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Erdgeschichten

Die Kunst des Geschichtenerzählens und die mehr-als-menschliche Welt.

von David Abram , erschienen in 15/2012

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© Foto: www.wildethics.org

In unserer Begeisterung für das Internet sollten wir nicht vergessen, dass sich unser linguistisch und intellektuell staunenswert leistungsfähiges Gehirn nicht erst angesichts des Computers oder in der Wechselbeziehung zum geschriebenen Wort entwickelt hat. Das menschliche Gehirn entfaltete seine Fähigkeiten in einer Welt mündlich überlieferter Geschichten. Viele, viele Jahrtausende lang haben wir Menschen uns gegenseitig Geschichten erzählt, bevor Wörter niedergeschrieben wurden – sei es auf Papyri oder Bildschirmen. Erzählte Geschichten waren die lebendigen Enzyklopädien unserer Ahnen, dynamische und lyrische Kompendien praxisbezogenen Wissens. Mündliche Erzählungen, die man zu bestimmten Gelegenheiten wiedergab, vermittelten die Geheimnisse, wie man sich in seinem Kosmos orientieren konnte. In den magischen Abenteuern ihrer Helden bargen sie präzise Informationen darüber, welche Pflanzen essbar und welche giftig sind oder wie bestimmte Kräuter zubereitet werden müssen, um Krämpfe, Schlaflosigkeit oder Fieber zu heilen. Die Geschichten unterwiesen uns darin, wie man ein Obdach für den Winter baut, wie man eine Trockenperiode überlebt – schlichtweg: wie man in seinem Land gut leben kann, ohne dessen wilde Lebendigkeit zu zerstören.
Wieviel erdbezogene Weisheit bewahrten die alten Geschichten! Ohne literarisches Medium, ohne geschriebenen Text, in dem man sie aufzeichnen und bewahren konnte, fungierte die umgebende Landschaft selbst als primäre Gedächtnisstütze, als Erinnerung an die Erzählungen. Die heimischen Tiere waren wichtige Mitspieler – ob als Lehrer oder ­Trickster, als Clowns oder Weisheitshüter. Begegnete einem bei der täglichen Arbeit ein bestimmtes Tier, etwa ein Fuchs oder eine Elster, weckte es Erinnerungen an die eine oder andere Geschichte, in der dieses Tier eine wichtige Rolle spielte. Wichtige Szenen der Geschichten wurden mit Plätzen in der Umgebung assoziiert, an denen sich das Geschehen angeblich abgespielt hatte. Begegnete einem ein solcher Ort auf der Wanderung – dieser Feldstein oder jene scharfe Flussbiegung – erinnerte man sich an die »vergeschichteten« Ereignisse, die sich dort zugetragen hatten.

Geschichten, eingeschrieben in die Landschaft
Während das gesammelte Wissen unserer mündlich geprägten Vorfahren in Geschichten bewahrt wurde, waren die Geschichten selbst dem umgebenden Land eingeprägt. Ja, erst durch ihre Geschichten wurde die heimatliche Landschaft lebendig! Wer durch das Gelände streifte, dem sprangen aus jedem Eck und Fleck die Erzählungen und Lehren entgegen; sie lauerten unter den Felsen und warteten nur darauf, von den nahen Bäumen auf den Wanderer her­abzustürzen. Die Balken unserer Holzhütte grienten und greinten, wenn sich der Wind wieder mal besonders heftig dagegenstemmte, und von den windgezausten Wiesen wehten wispernde Wünsche an unser Ohr. Die Menschen mündlich tradierter Kulturen erfuhren alle Dinge als mit Sprache und Kraft begabt. Noch heute gibt es für die indigenen, nicht-schriftkundigen Völker der Welt nichts, was träge oder unbelebt wäre. Jedes Ding hat seinen eigenen Rhythmus, seinen inneren Lebensimpuls, sein eigenes Wesen. Flüsse fühlen die Gegenwart der Fische, die in ihnen schwimmen. Ein großer Felsblock, dessen Oberfläche mit krausen roten und grünen Flechten überzogen ist, beeinflusst das Geschehen um ihn herum, selbst das Denken der Menschen, die sich an ihm niederlassen – er verleiht ihren Gedanken eine gewisse Schwere und eine Art mineralischer Weisheit. Insbesondere Fische gelten als Träger von Weisheit, und wer sie fängt, den begaben sie mit ihren Einsichten. Alles ist voller Leben – sogar die Geschichten selbst sind belebte Wesen!
Die Cree-Indianer in Manitoba sagen etwa, die Geschichten, die gerade nicht erzählt werden, führen in entlegenen Dörfern ihr eigenes Leben. Hin und wieder verlässt eine das Dorf, um in einem Menschen Wohnung zu nehmen. Plötzlich wird dieser von der Geschichte besessen und kann nicht anders, als sie in die Welt hinaus zu erzählen, sie in den lebendigen Kreislauf zurückzusingen.

