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Piratenbildung

Ein Besuch auf dem Bildungstreffen der Piraten-Partei.

von Clara Steinkellner , erschienen in 14/2012

Bringen die Piraten das Thema »Bildungsfreiheit« in die öffentliche Diskussion ein? Noch steht ihre Meinungsbildung ganz am Anfang.

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Die Vorstellung, mit meinen Idealen von freier Bildung in eine »realpolitische« Diskussion zu gehen, bereitete mir spontanes Herzklopfen. Doch ich fuhr hin, und wurde positiv überrascht: Ich traf auf interessante, aktive Menschen, und eine offene und aufmerksame Gesprächsatmosphäre.
»Piraten-Bildungstreffen« – ein Flipchart empfängt mich am Eingang zum »Saalbau Nied« in Frankfurt am Main, der Pfeil zeigt zu den Seminarräumen im Untergeschoß. »Eigenen Pressetisch haben wir keinen … «, begrüßt mich Markus, Pirat aus Rheinland-Pfalz. Er war früher mal bei der CDU, ist aber nicht lang geblieben. Ansonsten ist er Straßenbaumeister und bildet auch Lehrlinge aus.
Wir stellen Tische um und installieren eine Kamera (die Diskussion wurde selbstverständlich live im Internet übertragen), und die ersten Gespräche entstehen. Zum Beispiel mit Christian, der bei den »Jungen Piraten« ist und in einem Monat Abitur macht. Er hat schon viele Diskussionen zur Verbesserung des Bildungssystems geführt, sowohl bei Piratentreffen als auch im Netz mit Hilfe von »Piratenpads«, einer Art Chat-Plattform, auf der die Möglichkeit besteht, in Echtzeit Vorschläge zu formulieren und zu kommentieren oder sich per Mumble, einer Konferenz-Telefonie, auszutauschen.

Ein Bildungsprogramm bildet sich
An die 30 Menschen sind gekommen, gut ein Drittel ist zum ersten Mal bei einem Piraten-Treffen dabei. Vor allem Freilerner-Begeisterte waren gut vertreten. Hedwig, eine schulpflichtkritische Lehrerin aus Rheinland-Pfalz, stellt sich vor. »Hallo, ich bin Josias Kern, ich schreib’ auch gerade für die Oya«, begrüßt mich ein junger Freilerner. Insgesamt ist vom Piraten-Stereotyp »vor allem junge, männliche IT-Spezia­listen« hier nur bedingt etwas zu merken. Durch die Berichte aus den verschiedenen Bildungs-Arbeitsgruppen der Piraten wird die kontroverse Vielfalt deutlich: Die ­hessische »AG Bildung« hat sich intensiv über das Menschenbild und die Rolle des Staats im Bildungswesen ausgetauscht. Sie sind der Ansicht, die Schulpflicht sei wichtig, eine Kindergartenpflicht wäre gut, und nationale Bildungsstandards wären ein Fortschritt. Die »Jungen Piraten« erzählen vom Wunsch nach mehr kreativem Unterricht und bekunden ihr eindeutiges Misstrauen gegen Privatschulen und Homeschooling. In Sachsen, Brandenburg und Reinland-Pfalz fängt die Arbeit zum Thema Bildung erst langsam an, wie die von dort Angereisten berichten. Vorgearbeitet haben vor allem die Berliner: Pirat Andreas stellt das Bildungsprogramm vor, das in Berlin verfasst und durch viele (Internet-)Diskussionsprozesse verbessert wurde – im Jahr 2011 ist es mit neunzigprozentiger Zustimmung in das bundesweite Grundsatzprogramm der Piratenpartei aufgenommen worden. Das Programm legt den Fokus auf den Lernenden, sieht Heterogenität als Reichtum an und spricht sich unter anderem für eine vielfältige Schullandschaft von staatlichen und freien Schulen aus. Auf die Schulpflicht wird nicht konkret eingegangen, insgesamt wäre mit einem solchen Programm aber der Rahmen für die Forderung einer Umwandlung der Schulpflicht in eine Bildungspflicht geschaffen.
Mittags kommt der bekannte Autor ­André Stern und erzählt seine beeindruckende Geschichte einer schulfreien Kindheit. »Kompetenz ist nur die Nebenwirkung von ausgelebter Begeisterung. Ergo: Begeistert euch!« Dass Kinder heute immer die Fächer üben müssen, die sie nicht so gut können, versteht er nicht. Wer seiner Begeisterung folgen darf und dort exzellent wird, verbessert sich auch in anderen Bereichen. Zwei Stunden bleibt er bei uns. Die – durchaus emotionale – Diskussion über ein Lernen ohne Schule dauert aber noch länger: über die (mangelnden?) sozialen Kontakte, die unterschiedlichen Fähigkeiten der Eltern, die Unterscheidung zwischen (teilweise religiös motiviertem) Homeschooling und freiheitlichem Unschooling. Wir münden in einen Ausblick, was als Alternative zum heutigen Schulzwang gesetzlich ausformuliert werden könnte.
Später stellt Walter Hoffmann das ausgeklügelte Berufsausbildungssystem der Bundesrepublik vor – sein Vorschlag ist, das Schulsystem in ähnlicher Weise bundesweit einheitlich zu strukturieren. Das stößt auf Widerstand: »Wir können nicht das Problem, dass es unterschiedliche Maßstäbe gibt, dadurch lösen, dass wir einen großen Kamm installieren, über den alle geschoren werden!« Die Richtung kann nur heißen: Individualisierung des Lernens. Außerdem ist Bildung als Ländersache für die Bürger gestaltbarer.

