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Raum für eigene Ideen

Warum sich mit weniger Dingen oft viel besser spielen lässt.

von Lea Gathen , erschienen in 15/2012

Spielsachen gehören zum Alltag jeder Kindertagesstätte. Doch bei den »Strolchen« in Lüneburg werden einmal im Jahr Murmeln, Puppen und Legosteine in Kisten gepackt.

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© Foto: Kita "Die Strolche", Lüneburg

An manchen Tagen ist Josefine Grimm immer noch irritiert, wenn sie über die Türschwelle tritt und auf den kahlen Boden schaut. Durch die Fenster des alten Backsteingebäudes fällt das erste Morgenlicht und trifft auf nichts als ein paar Stühle und Tische. »Hier wäre jetzt das Atelier mit den Malsachen«, zeigt sie und dreht sich her­um: »Dort wäre die Leseecke.« Nur ein paar Matten und halb zerrissene Pappkartons liegen vor den roten Ziegelsteinwänden. Josefine Grimm leitet die Lüneburger Kindertages­stätte »Die Strolche« seit fast zwanzig Jahren, und eigentlich kennt sie den Ausnahmezustand. Bereits zum achten Mal wird das Projekt »Bewegungskindergarten« durchgeführt. Bilderbücher und Brettspiele, Murmel- und Eisenbahnen, Legosteine und Bauklötze – alle ruhen sie in Kisten verstaut im Fahrradschuppen und auf dem Dachboden des angegliederten Studentenwohnheims. Was bleibt, ist viel Platz, der vorher nicht da war.


Fantasie als Gegenstück zu Langeweile
Viertel vor neun: Im Flur schälen sich die Kinder aus Kleiderschichten, bevor sie durch die Tür zum Gruppenraum schlüpfen. Josefine, in Cordhose und Strickjacke, rollt auf einem Hocker zwischen den eintrudelnden Kindern umher. Draußen weht Winterwind. Drinnen zwischen den Ziegelwänden ist es warm. Finn, Kolja, Jasper und Per stürmen stoffumweht durch den Raum. Mit alten Halstüchern als Mänteln und geballten Kinderfäusten tönen sie durcheinander: »Wir sind die vier ›Muskel-Tiere‹!« Thea dagegen berichtet ganz vertieft davon, wie sie gestern »Höhlenleben« gespielt hat. Mit dem ausgestreckten Arm zeigt sie hin und her zwischen den Tischen auf der anderen Seite des Raums. »Da war der Dachboden, dort das Esszimmer, daneben die Küche und da unser Pipi-Ort …«, beginnt ihre detailreiche Schilderung. Ihr Zuhörer, Zivildienstleistender Jonas, blickt auf die vier schnörkellosen Holztische und versucht, in Theas Abenteuerhöhlenwelt einzutauchen.
Im Jahr 2002 entschloss sich das Team erstmals dazu, das Projekt durchzuführen. Im Rahmen der Uni setzte sich damals eine Mutter mit dem Konzept »spielzeugfreier Kindergarten« als Kontrast zum Überangebot an Konsummaterialien auseinander. Die Idee passte zur Kindertagesstätte des Studentenwerks, passte zu Josefine Grimm, die Strümpfe wie Pippi Langstrumpf trägt und beinahe so unbeschwert lachen kann wie die Kinder.

