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Es muss kein Schornstein sein

Nicholas Czichi-Welzer porträtiert die Abiturientin Leonie W. Leonie lebt mit ihrer Mutter, einer Sozialpädagogin, und ihrer fünfzehn­jährigen Schwester in einem der naturreicheren Teile von Hannover. Sie gehört zu den Schülerinnen und Schülern, denen dieses Jahr das Zentralabitur bevorsteht, ­einheitlich für ganz ­Niedersachsen. Wie alle jungen Leute in dieser Situation macht sie sich jetzt ­Gedanken, was nach dem Abitur kommt. Fest steht: Sie möchte etwas verändern.

von Nicholas Czichi-Welzer , erschienen in 14/2012

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Sie ist die Tochter einer der Gründer von Robin Wood. Die ­Tochter von jemandem, der irgendwann einmal genug davon hatte, tatenlos zuzuschauen, wie die Menschen die Welt für ein paar Rohstoffe ausquetschen. Die Mitarbeiter von Robin Wood, die sich speziell dem Schutz der nahen und fernen Wälder verschreiben, sind bekannt für spektakuläre Aktionen – Baum- und Schornsteinklettern, konsequenter persönlicher Einsatz für die Ziele. Eine solche Herangehensweise erschien ihnen am effektivsten. Und wie verhält es sich mit der Generation, die erst in den 90ern das Licht und die Schatten der Welt erblickte? Wie sieht ihr Einsatz aus? Meine Begegnung mit Leonie W. fand, zugegeben, nicht an einem Schornstein hängend statt. Ihr Zimmer erschien mir passender: Es ist weniger hoch und weniger gefährlich.

Leonies Zimmer sieht ungefähr so aus wie meines. Ein kalter Kaffee steht herum, für den wohl mal wieder keine Zeit blieb in dieser 33-Stunden-netto-Schulwoche. Netto, weil ohne die Arbeitsstunden zu Hause gerechnet. Es ist nicht mehr weit bis zum 21. April, zum Beginn der Abiturprüfungen, denen alle Welt so eine gigantische Bedeutung zumisst. Leonies Regale platzen vor Abiturmaterial. Die Schule kommt mit nach Hause und macht sich breit wie ein Gast, der nicht so richtig wieder gehen möchte.

»Das Kultusministerium macht es einem schwer, noch außerschulisch zu lesen. Ich lasse mich trotzdem nicht davon abhalten, aber ich brauche schon länger für die Bücher als vor zwei Jahren«, erzählt Leonie. Vor der Abi-Zeit hat sie noch alles verschlungen, ob Buch, Zeitung oder Zeitschrift. Jetzt bleibt kaum Zeit dazu. Die Nachrichten holt sie sich aus dem Internet, das geht schneller. Doch nicht nur Lesegewohnheiten verändern sich mit jedem neuen Schuljahr. Früher konnte Leonie nicht nur Freunde, sondern auch ihren Vater öfter besuchen, der leider nicht um die Ecke wohnt. Es lässt uns keine andere Wahl, dieses Abitur. Dieses Etwas, das testen soll, ob wir geeignet sind, in ein paar Monaten mit viel zu vielen anderen in einem Hörsaal zu sitzen und Geld dafür zu bezahlen, später in diesem Land arbeiten zu können. Das ist zumindest meine Meinung dazu, Leonie ist mit dieser Definition nicht ganz einverstanden. Viel wichtiger ist aber die Frage, was kommt danach? »Was machst du denn so nach der Schule?« Das fragen sie alle, ob Erwachsene oder Jugendliche, Freunde oder Familie. Anfangs ist die Antwort nur ein Alibi, aber wenn man Pech hat, verfestigt es sich zu einer Absicht: Tiermedizin in Göttingen. Oder so.



