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Auf den Spuren von Liebe und Freiheit

Wenn enge Beziehungen unter Menschen entstehen, ist oft auch der Eros nicht fern. Wie damit umgehen, dass Eifersucht nicht Freundschaften und Liebe zerstört? Unser
Autor hat in mehreren Gemeinschaften verschiedene Möglichkeiten kennengelernt.

von Simon Schramm , erschienen in 13/2012

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Ja, ich hatte Angst, aber gleichzeitig war da auch eine grimmige Entschlossenheit und eine ordentliche Portion Neugierde. Ich würde nach Tamera gehen und gleichzeitig in mir dorthin, wo die Angst am größten ist. Seit Jahren schon kreise ich um die Fragen, wie Liebe ohne Angst, Beziehung ohne Abhängigkeiten und Tiefe ohne Enge möglich ist, und meine letzte Partnerin brachte die Themen »offene Beziehung« und »freie Liebe« so energisch aufs Tableau, dass ich mich vor einer Auseinandersetzung damit nicht mehr drücken konnte. Eigentlich schiebe ich dieses Thema auch schon eine beachtliche Zeit vor mir her, komme immer wieder zurück zur Suche nach Vorbildern, neuen Modellen und alternativen Möglichkeiten, Partnerschaft zu leben. Denn ich merke, dass das konventionelle Beziehungsmodell keine Antworten auf meine drängenden Fragen gibt. Vor allem treibt mich die Suche danach, was mein ureigenes Bedürfnis ist. Was möchte ich selbst in der Liebe leben, wofür stehe ich, wenn alle Schichten von Erziehung, Konditionierung durch die Gesellschaft, Moralvorstellungen und Erwartungen wie Zwiebelschalen von mir abfallen?

Abenteuer Transparenz
Mit meiner Traumfrau an der Hand und dem Rucksack auf dem Rücken zog ich also letzten Sommer los, per Anhalter bis Odemira, Portugal. Von dort aus war es nur noch ein Katzensprung bis zu unserer ersten Station Tamera, einer Gemeinschaft von über 200 international zusammengewürfelten Menschen, die sich als Modell eines »Heilungsbiotops« verstehen und mit ihrer Friedensforschung weit in die Welt hinein bis nach Palästina und Kolumbien wirken.
Ich wusste: In Tamera wird Beziehungsforschung betrieben und mit neuen Formen von Partnerschaft experimentiert. Und ich ahnte, dass ich dort an meine Grenzen kommen und alles in Frage stellen würde, was ich bisher als Beziehungsrealität für gegeben erachtet hatte. Meine Hoffnung auf Antworten war stärker als meine Sorge. Was ich in Tamera dann schätzen gelernt habe, war der offene Raum, der dort geschaffen wird. Ein Raum, in dem erst einmal alles sein darf und ausgesprochen werden kann, was da ist, ohne Beurteilung oder Kommentierung, ohne moralische Einordnung oder Tabus. Transparenz untereinander ist das Fundament, auf dem dieser Raum entstehen kann. Was sagen sich Menschen, und was zeigen Menschen, wenn totale Ehrlichkeit erlaubt ist? Wie lieben sich Menschen, wenn jedes Gefühl jeder Person gegenüber erlaubt ist? Wie sieht ein Umgang mitein­ander aus, der nicht von Regeln und Normen, vom Korsett eines in Rollen eingeübten Funktionierens geprägt ist? Und was passiert mit mir, wenn ein anderer Mann, in diesem Fall Nick, »meine« Freundin attraktiv findet oder, genauer gesagt, mir erzählt, dass er eine Nacht mit ihr verbringen möchte? Natürlich liefen bei mir im Kopf erst einmal alle Notprogramm-Filme ab, die mein Gehirn für solche Fälle zur Verfügung hat, nämlich ein Wechselbad der Gefühle von Angstschweiß, Panik, Selbstmitleid bis zur Verachtung meines Gegenübers und zur aggressiven Kampfbereitschaft. Aber Kampf wofür? Kampf um etwas, das mir ja nicht einmal gehört, zumal ich vor lauter Transparenz ja wusste, dass meine Partnerin diesen Mann ebenfalls attraktiv fand, ich sie also nicht einmal vor irgendwem oder irgendetwas beschützen konnte?
Im Lauf des Gesprächs begann ich zu verstehen, dass Nick nichts über meinen Kopf hinweg unternehmen wollte, dass er den Kontakt und die Nähe zu mir suchte, um eine Vertrauensbasis auch zu mir aufzubauen, ehrlich und direkt, um dann erst zu sehen, wohin die Reise geht. Tamera funktioniert nicht über Affären, Heimlichtuereien und Abenteuer hinter dem Rücken der anderen. Also änderte ich meine Strategie. Ich ging Nick aus dem Weg, wo immer es ging, um zu verhindern, dass er mich näher kennenlernen konnte, und so auch ihm den Weg zu meiner Partnerin zu verbauen. Doch das habe ich nicht lange durchgehalten, und entschloss mich stattdessen, den aktiven Schritt zu tun und ein Gespräch mit ihm zu suchen, ihm zu sagen, was in mir alles vorging, welche Gefühle in mir tobten: Eifersucht, Verlustangst, Angst, verglichen zu werden, Angst, er könne besser sein als ich. Nick hörte mir aufmerksam und ruhig zu und war berührt von meiner Offenheit und Verletzlichkeit, erzählte dann von sich, seiner Sicht und seinen Erfahrungen. Und so unglaublich das vielleicht klingt, aber an diesem Abend entstand tatsächlich eine solche Nähe zwischen mir und Nick, dass wir die Frauen vergaßen. Für einen kurzen Moment bekam ich einen Geschmack davon, wie es sein könnte, wenn wir es schaffen, als Männer aus dem ständigen Konkurrenzkampf auszusteigen und nicht in Ego-Kategorien zu denken, sondern uns dem hinzugeben, was gerade ist, und mit dem anderen in Verbindung zu bleiben. Es war für mich völlig unerwartet, aber ein Moment des Glücks, und in diesem Moment hätte alles passieren dürfen …
Die Sache mit Uta, Nick und mir löste sich letztlich ganz unspektakulär auf, weil Nick Tamera am nächsten Tag für längere Zeit verließ und Uta und ich in ganz andere Geschichten eintauchten. Aber klar wurde mir, dass die Menschen in Tamera die Bereitschaft verbindet, sich zu zeigen und für sich einzustehen, und dass sie damit tatsächlich ganz neue Räume eröffnen, gerade in Liebe und Partnerschaft. Ich mag die Definition von freier Liebe, die ich von einem Tamera-Bewohner gehört habe: Freie Liebe bedeute, sich in jeder Phase des Lebens frei für die Form von Liebe zu entscheiden, die für einen in der momentanen Phase die richtige sei. So lernte ich zum Beispiel Holger und Sabine kennen, die die ersten Jahre in Tamera mit ihren Kindern weiter als Kleinfamilie und monogam lebten und sich erst nach ganz viel Zeit und Auseinandersetzung mit dem Beziehungsthema als Paar öffneten. Mathilda wiederum hat für sich herausgefunden, dass sie nicht geeignet ist für eine Partnerschaft, und sich daher für ein Leben mit mehreren und wechselnden Liebhabern entschieden. Julian lebt in fester Partnerschaft mit Hanna, aber zum Kuscheln geht er zu Maike, weil Hanna so viel Körperlichkeit schnell zu viel wird.
Unterstützung finden die Tameraner mit all ihren verschiedenen Partnerschaftskonstellationen und Lebensentwürfen durch das Gemeinschaftsinstrument »Forum«. In den zyklisch stattfindenden Foren, an denen alle Gemeinschaftsmitglieder teilnehmen, wird gemeinsam an den Reibungspunkten der Bewohner und Bewohnerinnen gearbeitet. Aber auch Freude und Neuigkeiten teilt man hier, was der Transparenz und dem Gruppenprozess dient. Und hier haben auch die Fragen und Auseinandersetzungen um Liebe, Sex und Partnerschaft Platz. Dabei ist man sich durchaus der politischen Dimension der Arbeit an neuen Liebes- und Beziehungsformen bewusst. Denn – frei nach dem Tamera-Gründer Dieter Duhm: »Wie soll auf der Erde Frieden herrschen, solange Krieg zwischen den Geschlechtern tobt?«

