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Brief an die Jugend

Es ist an der jungen Generation von heute, die Welt zu wandeln.

von Ervin Laszlo , erschienen in 14/2012

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Ihr, die jungen Menschen von heute, seid privilegiert vor allen anderen Menschen, die je diese Erde bevölkert haben. Zum ersten Mal in der Geschichte besitzt eine einzige Generation – die eure! – den Schlüssel zur größten Herausforderung unserer Spezies, seit sie sich stolz Homo sapiens nennt, »der weise Mensch«: Es ist die Herausforderung, uns zu wandeln, und zwar grundlegend und rechtzeitig.
Privilegien bedeuten Verantwortung. Ihr habt das Privileg, euch der Her­ausforderung des Wandels zu stellen. Und ihr tragt die Verantwortung, die mit diesem Privileg einhergeht: die Verantwortung, dass ihr den notwendigen Wandel aktiv und effektiv vorantreibt. Dazu müsst ihr das Problem und seine mögliche Lösung gründlich verstehen. Warum stehen wir, die ganze Menschheit, vor einem derart fundamentalen Umbruch? Und was könnt ihr, eure Generation, tun, um die Herausforderung zu bewältigen? Auf beide Fragen gibt es eine klare Antwort: Es braucht einen grundlegenden und rechtzeitigen Wandel, weil die Welt, die eure Väter und Vorväter errichtet haben, nicht nachhaltig ist. »Nicht nachhaltig« heißt, dass die Welt zusammenbrechen wird, wenn sie sich nicht ändert. Wir können nicht so weitermachen wie bisher.
Ihr braucht euch nur umzusehen: Die Sommer werden heißer, die Winter wärmer, Stürme werden immer wilder, alle Extreme verstärken sich, Schwankungen lassen sich nicht mehr vorausberechnen. Für viele Weltgegenden wäre es zwar nett, wenn es etwas wärmer wäre. Aber die globale Erwärmung bedeutet zugleich, dass weniger Regen auf fruchtbares Land fällt, dass Wälder absterben, der Grundwasserspiegel sinkt und der Meeresspiegel weltweit ansteigt, weil das Eis in Arktis und Antarktis schmilzt. Wieviel Zeit haben wir noch, bevor Hunderten Millionen von Menschen kaum noch das nackte Leben bleibt? Bevor Sturm- und Flutkatastrophen Hunderte Millionen aus ihren Heimaten vertreiben? Bevor Städte und ganze Inseln buchstäblich untergehen?

