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Lautere Leute

Das Beelitzer Wohnprojekt »Lauter Leben« gibt der Lebendigkeit Vorfahrt.

von Lea Gathen , erschienen in 13/2012

Wo kann man das noch, lauter leben? Wo haben Kinder jede Menge Platz und dürfen nach Herzenslust abenteuern und toben? Wo lebt man auf Tuchfühlung mit der Natur und nimmt sich Zeit füreinander? Im Dorf Kanin bei ­Beelitz, Landkreis Potsdam. Das Wohnprojekt »Lauter Leben« versucht, zu leben, wovon viele träumen. Einen Tag lang nahm Lea Gathen am Leben der Gemeinschaft teil.

»Klong, klong«, vertreibt ein Klopfgeräusch die Stille. Frieden hatte sich zwischen bedruckten Papierbögen, Pinseln, Wasserbechern und verstreuten Kartoffelhälften eingenistet. Ganz vertieft war Lasse darin, eine neue Stempelform aus der Kartoffel herauszuschnitzen. »Klong, klong«, da ist es wieder, gläsern-metallisch. Jetzt hebt der Vierjährige den Kopf und blickt auf zwei kleine Gestalten. Aus Schneeanzug und Schalmütze schauen nur die Gesichter mit den glühenden Wangen hervor. Ihre Nasen drücken sich an den Scheiben platt. Zoé und ihr jüngerer Bruder Rune sind gekommen, um Lasse zum Spielen zu holen.
Ein saniertes Bauerngut ist der Schau­platz des täglichen Lebens der Gemeinschaft, ehemalige Stallgebäude umarmen einen Innenhof mit Wiese. Vier Familien leben hier mit ihren großen und kleinen Kindern, unter drei Dächern sieben Erwachsene und sechs Kinder. Oder auch: »eine Gemeinschaft«. Es begegnet einem oft an diesem Ort, dieses Wort »gemeinsam«. Wenn Hanno Biogemüse aus dem gemeinsamen Vorratskeller holt, weil am Wochenende immer für alle gekocht wird. Oder wenn Friederike nach draußen schaut, wo ein Grillrost im Novemberwind schaukelt und vom Sommer erzählt. »Da sitzen wir bis in die Nacht zusammen draußen.« Es gibt ein Planschbecken für die Kinder, und manchmal holen sie Beamer und Klappstühle hervor und laden zum Hofkino ein.
An diesem herbstlichen Samstagnachmittag bilden sich im Innenhof kleine Grüppchen. Die Erwachsenen tauschen sich aus, auf einem klapprigen Tisch werden selbstgebackene Plätzchen, Milchkaffee und Kinderpunsch zusammengetragen. Kaffee, Kuchen, Herzlichkeit – wie vor zwei Jahren, als Hanno und Friederike das Wohnprojekt zum ersten Mal besuchten. »Keinen Bock mehr« habe sie damals gehabt »auf enge Stadt«. Mit Hanno hatte Friederike in Hamburg gelebt, beide studierten. Dann kam Sohn Toke. Jetzt sind beide Ende zwanzig, und ihre Heimat heißt Kanin. In der Mittelmark, wo es Badeseen gäbe, »die kaum wer kennt«, und Kiefernwälder, überwuchert von weichem Moos. Die Schattenseite der ländlichen Idylle: Für die Arbeit müssen die beiden nach Berlin und Potsdam pendeln.

Hof-Alltag
Im Hof wird das Leben langsam lauter. Auch »die Kleinen«, Toke und Linchen sind jetzt wach. Drei Kinder erklettern das Schiff in der Mitte des Hofs. Sein Bauch aus Holzbrettern dick wie Planken, die Bugnase stößt in eine Sandkuhle zum Spielen, als wäre es einfach so angespült zwischen Streichelzoo und Baumschaukel. An Deck auf zwei Metern Höhe stehen kleine, in Schneeanzüge vermummte Kapitäne, ihre Schreie wie bei Windstärke acht auf hoher See. Hanno schaut zu. Zwischen Windelwechseln und Breifüttern hat er den Spielplatz während seiner Elternzeit gebaut.
Im Durcheinander von spielenden Kindern und Gesprächen der Erwachsenen stehen plötzlich Neuankömmlinge im großen Hoftor. Hofhund Emma bellt, obwohl sie diese Menschen kennen müsste: Johanna und Micha aus Zehlendorf im Speckgürtel Berlins sind zu regelmäßigen Besuchern geworden. Schon im Dezember wollen sie mit Sohn Marian einziehen.
Bewegung in der Zusammensetzung ist nichts Neues für Kai und Nicki. Sie verliebten sich vor fünfzehn Jahren in das Gut, kauften es und bauten es in Eigenregie aus. So konnten weitere Familien einziehen. Nach Jahren als Vermieter wünschten sie sich, Verwaltung und Verantwortung zu teilen. Die Idee einer Genossenschaft entstand und wurde durch den Verkauf des Hofs 2009 verwirklicht. Micha und Johanna werden nun bald offizielle Mitglieder sein. Dafür zahlen sie 250 Euro pro Quadratmeter als Einlage in die Genossenschaft. Hinzu kommen monatlich Miete, Nebenkosten und Geld für die Sammelbestellung beim Bio-Großhandel. Laufende Aufgaben wie Mülldienst und Instandhaltung der Autos rotieren unter den erwachsenen Mitgliedern. Organisationsarbeiten, von der Buchhaltung bis hin zum Vorstand, wechseln nach dem gleichen System.
Nähe und Gemeinschaft bringen auch Konflikte mit sich. »Das muss dann schon auf den Tisch, auch wenn es manchmal länger dauert, bis sich alle ausgesprochen haben«, redet Stephi gegen den Wind an, der ihr Strähnen aus dem Pferdeschwanz weht. Die Dreiunddreißigjährige lebt hier mit Partner Joh und Tochter Linchen. Hanno neben ihr nickt zustimmend: »Man muss Energie reinstecken, damit die Dynamik stimmt.« Neulich zum Beispiel, da haben sie sich neben dem Orga-Plenum die Zeit genommen für ein »Befindlichkeitsplenum«. Es ging um Erziehung, um den Konflikt zwischen zwei Kindern – »oder vielmehr zwischen den dazugehörigen Eltern«, erzählt Friederike. Die Frage stand im Raum, inwiefern man im täglichen Gemeinschaftsleben andere Kinder miterziehen darf und ab wann es alleinige Aufgabe der Eltern ist. Es ist nicht das erste Mal, dass Derartiges thematisiert wird. Vom konkreten Fall gehe es meist zu einem allgemeinen Austausch über, »so dass eigentlich jeder Anregungen und Erkenntnisse für sich herausziehen kann«, meint Friederike. Die Bearbeitung von Konflikten nimmt bei »Lauter Leben« bewusst Ressourcen in Anspruch. Als es in einer Familie kriselte, beschlossen sie im Plenum, einen Mediator zur Hilfe zu nehmen. Die Kosten dafür wurden unter den erwachsenen Mitgliedern geteilt. Es ist ganz offensichtlich: Die Bewältigung der alltäglichen Herausforderungen und der ­Gemeinschaftsaufbau bestimmen zur Zeit entscheidend das Leben der Gemeinschaft.

