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Das Wilde leben

von Jochen Schilk , erschienen in 02/2010

»Lieber Wolfgang, vielen Dank für alles! Leider hat uns deine Ausbildung für unser altes Leben total verdorben …« – Als ich Wolfgang Peham zum ersten Mal gegenübersitze, kommt er ­gerade von einem Seminar zurück, das die einjährige Lehrzeit der jüngsten Generation von Wildnispädagogen abschloss. Schmunzelnd zitiert er diese ebenso kurze wie vielsagende Dankesrede seiner Studenten, einer Gruppe Menschen verschiedensten Alters und diversester Hintergründe. »Was für unterschiedliche Leute da im Kreis gesessen haben!« merkt er mit einer Mischung aus Staunen und Stolz an, »von der ­Hebamme über einen Bauingenieur bis hin zum frisch ­pensionierten Banker.«

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»Wolfgang Peham? Der hat doch früher bei der Lufthansa gearbeitet. Heute macht er diese Wildnisschule …«. Der Tipp kam von einer Freundin. Ich kriegte spitze Ohren. Eine vielversprechende Aussteigergeschichte? Im ersten Telefonat spielt Wolfgang das Ausstiegs-Szenario herunter: »Ach, da war nichts Außergewöhnliches, nichts Dramatisches. Das lief eigentlich alles ziemlich glatt«. Der österreichische Akzent klingt sympathisch. Wenn ich an seiner Geschichte dennoch interessiert sei, könne ich ihn gerne besuchen.

Besagte Freundin hatte mich vorgewarnt, dass eventuelle Assoziationen den Wohnort des wilden Mannes betreffend nicht erfüllt werden würden. Daran muss ich denken, als Wolfgang mich in seine verblüffend durchschnittliche Wohnung im Erdgeschoss eines typischen 70er-Jahre-Wohnblocks in Hannover einlässt. Hier wohnt er mit seiner Frau Petra. Der Teppich ist flauschig und dunkelgrün, aber Waldboden sieht doch anders aus. Wir stehen noch im Flur, da fragt er mich mit einem Augenzwinkern, ob ich vielleicht eine Blockhütte erwartet hätte. »Weißt du, ich hatte in meinem Leben nie wirklich Gelegenheit, darüber nachzudenken, wie ich wohnen möchte.« Na, denke ich, das muss ja eine intensive Lebensgeschichte sein.

In den wilden Wäldern der Kindheit
In seinem Bestseller »Last Child in the Woods«, auf Deutsch etwa »Das letzte Kind, das noch im Wald spielt«, beschreibt der US-Amerikaner Richard Louv die dramatischen Folgen einer jüngeren gesellschaftlichen Entwicklung. Kaum ein junger Mensch verbringt seine Kindheit noch damit, Tag für Tag durch die freie Natur zu stromern, wie es früher üblich war. Kinder ohne Aufsicht den ganzen Tag frei laufen zu lassen, scheint vielen Eltern heute undenkbar. Der 1951 in einem bäuerlichen Dörfchen im oberösterreichischen Voralpenland geborene Wolfgang Peham wächst genau so auf: buchstäblich in den Wäldern mit Indianerspielen nach Karl-May-Vorbild und mit Kühehüten. »So hat das angefangen mit dem Draußen-Leben. Einen Kindergarten gab es nicht. Ich erinnere mich, dass ich mir als kleiner Bub die Ski anschnallte, wenn der Schneesturm richtig tobte, und ich zu den Tieren in den Wald lief.« Seine Kindheit sei einfach wunderbar gewesen. Als Teenager entdeckt er die Magie des gemeinsamen Musikmachens. Zusammen mit seiner Band interpretiert er die obligatorischen Beat-Songs der Epoche. »Eine junge Frau hat mich mal beneidet, dass es diese großartigen Bands zu meiner Jugendzeit gab, aber ich hab ihr geantwortet: Glaubst du, dass die zu uns ins Dorf getourt sind? Hey, wir waren mit unserer Band die Beatles, und wir waren die Stones!«

Mit achtzehn Jahren zieht Wolfgang zusammen mit einem Freund ins Berlin der späten 60er Jahre – bekanntermaßen recht wilde Zeiten. Während die übrigen Gammler die Konventionen herausfordern und die Studenten den Aufstand proben, steigen die beiden Österreicher ins Imbissbudengeschäft ein und avancieren für kurze Zeit zu den »Würstelkönigen« des Kurfürstendamms.