Es ist höchste Zeit für Wandel
Der Klimawandel infolge der globalen Erwärmung ist nur einer von mehreren nicht-nachhaltigen Faktoren, die die heutige Welt bestimmen. Die Überbevölkerung der Städte, der Zusammenbruch der Gesundheitsversorgung für weite Bevölkerungsteile, fundamentalistische Gewalt und Kriege, die kurzsichtigen wirtschaftlichen Interessen dienen, sind weitere Gefahren, die Leben und Wohlergehen auf diesem Planeten bedrohen. Wir Älteren haben die Natur aus ihrem Gleichgewicht gebracht, das doch unverzichtbar ist, um euer Leben zu erhalten – und das Leben von Myriaden weiterer Spezies. Jetzt müsst ihr, die jüngere Generation, unsere Irrtümer korrigieren und den Schaden ausbügeln.
Wir sind jetzt sieben Milliarden Menschen auf der Erde. Wie viele von uns werden die kommenden zehn Jahre überleben? Die nächsten fünf Jahre? Die nächsten drei? Und wenn einige von uns untergehen – wie wird das Leben der Übriggebliebenen aussehen, bei unserer hohen gegenseitigen Abhängigkeit und unserer Neigung, kurzfristige Interessen mit Gewalt zu sichern? Wenn die Welt weiter den Abhang hinunterschlittert und sich die Einstellung der Reichen und Mächtigen nicht ändert, solange noch Zeit ist, dann droht ein Inferno, dem niemand unversehrt entkommen wird.
Damit sollte die Frage, warum es höchste Zeit für grundlegenden Wandel ist, beantwortet sein. Entweder wir ändern uns, oder wir gehen unter. Was aber könnt ihr jungen Menschen heute tun, um diesen Wandel in Gang zu setzen?
Auch darauf gibt es eine klare Antwort. Nehmt euch zwei weise Einsichten von zweien der klügsten Menschen, die je auf der Erde wandelten, zu Herzen: Der eine, Albert Einstein, sagte: Man kann ein Problem nicht mit demselben Denken lösen, das zu dem Problem geführt hat. Der andere war Mahatma Gandhi. Er sagte: Sei du selbst der Wandel, den du in der Welt sehen willst.
Neues Wissen braucht die Welt
Zuerst zu Einsteins Erkenntnis: Wir müssen uns ein neues Denken aneignen. Dazu brauchen wir keine neuen Daten oder mehr Informationen; das führt nur zu einer Mehrung der gegenwärtigen Art von Wissen. Wir brauchen ein neues Wissen, eine ganz neue Art zu denken. Einige sprechen von einem neuen Paradigma.
Das neue Paradigma entsteht gerade überall. Die einen sagen dazu »holistisches Paradigma«, die anderen »integrales Denken« oder »systemische Weltsicht«. Sein wichtigstes Kennzeichen ist, dass es die Welt nicht in Einzelteile zerlegt, um sie zu verstehen. Es reduziert die Vielfalt nicht auf ein oder zwei Faktoren, die dann bequem analysiert werden können. Der »analytische Ansatz« liefert zwar durchaus solides technisches Know-how. Er führt aber nicht zu echtem Verstehen. Das sehen wir am Wissen des Spezialisten, der immer mehr über immer weniger weiß. Spezialisiertes Wissen, das Wissen der Techniker, dient speziellen Zwecken. Es versagt, wenn es darum geht, dem Ganzen zu begegnen, das den Zweck enthält – nach dem Motto: »Operation gelungen, Patient tot.«
Das Wissen der dominanten Gesellschaften ist bruchstückhaft. Es ist nicht nur grundsätzlich unvollkommen, sondern sogar grundsätzlich irreführend. So existieren die Dinge in der Welt keineswegs unabhängig voneinander, sie sind nicht getrennt. Führende Wissenschaftler wissen längst, dass alles in der Natur miteinander verbunden ist. Letztlich existiert alles, was ist, so, wie es ist, gerade wegen der Verbundenheit und durch sie.
Vernünftiges Wissen geht von dieser Verbundenheit aus. Es nimmt den Wald wahr und nicht bloß die einzelnen Bäume. Bäume sind Bestandteile des Organismus »Wald«. Ohne eine Vorstellung von dem Wald, in dem ein bestimmter Baum wächst, kann man den Baum nicht wirklich erfassen.
Wir leben in einer organischen Welt, und unser Wissen muss organisch sein: integrierend und ganzheitlich. Es gibt ein solches Wissen. Genau dieses Wissen werdet ihr brauchen, um die Herausforderung, die Welt zu verändern, zu bestehen – die heutige, nicht-nachhaltige, todgeweihte Welt zu einer nachhaltigen und lebensstarken Welt zu wandeln. Die Giordano Bruno GlobalShift Universität sammelt solches Wissen und bringt Menschen zusammen, die dieses Wissen entwickeln und wirksam verbreiten können.
Nun zu Gandhis Aussage: Warum müsst ihr der Wandel selbst »sein«, den ihr in der Welt sehen wollt? Führt es wirklich und richtig zur Veränderung der Welt um mich herum, wenn ich mich selbst ändere?
Genauso ist es! Je instabiler ein System ist, umso kleinere ­Fluktuationen genügen, damit größere Transformationen ausgelöst werden können. Der »Schmetterlingseffekt« dürfte euch bekannt sein. Landläufig sagt man, der Flügelschlag eines Schmetterlings in Südkalifornien könne einen Sturm in der Inneren Mongolei verursachen. Der winzige Luftwirbel, der sich vom Schmetterlingsflügel ablöst, wächst und wächst und ändert schließlich das Wettergeschehen auf der anderen Seite der Erdkugel. Obwohl so etwas durchaus möglich ist, meinte der Spruch ursprünglich etwas anderes. Er bezog sich auf die Form des »seltsamen Attraktors«, den der Meteorologe Edward Lorenz im Jahr 1960 beim Versuch, das globale Wetter nachzumodellieren, entdeckte. Dieser Attraktor, eine mathematische Formel, hat zwei »Flügel«, und jeder Flügel beschreibt eine mögliche Entwicklung des Weltwetters. Lorenz fand heraus, dass schon winzigste Schwankungen der Faktoren, die das Wetter beeinflussen, ein plötzliches und zunächst nicht vorhersagbares Umkippen von einem »Flügel« zum anderen hervorrufen können – und somit von einem globalen Wettergeschehen zu einem völlig anderen.
Heute wissen wir, dass chaotische Systeme – und dazu gehört das Weltwetter – äußerst empfindlich sind und sich von Natur aus unvorhersagbar verhalten. Doch nicht nur das Wetter ist chao­tisch, auch die Weltwirtschaft, das weltweite Finanzsystem und die gesamte natürliche Umwelt folgen chaotischen Prinzipien. Alle diese Systeme sind heute so sehr in eine chaotische Phase geraten, dass sie extrem empfindlich geworden sind. In jedem kann es zu Schmetterlingseffekten kommen.