Entscheidungen für die Zeit danach

Leonie hat jedenfalls einen Plan. Sie will im September nach San Francisco. Nachdem sie lange bei ihrer Mutter gewohnt hat und ihren Vater nicht so häufig sehen konnte, möchte sie ihn für ein paar Wochen in den USA besuchen. Sie war vorher schon mal sechs Wochen lang mit ihm auf einem anderen Kontinent, in Australien. Die Reisen ihres Vaters steuern inzwischen nicht mehr Schornsteine an, die er besetzen will. Er ist jetzt Professor für Software und neue Medien und arbeitet zeitweise in anderen Ländern, dieses Jahr eben an der Universität Berkeley in San Francisco. Eine Gelegenheit für Leonie, einen Blick über den großen Teich zu werfen. Danach möchte sie ein halbes Jahr im Ausland bleiben, die Welt sehen und Erfahrungen sammeln. Vielleicht mit einer Freundin »Work and Travel« machen. »Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich dadurch mit der Studienfachfrage weiterkomme«, überlegt Leonie. »Mir ist es wichtig, keine vorschnellen Entschlüsse zu fassen, sondern eine reife Entscheidung zu treffen.«
Zeit haben, etwas reifen zu lassen … Wir Schüler haben kaum etwas anderes als sterile Klassenräume und graue Pausenhöfe gesehen. Früher war Zukunft irgendwas nach der Schule, Ende der fremdbestimmten Quälerei, irgendwie Freiheit und Autonomie. Jetzt ist sie plötzlich die beunruhigende Zeit danach. Falle ich nach dem Abitur in ein gähnend schwarzes, unheimliches Loch aus Unlust und Unwissen, aus dem ich womöglich nur schwerlichst wieder herauskomme? Meine Antwort auf die so oft gestellte Frage nach dem Danach, würde ich, wenn Sie es nicht weitersagen, so formulieren: »Mir selber in den Arsch treten, um nicht vor lauter Unterfordertheit zu vergessen, wie man Ziele in Angriff nimmt. Und um gar nicht erst zu vergessen, wie das geht, sich selbst in den Arsch zu treten.« Aber irgendwann wird eine Entscheidung anstehen. Schließlich wollen wir jungen Leute nicht mittelmäßig in allen möglichen, ständig wechselnden Arbeitsstellen herumwesen, sondern einen Job finden, der uns Spaß macht und für den wir begabt sind. Und das ist schon wieder der Anfang Tausender Fragen: Gehe ich in die Politik? Werde ich Künstler? Journalist? – Ähm …


Leonie interessiert sich für Erdkunde, Soziologie, Politik, Literatur, Psychologie und Sport, und das ist noch längst nicht alles. Wie sie das unter einen Hut kriegen soll, weiß sie noch nicht so richtig. »Studium totale«, alles was einen interessiert, das wär’s. In Wirklichkeit verbaut einem aber die erste falsche Wahl wahrscheinlich die nächste richtige. Schwierig. Leonie sieht eine Möglichkeit:


»Vielleicht wäre Journalismus das Richtige, da könnte man ja von einer Sparte in die andere wechseln.« Jedenfalls: Sie würde gerne etwas verändern an der heutigen Gesellschaft. Wie wär’s mit Wirtschaft? Dort sollen gute Ideen die Chance haben, sich durchzusetzen. Innovationen werden belohnt, und die könnten ja auch etwas für die Weltrettung sein und nicht nur für »größer, schneller, besser«. Also soziale Unternehmerin werden? Leonie meint, es sollten mehr staatliche Gelder in die Erforschung von regenerativen Energien investiert werden. Jedenfalls bietet die Marktwirtschaft ihrer Meinung nach Chancen, wenn man versucht, neue Wege zu gehen.


Den Weg, mit dem ihr Vater als junger Mensch die Welt verändern wollte, sieht sie hingegen kritisch. Protest bekommt bei ihr nicht viel Zuspruch: »Die Demos verkommen oft zu reinen Events.« Leonie glaubt, viele Jugendliche machten nur mit bei Occupy oder Demos gegen ACTA, weil es cool ist – eine sich bewegende Party mit ein paar Schildern. Nicht schlecht eigentlich, aber auch nicht gerade wirkungsvoll. Ausgerechnet die politisch Interessierten schreckt solcher Party-Protest Leonies Meinung nach eher ab, sie selbst übrigens auch. Sie möchte sich nicht mit der Polizei prügeln, dadurch verhindert man ja nicht, dass ein Gesetzesentwurf durchgebracht wird. Petitionen erscheinen ihr wirkungsvoller, und die könne man auch zu Hause ausfüllen. Ich frage Leonie, warum Jugendliche kaum mehr ein politisches Herzensanliegen haben. Sie meint, dass unsere Generation eine Egal-Haltung entwickelt habe. Es dröhne so viel auf uns ein, Klimawandel, Wirtschaftskrise, Euro-Rettung, aber komischerweise spüren wir in unserem Alter in diesem Land nichts davon. In Spanien ist jeder zweite Jugendliche arbeitslos. Aber hier? Warum gegen etwas ankämpfen, was noch gar nicht am eigenen Leib spürbar ist?



Informationsflut

Damit wir als Schüler eine wirklich differenzierte Meinung in jedem gesellschaftlichen Bereich entwickeln könnten, bräuchten wir 48-Stunden-Tage. So müssen wir uns zwischen flachem Breitbandwissen oder wirklichem Informiertsein in nur einigen Gebieten entscheiden. Wie soll man da auf eine Lösung für komplexe Probleme kommen? Die Generation Internet weiß durch PC und Handy von jeder Krise, kaum dass sie angefangen hat, doch sie kann sie nicht überdenken, weil schon die nächste mehr oder minder katastrophale Nachricht eintrifft. Diese Flut an Informationen reißt nicht nur die Freude am Informiertsein mit sich, sondern auch die eigenen, individuellen Probleme, für die sich kein anderer mehr so richtig interessieren mag und kann. Kein Wunder also, dass die Leute ihr halbes und manchmal auch ganzes Privatleben in sozialen Netzwerken offenlegen, um wenigstens ein »Like« oder einen Kommentar zu bekommen, wenn ihnen sonst schon keiner zuhört.