Unbegrenzte Möglichkeiten?
Auch im ZEGG im brandenburgischen Bad Belzig leben Liebesforscher und -forscherinnen, die sich diesen Idealen verschrieben haben. Auch hier werden alternative Wege in Beziehung und Partnerschaft gegangen und das Verhältnis der Geschlechter genau untersucht. Die ZEGG-Gemeinschaft ermutigt, herauszufinden, was man eigentlich braucht, was man wirklich leben möchte – auch und gerade in Bezug auf Liebe und Partnerschaft – während man eingebettet ist in die gemeinschaftliche Transparenz.
Zuerst konnte ich nur den Kopf schütteln, wechselte dann zum Staunen über und kam schließlich beim Bewundern an, als Thea mir bei meinem letzten Besuch im ZEGG erklärte, dass sie sich von ihrem Partner wünsche – und ihm das auch kommuniziere –, dass er keine intimen Kontakte zu anderen Frauen pflege, während sie selbst sich voll ausleben möchte. »Ich bin ja noch viel jünger als er und hab’ Nachholbedarf, das fühlt sich für mich richtig an, auch wenn es von der Logik her ungerecht erscheint.« Aber Thea hat recht, wenn es darum geht, zuerst einmal dafür einzustehen, was ihr subjektiv als richtig erscheint, ohne das Gefühl gleich als unrealistisch oder verboten abzuurteilen. Und ob der Partner ihrem Wunsch nachkommt, ist ja noch einmal eine ganz andere Geschichte … Thea hat mich mit ihrer Geradlinigkeit beeindruckt, vor allem durch ihren Mut, sich etwas in meinen Ohren so absurd Klingendes zu wünschen.
Sind diese Gemeinschaften also die vollendeten Horte der Freiheit und unbegrenzten Möglichkeiten? Lauter glückliche Menschen, zufrieden, harmonisch, sexuell befriedigt und in der Liebe befreit, ein wahres Utopia?
Marlene wuchs im ZEGG auf. Wir trafen uns mehrmals dort, wir flirteten, sie gefiel mir, und irgendwann besuchte sie mich und verbrachte die Nacht mit mir. Ich war ganz schön aufgeregt, weil ich großen Respekt vor ZEGG-Frauen hatte, die mir sehr frei, stark und erfahren zu sein schienen. Marlene war recht kühl am nächsten Morgen, wir kamen beim Brunchen trotzdem ins Gespräch, und es stellte sich heraus, dass sie gerade ganz frisch verliebt und auf dem Weg zu ihrem Liebsten war. Sie meinte, sie wäre eigentlich mit dem Kopf und Herzen die ganze Zeit bei dem anderen Mann gewesen, aber weil sie nicht spießig sein wollte und Monogamie ja irgendwie uncool sei und sie mich auch durchaus attraktiv fand, bis sie sich in den anderen verliebte, wollte sie unser Date nicht absagen. Und weil sie auch nicht die Nacht auf dem Sofa verbringen wollte, sei sie halbherzig bei mir im Bett geblieben. – Und da war es wieder, das Gefühl, das mich auch in Tamera beschlichen hatte, als ich mich fragte, ob eine Gemeinschaft, die sich dem Aufbruch zu neuen Ufern verschreibt, wirklich so stark sein kann, auch Menschen mit einem traditionellen Lebenskonzept mitzutragen? Oder anders gesagt: Schafft es eine Gemeinschaft, nicht eine bestimmte Beziehungsform zum Maß aller Dinge zu erklären, sondern wirklich alle Möglichkeiten gleichwertig nebeneinander bestehen zu lassen, auch die althergebrachten, konventionellen? Marlene war in die Situation gekommen, nicht mehr ihrem Herzen zu folgen, sondern einem Lebenskonzept, das für sie in ihrer individuellen Lebensphase nicht das gefühlt Richtige war.

