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»Eigentlich wollten wir nur ankommen«

von Wolfram Nolte , erschienen in 02/2010

Ein junges Paar zieht anderthalb Jahre lang mit Pferdekutsche und Hund durch halb Europa. Sie wollen für eine gentechnikfreie Landwirtschaft aktiv werden. ­Naive private Träumerei? Oder gesellschaftlich wirksames Abenteuer?

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Zuerst las ich in der Zeitung von den beiden. Ende letzten Jahres wurde im Südkurier ihre Rückkehr nach Überlingen angekündigt, und wie der Abschied, sollte auch der Empfang ein Fest werden. Was für ein Paar war das, das so lange Zeit mit Pferdekutsche und Hund durch halb Europa gezogen war und sich für eine gentechnikfreie Landwirtschaft einsetzte? Romantische Träumer oder »ernsthaft« politisch Engagierte? Es gab Stimmen, die redeten von Aussteigern und Exoten, die sich interessant machen wollten. Andere bewunderten sie für den Einsatz für ihre Sache.

Im Januar mache ich mich auf nach Heiligenberg, wo die Heimkehrer Markus und Maria Schlegel zunächst bei Marias Eltern untergekommen sind. Frischer Schnee liegt über dem Berg hoch über dem Bodensee wie ein heiliger Zauber. In einem warmen Wohnzimmer werde ich freundlich empfangen. Ein großzügiger Raum, mit gediegenen Möbeln geschmackvoll eingerichtet, mit Blick auf den verschneiten Garten. Für mein Empfinden recht bürgerlich – aber doch voller Leben und vielerlei bunten Ablenkungen wie einem pfeifenden Papagei. Hier ist Maria aufgewachsen.

Als Aussteiger würden sie sich nicht sehen, meinen Maria und Markus. Aber vielleicht seien sie geborene Aussteiger, die immer tiefer einstiegen.

Das möchte ich doch gerne erklärt haben. Maria versucht es: »Wir sind als Waldorfschüler aufgewachsen, hatten immer schon ein sehr enges Verhältnis zur Natur, zur biologischen Landwirtschaft und zu Pferden. Gereist sind wir auch immer gerne. Mit dieser Kutschfahrt hat sich unser Leben nicht so sehr verändert, es ist nur bewusster geworden.«

Vor der Kutschfahrt waren sie fünf Jahre mit dem Segelboot unterwegs. Wie kam es dazu?

Aufbruch ins Abenteuer
Markus und Maria kennen sich seit ihrem fünften Lebensjahr. Ihre Familien waren befreundet. Als Markus zwölf Jahre alt war, wanderte seine Familie nach Kanada aus, aber Maria kam ihn fast jedes Jahr in Kanada besuchen. In dieser Zeit wuchs die Bindung zwischen den beiden. Später zog Markus zu Maria nach Deutschland, dort lernte er Bootsbau in Wilhelmshaven. Maria absolvierte während dieser Zeit Praktika auf nahegelegenen Biohöfen. Segeln war Markus’ Leidenschaft. »Auf einer gemeinsamen Segelreise vor den Küsten Kanadas fragte ich ihn, ob er sich vorstellen könne, eines Tages zu heiraten«, erzählt Maria. »Markus meinte: ›Niemals, ich will nicht in dem Hamsterrad von Haus, Kindern und Arbeit enden!‹ Ich daraufhin: ›Das liegt doch an uns, was wir daraus machen. Wir können auch auf ein Boot ziehen und sehen, was das Leben uns bringt.‹ Wenig später heirateten wir und stachen mit der neun Meter langen ›Skorpion‹ in See. Für Markus war das naheliegend, aber ich bin Masseurin und absolut kein Wassermensch, doch ich wollte originell leben. Uns bewegte die Frage: Wo wollen wir leben – in Kanada, am Bodensee, in Neuseeland, am Mittelmeer? Was wollen wir überhaupt vom Leben?« Was als unbeschwerte Abenteuerreise begann, forderte die beiden zunehmend heraus. Sie sahen das Elend in Afrika. In Spanien prägte sich ihnen das Bild der riesigen Gewächshausplantagen, die das ganze Land mit Massen von Kunstdünger, Herbiziden und Pestiziden ersticken, unauslöschlich ein. »Das machte uns nachdenklich. Der Wille, etwas zu tun, wurde immer stärker. Aber zunächst waren wir wie gelähmt.«

