Oya braucht Mithilfe!

Alle Artikel der gedruckten Oya-Ausgaben sind auf dieser Website kostenlos zu lesen. Dahinter steckt viel Arbeit. Bitte helfen Sie mit, dass wir alle Texte weiterhin frei zur Verfügung stellen können:

• Nein, danke

• Ja, ich unterstütze Oya

Bitte wählen Sie hier den Betrag, mit dem Sie Oya unterstützen möchten:



Falls Sie kein PayPal-Konto haben, können Sie natürlich
auch direkt unsere Bankverbindung verwenden:

IBAN: DE96 4306 0967 1112 9897 00 • BIC: GENODEM1GLS
Verwendungszweck: Oya-Online Beitrag

Schule macht die Kinder kleiner, als sie sind

Anke Caspar-Jürgens sprach mit Liv Haym über ihr gerade erschienenes Buch »Schulflucht«, in dem sie den außerlegalen Weg ihrer Tochter zum freien Lernen beschreibt.

von Anke Caspar-Jürgens , Liv Haym , erschienen in 13/2012

Bild

 Liv, ich begrüße dich herzlich zum Gespräch über deinen autobiographischen Roman
»Schulflucht«. Ich habe das Buch mit sehr viel Berührung gelesen. Es ist ja die Geschichte einer Schulverweigerung.


Ja, Klara stieg Ende des siebten Schuljahrs aus, ging vom Gymnasium und lernte heimlich zu Hause weiter.

Sie ging sozusagen in den Untergrund. Du beschreibst ausführlich ihre Schulzeit, ihre Flucht und dann weiter die Zeit ihres verborgenen freien Lernens. Das geht über Klaras Realschulabschluss hinaus, den sie dann als Externe bei einer Bildungsbehörde absolvierte. Der Roman endet mit der Aufnahme ihres Klavierstudiums. Eine spannende Geschichte! Was war dein Anliegen, sie aufzuschreiben?

Da muss ich etwas ausholen. Wie geht es Eltern, die erleben müssen, wie ihr Kind ab der Schulzeit dahinkümmert, aggressiv wird? Und wie es aber zu Hause und in den Ferien auflebt, während es in der Schule nur noch passiv ist, »anwesend«. Denn nur dazu verpflichten ja die Schulgesetze der Länder – nicht zum Lernen. Es scheint mir wichtig, diese Situation von Eltern sichtbar zu machen, denn gerade so habe ich es mit Klara erlebt. Über meine Suche nach guten Lösungen für diese unhaltbare Situation bin ich dann auf Leidensgenossinnen und deren Geschichten gestoßen. Wie viele Familien in Deutschland mit den gleichen Problemen zu tun haben, aber nicht wissen, dass es auch außerlegale, wenn auch winzige Möglichkeiten für eine freie Bildung gibt. Wüssten sie das, könnte sich ihr Mitleiden mit den Kindern vielleicht in einen kraftvollen Antrieb wandeln, nach unkonventionellen Lösungen zu suchen. Das hatten Klara und ich uns schon zu Beginn unseres Untertauchens versprochen: Wir würden unseren Weg vom Lernen außerhalb der Schulmauern am Ende veröffentlichen, egal ob er mit einem Scheitern oder Gelingen ausgehen würde.
Aber darüber hinaus will ich meinen Beitrag leisten, dass sich gesetzlich im Hinblick auf das Muss, zur Schule zu gehen, etwas ändert. Dass Kinder, die nicht in die Schule passen, trotzdem die Möglichkeit erhalten, sich so zu bilden, wie sie das möchten und wie es ihren Fähigkeiten entgegenkommt. Das ist doch in allen anderen demokratischen Ländern möglich. Es nimmt wunder, dass in einer Demokratie wie der Bundesrepublik so eine Möglichkeit nicht besteht. Dieser Mangel hat historische Ursachen. Ich denke an den Philosophen Johann Gottlieb Fichte. Er plädierte in seinen »Reden an die deutsche Nation« 1806, Schule sollte dazu beitragen, dass es gehorsame Soldaten für die Armee, unterwürfige, fügsame Arbeitskräfte, devote Beamte für den Staat und Bürger, die eine staatskonforme Meinung haben, geben sollte.