Vielfalt der Liebe
Meine Reise führte mich noch in viele andere Gemeinschaften. Auf der Schweibenalp wurde ich Zeuge einer sanften Annäherung zweier Frauen, auf Schloss Tonndorf lernte ich eine Frau kennen, die gerade Mutter geworden war und deren Partner sich just zu diesem Zeitpunkt in eine andere Frau verliebte, so dass die drei plus Baby sich jetzt in einer Ménage a trois versuchen. In der Rainbow-Kommune Perro Negro in Portugal saß ich abends beim Singen im großen Tipi John aus England gegenüber, der völlig verunsichert neben Jessey kauerte, die wiederum unbeholfen versuchte, beiden Männern an ihrer linken und rechten Seite gerecht zu werden. John kam gerade aus England, um Jessey zu besuchen, und war total verliebt in sie. Seahorse, der Kommunenweise, war auch in Jessey verliebt, und sie liebte irgendwie beide. In der Gemeinschaft Schloss Tempelhof lauschte ich gebannt Manolo, der weit ausholte, als er mir erklärte, die ganzen freie-Liebe-Experimente seien nichts mehr für ihn. Er sei jetzt mit seiner Partnerin dabei, das archaisch Männliche und archaisch Weibliche zu leben, also in die totale Tiefe einzutauchen – da sei alles, was die Energie in andere Richtungen bringt, Ablenkung.
Für mich war und ist das Hopping durch die Gemeinschaften ein wahrer Glücksfall. Hatte ich überall nach ernsthaften und authentischen Vorbildern und Mitsuchenden für das Abenteuer Liebe und Partnerschaft gesucht, nach Räumen, in denen Neues gewagt werden kann, mit allen Irrungen und Wirrungen – hier habe ich sie gefunden, und mit ihnen die ganze wunderschöne Vielfalt der Begegnung von Mann und Frau jenseits von Hollywood und Disneyland. Wahrlich, ein Geschenk an mich und die Welt!
Die Wege von meiner Partnerin und mir haben sich übrigens mittlerweile getrennt, nicht in Tamera, sondern einige Monate ­danach, nicht wegen, aber beschleunigt durch die Erfahrungen dort. Was mich betrifft, so bin ich inzwischen um einiges klarer mit mir und ­meinen Beziehungsvorstellungen. Meine Angst vor freier Liebe, mit der ich losgezogen bin, und die mich während der gesamten Zeit der Partnerschaft mit Uta begleitete, ist zum größten Teil aufgelöst, und ich habe herausgefunden, dass ich in dieser Lebensphase und mit dieser Frau keine offene Beziehung leben wollte. Dank Tamera. 


Simon Schramm (36) Kulturwissenschaftler und Musikpädagoge,
seit September 2010 auf einer Reise zu Gemeinschaften in Europa.
simon.schramm@web.de


Simons Reisestationen im Netz:
www.tamera.org, www.zegg.de, www.schloss-tonndorf.de
www.schweibenalp.ch, www.schloss-tempelhof.de

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