Die sinnliche Erfahrung der Welt
Diese von Geschichten geschwängerte Art der Rede – das Anerkennen der Welt als etwas Lebendiges, Waches und Bewusstes – bringt uns unseren Sinnen und der greifbaren, sinnlichen Welt, die uns als stoffliche Wirklichkeit umgibt, nahe. Unsere Menschentier-Sinne wissen nichts von der objektiven, mechanischen, quantifizierbaren Welt, um die sich die zivilisierte Debatte fast ausschließlich dreht. Als wilde, gesellige Organe erfahren unsere Sinne die Welt spontan – nicht als Ansammlung toter Objekte, sondern als dichtes Feld lebendiger Präsenzen, die aus sich heraus aktiv unsere Aufmerksamkeit erregen, unseren Fokus auf sich lenken oder unseren Blick in ihren Bann ziehen. Wann immer wir unter die Schicht der abstrakten Theorien der modernen Welt schlüpfen, finden wir uns in einem Netz von Beziehungen zu einer Vielzahl von Wesen wieder, die so geheimnisvoll und unergründlich sind wie wir selbst. Direkte, sinnliche Wahrnehmung ist ihrem Wesen nach zutiefst animistisch; sie enthüllt eine Welt, in der jedem Ding seine ureigene Wirkung und Kraft innewohnt.
Die Dinge um uns herum als quantifizierbare Objekte, als passive »natürliche Ressourcen« zu bezeichnen, steht in krassem Widerspruch zu unserer spontanen sinnlichen Erfahrung der Welt, und so verkümmern und verblassen unsere Sinne zunehmend. Wir leben nur noch in unseren Schädeln, treiben gefangen in einem Netz von Abstraktionen dahin und fühlen uns in einer verdinglichten Landschaft, die unseren eigenen Träumen und Gefühlen fremd geworden ist, nicht mehr heimisch. Fangen wir jedoch an, Geschichten zu erzählen, fließt unsere Fantasie aus unseren Augen und Ohren in die atmende Erde hinein, um sich erneut in ihr zu behausen. Plötzlich richten die Bäume am Straßenrand ihre Augen auf uns, und die Wolken kauern sich über den Dächern der Stadt zusammen, als heckten sie wundersame Pläne aus. Wir finden uns in derselben Welt wieder, die auch die Eichhörnchen und Spinnen bewohnen und das Reh, das in unserem Garten verstohlen das letzte Gemüse mampft, oder die Wildgänse, die über uns mit schrillem Ruf ihrem Winterquartier im Süden entgegenziehen. Die lineare Zeit löst sich auf, und wir sind plötzlich wieder aufgehoben in den unendlichen Zyklen des Kosmos – im Rundtanz der Jahreszeiten; in der Bahn der Sonne, die jeden Morgen aus der Erde hervorklettert, um abends wieder in sie hineinzuschlüpfen; im langsamen Lidschlag des Mondauges, dessen voller, strahlender Blick die Gezeitenwässer in und um uns zu sich heranzieht.
Denn diese lebendige Erde hat uns geboren, und unser empfindendes Fleisch ist Teil des träumenden Körpers der Welt. So sehr wir diese Ahnenschaft auch verdrängen mögen, so wenig können wir sie wegradieren, und die Überlebenskraft der alten Geschichten bewahrt eine Sprache, die das Empfindungsvermögen aller Dinge preist, die unser Denken wieder an den tiefen Quell einer Imagina­tion anbindet, die weit größer ist als unsere eigene. Wer in einer von Geschichten beseelten Welt lebt, weiß, dass Intelligenz keine rein menschliche Fähigkeit ist, die irgendwo unter unserer Schädeldecke residiert, sondern eine Kraft der lebendigen Erde selbst, an der wir Menschen gemeinsam mit den Habichten und den quakenden Fröschen teilhaben. Er weiß, dass jede Landschaft, jede Talaue und jede Gemeinschaft von Wildpflanzen, Tieren oder Böden ihre eigene Intelligenz besitzt, ihr eigenes Bewusstsein und ihre Art der Imagination, die sich im Spiel ihrer spezifischen Muster dort draußen zeigen, in den lebendigen Geschichten aus jenem Tal, die von den Menschen dort immer wieder aufs Neue erzählt werden. Jeder Naturraum besitzt seine eigene Psyche, und die Menschen, die ihn bewohnen, binden ihre Fantasie an die Psyche des Orts, indem sie das Land durch sie selbst seine Geschichten träumen lassen.