Vielleicht eine interessante Information, die ich hier beisteuern kann: Hast du davon gehört, dass die osteuropäischen Länder, als sie sich von ihren Diktaturen befreiten, zugleich auch den Schulanwesenheitszwang abgeschafft haben? Das letzte Land war Slowenien. Kinder müssen sich dort nicht mehr in einem staatlichen oder staatlich genehmigten Gebäude aufhalten, wenn sie lernen wollen. Diese Länder haben prakti­kable Ausnahmeregelungen geschaffen.

Nein, davon wusste ich nichts. Das lässt ja bedeutsame Rückschlüsse zu.
Wir sind bewusst hier in Deutschland geblieben und haben den Weg gewählt, im Geheimen zu Hause zu lernen. Sicherlich war das schwierig, weil es illegal ist. Dadurch ist der Ideal­fall des wirklich »freien« Lernens für uns nicht so ganz eingetreten.

Was bedeutet das für dich, der Idealfall des freien Lernens?

Es ist der freie, offene Zugang zu allen vorhandenen Bildungsressourcen. Es bedeutet die freie Wahl aller Bildungswege. Sowohl in der Schule als auch außerhalb des Schulsystems. Ich bin nicht direkt gegen Schule, auch wenn Klara und ich da sehr schlechte Erfahrungen gemacht haben.
Solange Kinder in ihrer Persönlichkeit nicht respektiert werden, haben sie heute gute Gründe, auf Schulbildung zu verzichten. Binnen kürzester Zeit verändert sich ihr Lernverhalten, nachdem sie eingeschult wurden, sie lernen entfremdeter, irgendwie bürokratischer und auch mit weniger Lust. Nicht mehr so individuell, eher auf Abfrage. Und recht schnell tun sie nur noch, was von ihnen gefordert wird. Lernen wird zur unumgänglichen Pflicht. Sie entwickeln da ein regelrechtes Angestelltenverhalten, was sie dann auch auf andere, außerschulische Lernbereiche übertragen, zum Beispiel wenn sie ein Instrument lernen oder Ähnliches. Klara schaffte das irgendwie nicht. Sie forderte ihr persönliches Lernbegehren immer wieder ein. Das vor allem führte zu ihren Konflikten in der Schule. Solchen Kindern würde man heute die Diagnosen Schulphobie oder ADHS verpassen. Ganz anders ist es, Kinder zu beobachten, die ihre Lerninteressen eigenständig und frei für sich formulieren dürfen. Da ist das Lernverhalten autonom, erwachsen. Die Schule macht die Kinder kleiner, als sie sind.
Wenn einem aber die freie Wahl gegeben würde, wo, wie und wann man lernen will, dann wäre unser Schulsystem unvermeidlich anders strukturiert. Es würde eine größere Vielfalt an Schulen geben.
Wenn immer mehr Menschen, die mit der Schule unzufrieden sind, ihre Kinder nicht mehr dort weiterlernen lassen, sondern verschiedene Arten zivilen Ungehorsams praktizieren, führt das vielleicht zu Gesetzesänderungen.

Was meinst du mit »verschiedene Arten zivilen Ungehorsams«?

Nun, in erster Linie finde ich es wirkungsvoll, wenn man sich offen mit den Behörden auseinandersetzt, wie das zum Beispiel eine ganze Reihe von Familien vor ein paar Jahren mit unterschiedlichem Erfolg getan haben. Das erfordert einen unglaublichen Einsatz. Aber auch in den Untergrund zu gehen, fordert seinen Einsatz. Heimlich von zu Hause aus lernen zeitigt dann Wirkung, wenn man es später der Öffentlichkeit präsentiert, so wie wir.

Aber daran knüpft sich die Frage, ob euer Handeln überhaupt übertragbar ist. Ist das nicht gekoppelt an eure persönliche, individuelle Ausrichtung? Klara gilt als hochbegabt, und du bist vielschichtig gebildet. Hat denn so ein Handeln auch Gültigkeit für einfachere Familien?

