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Traum(h)aus?

Die Lebensbogen-Gemeinschaft zwischen
Traum, Verlust und Wiedergeburt.

von Judith von der Schirpkotterdellen , Martina C. Beaumont , erschienen in 15/2012

Gemeinschaftsgründungen sind nicht immer einfach.
Da gibt es oft Enttäuschungen, und unbekannte ­Herausforderungen wollen bewältigt werden. Die ­Autorinnen schildern, was ihre Gemeinschaftsinitiative trotz erheblicher Rückschläge zusammengehalten hat und ihr ­weiterhin Kraft gibt.

Bild

© Foto: www.lebensbogen.org

 

Was verändert sich nicht alles, wenn man erst einmal zuhört, nicht sofort reagiert, Kontakt zu sich selbst aufnimmt und deutlich hinspürt, was einen wirklich bewegt! Wenn man der Stille Raum gibt und sich nicht als getrennt begreift.
Mit dem Gedanken, dass alles miteinander verbunden ist, dass wir alle Teile des Ganzen sind und somit auch alle Verantwortung tragen, bekommen Auseinandersetzungen mit anderen Menschen ein neues Gesicht. Dann werden gefühlte Widerstände und Ablehnungen unsere Lehrmeister.
Das beschreibt die innere Haltung, die uns als Lebensbogen-­Gemeinschaft nun schon seit fünf Jahren trägt. Fünf Jahre, in denen wir buchstäblich durch dick und dünn gegangen sind.
Begonnen hatte alles mit der Information, dass das ehemalige Kartäuserkloster am Rand von Freiburg, die »Kartaus«, irgendwann zu haben sei. Fünf Menschen, die sich aus einer anderen Gemeinschaftsinitiative gut kannten, trafen sich daraufhin ein Jahr lang regelmäßig.

Wer gehört zu uns?
Schnell war klar: Wir wollen neue Wege gehen, uns nicht hauptsächlich über ein Regelwerk definieren, sondern die eigene innere Haltung in den Vordergrund stellen.
Um dieser gemeinsamen inneren Haltung Ausdruck zu verleihen, Ziele zu formulieren und mögliche Wege dahin aufzuzeigen, entwickelten wir gemeinsam ein »Wertehaus«. Es bildet all jene Werte ab, mit denen wir im Einklang leben möchten: Gleichberechtigung, Wertschätzung, Achtsamkeit, Verbindlichkeit und ­Einschließlichkeit.
Vor allem die »Einschließlichkeit« brachte viele Ängste und Fragen bei uns zum Vorschein. Dass wir keinen Konformismus in unserer Gruppe wollten, niemanden ausschließen mochten, darüber waren wir uns einig. Aber was bedeutet es tatsächlich, jeden Menschen in unsere Gruppe zu integrieren, also einzuschließen? Dürfen dann auch homophobe Menschen zu uns kommen? Oder Strenggläubige jedweder Konfession und Glaubensrichtung? Wie gehen wir mit Menschen um, die psychisch krank sind? Was ist, wenn Interessierte zu uns kommen, die unsere Werte doch nicht teilen? Wie können wir, derart verschieden, gemeinschaftlich zusammenleben?
Die Diskussion um diese Fragen ist bis heute nicht beendet. Und das ist gut so. Denn entscheidend ist für uns letztlich eine Verbindlichkeit, bezogen auf das »Zusammenleben-Wollen«. Es gilt also auch, es aushalten zu können, wenn es unbehaglich wird; es gilt, Unterschiede anzuerkennen und zu schätzen.
Da unser Verhältnis vor allem von Vertrauen geprägt war, machten wir dieses zunächst zu einem Hauptkriterium für das Gruppenwachstum. Neue Interessierte kamen nur auf persönliche Einladung unserer Mitglieder. Das hatte den Vorteil, dass nur potenziell Gleichgesinnte zu uns stießen, die bereits das Vertrauen von mindestens einer Person aus der Gruppe genossen. In der sensiblen Phase der Gründung sorgte dies für ein gutes Maß an Stabilität. So wuchsen wir zu einer Gruppe von 15 Personen eng zusammen, die sich zunächst mit unterschiedlichen Methoden für Gruppen- und Diskussionsprozesse beschäftigte: Forum, Moderation, WorldCafé, Gewaltfreie Kommunikation (GFK), Community Building etc. Schließlich konzentrierten wir uns auf GFK sowie die Kommunikationsempfehlungen von Scott Peck. Seinen Ansatz des Community Building, kurz CB, praktizieren wir auch heute regelmäßig, er gibt uns inneren (Zusammen-)Halt und verhilft uns zu Klarheit.

