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Lust und Last der freien Liebe

Die einen elektrisiert es, den anderen macht es Angst – das Wort von der »freien Liebe«. In vielen Gemeinschaften bewegt es buchstäblich die Gemüter. Wolfram Nolte blickt zurück und resümiert.

von Wolfram Nolte , erschienen in 13/2012

Simon Schramm folgte bei seinem Gemeinschafts-Hopping den Spuren der »freien Liebe«. In seinem Bericht hat er widersprüchliche Erfahrungen dargestellt. Er hat erkannt, dass die Herausforderungen der freien Liebe viel komplexer sind als dieser Slogan suggeriert.

Gehen wir doch einmal den Fragen nach: Warum verlieren viele Liebesbeziehungen nach einiger Zeit ihren freudigen Glanz? Ist die »freie Liebe« tatsächlich das Zukunftsmodell für eine freiere und liebevollere Beziehung zwischen den Geschlechtern? Was ist überhaupt mit »freier Liebe« gemeint? Ist Liebe denn nicht immer frei, weil es sonst eben keine Liebe wäre?
Offenbar fühlen sich die meisten Menschen nicht frei oder erfüllt in ihren Liebesbeziehungen, sonst würde sie das Thema »freie Liebe« nicht so erschrecken oder faszinieren. Meist gehen ihre Assoziationen jedoch nicht über sexuelle Phantasien mit vielen Partnern hinaus.

Ohne Angst und Dogma
Die »freie Liebe«, wie sie von Gemeinschaftsforschern wie Dieter Duhm gemeint ist, fokussiert jedoch nicht auf die Quantität der Liebespartner, sondern primär auf eine andere Qualität der Beziehung zwischen Mann und Frau, die durch Offenheit und Vertrauen gekennzeichnet ist, in der Partnerschaft und erotische Kontakte zu anderen möglich sind. »Freie Liebe« kann also nicht auf beliebige oder viele Sexualkontakte reduziert werden, sondern bedeutet primär: »Lieben ohne Angst und ohne Dogma«. Es gibt kein »Du musst«, sondern nur ein »Du darfst« – wenn du es mit Liebe tust. Insofern ist »freie Liebe« eigentlich eine spirituelle Disziplin, ein innerer Kompass, der in Richtung Achtsamkeit und Empathie zeigt und dem zu folgen erlernt werden muss. Zu erfühlen: Was will ich in dieser Situation wirklich, und wie kann ich das mit meinem Partner, meiner Partnerin kommunizieren?
Warum ist das so wichtig? Die Dramen unseres erotischen Lebens – abgebildet in der unendlichen Fülle an Romanen, Filmen und Fernsehserien – leben von dem scheinbaren Dilemma, dass der Mensch sowohl Sicherheit und Geborgenheit als auch Abenteuer und Abwechslung will – dass er aber nur einen Partner lieben darf. Schon immer hat der Mensch mehr oder weniger heimlich diese Moralgebote überschritten, und oft sind Trennung, Hass und Rache die Folgen.
Die Komplexität der menschlichen Bedürfnisse und Gefühle verlangt nach neuen Lebensformen, in der sowohl Partnerschaft als auch erotische Freiheit gelebt werden können, ohne dass Freundschafts- und Liebesbande zerrissen werden.

Langer Lernprozess
Es gibt viele Gemeinschaften, die sich seit Jahren mehr oder weniger bewusst dieser Herausforderung stellen. Dabei wurden wertvolle Erfahrungen gesammelt und neue Methoden gefunden, mit diesen intimen Themen umzugehen.
Wie Simon Schramm beschreibt, kann eine offene Beziehung größte Glücksgefühle ermöglichen. Ich kann das bestätigen: Eine ungeheure Weite tat sich auf, meine Freundin verließ mich nicht, obwohl sie mit einem anderen Mann zusammen war, und sie konnte sich mit mir freuen, wenn ich glücklich mit einer anderen Frau war. Leider hielt dieses Glück nur einige Wochen an, dann tauchten doch wieder Eifersucht, Besitzanspruch und Minderwertigkeits­gefühle auf und schufen schmerzvolle und verletzende Situationen.
Ich konnte der Versuchung widerstehen, diese Erfahrungen als ein Naturgesetz zu sehen, ideologisch zu reagieren und die »freie Liebe« zu verdammen – oder umgekehrt sie mit eingeschnürtem Herzen weiter zu verfolgen. Dabei halfen mir Freunde und Freundinnen aus meiner Gemeinschaft.
Ich kann jetzt ohne schlechtes Gewissen und Resignation akzeptieren, dass ich in der jetzigen Phase meines Lebens diese Auseinandersetzungen nicht will.
Denn mir wurde klar, dass dieser Lernprozess sehr viel schwieriger ist und länger dauern wird, wahrscheinlich sogar einige Generationen, bis freiere und glücklichere Liebesbeziehungen alltäglich werden.
In gemeinschaftlichen Lebenszusammenhängen, wo viel Vertrauen und Zuneigung und gegenseitige Unterstützung herrscht, fällt es wahrscheinlich leichter, immer wieder solche Schritte zu wagen und so neue Informationen in das morphogenetische Feld der Liebe einzugeben. Bis hoffentlich eines Tages ehrliche und großherzige Liebesbeziehungen als emotionale Quelle einer empathischen und solidarischen Gesellschaft wirken können. 
 

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