Irgendwann erreichte sie auf offener See vor Sizilien ein Funkspruch. Ein Boot mit achtzig Flüchtlingen an Bord sei gekentert. Jeden Moment konnten sie auf ertrinkende Flüchtlinge stoßen. Alle aufzunehmen, wäre unmöglich gewesen, aber hätten sie jemanden zurückgewiesen und ertrinken lassen? Jetzt noch bricht Marias Stimme, wenn sie an jene Situation zurückdenkt. Auch wenn die gefürchtete Konfrontation ausblieb, so blieb doch die beunruhigende Frage: Was treibt diese Menschen zu solchen riskanten Überfahrten? Die Frage verlangte nach Verstehen, nach Intervention.

Desillusionierend waren in dieser Zeit Begegnungen mit »Profi-Aussteigern«, die auf ihren Schiffen lebten. »Sie wirkten auf uns oberflächlich, leer und ziellos. In Gesprächen wollten sie nicht tiefer nachdenken und flüchteten schnell in ihr privates Paradies.«

Oft hatten Maria und Markus ihren Segeltörn unterbrochen, um am Bodensee Geld zu verdienen. Dann hielten sie Vorträge über ihre Erlebnisse, sammelten Geld für Kinderprojekte. Und mit einem Mal, mitten auf dem Atlantik, kam ihnen der Gedanke: »»Wir müssen mehr tun! Wir müssen Nägel mit Köpfen machen, müssen die Menschen aufklären, wie sie selbst tätig werden können, besonders bei der Erzeugung ihrer eigenen Lebensmittel, so dass sie in ihrem Land bleiben können.« Bei diesem Entschluss wirkten wohl auch Erlebnisse in Afrika nach, wo sie sahen, wie die großen Agrarkonzerne versuchten die Bauern mit gentechnisch verändertem Saatgut und Kunstdünger abhängig zu machen.

Vertrauen lernen
Wie ich die beiden im Gespräch erlebe, so stark aus einer inneren Überzeugung engagiert, wundert es mich nicht, dass sie ihren Entschluss umgehend in die Tat umsetzten. Sie ließen das Boot in ­Venezuela, buchten zwei Flüge nach Hause. Im nächsten Jahr schon, 2008, wollten sie ihre Kutschfahrt beginnen. Aber sie hatten kaum Geld, weder Pferde noch Kutsche. Immer tiefer stiegen die beiden in ein Leben aus dem Vertrauen ein.

»Wir hatten ausgerechnet, dass wir etwa 65 000 Euro brauchen würden. Das war sehr viel für uns. Wir hatten jedoch Vertrauen, dass eine gute Idee auch gelingen würde. Als wir die Kutsche in Auftrag gaben, wussten wir noch nicht, woher das Geld kommen sollte. Aber es kam. Wir fanden Sponsoren in unserem Freundes- und Bekanntenkreis, auch auf einer Bio-Fachmesse, wo wir unser Vorhaben vorstellten. Vertrauen war überhaupt der rote Faden unserer Reise. Wir sprachen kaum die Sprache der Länder, durch die wir fuhren. Wir reisten im Tempo der Pferde und konnten nie genau planen, wann wir wo ankommen würden.«

Einmal, in Südspanien, bekamen sie nach einer anstrengenden Tagestour nirgends mehr Futter für die Pferde. In der Senke einer Straße hatten sie keine Kraft mehr, vor oder zurück zu gehen, sie blieben einfach stehen und warteten. Es würde schon Hilfe kommen. Nach einer halben Stunde kam sie auch in Gestalt eines Zigeuners, der ihnen mit dem Lastwagen Heu aus seinem Stall holte. Solche Geschichten haben die beiden einige auf Lager; sie erzählen sie so, als sei es ganz selbstverständlich, dass Derartiges geschieht. Und wahrscheinlich ist es das wohl auch – in einer Welt, in der man sich miteinander verbunden fühlt.

