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So läuft’s rund!

In indigenen Gesellschaften ist der Lebenslauf anders organisiert.

von Jochen Schilk , erschienen in 14/2012

Das befriedigende Aufwachsen bis zum weisen Ältesten bedingt die Begleitung durch eine tragfähige Gemeinschaft. Auch heute lassen sich Clan-ähnliche Netzwerke aufbauen. Denn: Die Verbindung macht’s!

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[Zum Vergrößern der Grafik rechts diese bitte anklicken.]
Lange Jahre lebte ich (37) in dem schmerzlichen Bewusstsein, dass wir Menschen in den industrialisierten Weltgegenden aus den jahrtausendelang bewährten Sozialformen der Stämme und Clans herausgefallen sind – und dass unsere weitgehend atomi­sierte Gesellschaft wohl kaum einen Weg zurück in deren Beziehungsreichtum und Geborgenheit finden würde.
Begegnungen mit Botschaftern indianischer Wissenstraditionen – und auch ein Büchlein der Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth – machten mir jedoch Mut, dass es möglich sein könnte, sich bewusst so etwas wie Wahlverwandtschafts-Clans zu erschaffen. War es bislang nicht viel mehr als eine verschwommene Ahnung des Verlorenen gewesen, wurde mir nun die Bedeutung hochwertiger Beziehungen in ihrer ganzen Tragweite bewusst: Meine Verbindungen zu mir selbst (zur psychisch-emotionalen und zur körperlichen Ebene), zur mich umgebenden Natur sowie zu anderen Menschen brauchen Pflege, damit es mir – und meiner Welt – gutgeht.
Heute fühle ich mich in einem komplexen ländlich-regionalen Netzwerk schon recht gut aufgehoben: Ich genieße die Beziehung(sarbeit) mit meiner Partnerin, und, was viele städtische Freunde sich kaum vorstellen können: Ich habe mich voll und ganz darauf eingelassen, dass meine Eltern für ihren Lebensabend in meine Nähe gezogen sind. Auch sie beteiligen sich seither rege an den Aktivitäten des hiesigen Nachbarschaftsnetzwerks (siehe dazu den Bericht in Oya 7). Meine Großeltern leben nicht mehr, aber ich pflege nun seit mehr als sieben Jahren eine schöne Freundschaft zu einem alten Imker und seiner Frau im Nachbarstädtchen – und bin gespannt, wohin diese Beziehung noch führen wird. Ich besuche regelmäßig die Treffen unseres Männerkreises usw. Es sind diese unterschiedlichen Beziehungen, die mein soziales Leben immer wieder reich erscheinen lassen, auch wenn sicherlich noch nicht sämtliche Aspekte – z. B. Kinder – darin verwirklicht sind. Dass mir die vollständige Teilnahme am sozialen Leben nicht immer leicht fällt, steht auf einem anderen Blatt – und reicht als Aufgabe in den Bereich der Verbundenheit zu mir selbst, einschließlich meiner Schattenanteile, hinein.