Wie sehen echte Reformen aus?
Um die Individualisierung des Lernens ging es auch am nächsten Tag. Reinhard Kahl, Journalist und Filmemacher, beehrt uns mit einem Besuch. »Das Bildungswesen befindet sich heute in einem merkwürdigen Verpuppungszustand, es ist unglaublich starr« beginnt er seinen Vortrag. Daher seine Motivation, in Filmen zu zeigen, wie freilassend und vielfältig Lernprozesse begleitet werden können. Wenn zum Beispiel Jugendliche in der Schulzeit mit einem Landwirt und einem Bootsbauer ein verwildertes Seegrundstück gestalten. Die Schule als kreativ gestalteter Kulturort, als gemeinsame Welt, diese Vision bringt Reinhard Kahl auch ins Gespräch, als er gefragt wird, wie er zum Lernen ohne Schule stehe. »Ja, Homeschooling soll möglich sein, natürlich!« Der heutige Schulzwang sei ja wirklich eine Restaurantbesuchspflicht mit Aufesszwang. Aber wenn wir das nicht wollen, müssen deshalb alle nur zu Hause kochen? »An jeder dritten Straßenecke gibt es doch einen Ort, aus dem man etwas machen könnte. Wir brauchen offene Kulturorte, denn wenn wir von heute auf morgen alle Schulen zumachen, würden wir merken: Da draußen ist nicht das Leben, sondern der Straßenverkehr.« – »Nur, diese Orte können nur ›bottom-up‹ und nicht ›top-down‹ entstehen«, merkt der Berliner Pirat Georg an.
Durch die vielen Diskussionen hat sich allmählich folgendes Bild herauskristallisiert: Das Schulwesen muss von zwei Seiten her bearbeitet werden, durch echte Reformen innerhalb des Systems und durch die Legalisierung schulfreien Lernens, damit die Vielfalt der Bildungswege sichtbar und erlebbar werden kann. Dass Letzteres positive Auswirkungen hätte, das war, trotz einiger besorgter Stimmen, der gefühlte Konsens in der Runde. Wie genau die Reformen innerhalb des Systems aussehen sollten, da gab es größere Uneinigkeiten: Wieviele Standards sollen sein? Ganztagsschule? Lehrerbildung? Nur dass die Dreigliedrigkeit bald ins Museum gehört, da waren sich alle einig. Die Piraten sind prädestiniert dafür, die Bildungsfreiheit auf die politische Tagesordnung zu bringen. Ob sich die Kritik des deutschen Schulzwangs ihren Platz auf dem piratischen Bildungsprogramm erkämpfen kann, hängt nicht zuletzt davon ab, ob sich eine kritische Öffentlichkeit für selbstbestimmte Bildung begeistern lässt und die Individualisierung des Lernens immer stärker als wesentlichen Baustein einer nachhaltigen und kulturell reichhaltigen Gesellschaft thematisiert. 


Clara Steinkellner (27) studierte Internationale Entwicklung, Rumänisch und Germanistik. Sie ist Mitbegründerin der Freien Bildungsstiftung (www. freiebildungsstiftung.de). Ihre Diplomarbeit »Menschenbildung in ­einer globalisierten Welt« wurde kürzlich als Buch herausgegeben.

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