Die Kutsche war ein voller Erfolg, sie half den beiden, Aufmerksamkeit für sich und ihre Botschaft zu gewinnen. Besonders im pferdefreundlichen Spanien gab es immer wieder Aufläufe, wenn sie auftauchten, sei es in Einkaufspassagen oder auf Märkten, wo Maria und Markus Flyer verteilten, informierten und Fragen beantworteten, oft mit Hilfe eines Dolmetschers von einer lokalen Organisation.

Go with the flow
»Dem Fluss folgen«, das war ihr Motto. Es half ihnen, das Mög-
liche zu tun und das Unmögliche zu lassen. Ursprünglich hatten sie daran gedacht, große öffentliche Veranstaltungen mit Hilfe globalisierungskritischer Organisationen vor Ort abzuhalten. Alternative Nobelpreisträger sollten als Referenten auftreten, und drei hatten auch bereits zugesagt, Manfred Max Neef, Nicolas Perlas und Ibrahim Abouleish, aber dieser Plan scheiterte an den Finanzen und an der nicht planbaren Geschwindigkeit der Kutsche. Stattdessen hielten Markus und Maria gut fünfzig Vorträge an Schulen, einige auch an Universitäten und Agrarhochschulen.

»Die Kontakte sind häufig spontan vor Ort entstanden. Die Englisch-Lehrer haben ins Spanische übersetzt. Obwohl die spanischen Schulen oft hinter hohen Mauern und Stacheldraht liegen, entstanden die Kontakte zu ihnen ganz einfach«, erzählt Maria. »Ganz anders in Frankreich, wo wir – bis auf ganz wenige Ausnahmen – keinen Zutritt bekommen haben. Die bürokratischen Barrieren der Schulen waren wirksamer als Mauern. Die beste Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Organisationen haben wir in Portugal gemacht. Nirgendwo anders gab es so wenig Konkurrenz der Organisationen untereinander – das hat uns besonders beeindruckt.«

Immer wieder suchten die Kutschfahrer auch den direkten Kontakt mit den Bauern, um mit ihnen über ökologische Landwirtschaft und die Gefahren der Gentechnik zu sprechen. Nicht selten reagierten die Bauern eingeschüchtert und misstrauisch. Ein Beispiel ist Maria besonders im Gedächtnis geblieben:

»In Portugal, auf dem Weg zu einer Agrarhochschule, wo wir einen Vortrag über Gentechnik halten sollten, trafen wir auf eine Landwirtin. Sie erzählte uns ganz stolz, dass sie Gen-Mais anbaue. Als ich ihr erklärte, dass wir eine Dokumentation darüber erstellen wollten, beschwerte sie sich, dass sich bereits nach zwei Jahren der Anbau von ›Mon-810‹-Gen-Mais nicht mehr rentierte. Als sie aber merkte, dass wir gegenüber der Gentechnik kritisch eingestellt waren, bekam Sie regelrecht Panik und meinte: ›Sie sagen aber nichts gegen Monsanto!‹ Wieso hatte sie solch eine Angst? In Frankreich hatten wir erlebt, dass ein Bauer sich weigerte, mit uns nur ein Wort über Gen-Mais oder Monsanto zu wechseln.«

Empört ist Maria auch über die Reaktion der Medien, besonders in Deutschland, wo lieber über die Reise als über die Kritik an der Gentechnik berichtet wurde. Ganz anders war es in Spanien, wo offenbar ein großes Informationsdefizit zum Thema Gentechnik besteht.

»Das Nationalfernsehen brachte einen langen Interview-Beitrag, und die Passagen, in denen ich nur schlecht Spanisch sprach, wurden von der Reporterin nachträglich übersprochen, verständliche Abschnitte wurden im Original gesendet. So entstand der Eindruck, dass ich perfekt Spanisch sprechen kann«, freut sich Maria über das journalistische Engagement.