Aber merken nicht alle Generationen, dass die Zukunft nicht mehr das ist, was sie mal war? Vielleicht klappt es mit Konsum und Wohlstand künftig nicht mehr. Der Lack ist ab im Euroland, und wir wissen noch lange nicht, was diese »großen« Vorgänge für uns »kleine« Bürger bedeuten. Mir ist etwas unheimlich bei der Aussicht, bei Professoren zu studieren, die ihre Lehrmeinungen im letzten Jahrhundert entwickelt haben. In Heidelberg haben Studenten eine Initiative »Postautistische Ökonomie« gegründet, weil es ihnen beknackt vorkam, inmitten der verschärften Eurokrise von ihren Professoren dieselben Vorlesungen zu hören, die diese schon vor zwanzig Jahren gehalten haben. Was hat Wissenschaft heute überhaupt noch mit dem zu tun, was da draußen vor sich geht? Wie wär’s also mit: Selber denken?



Politisches Werkzeug Internet

Die großen Krisen und der Protest der kleinen Bürger wirken auf viele wie der Kampf zwischen David und Goliath. Aber: Wer hat den gewonnen? »Zur Veränderung bestehender politischer und ökonomischer Strukturen, in denen z. B. Konzerne unbekümmert knappe Ressourcen ausbeuten, bietet sich auch der trägen jungen Generation eine Lösung an: das Internet«, meint Leonie. Wenn es politisch wird, da sind Leonie und ich einer Meinung, entwickelt sich Zusammenhalt nämlich genau dort, in diesem riesigen Kommunikationsuniversum, das die Mächtigen nicht kontrollieren können, es ist das am weitesten verteilte Mittel zum Kampf gegen die Despoten des 21. Jahrhunderts. Über Syrien wissen wir hauptsächlich etwas, weil es Handy-Kameras gibt.
Leonie erwähnt das Kampagnen-Netzwerk »Avaaz«, das regelmäßig auf politische Probleme und Konfliktfelder aufmerksam macht. Angefangen hat es als Projekt einer kleinen Gruppe, inzwischen zeigt es vielen, insbesondere jungen Menschen, Möglichkeiten, gegen Missstände vorzugehen. Die Seite hat ein simples, modernes Design und wirkt wie zugeschnitten auf die heutige Internetgemeinschaft. Die Erfolge von Avaaz zeigen stellvertretend, dass das Internet die wahre Waffe dieser Generation ist.


Leonie ist sich allerdings auch im Klaren darüber, dass man mit einem Laptop keine Gebäude besetzen oder gar Regierungen stürzen kann. Aber man kann die nötigen Schritte dafür in die Wege leiten, sich organisieren, Leute zusammentrommeln. Wenn die Menschen sich dann erstmal als Teil einer Gruppe sehen, in der sie sich stark fühlen, sind sie auch bereit, analog Taten sprechen zu lassen und auf die Straßen zu gehen. Auf Schornsteine klettern muss man dann im Endeffekt wohl trotzdem, aber es gibt mehr Rückhalt, und es ist effizienter organisiert. Das Gemeinschaftsgefühl und das Bedürfnis, etwas zu erleben, müssen nicht in sinnlosen Scheinaktionen münden, sondern können genutzt werden, indem man Zukunftsgestaltung ­attraktiv macht, nicht nur durch Ziele allein, sondern durch die Aufmachung und die Möglichkeit der direkten Partizipation.
Das ist es wohl, was Leonie W., ich und noch ein paar Millionen weitere Jugendliche hoffentlich im Kopf behalten, wenn wir jetzt unseren Lebensweg selbst in die Hand nehmen. Um irgendwann auch etwas ins Leben rufen zu können oder Teil von etwas zu sein, was Politik, Wirtschaft und Umwelt in eine zukunftsfähige Balance bringt. Etwas, an dem sich nicht nur jeder beteiligen kann, sondern auch beteiligen will. Bis keiner mehr auf Schornsteine klettern muss, weil wir sie abschaffen. 



Nicholas Czichi-Welzer (18) ist angehender Journalist. Nach dem Abitur möchte er in Berlin während eines politischen oder kulturellen Jahres sein Studienfach finden. Er beteiligt sich am ­Projekt www.futurzwei.org, das sein Vater Harald Welzer betreibt. n.czichi-welzer_ät_gmx.de

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