Aus der Traum?
Die Wünsche und Sehnsüchte aller Gemeinschaftsmitglieder flossen nach und nach in ein umfangreiches Nutzungskonzept für die »Kartaus«. Hier wollten wir gemeinsam wirken, andere daran teilhaben lassen und uns aktiv nach außen vernetzen. Unsere Ideen waren breit aufgestellt: soziales Engagement, kulturelle Veranstaltungen, Bildungsarbeit und die Bereitstellung von Räumen, in denen Menschen sich begegnen, sich aber auch zurückziehen können. Allem zugrunde liegt jedoch die Entwicklung eines neuen, kollektiven Bewusstseins, das weltweit bereits immer größere Kreise zieht.
Mehrere konstruktive Gespräche mit der Stiftungsverwaltung Freiburg, Eigentümerin der »Kartaus«, ließen uns hoffen, unseren Gemeinschaftstraum leben zu können. Umso größer war die Enttäuschung, als die Robert Bosch Stiftung mit ihren Plänen zur Errichtung eines »United World College« den Zuschlag bekam!
Mehrmals atmeten wir tief durch, hatten wir doch auch schon so viel geschafft. An Aufgeben wollten wir nicht denken. So hielten wir Augen und Ohren offen, suchten nach ähnlich großen Objekten im Freiburger Raum und fanden den Carlsbau, auch bekannt als »Schwarzwaldklinik«. Um dort einigen Fristen gerecht werden zu können, mussten wir sehr schnell sehr viel Arbeit bewältigen. Das überforderte einige; andere wiederum waren mit ihren Visionen zu stark an die »Kartaus« gebunden. So begann unsere Gemeinschaft zu schrumpfen.
Eine Kerngruppe jedoch blieb und machte sich einen ganzen Winter über an die Arbeit: Rechtsformen wurden gegründet, Geschäftspläne geschrieben, Nutzungspläne ausgearbeitet, Fundraising-Strategien entwickelt und Kooperationen gesucht (so konnten wir die Stiftung Trias für uns gewinnen). Es wurden Konzepte, Flyer und eine Website erstellt, Architekten, Statiker und Elektroingenieure beauftragt, nächtelang wurde gerechnet und kalkuliert.
Anfang März war die Finanzierung gesichert. Wir hatten alles erreicht, was wir brauchten – um dann erneut von einem Mitbewerber finanziell um mehr als das Doppelte überboten zu werden.
Danach sind wir alle durch die unterschiedlichsten Emotionen gegangen: Wut und Enttäuschung darüber, dass wir so viel gute Arbeit geleistet hatten, ohne ans ersehnte Ziel zu gelangen, Frustration darüber, dass wieder einmal alles vom schnöden Geld und nicht von innovativen Zukunftsvisionen abhing, bis hin zu durchaus auch einer Erleichterung, dass diese heftige Arbeitsphase nun erst einmal beendet war.

Was uns weiter trägt
Getragen aber hat uns damals wie heute der Umstand, dass wir in der Zeit höchsten Drucks und intensivster Arbeit einen so guten Umgang miteinander entwickelt hatten. Da durfte alles sein, und es wurde aufgefangen. Überdeutlich wurde klar, dass unser Gruppengeist ein stabiles Fundament besitzt, dass Vertrauen, Wertschätzung und Achtsamkeit nicht nur in der Theorie vorhanden sind. Auf diese Erfahrungen bauen wir, und durch unser Bemühen, die Kommunikationsempfehlungen aus GFK und CB als Gruppenhaltung zu etablieren, entwickeln wir uns ständig weiter.
Das alles bestärkt den Wunsch, zusammen Gemeinschaft wirklich zu leben. Wir sind ein munteres, lebendiges Grüppchen, das gerne lacht, nicht alles so ernstnimmt, gerne spielt, tanzt und feiert. Wir freuen uns ganz besonders auf neue Mitstreiterinnen und -streiter, Ideen und Plätze im Freiburger Raum! 
 

Judith von der Schirpkotterdellen (46) ist Heilpraktikerin mit Schwerpunkt für Chinesische Medizin; sie lebt und arbeitet (noch) in Karlsruhe.

Martina C. Beaumont (45) ist Ethnologin und Journalistin; sie lebt und arbeitet (noch) in Oldenburg.


Lebensbögen gemeinsam gestalten:
www. lebensbogen.org
Literatur
M. Scott Peck: Gemeinschaftsbildung. Der Weg zu authentischer Gemeinschaft. eurotopia-Verlag, 2007 • Petra Mecklenburg (Hrsg.): Coming Together. Ein neues Wir und Gemeinschafts­bildung nach den Kommunikationsempfehlungen nach Scott Peck. Wolkentor-Verlag, 2009

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