanter ist fast, dass wir die Menschen aus der Stadt herausnehmen, in den Garten setzen, und dann passiert mit ihnen etwas Neues. In einer Stadt fügst du dich in der Regel in eine bestimmte Rolle im ökonomischen Kreislauf. Wenn du sie aufbrichst und dir erlaubst, mal etwas ganz anderes zu tun, verstehst du: Ich könnte jede Rolle in diesem Stadttheater spielen, ich könnte auch Regisseurin werden.

JH Müssten wir dann nicht auch den Begriff der Aneignung überprüfen? Wenn ich mir die  Stadt als lebendigen Organismus aneigne und mich darin als Mitspielender und nicht nur als Konsument sehe – ist es dann nicht so, dass ich mich der Stadt »zueigne«, mich hineingebe in ihre Prozesse, ohne eine Grenze zu ziehen? 

CC Ja, wenn wir von »zueignen« statt von »aneignen« sprechen, stellen wir Eigentum per se auf eine neue Weise in Frage. Dann geht es um Identifikation und Verantwortung statt um Besitz. Vielleicht kann ich mich nicht mit einer riesigen Stadt identifizieren, wohl aber mit einem Stadtteil. Ethnologische Studien haben ja ergeben, dass sich Menschen für eine Gruppe von ungefähr 150 Mitgliedern verantwortlich fühlen können; das ist eine typische Stammesgröße in indigenen Kulturen.
Wir haben das erlebt, als unser Garten in der Anfangsphase noch keinen Wasseranschluss hatte.  Die Stadtwerke hätten wahrscheinlich nur einen Hahn umlegen müssen, aber sie wollten vorher 4000 Euro für den Anschluss. Dieses Geld hatten wir nicht, und es wurde uns auch auf unsere Bitte hin nicht erlassen. Also haben wir in einer Rundmail unserem Unterstützerkreis von dieser Situation erzählt, und alle schrieben an die Stadtwerke München die Bitte, den Anschluss für uns günstiger zu machen. Plötzlich fühlten sich ganz viele Menschen dafür verantwortlich, dass wir Wasser bekommen. Sie kamen mit Kanistern auf Fahrradanhängern, alte Damen brachten Literflaschen vorbei. Und ich dachte: Die Stadtwerke tun nicht das, wozu sie in der Lage wären, aber die ganze Stadt kommt gerade angefahren und bringt uns Wasser …?

JH Das ist doch ein wunderbares Beispiel, dass Aneignung und Zueignung ein gutes Paar sind. Die Menschen erleben sich als nützlich, wenn sie das Wasser bringen, und genau danach haben sie eine große Sehnsucht. Kann ich als Mensch ein Nützling sein, der einem Stadtorganismus dient?

CM All diese Projekte, die wir als Stiftung unterstützen, manifestieren, dass alles, was wegführt vom puren Konsum, von Ausbeutung und Ressourcenverbrauch, nicht nur mehr Gemeinschaft schafft und kreativer ist, sondern auch Spaß macht und Sinn ergibt. Es ist faszinierend zu sehen, welche Vielfalt überall wächst.

UB Ich hoffe, dass die Stadt ein System bleibt oder wird, in dem es immer Möglichkeiten zur Veränderung gibt. Dann kann viel passieren, was wir heute noch als unwahrscheinlich annehmen. Und das sollten wir schneller in Planungsprozesse, in Entscheidungsprozesse übersetzen, dann können Städte lebendig werden und schöne Orte entstehen.

JH Ein schöner Ort, das wäre keine Utopie, kein »Nirgend-Ort«, sondern ein Eu-Topos. Vielleicht geht es heute um Eutopien, schöne Orte, wo das eingeübt und ausgeübt wird, was nach einer Übergangszeit als ein gutes Leben in gewandelten Städten gelebt werden will. Habt vielen Dank für das inspirierende Gespräch. 

Bild

© Foto: Marcus Gruber

Suche



Aktuelles

schenk · geld · labor

Am 2. Juli in Witten 12 Stunden lang transparent über das schwierige Thema Geld reden

Hoffest auf dem »Auenhof«

SoLaWi (nahe Berlin) in Gründung freut sich über neue Mitglieder

Filmpremiere „A New Story For Humanity“

Am 30. April gemeinsam schauen, wie die Welt in eine neue Richtung gehen kann.

Demo: TTIP & CETA stoppen

Für einen gerechten Welthandel

Das Ende der Megamaschine

Autor Fabian Scheidler im April/Mai auf Lesereise in Deutschland.
weitere Nachrichten

Aktuelle Ausgabe

Cover