Doch, grundsätzlich glaube ich schon, dass dies auch von einfachen Familien realisiert werden kann, wenn auch in anderer Weise. Aber unter den derzeitigen Bedingungen ist das kaum möglich. Familien mit anderem Bildungshorizont und anderen Berufen können eben nicht einfach mal so in den Untergrund gehen. Ich denke, sie können sich nicht so abschirmen und würden sich vielleicht auch gar nicht trauen.
Die Familien, in denen die Kinder zu Hause lernen, sind in Ländern, in denen das erlaubt ist, keineswegs alle hochgebildet und wohlhabend. Dazu gibt es eine interessante englische Studie über den Lernerfolg von Kindern in bildungsfernen Homeschoolfamilien im Vergleich mit gleichaltrigen Kindern aus gebildeten Schichten. Entscheidend für das positive Abschneiden der Homeschooler scheint zu sein, dass die Eltern an ihrem Kind liebevoll interessiert sind, als Schüler profitiert es nicht zwingend von der gefüllten Bücherwand. Besonders Kanada ist für solche Familien ein hervorragendes Beispiel. Da gibt es viel mehr Bildungsmöglichkeiten, eine große Auswahl von Fernschulen, Homeschoolgruppen, Vereine etc. Alles, was es hier nicht gibt, nur weil es nicht sein darf.

Wie wurde denn euer Sonderweg von euren Mitwissern beurteilt?

Einige Leute haben mir schon vorgehalten, dass Klara und ich ein Ausnahmebeispiel bilden. Und irgendwo stimmt das auch. Wenn ich nicht das »Trickwissen« gehabt hätte, meine Tochter ohne Schule heimlich weiterzubilden, hätten wir es hierzulande noch viel schwerer gehabt, unsere Bildungswahl unter Verschluss zu halten. Für Klara war damals vor allem ihre Isolation ein Problem. Die wäre aber nicht nötig gewesen, wenn das schulfreie Lernen erlaubt würde.

Da kann ich dir nur zustimmen. Kennst du persönlich Familien, die hier inkognito frei lernen?

Nein, denn wer gibt schon zu, dass er seine Kinder zu Hause lernen lässt? Aber durch Erzählungen kenne ich Familien, die unschulisch lernen. Und durch schriftliche Berichte. Das Buch von Raimund Pousset mit dem Titel »Schafft die Schulpflicht ab« ist gerade neu aufgelegt worden. In einem Kapitel nimmt er sich der Problematik heimlich frei Lernender an und gibt Beispiele.

Zurück zu deinem Buch. Ich fand die unterschiedlichen Erzählebenen darin sehr spannend. Magst du dazu Näheres sagen?

Es wechseln sich Nacherzählung des Geschehens – geringfügig fiktional verfremdet und namentlich geändert – mit Dokumenten und Essayistischem ab bzw. sind miteinander verflochten. Außerdem können Teile des Buchs als Arbeitsheft bezeichnet werden, weil sie Informationen liefern und Auskunft geben über die rechtliche Lage, über verschiedene Formen von Bildungsabschlüssen, Hinweise auf Fernschulen usw. Es gibt Auskunft über die rechtliche Lage, über verschiedene Formen von Bildungsabschlüssen, Hinweise auf Fernschulen beispielsweise. Dann ist es in gewisser Weise auch ein Ratgeber für Handlungsstrategien. Wie man sozusagen im Untergrund lernen kann. Da ist man ja eingeschränkter, als wenn man offen frei lernt. Die Namen, Schauplätze und die Ereignisse im Tatsachenbericht habe ich etwas verfremdet und anonymisiert. Weniger als Kunstgriff denn als Tarnung. Dokumentarisch dagegen sind die Tagebücher, Tontranskripte sowie Klaras Zeugnisse und Gutachten. Im Anhang habe ich einige Fallbeispiele von Familien zusammengefasst. Die haben sich teilweise den Behörden gestellt und versucht, ihre Sache öffentlich mit vielen mühsamen Gerichtsverfahren auszufechten.

