Oya braucht Mithilfe!

Alle Artikel der gedruckten Oya-Ausgaben sind auf dieser Website kostenlos zu lesen. Dahinter steckt viel Arbeit. Bitte helfen Sie mit, dass wir alle Texte weiterhin frei zur Verfügung stellen können:

• Nein, danke

• Ja, ich unterstütze Oya

Bitte wählen Sie hier den Betrag, mit dem Sie Oya unterstützen möchten:



Falls Sie kein PayPal-Konto haben, können Sie natürlich
auch direkt unsere Bankverbindung verwenden:

IBAN: DE96 4306 0967 1112 9897 00 • BIC: GENODEM1GLS
Verwendungszweck: Oya-Online Beitrag

Herausfinden, was ich tun möchte

Ein Freilerner berichtet von seinen Erfahrungen.

von Josias Kern , erschienen in 14/2012

K inder, die nicht zur Schule gehen, lernen nichts und vereinsamen, so das gängige Vorurteil. Junge Leute wie Josias Kern, die in der meisten Zeit ihres Lebens zu Hause gelernt haben, beweisen das Gegenteil.

Bild

Ich bin Josias, achtzehn Jahre alt, und bin ein Freilerner: Ich bilde mich außerhalb der Schule. Wie lernt man denn, wenn man nicht in die Schule geht? Das werde ich oft gefragt. Es ist gar nicht so einfach, das vorzuzeigen. Man lernt nämlich die ganze Zeit, oft passiert das Lernen in Gesprächen, und das ist schwierig zu dokumentieren. Da wird zum Beispiel beim Abendessen über ein bestimmtes Land gesprochen. Ein Atlas kommt auf den Tisch, und schon können alle mehr über dieses Land erfahren. Oder es kommt eine Frage auf, die keiner der Anwesenden beantworten kann. Dann nimmt man sich ein Buch oder geht an den Computer und schlägt nach – und hat schon wieder etwas Neues gelernt.
Lernen kann aber auch stärker zielgerichtet sein. Ich bin für längere Zeit einmal im Monat in einen Drechselclub gegangen. Mehrere Herren im Rentenalter haben dort den Kindern und Jugendlichen das Drechseln beigebracht. Einer von ihnen, Erik, hatte eine besondere Art, mir die Technik zu zeigen. Im Gegensatz zu allen anderen führte er fast nie meine Hände, sondern ließ mich alles selbst machen. Ich habe ihn einmal darauf aufmerksam gemacht und erinnere mich noch sehr gut an seine Antwort: »Ich bin nicht derjenige, der es noch lernen muss.« In meinem Home-Education-Verein fanden jeden Monat Veranstaltungen statt, zum Beispiel »Naturwissenschaften mit Andy«. Mit ihm haben wir einmal sogar eine Feuerwerksrakete gebaut. Oder »Geschichte mit Paul«, bei dem wir hauptsächlich etwas über die Tudors, Stuarts und die Römer gelernt haben. Paul hat im lokalen Museum gearbeitet. Er kleidete sich zeitgemäß nach der Mode ds 17. Jahrhunderts, und wir durften ihm, auch bei Stadtrundgängen, die Seele aus dem Leib fragen.
Immer wieder sind wir auch in Museen gegangen. Das Museum, das ich am häufigsten besucht habe und in das es mich heute noch immer wieder zieht, ist das naturwissenschaftliche Museum »Technorama« in der Schweiz. Es ist sehr beeindruckend, man kann mit beinahe allem, was dort ausgestellt wird, etwas Praktisches tun. Das Technorama zeigt sehr gut, wie wichtig es ist, die Themen interessant und mit Spaß vorzustellen.
Eines der älteren Kinder von einer der Familien im Home-Education-Verein war auf einer Theaterschule und hat mit uns in den Sommerferien Shakespeare-Stücke geprobt und aufgeführt. Im ersten Jahr haben wir »Ein Mittsommernachtstraum« aufgeführt. Sowohl viele jüngere Kinder als auch einige meines Alters (damals 16) haben mitgespielt. Meine Rolle war Lysander, und dabei habe ich gelernt, wie man am besten arrogant ist und abfällige Kommentare abgibt – das hat durchaus Spaß gemacht! Zum Aufwärmen haben wir Spiele gespielt, bei denen man viel mit der Stimme machen muss. Auf der Hin- und Rückfahrt habe ich mein Script durchgelesen, um es auswendigzulernen. Die Aufführung fand in einem großen Garten statt, in dem wir fast jede Szene an einem anderen Ort spielen konnten. Im folgenden Jahr führten wir »Was ihr wollt« in einem Dorfgemeinschaftshaus mit Bühne auf. Diesmal hatte ich zwei Rollen, einen Matrosen und Malvolio – die Rolle mit dem meisten Text. Ich habe viel von diesen zwei Theaterstücken gelernt. Aber was genau? Es war eine Lebenserfahrung, es hat mich beeinflusst und mir geholfen, der zu werden, der ich bin.

