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Zukunftsreise

Das »Youth and Elders Project«
nimmt Kurs auf fruchtbaren Austausch
zwischen den Generationen.

von Benjamin Kafka , erschienen in 14/2012

Die Beziehungen zwischen Menschen unterschiedlicher Generationen zum Angelpunkt einer Zukunftswerkstatt zu machen, ist die Idee des »Youth and Elders Project«. Dieses Jahr startet es mit einer Segelreise.

Bild

Als ich etwa 19 Jahre alt war, hörte ich mit dem Wachsen auf, während meine zwei Jahre jüngere Schwester weiter wuchs. Mein Vater hat mich daher in seinen Vorträgen manchmal als Beispiel erwähnt, um die Absurdität unseres Wirtschaftssystems zu illustrieren. In dessen Logik hätte er mir daraus einen Vorwurf machen müssen.
Natürliche Organismen durchlaufen verschiedene Entwicklungsstufen. Die adoleszenten Stufen sind von expansivem Wachstum geprägt. Größe und Stärke, Appetit und Ambitionen nehmen zu, Grenzen werden ausgelotet, viele Handlungen geschehen um ihrer selbst willen, ohne Bewusstsein für Konsequenzen und Zusammenhänge. An einem gewissen Punkt hört dieses expansive Wachstum jedoch auf und macht einer anderen Art von Wachstum Platz – jetzt wachsen Detailreichtum und Komplexität. Die Entwicklung geht weiter, nur dass nun Vielfalt und Beziehungen stärker im Mittelpunkt stehen.

Gemeinsam spielen
Wenn wir für einen Augenblick in diesem Bild bleiben – an welchem Punkt ihrer Entwicklung steht unsere Gesellschaft? Und wie können wir den Schritt von expansivem Wachstum zu größerem Interesse an Vielfalt und Komplexität gehen? Können wir gewissermaßen unserer kollektiven Pubertät entwachsen?
Ich glaube, dass der Austausch zwischen den Generationen ein ungenutztes Potenzial bietet, um sich diesen Fragen anzunähern. Schließlich tragen wir als Menschen die Erfahrung in uns, dass das Überwinden von Größenwachstum nicht das Ende von Entwicklung bedeutet, sondern vielfältige Möglichkeiten menschlicher Entwicklung eröffnet.
Was aber sind diese Möglichkeiten? Was ist das höchste Potenzial von Jugend – und was ist das Potenzial eines reifen Menschen? Sicherlich sind diese heute nur selten verwirklicht. In mir steigen Bilder auf von Jugendarbeitslosigkeit und von Altersheimen, von Reizüberflutung und zufriedener, raumgreifender Harmlosigkeit.
Mit Jugend assoziiere ich Tatkraft und die Lust, ins Leben hineinzutreten, Ideen zu entwickeln und Veränderungen anzustoßen. Dies alles mit einer gewissen Verspieltheit – ganz im Sinn von Schillers Spruch, dass der Mensch nur da ganz Mensch sei, wo er spiele. Und was ist das höchste Potenzial von Reife? Weisheit? Mut? Vielfältige Erfahrungen, eine breitere Sicht auf die Welt und damit einhergehend ein Blick für Zusammenhänge, vielleicht die Fähigkeit, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen und aktiv Räume zu schaffen für Neues. Vielleicht also in gewisser Weise wieder – diesmal aus Lebenserfahrung gespeist – die Fähigkeit zu spielen?
Vielleicht hat jeder von uns irgendwann die Erfahrung gemacht, dass diese beiden Pole – Aktion und Reflexion, Yang und Yin oder wie auch immer man sie nennen möchte – höchstens stereotyp mit Alter zu tun haben. Jeder von uns kann den jugendlichen und den weisen Menschen in sich finden und kultivieren. Insofern ist die Frage nicht nur, wie alte Menschen als Mentoren in eine »Ältesten«-Rolle hineintreten und somit junge Menschen auf ihrem Weg des Erwachsenwerdens begleiten können. Ich möchte eher fragen, wie wir uns gegenseitig – gleich welchen Alters wir sind – darin unterstützen können, unser ganzes Potenzial als Menschen zu entfalten. Diese Art der Fragestellung betont den Aspekt der Beziehung und sieht den ganzen Zyklus des Menschseins.

Den Horizont erweitern
Dieser Fokus auf Beziehungen und Zusammenhänge ist Teil der großen Transformation zu einer zukunftsfähigen Gesellschaft, die ihre natürlichen Lebensgrundlagen für kommende Zyklen von Menschen erhält. Diese Transformation ist eine gewaltige Aufgabe, schließlich geht es darum, tief verankerte Glaubenssätze wie das kartesische »cogito ergo sum« und die damit einhergehende Vorstellung einer Trennung von Geist und Materie abzustreifen.
Ich glaube, dass sich die ur-menschliche Beziehung von »Youth and Elders« besonders eignet, um diese Transformation zu stärken. Deshalb habe ich gemeinsam mit meinen irischen und dänischen Kollegen Erik van Lennep und Mark Beanland, das »Youth and Elders Project« ins Leben gerufen. Als dessen ersten Kristallisationspunkt laden wir im Juni dieses Jahres 25 Menschen ein, mit uns eine Woche mit dem Segelschiff »Lovis« von Greifswald nach Danzig zu fahren – Menschen unterschiedlichen Alters und mit vielfältigen Erfahrungen, die einander in ihren Ideen und Projekten für eine bessere Welt unterstützen wollen, und die nicht davor zurückschrecken, bei sich selber anzufangen.
Wir wünschen uns, dass uns der weite Horizont und die frischen Brisen inspirieren, während wir Zeit haben, die Gedanken schweifen zu lassen, sei es in Gesprächsrunden oder während der Arbeit auf dem Schiff. Wir hoffen, dass es uns gelingt, dabei nach innen zu blicken – in unsere Gruppe und in uns selbst, und dass uns die sehr reale Aufgabe, das Boot zu segeln, auf dem Boden der Tatsachen hält. Häfen, die wir unterwegs ansteuern, sollen uns ermutigen, aus zarten Ideen gemeinsame Intentionen und konkrete Taten wachsen zu lassen.

Den Austausch dokumentieren
Im Vorfeld haben wir begonnen, Gespräche mit einer Reihe von inspirierenden und erfahrenen Menschen zu führen, die – jung und alt – das Projekt mit ihren Netzwerken, ihrem Rat und ihrer Weisheit unterstützen. Diese Gespräche sind auf unserer Internetseite dokumentiert und laden immer mehr Menschen dazu ein, sich an dieser Zukunftswerkstatt zu beteiligen. Die Fahrt ist also nur ein erster Schritt, mit dem wir den Austausch zwischen den Generationen, einen systemischen Blick, und gemeinsames Übernehmen von Verantwortung für unsere Welt unterstützen möchten. Weitere Kristallisationspunkte werden folgen, und wir haben viele Ideen, wie wir diese gemeinsam weiterentwickeln können. Auf der Lovis, online und in all den Gesprächen, die sich plötzlich in unserem Alltag ergeben, seit wir uns mit diesen Fragen auseinandersetzen.
Neues kann nur da entstehen, wo Mut zur Leere ist. Und Leere braucht Form. Dieses Paradox, das die Fahrt eines Segelschiffs auf dem Meer so wunderbar zum Ausdruck bringt, werden wir weiter erforschen. 


Benjamin Kafka (32) ist Mitbegründer von ­Impuls, der Berliner »Agentur für angewandte Utopien«. www.impuls.net

Mitsegeln und sich in die Gespräche einbringen:
www.youthandelders.org

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