Das Chaos der Welt macht Wandel möglich
Ihr, die junge Generation unserer Zeit, könnt eben der Schmetterling sein, der den entscheidenden Effekt auslöst. Ihr wurdet exakt zur richtigen Zeit geboren: Das Chaos der Welt um euch ist so groß geworden, dass der Wandel endlich eine Chance hat.
In einer stabilen Gesellschaft kann man kaum wirkliche Veränderungen bewirken. Zu machtvoll sind die Widerstände. Der einfache Grund: Diejenigen, die die Zügel der Macht umklammert halten, fürchten den Wandel – er würde sie ihrer Privilegien berauben. Politiker, Konzernlenker, kirchliche, soziale oder Bildungs­behörden – bis auf wenige besonders offengesinnte und kluge unter ihnen werden die Mächtigen alles in ihrer Macht Stehende tun, um den Status quo zu erhalten. Sie versuchen, diejenigen, die den Wandel wollen, zu »exkommunizieren« – nicht buchstäblich wie die Kirche im Mittelalter, sondern mit modernen Methoden: durch Ignorieren, und wenn das nicht reicht, durch Diskreditierung, Lächerlichmachen und Isolation.
Doch das sollte kein unüberwindliches Hindernis für euch junge Menschen sein. Zwar wehren sich die vorherrschenden Mächte in der Welt nach wie vor gegen den Wandel, aber ihre Kraft schwindet. Unsere zeitgenössischen Gesellschaften sind nicht mehr stabil. Sie leiden unter vielfältigen Krisen: wirtschaftlichen, finanziellen, ja selbst sozialen und kulturellen. Sie geraten immer tiefer ins Chaos, und im Zustand des Chaos kann ein neues Denken zu neuem Verhalten und zu durchschlagender Erneuerung führen. Selbst kleine Gruppierungen und scheinbar unbedeutende Initiativen können zu Katalysatoren für den großen Wandel werden.
Freilich geriet die Welt des Menschen auch früher immer wieder ins Chaos. Aber das passierte in lokalen Grenzen, genauso wie sich die Gelegenheit zum Wandel nur lokal bot. Die Chaos-Phase heute hat den ganzen Planeten erfasst, und das eröffnet die Chance für globalen Wandel. Würden wir diese Chance vertun, wäre das nicht nur der Gipfel der Dummheit, sondern ein Verbrechen gegen die Menschheit.
Also noch einmal: Die Welt braucht einen rechtzeitigen und tiefgreifenden Wandel, einen globalen Quantensprung. Eure Generation ist in der einzigartigen Position, diesen Quantensprung herbeizuführen. Die Giordano Bruno GlobalShift Universität stellt euch das Denken im neuen Paradigma zur Verfügung. Ergreift es, um euch selbst zu ändern, damit ihr die Welt verändern könnt. Die Lösung liegt ganz allein bei euch. 


Ervin Laszlo (80) Systemphilosoph, begann seinen Weg als Pianist. Er war zweimal für den Friedensnobelpreis nominiert und ist Autor von wissenschaftlichen Arbeiten und zahlreichen Büchern, die in viele Sprachen übersetzt wurden. Ervin Laszlo gilt als Begründer der Systemphilo­sophie und der Allgemeinen Evolu­tionstheorie. Er ist Gründer und Leiter der General Evolution Research Group und war lange Zeit Präsident der Internationalen Gesellschaft für Systemwissenschaften. Neben vielen internationalen Auszeichnungen, darunter vier Ehrendoktorwürden, ist Ervin Laszlo Träger des höchsten akademischen Grads für Philosophie und Humanwissenschaften der Universität Sorbonne in Paris. Er lehrte an bedeutenden Universitäten auf der ganzen Welt und arbeitete als Programmdirektor für das Ausbildungs- und Forschungsinstitut der Vereinten Nationen UNITAR. Seit 1993 ist er Präsident des von ihm gegründeten Club of Budapest. Er gehört zum Beraterstab des UNESCO-Generaldirektors und ist Mitglied mehrerer internationaler Akademien, unter anderen der Internationalen Akademie der Wissenschaften. 2011 eröffnete er als Kanzler die Giordano Bruno GlobalShift Universität, die jungen Menschen in aller Welt eine zukunftsweisende Bildung ermöglichen will.

www.ervinlaszlo.com
www.giordanobrunouniversity.com

 

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