Scheunen-Träume
Heute Abend soll es ein Feuer geben. Ein Grüppchen mit mehr Kindern als Erwachsenen hat sich den Bollerwagen geschnappt, um Holz zu sammeln. Ein paar Minuten in Kinderstiefeln, schon liegt Kanin samt seinen 300 Einwohnern im Rücken der Sammlerinnen. Die Wagenräder holpern über den Pfad. Pappeln ragen rechts und links in den weiten Himmel. Das Sägevergnügen wartet in Form von Ästen am Wegrand. »Rutsch, ratsch« macht der Fuchsschwanz, und bald ist der Wagen voll. Langsam senkt sich die Dämmerung über die Felder mit Spargelreihen bis zum Horizont. Gelb ragen die Stümpfe in den von glühenden Bändern durchzogenen Abendhimmel. Auf dem Platz vor dem Hoftor stehen drei Autos. Von innen lehnen Fahrtenbücher gegen die Frontscheiben: das Car-Sharing von »Lauter Leben«. Auf die Bänke des roten Busses schieben sich werktags jeden Morgen fünf Kinder. Eine halbe Stunde Fahrt, in der sich Morgengrau und Asphalt vermischen, dann sind sie in Potsdam, wo Waldorfschule und Kindergarten liegen.
Um halb sechs brennt das Feuer. Holzknistern und flackernde Flammen. Keine zehn Meter dahinter, im Schatten verborgen, liegt die Scheune, die den Hof zu den Feldern abgrenzt. Ein abgewetzter Perserteppich geleitet hinein in den Ort, wo die Träume der Gemeinschaft auf das Tageslicht warten. Bald schon soll eine Glasdecke die Mitte hell durchfluten, vier Wohneinheiten werden ein Atrium umgeben. Kaminöfen sollen die zwischen 70 und 130 Quadratmeter großen Wohnungen wärmen und in der neuen Großküche für die Gemeinschaft gekocht werden. In thematischen Arbeitskreisen haben sie geplant und gebrütet, durchdacht und diskutiert. Ökologisch sollte es sein, aber auch bezahlbar. Einfach, und doch allen Bedürfnissen gerecht werden. Jetzt liegen die Pläne für Wohnungen, für Tonstudio und Gemeinschaftsraum auf großen Papierbögen vor. Die Finanzierung ist in Aussicht, nur die passenden Bewohnerinnen und Bewohner fehlen noch. Seit einem Jahr suchen sie nach neuen Familien, die Teil der Genossenschaft werden wollen, doch bislang haben nur Johanna und Micha angebissen. Und das, obwohl viele Interessierte zum monatlichen Tag der offenen Tür kamen. Die meisten hätten eher eine romantische Idee vom Leben in Gemeinschaft auf dem Land, ohne sich tiefer damit auseinandergesetzt zu haben, deutet Nikis Schwester als mögliche Ursache an.
Draußen am Feuer verglühen langsam die letzten Pappelzweige. Im Halbkreis um das Glimmen der Feuerstelle liegen die Wohngebäude. Toke schläft, wo früher Pferde wieherten, Linchen, wo einst die Schweine im Stroh lagen. Und auch im Haupthaus verlöschen die Lichter der Kinderzimmer. Für ein paar Stunden herrscht Ruhe am Ort der lauten Lebendigkeit. 
 

Lea Gathen (21) machte ein Jahr Freiwilligendienst in der internationalen Gemein­schaft Auroville in Indien und studiert heute Umweltwissenschaften in Lüneburg, wo sie in einer Mehrgenerationen-Wohngemeinschaft lebt.

Erste Eindrücke von Lauter Leben:
www.lauter-leben.de