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Gemeinschaftskinder

Lena Meier sprach mit Merle Feisel, Sonja Felkl und Karina ­Stützel über ihr Aufwachsen im Ökodorf Sieben Linden und ihre Pläne, in die Welt hinaus zu gehen und Gemeinschaft zu finden.

von Karina Stützel , Lena Meier , Merle Feisel , Sonja Felkl , erschienen in 14/2012

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Lena Meier Das Ökodorf Sieben Linden wird dieses Jahr 15 Jahre alt. Ihr seid oder werdet dieses Jahr auch 15. Wie ist das für euch, zu wissen, dass ihr euer ganzes Leben an diesem Ort gewesen seid?

Karina Stützel Mein ganzes Leben hier. Das stimmt. Irgendwie klingt das komisch. Mir gefällt es hier richtig gut. Aber ich muss auch irgendetwas Neues erleben, etwas ausprobieren. Als erstes möchte ich andere Gemeinschaften kennenlernen.

Sonja Felkl Von Freunden höre ich immer wieder, wie oft sie schon umgezogen sind. Das kenne ich nicht, ich bin nur im Ökodorf von einem Haus ins andere gezogen.

Merle Feisel Ich finde, es ist das Beste, in einer Gemeinschaft zu leben. Man hat immer Menschen um sich herum. Und hier gibt es nicht so viel Verkehr. Wir konnten schon als ganz kleine Kinder allein rausgehen, mussten nie Angst haben, dass uns was passiert. Wenn ich schwanger wäre, ich glaube, als erstes würde ich eine Gemeinschaft suchen.

LM Gibt es auch Dinge, die ihr im Ökodorf nicht so gut findet?

MF Ja, dass alle keine Zeit haben.

SF Das fängt ja bei uns auch schon an.

KS Und ich finde schade, dass hier so wenige Tiere leben.

SF Da gibt es dieses »Tierverbot« (Anm. d. Red.: Im Ökodorf Sieben Linden dürfen Tiere nur artgerecht und nicht zum Zweck der Schlachtung gehalten werden.) Sieben Linden ist in manchen Dingen ziemlich speziell.

KS Aber daran gewöhnt man sich. Ich hätte gerne mehr Gemeinschaftsaktionen. Schön finde ich immer, wenn wir mit einem Bus gemeinsam zu den Castordemos fahren.

LM Einmal im Jahr trifft sich die ganze Gemeinschaft für eine Woche, um sich auszutauschen und auch die inneren Themen der Menschen anzuschauen. Wie kam es denn, dass ihr jetzt an dieser Intensivzeit teilgenommen habt und euch mehr für die gemeinschaftlichen Prozesse interessiert?

MF Bei mir kam der Wunsch danach, als ich das erste Mal in der Gemeinschaft Tamera in Portugal war. Da hieß es von den Kindern dort: »Morgen können wir nichts mit dir unternehmen, denn wir machen Intensivzeit mit der Gemeinschaft und übernachten alle im Olivenhain.« Das fand ich total cool! Dadurch habe ich gemerkt, dass ich mir viel mehr Gemeinschaft wünsche, dass ich mir wünsche, in der ganzen Gemeinschaft zu Hause zu sein und nicht nur bei mir zu Hause.

LM Und wie waren eure ersten Erfahrungen in der Intensivzeit?

MF Karina und ich standen da in der Mitte, im Kreis der Gemeinschaft, und haben von uns erzählt. Ich war aufgeregt, aber es war auch total schön, da vor allen zu stehen und mit allen zu reden. Wir leben mit allen schon ewig zusammen, und ich hatte das Gefühl, jetzt lerne ich sie kennen.

KS Ich fand das so schön, mit allen im Kreis zu sitzen. Aber dann wusste ich plötzlich, dass ich hier nicht einfach nur sitzenbleiben kann und bin in die Mitte gegangen. Das war ein tolles Gefühl, alle sehen dich, du siehst alle, und du bist jetzt ein richtiger Teil der Gemeinschaft.