Ob sie auch Kontakt zu Politikern gehabt hätten? Weniger zu den in den Medien bekannten, hauptsächlich zu den Aktivisten vor Ort, erfahre ich. Aber die Kutsche habe schon sehr prominente Fahrgäste gehabt. Ganz zu Beginn ihrer Reise, es war ihre Jungfernfahrt am 12. Mai 2008, sei sie in Bonn an der Spitze der »Planet-Diversity«-Demonstration gefahren. Die Ehrengäste in der Kutsche waren die Umweltaktivistin Vandana Shiva aus Indien sowie der kanadische Farmer Percy Schmeiser, beide Träger des alternativen Nobelpreises. Vandana Shiva setzt sich seit langem vehement für die Rechte der Landwirte sowie für den Erhalt traditionellen Saatguts in ihrem Land ein. Percy Schmeiser wurde durch den Angriff von Monsanto und den darauffolgenden langjährigen Rechtsstreit weltbekannt. Bei ihrer Rückkehr begegneten sie Vandana Shiva im November 2009 in Ulm, wo sie ganz erstaunt fragte: »Seid ihr immer noch unterwegs?«

Ankommen
Jetzt sind die beiden gerade mal ein paar Wochen wieder hier. Ich will natürlich wissen, ob sie schon Pläne haben, wie es weitergehen soll. »Wichtig ist uns, die Kontakte, die wir in den verschiedenen Ländern geknüpft haben, zu pflegen und Unterstützung zu geben. Wir können mithelfen, in Spanien Verbindung von Bio-Bauern und Bio-Konsumenten herzustellen. Jetzt ist es ja so, dass fast alle spanischen Bio-Produkte ins Ausland gehen und dortige Konsumenten in den spanischen Bioläden überwiegend Produkte aus Deutschland und anderen nordeuropäischen Ländern finden. Wir haben schon mehrere Einladungen, um über unsere Reise auf vielfältige Weise zu berichten. Mit unserer Kutsche sind wir auf einem Kongress mit den Grünen in Friedrichshafen am 12. Juni präsent, häufig geben wir auch Diavorträge und gehen an Schulen. Wir verbinden das Abenteuer­liche und das Politische der Reise miteinander, um unterhaltsam aufzuklären. Mehrfach ist uns schon angeboten worden, ein Buch über uns und unsere Reisen zu schreiben. Das wollen wir jetzt in die Tat umsetzen.«

Und dann erfahre ich etwas Überraschendes. Eine weitere Reise sei nicht geplant, jetzt gehe es um das Ankommen. Nach ihrer langen Reise mit der Hochzeitskutsche, wo sie von morgens bis abends mit vielen Menschen zusammen waren, sei ihr Bedürfnis nach einem familiären Zuhause riesengroß. Und wie nebenbei lässt Maria die Bemerkung fallen, dass sie einem freudigen Ereignis entgegenschauen. Sie suchen jetzt nach einem kleinen Hof mit Garten und Pferden am Bodensee, wo sie als junge Familie mit Kind nach ihren Vorstellungen leben können. Werden so aus den »geborenen Aussteigern« doch noch brave Bürger?

»So würde ich das nicht sehen«, klärt Markus mich auf. »Wir wollten ja eigentlich gar nicht reisen, wir wollten nur ankommen. Unser Reisen aber hat uns viele Erfahrungen machen lassen. Es hat unseren ursprünglichen Blick auf die Welt vertieft und uns auch ihre Schattenseiten gezeigt. Wir nehmen diese Erkenntnisse natürlich mit in unser neues, ›normales‹ Leben. Wenn wir heute unseren Traum von einer Hobby-Farm verwirklichen, dann ist dieser jetzt eingebettet in ein großes Netz von Freunden überall auf der Welt, auch hier am Bodensee, und in eine größere Aufgabe, die ­weiterhin für uns wichtig bleibt.«

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