Workshop beim Indianerältesten
Paul Raphael ist ein nordamerikanischer Indianer vom Volk der Odawa. Der vierfache Vater und fünffache Großvater dient heute nicht nur seinem Clan als Ältester, sondern unterrichtet auch weltweit. Getrennt von der eigenen Tradition unter schlimmen Bedingungen in einem Internat aufgewachsen, geriet Paul als Junge zunächst auf die schiefe Bahn. Eine »Tante« ließ ihn jedoch wiederholt wissen, dass es für ihn auch einen anderen Weg gäbe. So machte er sich schließlich auf, um von den Ältesten verschiedener Indianer-Communities zu erfahren, wie ein sinnvolles, zufriedenes Leben in einer Gemeinschaft organisiert werden kann. In seinem von mir besuchten Workshop ging es immer wieder auch um diese Frage, was in einem Leben geschehen muss, damit es nicht nur oberflächlich als erfüllend erlebt wird. Paul erarbeitete mit uns Teilnehmern die einzelnen Stationen eines Lebensrad-Konzepts, das er »Rad der Trennung/Rad der Verbundenheit« nennt. Wie in vielen anderen indianischen Traditionen ist dieses Rad an den Himmelsrichtungen orientiert, und wie viele dieser Konzepte beginnt – und endet – auch Pauls Lebensrad im Osten (Sonnenaufgang, Anfang). Für uns westliche Teilnehmer war die Begegnung mit dem von ihm vorgestellten Modell ein eindrucksvolles Aha-Erlebnis in Bezug auf die Suche nach den Gründen für all die Unsicherheit, Unzufriedenheit und Verzweiflung in der fragmentierten westlichen Gesellschaft.
Bei einem anderen Workshop lernte eine Freundin vor geraumer Zeit eine Technik aus Paul Raphaels Kultur kennen, die zum Ziel hat, Menschen »Anker« in Form von lebenserfahrenen Personen zu geben. Bei den Odawa beginnt die Sache bereits mit der Geburt. Die Ältesten achten auf Zeichen, die darauf hindeuten, mit welchen Erwachsenen der neue Mensch am besten eine Art Mentorenbeziehung eingehen sollte. Die so erwählten Personen begreifen ihr neues Amt als Ehre und die gemeinsame Zeit mit dem Kind als Geschenk. Durch diese Personen sind die Kinder von Anfang an geankert. Nach dem Modell, das Paul als Vorbereitung auf eine Visionssuche fordert, suchte sich Caroline (34) sechs ältere Ankerpersonen, je drei Frauen und drei Männer, mindestens 10 Jahre älter. Optimalerweise sind die erwählten Leute gute Zuhörer und Fragensteller, reif, integer und offen. Wer sich der Aufgabe, Anker zu sein, stellt – und daran wächst! –, wird immer wieder von seinem Schützling aufgesucht. Der Gabentausch lautet dabei: »physische gegen geistige Nahrung«. Der jüngere Mensch bekocht den älteren und bekommt dafür Zeit und ­Aufmerksamkeit. Die Ankerpersonen selbst haben ebenso Anker und so fort. So fällt ­niemand aus dem Netz, jeder wird durch die Verbindungen getragen, eben geankert.

Das Rad der Trennung, (k)ein Teufelskreis
Die nachfolgend vorgestellten Räder stellen jeweils Negativ- und Positiv-­Ideale dar; im wirklichen Leben besteht jederzeit die Möglichkeit, von einem ins andere zu wechseln. Um im positiven Kreislauf zu bleiben, empfiehlt Paul Raphael, sich rechtzeitig mit einem festen Personenkreis aus Menschen jeden Alters zu verbinden.
Ein Mensch, dessen Leben bereits mit gefühltem oder tatsächlichem Unwillkommensein beginnt, hat es freilich schwer, auf eine lebendige, lebensbejahende Seite zu kommen. Der Schlüssel, so meint Paul, ist dann die Frage nach dem im Weiteren gewonnenen Grad an Verbundensein. Willi Maurer und Jan Moewes haben in Oya 13 bereits nachdrücklich beschrieben, welch verheerende Auswirkungen die in sehr vielen Ländern immer noch gängige Praxis, Kinder gleich nach der Geburt von ihren Müttern zu trennen, auf die psychische und physische Entwicklung hat. Die vom Säugling erlittenen unerträglichen (und deshalb oft abgespaltenen) Gefühle wie Todesangst, Wut, Ohnmacht, Einsamkeit etc. kehren, so Paul, im Lauf des Lebens immer wieder an die Oberfläche. In ihnen gäre das erschütternde Gefühl, von Beginn an vernachlässigt worden zu sein, immer weiter und bilde einen verhängnisvollen Einstieg in das Rad der Trennung. Spätestens zum Zeitpunkt der Pubertät erwachse im Kind ein tiefer Ärger, wenn auch dieser Punkt des Übergangs von den Eltern bzw. der Gemeinschaft nicht angemessen gewürdigt wird. Im Alter von etwa 19 (wo in indigenen Gesellschaften durch ein Initiationsritual der Übertritt in den Kreis der Erwachsenen vollzogen wird), könne aus dem unerlösten Ärger das Gefühl der Isolation entstehen; der junge Mensch fühlt sich unverstanden und vollends entfremdet von der ganzen Gesellschaft. In Paul Raphaels Modell setzt sich der Teufelskreis dann weiter fort. Mit etwa 25 Jahren laufe ein so geprägter Mensch Gefahr, sich in Hoffnungslosigkeit zu verlieren, zu der sich mit 30 eine innere Leere gesellt, verbunden mit der Überzeugung, selbst nichts zu geben zu haben. Der zynische Blick auf die Welt sei hiervon ein weit verbreiteter Ausdruck. Junge Menschen meiden verbitterte Ältere, und so trete in der Zeit zwischen 50 bis 60 die eigene Einsamkeit offen zutage. Der fehlende Zugang zu den Mysterien des Lebens und zu den nachfolgenden Generationen führe mit 70, wenn der Tod näherrückt, zu massiver Angst – was Paul wiederum als Grund für die Häufung von Demenz betrachtet.