SF Während der Intensivzeit wurde auch ein Frauenabend angekündigt. Wir sind hingegangen und haben dort gemerkt, dass wir uns so etwas mehr wünschen.

MF Von anderen Orten kenne ich so eine Art »Frauenfeld«, eine Verbindung untereinander. Das habe ich in Sieben Linden bisher nicht gespürt und fand das schade. Ich dachte, das könnten wir hier auch machen, denn eigentlich ist es der perfekte Ort dafür.

LM Das klingt so, als würdet ihr die Menschen hier jetzt erst richtig kennenlernen. Wie ist euer Verhältnis zu den Erwachsenen?

MF Vor der Intensivzeit war es so, dass ich nur Kontakt zu meinen Eltern hatte und zu den Eltern meiner Freundinnen und Freunde. Ich esse ja fast nie »vorne« in den Gemeinschaftsräumen, weil wir eine eigene Küche haben. Dadurch habe ich die meisten nicht mitbekommen und fange jetzt erst an, mehr Kontakt zu suchen. Ich finde, hier gibt es viele total coole Erwachsene!

KS Es gab eine Zeit, da wollte ich die gar nicht näher kennenlernen. Ich weiß auch nicht, wieso. Aber jetzt will ich sie alle voll gerne kennenlernen und gucken, wie sie sind. Auch um zu schauen, was ich selbst eigentlich machen kann.

SF Ich kenne die Erwachsenen nicht so wirklich mit ihren Ecken und Kanten, nicht so, wie sie wirklich sind. Aber ich denke, das kommt jetzt mit der Zeit.

LM Und gibt es so etwas wie Vorbilder?

MF Viele, aber immer so kleine Teile. Es gibt jetzt keine Person, von der ich sage: »Wow, das ist mein Vorbild!«. Es ist eher so: »Das finde ich an der einen Person toll und an dieser etwas anderes«.

KS An einem so großen Haufen so unterschiedlicher Menschen lässt sich sehen und lernen, worin man alles gut sein kann.

SF Eigentlich kann man hier alles machen. Wenn ich Tischlerin werden will, gibt es genügend Handwerker. Oder wenn ich Gitarre oder Klavier lernen will, gibt es für jedes Instrument Lehrer.

MF Wir haben unsere Dance Company, unsere Musikschule …

LM Wenn ihr sagt, eure Eltern sind eure Hauptbezugspersonen – wie ist euer Kontakt zu ihnen?

MF Mittlerweile total gut. Früher war ich neidisch auf Sprotte von den »Wilden Hühnern« (aus dem Kinderbuch von Cornelia Funke). Ich dachte immer, anders als Sprotte würde ich meiner Mutter nie erzählen, wenn ich einen Jungen toll finde, nur meinen Freundinnen. Aber irgendwann habe ich angefangen, über so etwas mit ihr zu sprechen, und mittlerweile rede ich mit ihr über alles und sie auch mit mir. Mit Papa ist das genauso.

KS Ich habe auch ein recht gutes Verhältnis zu meinen beiden Eltern. Meinen Papa sehe ich so selten. Wir wünschen uns beide, dass wir uns öfter sehen, aber wir kriegen es trotzdem nicht auf die Reihe. Das finde ich sehr schade.

SF Ich habe auch ein gutes Verhältnis. Ich finde es toll, dass ich hier zu beiden Elternteilen Kontakt haben kann, obwohl meine Eltern getrennt leben. Ich wohne mit meiner Mutter in »Strohpolis«, mein Vater wohnt im »Südhaus«. Aber trotzdem können wir mal was zusammen machen, ohne dass es Streitereien gibt.