Vom Hippie zum Steward zum Experten in Überlebensfragen
Anfang der 70er stößt Wolfgang auf eine Zeitungsannonce, eine Luftfahrtgesellschaft sucht Flugbegleiter. Er stellt sich vor und wird aufgrund seiner vergleichsweise passablen Englischkenntnisse tatsächlich als Steward eingestellt. Die Arbeit für verschiedene Airlines zieht sich seitdem über fast drei Jahrzehnte bis zur Jahrtausendwende und führt ihn in die verschiedensten Winkel der Erde. Liegt hier vielleicht der Schlüssel zur Frage, warum der Mann nie den Traum von einem eigenen kleinen Reich, vom eigenen Häuschen geträumt hat? Ein Globetrotter, der es gewohnt ist, unterwegs zu sein, der sich in allen Gegenden zu Hause fühlen kann, sogar dort, wo die Zivilisation aufhört (und gerade dort!), – hat so einer es nötig, über ein Eigenheim mit Zaun und Garten nachzudenken?

»Na ja«, räumt Wolfgang ein, »bekäme ich ein paar Millionen in die Hände, ich würde sie sofort in einen abgelegenen Bauernhof mit viel Wald und eigener Jagd stecken. Das wäre ein Ort, wo wir unserer Arbeit zur Mensch-Wildnis-Verbindung gut nachgehen könnten …«

Mitte der 70er Jahre heißt Wildnis für Wolfgang und seine Freunde noch »Outdoor Survival«. Es geht noch nicht darum, sich selbst weich zu machen, um im Fluss der Natur mitfließen zu können. Der Ansatz ist damals deutlich machohafter: Wer ist hart genug, wer hat die beste Ausrüstung, um lange Zeit allein in der als menschenfeindlich wahrgenommenen Natur überleben zu können? Mittlerweile in Frankfurt am Main gelandet, macht Wolfgang die Bekanntschaft mit einem jungen Mann, Volker, der dem Survival-Künstler Rüdiger Nehberg nacheifert. In gemeinsamen ausgedehnten Kanu- und später Reit-Touren oder auch im Wintersurvival mit Langlaufski und Zeltplane knüpft er an seine Kindheitserfahrungen in freier Natur an.

Zufällig wird es auch in seinem Beruf deutlich wilder, denn bei seiner Fluglinie ergibt sich ein neuer Arbeitsbereich. In der Trainingsabteilung für Flugsicherheit kann Wolfgang in Zusammenarbeit mit anderen Airlines und dem Luftfahrtbundesamt jährliche Pflichtlehrgänge für Cockpit- und Kabinenpersonal entwickeln und durchführen. Es geht darum, in Krisensituationen nicht die Nerven zu verlieren, sich gut aufeinander abzustimmen und genau das Richtige zu tun: Feuer bekämpfen, Notwassern, Flugzeug evakuieren und vieles mehr. Es muss für Wolfgang eine erfüllende Arbeit gewesen sein, der er in einem guten Team mit relativ viel Freiheit nachgehen konnte. Und doch gibt er sie Ende 90er Jahre zugunsten seiner Wildnisschule auf. Jedenfalls ist es keine Krise, die ihn nach 25 guten Jahren zum Ausstieg aus dem sicheren Job verleitet.

Was war der biografische Bruch? Auf Nachfrage meint er nachdenklich: »In meinem ganzen Leben hab ich noch nie einen Bruch erlebt. Glaube ich. Ich weiß es aber nicht genau, weil ich nicht so der große Nachdenker bin.«

Wie die Jungfrau zum Kind
Was ihn an den Punkt des Umstiegs heranbringt, braucht einige Entwicklungszeit. Ab den frühen 80er Jahren fliegt Wolfgang mit dem erfahreneren Volker in die unberührte Natur Kanadas, um dort zu reiten und im Yukon-Territory Kanu zu fahren. Das Land ist ihm über mehr als zwanzig Jahre hinweg zu einer zweiten Heimat geworden. Nach den ersten Reisen mit Volker verfügt er bald über alle Fähigkeiten, um alleine zurechtzukommen, später nimmt er auch Mitreisende mit, die für diese Erfahrung bezahlen. Die Herausforderung liegt für die Reisenden nicht in der Ernährung, denn das Nötigste führen sie mit sich. Was einen zivilisierten Wildnis-Neuling in der Weite der kanadischen Wälder viel eher zu schaffen mache, erzählt Wolfgang, ist die Absenz jeder zeitlichen und räumlichen Struktur, die unser Verstand so sehr gewohnt ist. Und natürlich das Wissen um die Anwesenheit wilder Tiere.

