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Karotten für Klamotten

Wie sich ein Carrotmob kreativ gestalten lässt.

von Lara Mallien , erschienen in 15/2012

In den fünf Städten Freiburg, München, Frankfurt, Köln, Hamburg und Berlin fand Anfang Juni ein Klimaschutz-Aktionstag der besonderen Art statt: der Bundesmob.

Bild

© Foto: www.espen-eichhoefer.de

 

Dieses Spiel fand ich schon immer ein bisschen sonderbar: Wenn schon ein politisch-ökologisch motivierter Mob, dann doch etwas Fantasievolleres als bloß ein kollektiver Einkaufsrausch! Die Grundidee des Carrotmobs ist die Umkehrung des Kon­sumboykotts. Um einen Laden bei der Investition in Öko-Maßnahmen zu unterstützen, wird er einen Tag lang von Carrot-Mobbern gestürmt, die in Massen dort einkaufen. Ein Teil der Einnahmen geht in den Klimaschutz, zum Beispiel in den Bau einer Solaranlage auf dem Dach. Vor dem Carrotmob wird für Läden einer bestimmten Branche in der Stadt ein Wettbewerb ausgeschrieben. Wer den höchsten Umsatzanteil bietet, bekommt den Zuschlag als »Opfer« des Mobbber, die über Internet, Twitter, Plakate und Mund-zu-Mund-Werbung möglichst viele Kaufwillige aktivieren und am Tag des Mobs in Karotten-Kostümen noch das Laufpublikum ins Geschäft lotsen. Nette Aktion, würde da nicht die trügerische Botschaft mitschwingen, dass sich durch grünen Konsum die Welt retten ließe, als hätte »der Konsument« doch alle Macht der Welt. Hat er bekanntlich nicht. Der Konsum an sich ist das Problem.
Genau aus diesem Grund hatte auch Vanessa Kieschke ein zweischneidiges Gefühl, als sie von der Idee eines »Bundesmobs« hörte. Der 2. Juni 2012 sollte der erste deutschlandweite Carrotmob-Tag sein. Vanessa, die bei der BUND-Jugend Berlin ein frewilliges ökologisches Jahr absolviert, juckt es in den Fingern, mitzumachen. Was sie aber nicht will, ist »die Konsumkultur pushen«. Die Aktionsform wird in ihrer Gruppe kritisch diskutiert. »Am Anfang hatten wir die Idee, den Carrotmob für einen Lebensmittel-Laden auszuschreiben, denn Lebensmittel sind etwas, das man immer braucht«, erzählt sie. »Aber sich mehr zu besorgen, als man essen kann, ist Unsinn. Da bin ich auf den Gedanken mit dem Second-Hand-Klamottenladen gekommen. Es ist gut, wenn wir nutzen, was es schon gibt, statt immer mehr zu produzieren.«

Kauf-und-Tausch-Party
Der Second-Hand-Laden, der den Zuschlag für den Berliner Carrotmob bekommt, heißt »Trash-Schick« und liegt im Kiez Berlin-Friedrichshain. Vanessa gefällt, dass der Macher des Ladens, Uwe Habermann, eine Obdachlosenzeitschrift unterstützt. Er erzählt ihr von seinem Traum, irgendwann einmal eine »Volkskammer« zu gründen – eine öffentliche Kleiderkammer, wo Menschen mit wenig Geld für einen Euro etwas Schönes zum Anziehen be­kommen.
Im Vorfeld der Aktion bekommt Uwe Habermann Besuch von einem Energieberater aus dem Netzwerk des BUND. Der überlegt, wie sich im Laden mit wenigen Mitteln maximal CO2 einsparen ließe. Die Fenster abzudichten und die alte Waschmaschine auszutauschen, bietet sich an, und vor allem der Wechsel zu Ökostrom, was sogar ein paar Euro im Monat spart.
Vanessa hat noch nie zuvor einen Carrotmob organisiert. Am Morgen des 2. Juni fegt der Wind Nieselregen die Straße entlang. Der Versuch, einen großen Papp-Aufsteller in Karottenform auf der Straße zu fixieren, scheitert. Die Irish-Folk-Band, die vor dem Laden für gute Laune sorgen soll, macht sich Sorgen, dass die Geige nassgeregnet wird. Vanessa macht sich Sorgen, ob überhaupt jemand kommen wird und was die Leute zu ihren selbstgebackenen veganen Muffins mit dem ungleichmäßig verlaufenen Zuckerguss sagen werden. Vor dem Laden hängen die Aktivistinnen eine Wäscheleine auf, eine »Free Clothes Line«. Daran baumeln große Schilder mit Aufschriften wie »Schenken statt Verkaufen, Nehmen statt Kaufen«, Kleiderbürgel und ein paar T-Shirts, um zu einer Tauschbörse einzuladen. Der Tag kann beginnen, Vanessa und ein Freund verpacken sich in Karotten-Kostümen. »Die hatten wir noch von der Demo ›Wir haben es satt‹.«
Die Sonne kommt, und mit ihr kommen die ersten Passanten. Sie finden die veganen Muffins großartig und werfen dafür gerne eine Spende in den Topf. Sie hängen so viele Kleider auf die Wäscheleine, dass sie bald durchhängt. Sie stöbern im Laden, der deutlich mehr Kundschaft hat als sonst. Es gibt keinen Massenauflauf, aber das findet Vanessa gerade gut. »Da kamen alle möglichen Leute. Ökos, Normalos, urbane Hipster und Touristen wie das australische Pärchen, sie mit organgefarbenen Haaren und knallpinkem Lippenstift, er mit lila Koteletten. Allen hat es Spaß gemacht.« Die Leute im Eiscafé auf der anderen Seite genießen vor allem die Irish-Folk-Band.
Es entsteht ein Raum, in dem anstelle von Verbrauchskultur Gebrauchskultur gepflegt wird. Vanessa freut sich, dass keine hässlichen Kleidungs­stücke auf die freie Wäscheleine gehängt werden. Kaum leert sich die Leine, kommen neue Leute und hängen wieder etwas in den Wind. Auch die Kleider im Laden finden guten Absatz, und Uwe Habermann ist glücklich über die Aktion. –
Nachdem ich diese Geschichte gehört hatte, gefallen mir Carrotmobs schon viel besser. Nur schade, dass der Tag keine für die Allgemeinheit weiterhin sichtbaren Spuren hinterlassen hat. Später erfahre ich vom Berliner Wassermob, den die Initiative für das Trinken von Leitungswasser »a tip: tap« letzten August organisiert hat: Der Bioladen »Biosphäre« in Neukölln hat mit dem Umsatz des Mob-Tags einen öffentlichen Trinkbrunnen gebaut. Wie schön! Vielleicht wird der nächste Carrotmob beim Trash-Schick so groß, dass Uwe Habermann davon den Aufbau einer »Volkskammer« finanzieren kann. 



http://bundesmob.mixxt.dewww.carrotmob.org
http://berlin.bundjugend.de/angebote/carrotmob.

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