KS Früher habe ich im Nordhaus gewohnt, in unserer großen Nordhausfamilie. Das war so genial. Wir waren insgesamt sechs Kinder. Und die Erwachsenen waren alle irgendwie Mama und Papa. Zu jedem konnte ich gehen. Wenn ich zum Beispiel meine Mama gesucht habe, konnte ich zu Ute sagen: »Ich weiß nicht, wo meine Mama ist, ich hab Angst!« Dann hat sie mir geholfen.

LM Wie ist das mit euren Freunden? Kommen die hauptsächlich aus dem Ökodorf? Oder gibt es die auch außerhalb?

MF Ich habe, seit ich auf die Jeetzeschule gehe (die freie Ganztagsschule in Salzwedel), an verschiedensten Orten verschiedenste Freundeskreise. Aber langfristig werde ich zum Beispiel Sonja und Karina viel mehr in meinem Leben haben als die anderen.

SF In der Schule bin ich mal mehr mit der einen befreundet, dann verstehe ich mich wieder mit der anderen besser. Das ist hier zwar auch so. Aber ich habe das Gefühl: Wir halten mehr zusammen. Das ist beständiger.

KS Weil wir wie Geschwister miteinander aufgewachsen sind. Wir sind sehr unterschiedlich, aber auch wieder so richtig gleich, weil wir alle Gemeinschaftskinder sind.

SF und MF einstimmig Das würde ich auch so sehen.

LM Gibt es so etwas wie Gleichschaltung oder Gruppendruck unter euch?

MF Früher, wenn eine sich was gekauft hat, dann haben es sich alle gekauft. Das ist jetzt nicht mehr so, dass man dann blöd dasteht.

KS In Sieben Linden bin ich so richtig ich selbst. Im Gymnasium war das anders. Da habe ich mich oft geschämt, ein »Öko« zu sein.

MF In der Schule habe ich am Anfang immer versucht, meine schicksten Sachen anzuziehen. In der sechsten Klasse war es so, dass ich nicht von Anfang an von allen akzeptiert wurde, weil manche meinten: »Äh, Öko!«. Aber jetzt ist es so geworden, dass ich stolz darauf bin, wie ich bin, und ich sage vor allen: »Ich bin ein Öko, denn ich komm aus dem Ökodorf.«

LM Wodurch hat sich das geändert?

MF Ich bin durch verschiedene Sachen total selbstbewusst geworden. Das kam vor allem durch meine erste große Reise, auf der ich allein unterwegs war, und auch durch die Earth Lodge (ein Initiationsangebot für junge Mädchen). Ich habe gemerkt, wenn ich einfach dazu stehe, dann finden das alle plötzlich toll.

SF Ich war früher auch sehr schüchtern. Und als ich an die neue Schule kam, gab es immer welche, die meinten, sie sind total cool, wenn sie andere runtermachen. Ich als eine aus dem Ökodorf war da ein gefundenes Fressen. Dann hab ich mich natürlich mies gefühlt. Und dadurch, dass ich so wenig Selbstbewusstsein hatte, habe ich auch gedacht, das ist etwas Schlechtes.

MF Früher konnte ich nicht dazu stehen, weil ich auch dieses Bild hatte: Ökos sind so komische, ungepflegte Freaks. Natürlich wollte ich nicht so sein.

SF Als wir realisiert haben – da draußen ist »normal«, und hier die Sieben Lindener sind schon etwas anders – haben wir das ein bisschen übernommen, fanden zum Beispiel diese »Freie-Liebe«-Geschichte schräg. Wir wussten ja überhaupt nicht, was das ist.

MF Oder das Handyverbot. Die anderen haben alle zu Hause Handys an und haben dann gefragt: »Warum hast du mir nicht zurückgeschrieben?« – »Äh, ich darf das Handy im Ökodorf nicht anmachen.« Das klingt doof für alle anderen. Solche – ich sag jetzt mal – »Verbote«, wie »nur ökologisches Shampoo benutzen«. Alle hatten irgendwelche Super-Shampoos »Glanz und Volumen« – und wir hatten »ökologisch«, keine Ahnung, was für eine Marke das ist.