Sich wieder ans Erzählen wagen
Wie elementar und instinkthaft ist das schöpferische Handwerk des Geschichtenerzählens! Aber wie wenig üben wir uns in unserer modernen Zeit darin. Wir lesen zwar unseren Kindern eine Gute-Nacht-Geschichte vor, nehmen uns aber nicht die Zeit, eine Geschichte so zu verinnerlichen, dass wir sie selbst erzählen oder eine neue Version einer alten Geschichte für unsere Freunde improvisieren könnten. Für solche Frivolitäten haben wir keine Zeit: Eine Welt sachlicher Informationen erwartet uns, ein Universum aus Tabellenkalkulationen und Aktienkursen.
Ist uns nach Zerstreuung, reicht ein Mausklick, um uns in eines der wuchernden Videospiele einzuklinken oder an eine Synap­se der virtuellen Welt hinter dem strahlenden Bildschirm anzudocken. Dieses üppige, sich stetig wandelnde Reich elektronischen Vergnügens ist vielleicht die irrwitzigste Zauberei aller Zeiten. Doch allem Glanz und Funkeln zum Trotz werden die Erfindungen des Menschen nie an die Komplexität und Nuanciertheit der sinnlichen Erde heranreichen, an diesen atmenden Kosmos, den nicht wir geschaffen haben. Die vielstimmige Erde bleibt geheimer Ursprung und Inspirationsquell für all die fabrizierten Glitzerwelten, die uns heute vom Bildschirm entgegenleuchten. Nichts dagegen, dass wir diese Technologie feiern und unsere Kinder darin einführen – aber nicht, bevor wir sie mit den Gaben der lebendigen Erde vertrautgemacht haben! Nicht, bevor wir spät nachts mit ihnen nach draußen gegangen sind, um den Blick zu den funkelnden, wie zufällig ins Dunkel verstreuten Lichtern zu erheben und eine Geschichte darüber zu teilen, wie die Sterne an den Himmel gekommen sind. Nicht, bevor sie die Spur einer Ratte in der Matschpfütze hinter dem Supermarkt erspäht oder neben uns am Ufer des nahen Bächleins gesessen, mit einem Stöckchen Kringel ins Wasser geklatscht und einer alten Geschichte über den weisen Karpfen gelauscht haben. »Horch! – Ein Rabe krächzt! Da ist er – jetzt schwingt er sich auf diesen hohen Ast: Will er wieder die Sonne stehlen? He, du Unglücksvogel, schwarz wie die Nacht: Was willst du uns wieder einbrocken?!«
So viele Geschichten liegen in unserer Landschaft verborgen. Wenn wir über sie stolpern, sie mit stotternden Zungen wieder zum Klingen bringen, wecken sie uns auf und lassen uns in ein träumendes Universum eintauchen – in jene rätselhafte, alle Geschichten umfassende Geschichte, die sich so wunderbar überall um uns herum entfaltet. Die Geschichten verführen uns, von den Eiszapfen, die vom Dach hängen, zu kosten, uns dem aufgehenden Mond zuzuwenden und zu fragen: Wie geht es weiter? 

Erstmals in: Resurgence, Januar/Februar 2004.

Soeben ist David ­Abrams wegweisendes Buch »The Spell of the Sensuous« auf Deutsch
erschienen (»Im Bann der sinnlichen Natur«, thinkOya, ISBN 978-3-927369-45-0).

 

David Abram (55) wuchs auf Long Island im Bundesstaat New York auf. Er promovierte an der State University of New York in Philosophie und Anthropologie. Inspiriert durch die Philosophie des Phänomenologen Maurice Merleau-Ponty und langjährige Reisen als Taschentrickkünstler durch Südostasien, auf denen ihn intensive Naturerfahrungen und Begegnungen mit indigenen Schamanen prägten, entwirft er eine vollständig im Körper verankerte ökologische Philosophie. Der Körper ist für ihn keine mechanistisch-biologische Maschine, sondern das mit allen Sinnen wahrnehmende, lebendige Selbst, das aus seiner Bezogenheit auf die lebendig atmende Natur heraus lebt. Abrams poetische Sprache verlockt zur sinnlichen Erfahrung der sprechenden, fühlenden, beseelten und geheimnisvollen mehr-als-menschlichen Natur, in der wir leben. Diese ist für ihn keine romantische Pose, sondern die Quelle für ökologisches und politisches Engagement. Er publiziert in allen wichtigen Ökologie-Magazinen der USA. Der »Utne Reader« führt ihn als einen der hundert Visionäre, die die Welt verändern. Sein mehrfach ausgezeichnetes Buch »The Spell of the Sensuous« liegt in deutscher Übersetzung unter dem Titel »Im Bann der sinnlichen Natur« vor. Abram ist Gründer und Leiter der Alliance for Wild Ethics. Er lebt in New Mexiko.

www.wildethics.org

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