Wolfgangs erste Begegnung mit India­nern findet ironischerweise im Schwarzwald statt, wo der Lakota Brave Buffalo in den frühen 80er Jahren ein Seminar gibt. Hier fällt Wolfgang auf, dass die indianische Sicht auf die Welt »total super« zu seinen eigenen Naturerfahrungen passt. Bald darauf fällt ihm das Buch »Der Fährtenleser« in die Hände, das erzählt, wie zwei weiße nordamerikanische Jungs neun Jahre lang von einem alten indianischen Scout unterwiesen werden. Als er sechs Jahre nach der Lektüre herausfindet, dass es sich nicht um einen fiktiven Roman, sondern um einen Bericht handelt, reist er sofort in die Wildnisschule des legendären Autors Tom Brown in New Jersey. Was er zu Hause in Deutschland von diesen Workshops erzählt, schlägt seine Freunde in den Bann. Einer von ihnen drängt Wolfgang, seine Erfahrungen an eine Gruppe weiterzugeben. Doch ihm ist der Gedanke, als Wildnis-Lehrer aufzutreten, völlig fremd. Er verweist dar­auf, dass New Jersey an der Ostküste liege und mithin gar nicht so weit weg sei. Heute ist er freilich dankbar dafür, dass niemand diese Ausrede durchgehen ließ.

Zum ersten Seminar kommen 1994 gleich zwanzig Neugierige. Im Abschlusskreis dürsten viele nach weiteren Unter-weisungen: Mit einem Mal ist die Wildnis­schule »Wildniswissen« geboren, ein ­irgendwie unerwartetes Kind. Um sich ihm besser widmen zu können, geht »Mama Wolfgang« in der Flugsicherheitsabteilung erst einmal in Teilzeit.

Ausstiegs-Katalysator
»Das Allertollste an der Natur«, findet Wolfgang, »ist, dass sie sich keiner ausgedacht hat. Sie ist kein Gedankenkonstrukt, schon gar nicht eines von irgendeinem Erleuchteten. Im Gegenteil: Wer in die Natur geht, kommt ziemlich bald an den Punkt, wo er an die Eckpfeiler seines eigenen Konstrukts gelangt und sich herausgefordert fühlt, dieses zu hinterfragen.« Ob Naturerfahrungen also als Katalysatoren für Aussteiger-Prozesse dienen können, möchte ich wissen. »Ja«, kommt die Antwort, dafür würde er sogar garantieren: »Jeder, der damit anfängt, erlebt irgendwann diese Phase. – Aber: Es ist nur eine Phase!« Schon unter den Eindrücken seiner ersten Kanada-Reisen hätte er jeweils eine Weile lang daran gedacht, seine Arbeit ganz aufzugeben, vielleicht sogar ein kanadischer Wald-Einsiedler zu werden. Doch erst 1999 verlässt er seine Firma, als man ihn dort drängt, wieder Vollzeit zu arbeiten. Zunächst plant er mit einigen Kollegen, sich mit dem Flugsicherheitstraining selbständig zu machen. Dazu kommt es aus verschiedenen Gründen jedoch nicht. Wolfgang muss einige Jahre auf Ersparnisse zurückgreifen, da die Wildnisschulen-Tätigkeit sich zu Beginn noch nicht trägt. »Anflüge von Angst hab ich schon erlebt: Wie wird das jetzt werden? Aber dann dachte ich mir: Peham, was bist du denn für ein Großmaul? Da quatscht du endlos deine Schüler voll, sie sollen versuchen, der Natur und dem Leben zu vertrauen – und dann fängst du selber an zu jammern.« Im Rückblick weiß er diesen Moment durchaus zu schätzen: »Die Lektion hätte ich nie gelernt, wenn ich ewig angestellt geblieben wäre.«

Dass er seiner alten Arbeit seitdem kein einziges Mal nachgeweint hat, mag zweierlei Gründe haben: Erstens hat er das damit verbundene Leben lange genug ausgekostet, zweitens geht er voll und ganz in seiner neuen Aufgabe auf. Im vergangenen Jahr besuchten mehr als 1200 Kinder die Programme für Schulklassen und rund 400 Erwachsene einen der Kurse zwischen Dänemark und Südtirol. Wolfgang und seine Mitarbeiter werden unter anderem von Alpenvereinen, Nationalparks und kommunalen Einrichtungen gebucht, damit deren Personal beim Anpirschen, Feuermachen (ohne Streichholz!) und Pflanzenstudium, bei Wahrnehmungsübungen oder beim Knüpfen von Brennnesselfaser-Seilen ganz neue Zugänge zur äußeren Natur erhält – und damit auch zum eigenen inneren Wesen. Im vor drei Jahren gegründeten ersten Waldkindergarten »Wildniswissen« erhalten Kinder die Möglichkeit, sich auf vielfältige Art und Weise mit der Natur zu verbinden und so ein Geborgensein und Sich-wohlfühlen in der Welt und mit sich selbst zu entwickeln.

Wolfgang Peham ist offenbar am richtigen Ort: »Seitdem ich die Schule mache, hab ich nichts anderes im Kopf. Ich bin zutiefst erstaunt, wo mich das überall hingebracht hat, mit welchen Leuten ich zusammengekommen bin. Es ist ein Geschenk – und ein Genuss!«