SF Man hat auch so eine Phase, in der einem alles peinlich ist, die Eltern, alles … Und dann kommst du ins Ökodorf, und die Leute tanzen »Contact Improvisation« am Dorfplatz! Dann denkst du nur: »Oh Gott, ist das peinlich!« Oder dass die Leute alle nackt baden.

LM Ihr seid jetzt von der Gemeinschaft eingeladen worden, im Impulskreis, in der Visionswerkstatt der Gemeinschaft, eure Ideen und Wünsche einzubringen. Wenn ihr Zauberkraft hättet, was würdet ihr dann im Ökodorf verändern?

MF Ich würde ein ganz cooles Jugendhaus zaubern, wo wir drei eine Mädchen-WG starten können. Jede hätte ein eigenes Zimmer, und in ein viertes Zimmer könnten wir dann alle unsere Klamotten reinschmeißen, damit wir Klamotten tauschen können.

SF Ein begehbarer Kleiderschrank!

KS Ich würde schauen, wer hier ist, um Gemeinschaft zu leben, und dann würde ich Aktionen starten, ganz viele. Wir könnten uns eine große Plane schnappen im Sommer und uns in den Wald legen. Oder mal wieder mit richtig vielen Leuten aus Sieben Linden irgendwo hinfahren. Es ist mir ziemlich egal, wohin.

MF Ich würde hammergern mal mit vielen Sieben Lindenern ein Haus mieten und dort gemeinsam Urlaub machen. Und wenn ich was herzaubern könnte, dann eine Riesenaula und einen riesentollen Tanzraum.

LM Wie stellt ihr euch denn eure Zukunft vor? Stellt ihr euch die hier in Sieben Linden vor?

SF Ich denke, ich werde erstmal weggehen. In ein paar Jahren, die Welt erkunden, was erleben und dann schauen, ob ich irgendeinen anderen schönen Ort finde, wo ich sein will. Ich werde auf jeden Fall dann öfter zu Besuch vorbeikommen, falls ich nicht wieder hierher ziehe.

KS Ich möchte erstmal noch hier sein, aber ich will auch raus in die Welt, in andere Länder – Leuten helfen und was erleben. Aber eigentlich hoffe ich, dass Mama hier noch richtig lange wohnen bleibt. Ich habe ein bisschen Schiss: Vielleicht habe ich 18 Jahre hier gewohnt und komme dann zu Besuch und kenne keinen mehr.

LM Und die Jugend-WG? Ist das nur ein Traum, oder wollt ihr das hier leben?

MF Grundsätzlich kann ich mir so eine WG schon vorstellen, wenn z. B. eine Wohnung frei wird, dann würde ich aus unserer Wohnung ausziehen.

SF Früher oder später. Jetzt bin ich noch ganz zufrieden damit, mit meiner Mutter zusammenzuleben. Aber irgendwann werden wir uns hier eine WG schnappen.

MF Wenn ich später mal eine Familie gründe, nur so Vater, Mutter, Kind, das möchte ich nicht. Ich würde mir dann lieber andere Familien suchen und mit denen in eine WG ziehen.

LM Kleinfamilie ist ja so ein klassisches Modell in unserer Gesellschaft. Wie seht ihr die Gesellschaft »da draußen«?

MF Manchmal bin ich schockiert. Meinen ganzen Freundinnen wird zum Beispiel verboten, zu ihren Freunden zu fahren. »Da könnte ja wer weiß was passieren!« Das Vertrauen zwischen den ­Eltern und den Kindern ist bei vielen gar nicht da. Und dann fangen die Kinder an, zu kiffen, oder sie besaufen sich auf Partys. Die machen das nur aus Frust oder aus: »Nehmt doch mal wahr, dass ich Scheiße baue!«. Oder wenn ich Mädchen mitbekomme, Freundinnen, die beschimpfen sich gegenseitig, so »aus Spaß« – und ich habe das Gefühl, die sind so verklemmt miteinander. Ich finde schlimm, wieviel gelästert wird. Das ist bei mir ganz anders. Es bringt ja nichts, sich zu verstellen. Dann hat die Freundschaft schon wieder an Wert verloren.