Konferenz der Kinder
»Morgenkreis«, tönt es tief irgendwo zwischen dem Stimmengewirr. Matten werden zusammengeschoben, und schließlich sitzen sie alle achtzehn im Kreis. Wie jeden Morgen werden Lieder gesungen und Spiele gespielt. Heute aber steht ein besonderes Ereignis an: die Kinderkonferenz. Josefine legt ein Stück zottigen Stoff in die Mitte, der mit bunten Bändern um einen Ast gewickelt ist: der Redestab. Jetzt haben die Kinder das Wort: Soll der Bewegungskindergarten weitergehen? Thea greift als erste nach dem Stab. Mit ihren sechs Jahren ist sie die Älteste in der altersgemischten Gruppe. Sie will nicht, dass es ohne Spielsachen und Materialien weitergeht: »Ich wollte mal lieber was basteln. Karten für meine Mama und meinen Papa, weil die jetzt Hochzeitstag haben.« Siebzehn Kinder sind still, lauschen. Fiona mit den geflochtenen Zöpfen sagt: »Die Duplos sollen wieder da sein.« Als Janne den Stab nimmt, bohrt sie ihn vor Aufregung in die gepunktete Leggins. »Ich find’ den Bewegungskindergarten schön.« »Warum denn?«, fragt Josefine sanft. Keine Antwort. »Was hat dir gut gefallen?« Ein unsicheres Lächeln. »Einfach schön?«, Janne nickt. Der Grat zwischen Suggestion und Unterstützung, zur eigenen Meinung zu stehen, sei manchmal schmal, erzählt Josefine später. Es sei nicht immer leicht, zwischen spontanen Einwänden und länger währenden Befindlichkeiten zu trennen.
Zeit zur Abstimmung: Achtzehn Augenpaare beobachten, wie eine rote Tupperdose geöffnet wird. Innen schimmert das bläuliche Glas der Entscheidungssteine. Josefine breitet nun Fotos aus. Sie stehen für den Bewegungskindergarten oder fürs Beenden des Experiments. Ein Moment Stille zum Überlegen, dann beginnt das große Krabbeln. Selbst der einjährige Leo zögert nicht, seinen Stein zielstrebig zu platzieren. Nach anderthalb Minuten ist das Ergebnis klar: Acht Steine liegen auf dem Bild mit den Rollbrettern. Nur zwei stimmen für das Beenden der Bewegungszeit. Bis zum Ende des Projekts durch eine Mehrheitsentscheidung der Kinder dauert es in der Regel sechs bis acht Wochen. In einem Jahr stimmten sie so lange für eine Fortführung, bis die Erzieher selbst nach zehn Wochen abbrachen. »Es wurde einfach zu anstrengend«, erzählt Josefine. Elemente wie die Kinderkonferenz, in der gemeinsame Beschlüsse von Kleinen und Großen gefunden werden, bestärken die Kinder darin, selbstbestimmt Entscheidungen zu treffen.

Die Kinder agieren lassen
Nach dem gemeinsamen Frühstück wird Platz geschaffen. Tische knarzen, und Stühle ruckeln, bis alles am Rand verstaut ist. Jetzt holen die Erwachsenen Holzgeräte. Sprossentreppen, Leitern, Turnkästen, Bänke und Balancierstangen werden miteinander verbunden. Die Erwachsenen knoten und zurren, bis der Parcours sicher steht. Dabei bringen auch die Kinder Ideen ein. Das Spiel »Nicht den Boden berühren« kennen viele aus den Pippi-Langstrumpf-Geschichten. Teil des Parcours ist eine Alu-Leiter. Oben angekommen, trennen achtzig Zentimeter von einer tiefer eingehängten Bank, auf der es sich hinabrutschen lässt. Rückwärts schiebt sich Kolja über den Rand, senkt sich hochkonzentriert Zentimeter für Zentimeter hinab. Die Bauchmuskeln unter seinem T-Shirt flattern leicht. Geschafft! Strahlend rutscht er hinab. Freund Per dagegen umklammert die Enden der Leiter. Seine Wangen sind gerötet, die Bewegungen hektisch. »Erstmal die Beine«, versucht Josefine ihn zu unterstützen, ohne Hände, dafür mit Worten. Während des Bewegungskindergartens wollen die Erzieherinnen keine direkten Anweisungen geben und möglichst wenig Vorgaben machen: nicht-direktives Handeln, wie Josefine das nennt. Am Anfang hätten sie sich ganz bewusst verkniffen, Prozesse zu steuern, hätten sich als Erzieherinnen stumm an den Rand gesetzt und beobachtet. »Das war zu krass, die Kinder haben sich alleingelassen gefühlt«, bewertet sie rückblickend. Heute nimmt sie sich zurück, wann immer es passend erscheint. Zur Mittagszeit schaut sie bewusst vom Rand aus zu, wie die Kinder – nach aller Bewegung noch immer energiegeladen – den Raum vorbereiten. Vor ihren Augen werden Tische herumgezogen, bis die tonangebenden Kinder mit der Anordnung zufrieden sind. »Ein Delfin«, erklärt Frieda die heutige Formation.
Morgen wird es im Gruppenraum kein Frühstück und keinen Kinderlärm geben, denn freitags ist Waldtag – bei Wind und Wetter. Und dort braucht man gar keine Materialien: Ein Wald ist noch immer der beste Spielplatz. Wenn das Wetter rauh ist, genießen die Kinder nach so einem Ausflug wieder ihre Räume. So steigt auch die Wertschätzung der Spielsachen nach der Zeit des Bewegungskindergartens. Dann gibt es wieder Duplos für Janne und Bastelsachen für Thea. »Am Anfang reichen dann schon ein paar Buntstifte für stundenlanges, vertieftes Spielen«, schmunzelt Josefine. 
 

Lea Gathen (21) machte ein Jahr Freiwilligendienst in der internationalen Gemeinschaft Auroville in Indien und studiert heute Umweltwissenschaften in Lüneburg.

Von den »Strolchen« abgucken:
www.stw-on.de/lueneburg/kinder/kita-die-strolche
kita-strolche@stw-on.de

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