Das Rad der Verbundenheit
Wie anders beginnt hingegen das Rad der Verbundenheit. Beim Volk der ­Dagara in Afrika z. B. ist es Sitte, dass alle Kinder eines Dorfs das Neugeborene begrüßen; niemand würde hier auf die Idee kommen, einen Säugling von seiner Mutter zu trennen, ihn gar stundenlang alleine wegzulegen oder seine Bedürfnisse in einen Vier-Stunden-Stillrhythmus zu pressen. Die Willkommensfeier ist bei indigenen Völkern oft ein erstes von mehreren wichtigen Ritualen, mit denen sichergestellt wird, dass der Mensch in psychisch-emotionaler Hinsicht gesund bleibt, erklärt Paul. Das Modell eines idealen Lebensrads zeigt auch insofern eine intrinsische Verbundenheit, als hier die gegenüberliegenden Stationen immer in besonderer Weise verknüpft sind: So hat etwa der Osten (Geburt) eine Verbindung zum Westen: Dort sind die Menschen, die Kinder bekommen. Im Nordwesten stehen die Menschen ab 40 Jahren, die beginnen, Führungsqualitäten zu entwickeln und die z. B. die Pubertierenden im Südosten mit einem Übergangsritus würdigen. Mädchen durchlaufen diesen Übergangsritus mit dem Zeitpunkt der ersten Menstruation, begleitet vom Kreis der Tanten; bei den Jungen entscheiden oftmals die Männer bzw. Onkel, ob sie reif für diesen Schritt sind.
Das nächste Ritual, bei dem die jungen Leute als vollwertige Erwachsene initiiert werden, findet im Alter von etwa 19 Jahren statt. Alle diese Übergangsriten sind stark mit der Natur verbunden, wie es besonders an der Visionssuche mit 25 deutlich wird, bei der ein Suchender vier Tage und Nächte alleine in die Wildnis geht, um fastend um Klarheit für die weitere Lebensaufgabe zu beten. Jede Station im Rad bringt neue Verantwortlichkeiten und Aufgaben mit sich und damit zugleich spezielle Plätze im Kollektiv. Die Ältesten beobachten die Jungen von deren Geburt an und fördern sie in ihren Neigungen und Begabungen. Spätestens mit der Visionssuche offenbart sich, welchen stimmigen Platz in der Gemeinschaft ein Individuum einnehmen wird. Der Blick aufs Rad zeigt, dass es die Ältesten als die spirituellen Hüter (Nordosten) sind, welche die Visionssuchenden (Südwesten) begleiten.
Wenn man mit ungefähr 30 im Westen angekommen ist, geht man mit seinem bisher erlernten Wissen und seinen je eigenen individuellen Fähigkeiten in das Dienen an der Gemeinschaft. Dieser Dienst trägt dem Menschen Anerkennung und Respekt von der Gruppe ein und unterstützt, ohne Angst in die eigene Individualität und Freiheit zu gehen. Die Gewissheit, am richtigen Platz zu sein und zum gemeinsamen Wohl beitragen zu können, führt zu innerem Frieden.
Mit weiterer Lebenserfahrung entwickelt ein Mensch im Rad der Verbundenheit, wie erwähnt, mit etwa 40 Jahren echte Führungsstärke, die sich durch einen gefestigten Charakter, Kompetenz, Authentizität sowie durch eine natürliche Autorität auszeichnet.
Mit 50 oder 60 Jahren geht es klar in Richtung Ältesten-Status, aber noch sind diese Menschen recht agil. Ihre Funktion ist die von Lehrern der jungen Generation gegenüber im Rad. Ab 70 erlangt man dann einen Status als Ältester. Die Ältesten fungieren als Hüter der spirituellen Lehre, sie stellen die Verbindung zwischen den Welten her und dar. Ihre Aufgabe ist es auch, das soziale Geschehen zu beobachten, hie und da Rat zu geben und, wie Paul es formuliert, das Leben »noch mehr zu umarmen«.
Wer das Lebensrad in Verbundenheit gegangen ist, kann am Lebensende ohne Angst auch den Tod umarmen. 


Literatur:
Heide Göttner-Abendroth: Der Weg zu einer egalitären ­Gesellschaft. Drachen Verlag, 2008 • Franz P. Redl: Übergangsrituale. Drachen Verlag, 2009 • Sylvia Koch-Weser, ­Geseko von Luepke: Vision Quest. Drachen Verlag, 2009

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