SF Ich habe da Ähnliches mitbekommen. Ich habe aber auch kein Problem damit, wenn andere anders leben. In der fünften und sechsten Klasse hatte ich so eine Dreier-Freundinnen-Clique. Eine kam von einem totalen Hippie-Freak-Hof, und die dritte lebt auf einem Bauernhof, der schon ewig im Besitz dieser Familie ist. Total unterschiedlich, aber das hat überhaupt keine Rolle gespielt.

MF Ich habe einen Kumpel, mit dem rede ich ganz oft, weil er im gleichen Bus fährt. Wir kritisieren uns dann gegenseitig die ganze Zeit, weil wir so verschiedene Ansichten von der Welt haben, dass ich ihn überhaupt nicht verstehe und er mich nicht. Das macht Spaß und ist spannend. Ernste Freundschaften sind aber schwierig. Es geht mir öfter so, dass ich Leute kennenlerne und dann nicht weiß, was wir zusammen machen sollen.

SF Wenn wir in eine andere Gemeinschaft kommen, verstehen wir uns dort mit den Gleichaltrigen total super, man hat die gleichen Ansichten.

LM Was findet ihr richtig schön und interessant in der Gesellschaft »da draußen«?

MF Ich finde es beeindruckend, wenn zum Beispiel ein Hof über Generationen immer weitergegeben wird. Viele von meinen Freunden wissen, dass sie den Betrieb von ihrem Vater übernehmen werden. Ich stehe zwar nicht so ganz auf dieses extrem Sesshafte, aber bewundere das.

SF Ich denke, es kann schön sein, mit seinen Eltern, Geschwistern, Großeltern zusammen zu leben.

LM Viel Geld verdienen, Karriere machen – sind das keine erstrebenswerten Ziele für euch?

MF Viel Geld verdienen, vielleicht um zu reisen oder um tolle Projekte zu machen. Aber im Geschäftsleben zu sein, im Anzug und so rumzurennen, das ist nicht das, was ich anstrebe.

SF Das Wichtigste ist mir, dass es mir gut geht, dass ich zufrieden bin mit dem, was ich mache, Geld hin oder her.

KS Ich möchte gerne überleben können mit dem Geld. Aber ich möchte nicht mein Leben darauf aufbauen. Till, der neunjährige Junge in meinem Haus, kam kürzlich rein, als ich »Sims« gespielt habe. Bei diesem Spiel muss man sich Charaktere aussuchen. Es ging um die Frage, ob er berühmt sein will. Er meinte: »Ja, oder hängt damit zusammen, dass man viel Geld verdient? Ach nee, dann muss ich das nicht unbedingt werden.«

LM Was ist denn euer schönstes Bild von euch selbst, wenn ihr euch in zehn Jahren seht?

MF Mit 25 werde ich anfangen, mich umzusehen, ob ich irgend­wo sesshaft werden will. Auf jeden Fall möchte ich in einer Gemeinschaft sein. Vielleicht werde ich in verschiedenen Gemeinschaften so etwas machen, wie hier die Lebensschule (eine Orientierungszeit im Ökodorf für junge Erwachsene).

KS Ich stelle mir vor, dass ich dann anfange, ernster auf das Leben zu schauen. Bis dahin möchte ich noch ein bisschen frei sein und schauen, was kommen soll.

SF Mein schönstes Bild wäre, zu wissen, was ich will, schon was erlebt zu haben, glücklich zu sein. Offen auf das Leben zuzugehen.