Sozialisation
Ein häufig verwendetes Argument gegen Home-Education ist die angeblich fehlende Sozialisation. Es kann in Deutschland durchaus schwierig sein, sich als Unschooler mit anderen Gleichgesinnten zu treffen, da Home-Education hier illegal ist. Aber selbst unter diesen Bedingungen gibt es Wege, unter Leute zu kommen. Ich bin zum Beispiel regelmäßig in Sportvereinen und einem Spieleverein aktiv, habe an kleinen und großen Home-Education-Treffen teilgenommen und natürlich auch Freunde, von denen manche in die Schule gehen. Eine Zeitlang habe ich in Großbritannien gelebt – in dieser Zeit war ich Mitglied des erwähnten Homeschooling-Vereins, in dem ich mich regelmäßig mit gleichaltrigen, jüngeren, älteren und erwachsenen Freunden getroffen habe. Zu vielen dieser Freunde habe ich, unter anderem über das Internet, immer noch Kontakt.
Von meinen Schulerfahrungen aus einem Jahr staatlicher Grundschule, drei Jahren privater Montessori-Schule und einem Jahr Sudbury-Schule, erinnere ich mich, dass soziale Kontakte weit weniger lebendig waren. Man war zwar im gleichen Raum mit vielen Kindern, aber wir konnten nichts miteinander tun. Außerdem verbringt man die Zeit in der Schule, abgesehen von den Lehrern, nur mit Gleichaltrigen, hat also nicht die Chance, zu lernen, mit jüngeren oder älteren Mitmenschen umzugehen. In Gruppen von Unschoolern kommt es selten vor, dass nur Gleichaltrige zusammen sind. Falls mal etwas passiert, z. B. ein Streit, kümmern sich oft die Älteren um die Jüngeren. Für Erwachsene wie für Kinder gilt: Sie sind soziale Wesen und entwickeln Kontakte zu anderen Menschen jeglichen Alters, weil sie und auch ihre Eltern es brauchen.

Festivals und Treffen
Home-Education-Festivals und Treffen sind klasse. Man trifft neue Leute und alte Bekannte, kann feiern oder Fußball spielen, in großen Runden diskutieren oder im kleinen Kreis reden. Eines meiner wichtigsten Festivals ist das einwöchige »Home Educators’ Summer Festival« in England (HESFES), zu dem Menschen aus ganz Europa kommen. Jedes Jahr kommen 1000 bis 2000 Leute! Ich kenne mittlerweile viele, die immer wieder dort sind. Das Festival ist interessant, macht großen Spaß, und ich kann mein Englisch auffrischen. Für jeden gibt es etwas, vom Musikworkshop über Pantomime, Ballspiele bis hin zu Diskussionsrunden.
Zweimal im Jahr, im Frühling und im Spätsommer, wird von der deutschen Jugendgruppe das Treffen »Septré« organisiert. Im Vergleich zum englischen HESFES-Sommerfestival sind diese Treffen sehr klein, normalerweise kommen 20 bis 30 Leute. Septré wurde von meinen Freunden und mir gegründet, da wir den Austausch von Jugendlichen, die alternative Bildung praktizieren oder daran interessiert sind, anregen wollten.
Sehr schön ist auch das Clonlara-Familientreffen: Drei- bis viermal im Jahr kommen hier Mitglieder der Clonlara-Schule zusammen. Diese in den USA angesiedelte Schule berät Familien, die sich auf andere Art bilden wollen. Es ist für mich immer anregend, auf diese Treffen zu gehen, da ich dort oft neue Leute kennenlerne. Außerdem kann ich als mittlerweile erwachsener Home-Educator von meinen Erfahrungen berichten.