Meinst du, dass Bücher wie deines dazu beitragen können, die Situation in absehbarer Zeit zu verändern?

Das ist schwierig zu sagen. Es ist schon so, dass mein Buch agitieren will. Es ruft zu zivilem Ungehorsam auf. Wenn, was ich hoffe, die Zahl derer wächst, die sich wehren, veranlasst das vielleicht die Gesetzesvertreter, ihre Maßgaben zu überdenken und gegebenenfalls zu verändern.

Was spricht in deinen Augen im Interesse der Kinder für das Unschooling, das ganz freie Lernen? Oder bist du eher für Hausunterricht durch einen Lehrer?

Ein freies Lernen, das nicht unbedingt auf einen Schulabschluss zusteuert, ist optimal. Obwohl für Klara ja ein Schulabschluss nötig war, weil sie Klavier studieren wollte.
Konkret zum Unschooling-Aspekt: Klara war schon sieben Jahre zur Schule gegangen, bevor sie ins schullose Dasein trat. Sie konnte sich daher, obwohl sie andererseits neben der Schule immer frei gelernt hatte, die erste Zeit nicht recht von den schulischen Gegebenheiten lösen. Den ganzen Tag so frei zu lernen und dann auch noch »undercover«, das machte ihr anfänglich Angst. Besser ist es, man macht erst gar keine Schulerfahrungen. Das konterkariert selbstbestimmte Bildung.

Könntest du dir trotzdem eine Schule vorstellen, die ein Lernen vermittelt, das sich an den Lernenden orientiert?

Im ursprünglich ersten Kapitel meines Buchs gebe ich ein Gespräch mit Klaras ­Vater über optimale Grundschule wieder.
In der Stadt, in der wir wohnten, gab es sogenannte Kinderläden. Das waren kleinste Kindergärten auf privater Eltern­initiative. Die Eltern mieteten damals ausrangierte Tante-Emma-Läden an. Die Gruppen waren nicht groß: bis zu acht Kinder, drei- bis sechsjährig. Sie wurden meist ganztags von ein bis zwei Erzieherinnen betreut, die die Eltern in Lohn und Brot nahmen. Die Finanzen für Miete, Essen, dazu einmal die Woche Schwimmen, Gymnastik, frühmusikalische Erziehung wurden von allen Beteiligten getragen – sogar ein mehrtägiger Aufenthalt auf einem Ponyhof jährlich mit den Erziehern. Die Eltern putzten und kochten reihum. Die Kinder spielten täglich draußen. Klara ging bis zu ihrem sechsten Lebensjahr in so eine Kindergruppe.
In dem Gespräch stellte ich mir vor, dass diese Art des Kinderladens auch für die Grundschulzeit weiterlaufen könnte. Die Räumlichkeiten, die wir damals angemietet haben, hätten ausgereicht. Und wir hätten außer der Erzieherin vielleicht noch eine Lehrerin engagiert oder auch selber unsere Kindergruppe unterrichtet – wer Zeit dazu gehabt hätte. Die Kindergruppe wäre altersübergreifend gewesen, nur eine Gruppengemeinschaft, kein Klassenverband. Das Lernen wäre also individuell an den Kindern orientiert gewesen. Aber wir hätten dafür wohl nie eine Genehmigung bekommen.

Hab ganz vielen Dank für das engagierte Gespräch. 


Liv Haym (62), in Hamburg geboren, studierte Musik, Philosophie und Literatur. Sie arbeitet zur Zeit als Übersetzerin und Privatlehrerin und lebt abwechselnd in Norwegen und Deutschland. Sie schreibt Lyrik, Kurzgeschichten und Essays. »Schulflucht« ist ihr erster Roman.

Weiterlesen:
Liv Haym: Schulflucht. Autobiografischer Roman. Drachen ­Verlag, 2012 • Raimund Pousset: Schafft die Schulpflicht ab! Verlag VTR, 2011

Zurück zur Startseite

Hintergrundinfos zu Oya auf Facebook

Oya gemeinsam ermöglichen!