MF Ich möchte dann für mich etwas gefunden haben, wo ich meine ganze Energie reingeben kann. Ob es vielleicht schon eine angehende Familienplanung ist? Oder ob es ein Projekt ist, wo ich mich bei irgendeiner Organisation engagiere und helfe, oder ob es ein Hausbau ist … irgendetwas, wo ich total meine Energie ­hineingebe.

LM Habt ihr Sorgen in Bezug auf die Zukunft?
MF Ich habe Angst, dass alles viel zu schnell vorbeigeht. Ich frage mich immer, warum ich etwas tue und welche Folgen es hat. Ich habe Angst davor, dass ich vielleicht Entscheidungen treffe, mit ­denen ich nicht glücklich bin.

KS Ich denke oft darüber nach, was die Menschen hier auf der Erde sollen. Wieso bin ich nicht in irgendeinem anderen Körper ­gelandet? Wieso genau hier? Es muss ja alles irgendeinen Grund haben. Und den suche ich noch. Und ich weiß nicht, ob ich den finden werde.

SF Meine Angst ist, dass ich irgendwann dasitze, mein Leben an mir vorbeizieht, ich nichts auf die Reihe bekommen habe und irgendwelche falschen Entscheidungen getroffen habe. Auf einem Job sitze, der mir nicht gefällt. Manchmal vermisse ich Früher: ­Sorgenlos durch die Wiesen zu springen, Pferdchen zu spielen, ­Hexen spielen usw. Jetzt sind wir so eingespannt von der Schule, schon so verplant.

MF Ich habe manchmal Angst, dass wir als Freundeskreis irgendwann auseinanderfallen. Dass wir uns fremd werden. Ich glaube, wir werden immer Kontakt haben. Wir werden immer wissen: Wir sind zusammen aufgewachsen. Aber wenn wir vielleicht alle andere Projekte haben und unsere Freundschaft nicht mehr so pflegen können, fände ich das total schade.

SF Aber zum Glück liegt das ja in unserer Hand.

LM Das ist doch mal ein tolles Schlusswort! Vielen Dank. Es hat mir viel Spaß gemacht. 

 


Merle Feisel (15) lebt seit ihrem zweiten Lebensjahr mit ihrer kleinen Schwester Anouk, ­ihrer Mutter Ute und ihrem Vater Ralf im Ökodorf Sieben Linden. Sie geht in die neunte Klasse der Jeetzeschule, einer freien Gesamtschule in Salzwedel. In ihrer Freizeit tanzt und malt sie viel und lernt gerade Gitarrespielen.

Sonja Felkl (14) ist in Sieben Linden geboren. Vier Monate vor ihrer Geburt haben ihr Vater Dieter Halbach und ihre Mutter Corinna Felkl den Standort für das Ökodorf Sieben Linden ­gefunden. Ihre 30-jährige Halbschwester Mara wohnt in ­Berlin. Sonja geht in die achte Klasse der Jeetzeschule. Ihre Hobbys sind Musik­hören, Tanzen, Fotografieren, Lesen und vieles andere, und sie trifft sich gern mit ihren Freunden.

Lena Meier (27) stammt aus Ostberlin und ist in der Gemeinschaft »Lernwerkstatt Niederstadtfeld« aufgewachsen (siehe Oya Ausgabe 2). Seit 2009 lebt sie im Ökodorf Sieben Linden. Dort engagiert sie sich im Sozialrat und begleitet unter anderem die Kinder und Jugendlichen in ihren Prozessen. Als Schulsozialarbeiterin ist sie in einer Förderschule in Salzwedel tätig.

Karina Stützel (14) wohnt schon ihr ganzes Leben im Ökodorf Sieben Linden. Sie ist die Tochter von Eva Stützel und Dirk Grossmann. Am liebsten unternimmt sie etwas mit ihren Freunden, wie gemeinsame Radtouren. Besonders gerne spielt sie Gesellschaftsspiele. Karina ­besucht die achte Klasse der Jeetzeschule.