Jobs und Tätigkeiten
In meinem bis jetzt relativ kurzen Leben bin ich schon ziemlich vielen Tätigkeiten nachgegangen. Ich habe als Landwirt auf einem Demeterhof gearbeitet und einen einjährigen Landwirtschaftskurs an einem englischen College abgeschlossen. Davor hatte ich nebenbei einen Hauptschulabschluss durch die Schulfremdenprüfung mit einer 1,6 abgeschlossen, mit dem Gedanken, dass ich dann bessere Chancen hätte, beim College angenommen zu werden. Es stellte sich dann allerdings heraus, dass dieses College niemanden ablehnen kann, sondern nur entscheidet, in welchen »Level« man kommt. Mit deutschen Abschlüssen konnte das College nichts anfangen, und mein Lehrer hat sich am Ende des Kurses bei mir beschwert, dass ich mich mit Level zwei zufrieden gegeben hab, obwohl ich ohne Probleme Level drei geschafft hätte und er mich gerne noch ein Jahr gehabt hätte.
Eine Ausbildung zum Landwirt habe ich bald abgebrochen, da ich nicht mehr glaube, dass die industrielle Landwirtschaft ein zukunftsfähiger Weg ist, auch wegen ihrer vollkommenen Abhängigkeit von fossilem Öl. Mehrwöchige Praktika habe ich bei einem Schreiner und einem IT-Berater absolviert und und bewerbe mich gerade bei der Zis-Stiftung für Studienreisen um ein Stipendium für eine Reise, auf der ich über den Wiederaufbau von Mutterboden forschen will.
Auf jeden Fall möchte ich meine Sprachkenntnisse noch vertiefen. Ich spreche fließend Englisch, verstehe sehr viel Französisch und habe nicht vor, es dabei zu belassen. In der Zukunft möchte ich viel in andere Länder reisen, da ich nicht durch die Schule an einen Ort gebunden bin. Ich bin sehr zufrieden mit meinem Leben und habe recht klare Vorstellungen davon, was ich tun will. Derzeit bin ich dabei, so viel wie möglich über Permakultur zu lernen, und werde mich, sobald ich mich dazu bereit fühle, als Permakulturgärtner selbständig machen. An welchem Ort das sein wird, ist eine Frage, die ich noch klären muss. Aber ich habe noch viel Zeit und viele Länder vor mir, um das herauszufinden. Home-Educator zu sein, heißt unter anderem, die Zeit zu haben, herauszufinden, was ich tun will, wie ich es tun will und wo ich es tun will. Für mich ist dies das Wichtigste für mein Leben. 
 

Josias Kern (18) ist Unschooler und bildet sich seit der Grundschule im Wesentlichen außerhalb der Schule. Er war Mitbegründer der ersten (ohne Genehmigung) arbeitenden Sudbury-Schule Deutschlands, absolvierte den Hauptschulabschluss und einen Landwirtschaftskurs in Großbritannien.

Große und kleine Treffen zu Home-Education:
www.septembertreffen.de/st
www.hesfes.co.uk
www.clonlara.de


 

Zurück zur Startseite

Hintergrundinfos zu Oya auf Facebook

Oya gemeinsam ermöglichen!